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Mittwoch, 18. Oktober 2017
 
 
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster PDF Drucken E-Mail
Artikelinhalt
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster
Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation
Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen
Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel
Anhang
 

 

Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel

Das "Vicelinviertel" entwickelt sich sowohl aus der Sicht von Außenstehenden als auch aus der Sicht der Bewohner selbst zu einem "Slum" bzw." Ghetto". Ohne Interventionen dürfte sich die Situation im Viertel zunehmend verschlimmern.
Die Probleme innerhalb des Stadtteils müssen sowohl in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext als auch im Kontext der gesamten Kommune gesehen werden.
Erwerbslosigkeit, Wohnungsnot, Ausländerfeindlichkeit sowie Suchtprobleme (Alkohol, Drogen) sind gesamtgesellschaftliche Probleme, deren Lösung nicht durch Interventionsmaßnahmen in einem einzelnen Stadtteil erreicht werden kann.
Die desolaten räumlich-materiellen Umweltbedingungen im Stadtteil, die Verkehrsbelastung usw. sind z. T. Ergebnis stadtplanerischer Versäumnisse in der Vergangenheit. Eine Sanierung des Stadtteils in größerem Umfang könnte durch steigende Mieten usw. zur Verdrängung der jetzt dort lebenden Bevölkerung in andere Stadtteile führen, d. h. die Probleme lediglich verlagern. Hier ist ein behutsames Vorgehen erforderlich, das zu einer möglichst schnellen Beseitigung der schlimmsten Mißstände und einer allmählichen Mischung der Wohnbevölkerung führt. Auf jeden Fall sollte eine weitere Belastung des Viertels, z. B. durch zusätzliche Verkehre, vermieden werden.
In bezug auf die Freizeitmöglichkeiten für ältere Kinder und Jugendliche aus dem Viertel ergibt sich eher ein Handlungsbedarf für das nähere Stadtgebiet als vordringlich und unmittelbar für das Viertel.

Im Viertel selbst sollten Maßnahmen, die die Situation der Eltern und jüngeren (inklusive Grundschul-) Kinder erleichtern, erste Priorität haben. Wir haben die zahlreichen Probleme dieser Gruppen aufgezeigt. Maßnahmen mit diesem Ansatz kommt u. E. eine hohe "strategische" Bedeutung in Bezug auf die Prävention von Sucht, Kriminalität, Ausländerfeindlichkeit etc. zu. Ein entsprechender Handlungsbedarf wird auch in den Interviews immer wieder unterstrichen. Die Interviewbemerkungen lassen erwarten, daß gezielte Maßnahmen mit der Zielrichtung "Kinderfreundlichkeit" eine große Akzeptanz im Stadtteil finden könnten und eine Chance böten, Bewohnerinitiative und Engagement für den Stadtteil zu erhöhen. Um diese Argumentation zu untermauern, soll hier noch einmal auf Äußerungen in den Interviews rückgegriffen werden.

Auf die Frage, was denn am meisten in der Erziehung dieser Kinder fehle, sagte einer der Interviewten: "Ich würde mal so sagen, Liebe, auch wenn sich das vielleicht 'n bißchen blöd anhört". Der Interviewte ist neunzehn Jahre alt und betrachtet sich selbst als den Skins zugehörig. Eine andere Interviewte bedauert "...daß alles so lieblos aussieht und völlig gestörte Kinder durch die Gegend laufen" (A22). "Die Kinder müssen von der Straße geholt werden, ein Ziel bekommen"(A18) heißt es in einem anderen Interview. "Ich möchte eigentlich keine Kinder unter solchen Umständen groß ziehen" (B3). Weitere Kommentare: "Ist insgesamt keine gute Wohngegend, vor allem wenn man Kinder hat. Nichts für Kinder" (B5). Insgesamt ist die Einschätzung der Veränderungsmöglichkeiten allerdings eher resignativ: "Auf jeden Fall (müßte) was für die Kinder (gemacht werden). Aber da passiert ja doch nichts. Für mich ist das irgendwie schon abgeschlossen, ich will ja hier nur noch weg. Aber die Kinder, die wachsen hier ja schon rein in das unterste Milieu" (A5).

Von denen, die noch nicht resigniert haben, wird Veränderung u.a. von der Stadt erwartet, aber in einer Weise, die Raum für die Initiative der Bürger und Bürgerinnen im Viertel schafft: "Das müßte eben so Hand in Hand gehen. Die Stadt muß aber den Bewohnern auch die Möglichkeit geben, sich selbst einzusetzen" (A22). Wo die Hilfe der Stadt u. a. ansetzen könnte, wird in durch die folgende kritische Bemerkung verdeutlicht: "Anstatt, daß von vornherein mehr qualifizierte Leute abgestellt werden auf den Ämtern aber eben auch in weniger verbindlichen Einrichtungen wie Frauenhaus und Vereine, dann bezahlen die lieber später die teuren Heimplätze, so ein Blödsinn. Traurig ist das eigentlich" (A27).

Veränderungen im Viertel unter Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner und möglichst von diesen ausgehend sollte die Leitlinie für Interventionen sein. Die Basis für solche Veränderungen ist die Kenntnis der Besonderheiten des Viertels, die Kenntnis der spezifischen Sichtweisen, Erfahrungen und Probleme der dort lebenden Menschen. Die hier vorgelegte Studie versucht, einen systematischen Überblick darüber zu vermitteln, wie die Bewohner selbst die räumlich-materielle und soziale Umwelt, d. h. ihre Alltagswelt erleben. Das Bild ist subjektiv, es weist teilweise auch Verzerrungen auf, aber jede Intervention muß an das Erleben, die Bedürfnisse und wahrgenommenen Probleme der Bürgerinnen und Bürger anknüpfen, wenn sie deren Akzeptanz finden soll.

Außer aus dem Viertel heraus zu entwickelnder Bürgeraktivität ist auch professionelle Hilfe erforderlich, die nicht von den Bewohnern selbst geleistet werden kann. Dies betrifft außer stadtplanerischer Aktivität auch z. B. die soziale Beratung, Familien- und Individualtherapie. Ein entsprechendes Angebot muß u. E. für die Bewohner verstärkt, sichtbarer und leichter zugänglich gemacht werden. Die leichtere Zugänglichkeit erfordert die Berücksichtigung der vorhandenen Schwellenängste sowie des verbreiteten Mißtrauens gegenüber behördlichen Einrichtungen. Die enge Zusammenarbeit und Vernetzung mit entsprechenden, im Viertel bereits vorhandenen Institutionen und Initiativen ist eine wichtige Bedingung für eine erfolgreiche Arbeit. Die personelle, finanzielle und räumliche Absicherung bzw. Stärkung dieser Institutionen und Initiativen scheint dringend erforderlich. Die Förderung und Umsetzung des Konzeptes "Interkulturelle Stadtteilschule" dürfte ein wichtiger strategischer Ansatzpunkt für eine mittelfristige Verbesserung der Lebensbedingungen besonders für die Eltern und Kinder des Viertels sein. Dies wird auch dadurch wahrscheinlich, daß das Konzept Elemente enthält, die die Schule zu einer Art Kommunikations- und Freizeitzentrum für das Viertel werden lassen (zu den Einzelheiten s. die Schrift "Konzept für einen Schulversuch an der Vicelinschule in Neumünster").

Vernetzung und Kooperation ist auch unter den Institutionen und Initiativen, die bereits im Viertel bestehen bzw. sich entwickeln, selbst auszubauen. Der Verein "Vicelin-Viertel" scheint geeignet, dies konstruktiv voranzubringen, sofern er nicht nur auf die Vicelinschule bezogen ist, sondern ein Dach bildet für eine Reihe von Akteuren wie z. B. das Frauenhaus, die Spieliothek und den Türkischen Arbeiterverein. Der Verein könnte nicht nur in den Stadtteil hinein positiv wirken, sondern unter der oben skizzierten Voraussetzung auch eine wichtige "Lobby" für die Vertretung der Bewohnerinteressen gegenüber kommunalpolitischen Gremien, Verwaltung usw. sein. Erfolge dieser "Lobby" sind geeignet, das Selbstbewußtsein der Bewohnerinnen und Bewohner, ihr Engagement für sowie ihre Identifikation mit dem Stadtteil zu fördern. Es liegt im Interesse der Bewohner, aber auch der gesamten Stadt, wenn dem Verein geholfen würde, sehr schnell und sichtbar erste Erfolge hinsichtlich der Verbesserung der Lebenssituation im Viertel zu erzielen.

Um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, als würden hier von außen "fertige" Lösungen angeboten, beschränken wir uns auf diese grundsätzlichen Empfehlungen. Der beigefügte Anhang enthält zahlreiche Kritikpunkte und konkrete Verbesserungsvorschläge, die in den Interviews von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst vorgebracht wurden. Wir empfehlen, diese Punkte und Vorschläge, z. B. über den Verein "Vicelinviertel", der Öffentlichkeit im Viertel zugänglich zu machen. Der Verein könnte ein Gespräch interessierter Bürgerinnen und Bürger über diese und weitere Vorschläge herbeiführen mit dem Ziel, die Machbarkeit zu prüfen, Prioritäten und eine Reihe von Umsetzungsschritten zu beraten.
Der "Rat für Kriminalitätsverhütung" könnte diesen Prozeß unterstützend begleiten und insbesondere konkrete Hilfe bei der Schaffung von Umsetzungsmöglichkeiten leisten (Finanzierung usw.). Da die Situation im sogenannten "Vicelinviertel" auch symptomatisch für Viertel in anderen Städten des Landes und im gesamten Bundesgebiet zu sein scheint, empfehlen wir einen vom Land Schleswig-Holstein geförderten Modellversuch "Stadtteilorientierte Prävention von Sucht, Kriminalität und Ausländerfeindlichkeit". Die Schwerpunkte dieses Versuchs könnten sein:

  • die Verbesserung der Lebenssituation von sozial benachteiligten Familien (wichtig: Alleinerziehende)
  • Fördermaßnahmen insbesondere für Kinder im Vor- und Grundschulalter;
  • Verbesserung der Wohnsituation und des Wohnumfeldes;
  • systematische Förderung von Bürgeraktivitäten und deren Vernetzung, die aus dem Stadtteil heraus entstehen bzw. der im Stadtteil bereits vorhandenen Einrichtungen und Initiativen.
  • Auf- und Ausbau von Sozialberatung und therapeutischer Hilfe im Stadtteil.

Um die (Zwischen-) Ergebnisse eines solchen, über mehrere Jahre anzulegenden Modellversuchs übertragbar zu machen, sollte eine wissenschaftliche Begleitung und Unterstützung erfolgen und eine Evaluation sowohl des fortlaufenden Veränderungsprozesses als auch des Gesamtergebnisses vorgenommen werden.



 
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