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Dienstag, 12. Dezember 2017
 
 
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster PDF Drucken E-Mail
Artikelinhalt
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster
Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation
Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen
Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel
Anhang
 

 

Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

7. Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
7.1 Konflikte der Erwachsenen wegen der Kinder
7.2 Einfluß der Eltern auf die Kinder
7.3 Kinder untereinander
8. Einstellungen gegenüber Ausländern
8.1 Ältere Kinder
8.2 Jugendliche

 

7. Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel

7.1 Konflikte der Erwachsenen wegen der Kinder

Die Erwachsenen im Viertel reagieren sehr unterschiedlich auf das im vorigen Abschnitt dargestellte, oft als störend und problematisch empfundene Verhalten der Kinder. Manche verhalten sich eher tolerant und machen vor allen Dingen nicht für alles die türkischen Kinder verantwortlich. "Gut, bei mir haben die Kinder auch schon mal die Rosen abgeknickt. Das hat mich auch geärgert. Das waren aber die deutschen. Die Wände sind hier auch schon mal beschmiert worden. Aber mir ist sonst, und gerade von den Ausländern, hier noch keiner dumm gekommen. Ich bin immer der Meinung, wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es heraus"(A18). Andere greifen zur erzieherischen Selbsthilfe.
"Ich habe mal zu den Bengels nebenan gesagt, daß ich ihrem türkischen Lehrer Bescheid sagen wollte. Dann habe ich ihnen einen Besen in die Hand gedrückt. Seitdem sieht der Hof schon etwas besser aus"(A1). Eher die Regel scheinen jedoch Geschimpfe und Streit die Reaktion auf die Kinder zu sein. "Die Kleinen spielen im Hof. Da schimpfen auch öfter mal Anwohner. Mich kratzt das eigentlich nicht. Ich mag auch keinen Streit"(A18). Die Kinder wiederum dürften das Verhalten der erwachsenen Nachbarn eher als einengend und ungerecht empfinden, wie es in der Bemerkung eines deutschen Mädchens anklingt. "Tochter: "Die Nachbarn sind doof hier. Wir dürfen nicht mal eine Katze haben, dabei haben das viele"(A15).

Lärm und Schmutz im Viertel werden als Negativfaktoren empfunden. Insgesamt kehrt der Vorwurf immer wieder, die Eltern und hier besonders die Türken würden sich nicht um Ordnung, zumindest nicht außerhalb ihrer Wohnung kümmern und schon garnicht ihre Kinder dazu anhalten. "Ich meine, daß eigentlich die Eltern auf solche Dinge achten müßten. Das tun aber die türkischen noch weniger als die deutschen, das muß ich schon sagen" (A1). Gutgemeinte Ratschläge, so klingt an, werden nicht angenommen oder gar mißverstanden. "Die Kinder ließen sich schon einigermaßen steuern, wenn die Eltern da auch kooperativer wären" (A1).
Die Folge sind Zwistigkeiten der Erwachsenen, vor allem wohl der Türken und Deutschen, untereinander. "Das gibt schon manchmal Streitigkeiten hier in der Straße wegen der Kinder. Die türkischen Eltern können ja leider kaum Deutsch, so daß man sich mit ihnen noch weniger verständigen kann. Gerade bei einem so heiklen Thema, das leicht als Einmischung und Ablehnung verstanden werden kann, gehen die schnell in eine Rechtfertigungsposition oder interessieren sich garnicht dafür" (A1).

Die deutschen Mütter reagieren besonders empfindlich, wenn es um Auseinandersetzungen der türkischen Kinder mit ihren eigenen geht. Das wirkt sich auf das Verhältnis zwischen den Erwachsenen aus. Vorurteile (s.o.) werden aktiviert. "So komme ich gut mit denen (den türkischen Müttern) klar, bloß die Kinder, die sind irgendwie ganz schön aggressiv. Die älteren Ausländer stören mich nicht, aber die können sich ja mal benehmen und vor allem besser auf ihre Kinder aufpassen. Mein Sohn wird vor der Tür oder auf dem Weg zur Schule verprügelt. In der Schule geht das dann komischerweise ganz gut"(A22).
Der Streit wegen der Kinder kann eskalieren und schwerwiegende Formen annehmen. "Die Tochter von dem X. hier, die war mal auf'm Hof bei den Türken. Die wollten sie dann nicht mehr vom Hof lassen, weil die da auch rumgepöbelt und die provoziert hatte. Dann kam der X. da an und hat rumgebrüllt, der ist sowieso ziemlich jähzornig und schreit oft hier rum, und wollte die Polizei rufen. Dann kam der Vater von den türkischen Kindern mit einem Küchenmesser. Das wäre beinahe schlimm abgegangen da. Der X. ist sowieso der totale Ausländerfeind. Der erzählt immer, daß das hier früher eine anständige Straße war und schreit zur Tür raus: "Haltet die Schnauze" und so" (A28).
Die türkischen Kinder und Jugendlichen registrieren ihrerseits die Ausländerfeindlichkeit, die ihnen nicht nur im Streit entgegenschlägt, sehr genau. Eine türkische Jugendliche berichtet aus ihrer Perspektive: "M.: Hier wohnen ja auch echt viele, die benehmen sich nicht so gut. Schwester: z. B. der da drüben, Dobermann nennen wir den immer, weil der hat einen Hund, der heißt Dobermann. Der haßt Türken. M.: Der ist bestimmt Nazi und hat ordentlich Knete, der Typ. S.: Dem gehört auch das Haus. Der hetzt seinen Hund immer auf türkische Kinder. Da ist mein Vater mal rüber, da haben die sich fast geprügelt. Hat mein Vater dann aber doch nicht getan. M.: Da stand mal hier am Tor dran "Türken raus". Das war bestimmt der. Da habe ich drüben gleich an die Wand geschrieben "Nazis raus"(A8).
Diese Beispiele zeigen, welches Konfliktpotential, das sich jederzeit u. a. im Streit um die Kinder entladen kann, im Viertel vorhanden zu sein scheint. Jedes der genannten Beispiele ist dazu geeignet, auf beiden Seiten bereits bestehende Vorurteile und Feindseligkeiten weiter zu verschärfen. Unter den konkreten Bedingungen des Milieus bewirkt das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern nicht wechselseitige Akzeptanz und Verständnis, sondern Abgrenzung, Ablehnung bis hin zur mehr oder weniger offen gezeigten Aggression.

7.2 Einfluß der Eltern auf die Kinder

Es ist nachvollziehbar und realistisch, wenn Familien einen schlechten Einfluß des Milieus auf ihre Kinder befürchten. Die Befürchtungen konzentrieren sich auf den negativen Einfluß durch andere Kinder. "Für die Kinder ist es nicht gut, hier aufzuwachsen. Die Tochter von meinem Bruder kommt immer wieder und hat schlechte Wörter gelernt"(A17). "Und was die Kinder hier teilweise für Wörter benutzen, na ja. Ich habe immer Angst, daß die einen schlechten Einfluß auf meine Tochter haben"(A15).

Um einen schlechten Einfluß auf ihre Kinder zu vermeiden, versucht ein Teil der Eltern, durch die Meidung bestimmter Orte, die Auswahl von Spielkameraden usw. den Umgang ihrer Kinder zu steuern. Da ein schlechter Einfluß besonders von den ausländischen Kindern im Viertel erwartet wird, hat das in der Tendenz die Separation deutscher und ausländischer Kinder zur Folge. "Da (auf den Hof) würde ich meine Tochter nicht hinlassen. Die Kinder spielen da auf den Höfen alle im Dreck. Außerdem sind da so viele türkische Kinder, die sind doch einfach irgendwie aggressiver" (A15). "(Auf dem Spielplatz) sind auch hauptsächlich die türkischen Kinder. Da bei der Kirche z. B., da lasse ich meine Kinder nicht rauf. Die türkischen Kinder sind auch so aggressiv. Außerdem haben die ja nichts eigenes zum Spielen"(A2).

Als Begründung für das Trennung der eigenen von den ausländischen Kindern werden auch negative Begebenheiten angeführt, die nicht in jedem Fall nur der eigenen Erfahrung entsprechen. "Also, meinen Sohn würde ich da nicht im Dreck spielen lassen. Aber die türkischen Kinder, die haben ja auch nichts, Spielzeug oder so. Auch hier unten im Hof, wenn mein Sohn da mal spielt, die nehmen ihm immer das Spielzeug weg, weil sie selbst nichts haben. Die spielen dann eben mit Steinen und Müll und so"(A14). "Ich habe keine Lust, daß mein Sohn immer verprügelt nach Hause kommt. Da drüben haben Italiener den Bruder von einem aus seiner Klasse zusammengeschlagen. Der mußte danach in's Krankenhaus. Italiener haben wir hier auch ziemlich viele"(A22).

Das Gemisch aus konkreten Begebenheiten, einseitigen Schuldzuweisungen und starken Verallgemeinerungen, das häufig das Urteil besonders über "die Türken" prägt, kommt in folgendem Zitat zum Ausdruck. Die interviewte Mutter empfindet es offensichtlich als Beleg ihrer Toleranz, wenn sie überhaupt noch mit erwachsenen Türken redet. "Ich mein, daß ich mich nicht gerade freu, wenn meine Kinder hier auf der Straße von Türken beklaut oder verprügelt werden, ist ja klar. Aber ich mein, ich sprech auch mit denen. Z. B. da im türkischen Laden, da ist alles sauber und ordentlich, da kann man nichts zu sagen"(A25).

Deutsche Kinder werden von der anschließend zitierten Bewohnerin als Spielpartner für die eigenen Kinder bevorzugt, selbst wenn auch sie nicht den Erwartungen an den "richtigen" Umgang entsprechen. "Gegenüber wohnen 12 deutsche Kinder, die hier auch zum Spielen rüber kommen. Mit denen geht das (im Gegensatz zu den türkischen Kindern). Aber die kommen auch nicht aus den besten Familien. Die Eltern tauchen hier nicht auf, die kümmern sich selten um ihre Kinder"(A6).

In einem Fall, der sicher nicht verallgemeinert werden darf, richtet eine Familie sogar ihr Freizeitverhalten so ein, daß der Kontakt mit Türken vermieden wird. "Sonst gehen wir öfter mal schwimmen. Das ist das einzige, was die Türken nicht dürfen, wegen duschen und so. Das ist auch in der Schule ein Problem" (A2).

Auch der gemeinsame Unterricht für türkische und deutsche Kinder ist für manche Eltern eine Quelle der Unzufriedenheit. Sie gehen davon aus, daß dies zu Nachteilen für die eigenen Kinder führt. "Ich finde, auf die (türkischen Kinder) wird auch zu viel Rücksicht genommen, die behindern ja auch die anderen Kinder beim Lernen. Aber die kannst du ja nicht rausschmeißen"(A15). "Zwei Türkenkinder sind diesmal aus der Klasse von meinem Sohn sitzengeblieben. Das ist ja noch recht wenig"(A25).

Es ist anzunehmen, daß nicht nur die deutschen Eltern Negativurteile über die Türken und ihre Kinder haben, sondern daß auch umgekehrt ähnliche Prozesse ablaufen. Hinweise darauf sind bereits erwähnt worden. Diese Negativurteile führen in der Tendenz dazu, daß das gemeinsame Spielen von türkischen und deutschen Kindern von den Eltern eher behindert, zumindest nicht gefördert wird. Diese Beobachtung wird in den folgenden Äußerungen berichtet: "Die Kinder spielen hier eben sonst auf den Höfen oder auf der Straße. Dabei sieht man deutsche und ausländische Kinder kaum zusammenspielen. Es ist schon eine recht große Tendenz zur Abgrenzung vorhanden. Vor allem die Erwachsenen haben Vorurteile, von beiden Seiten."(A24). "Deutsche und türkische Kinder spielen sowieso fast garnicht zusammen. Die sieht man meistens nur getrennt auf der Straße. Die deutschen Eltern haben meistens Vorurteile, daß die Ausländer ihnen die Arbeit wegnehmen z. B. Das wird ja auch schon bei den Kindern geschürt" (A6). "Die Eltern der deutschen Kinder züchten aber oft auch regelrecht Vorurteile, als ob sie einen Schuldigen dafür brauchen, daß sie sich selbst nachmittags nicht um ihre Kinder kümmern und die entweder völlig gelangweilt sind oder dummes Zeug machen"(A27).


7.3 Kinder untereinander

Kinder sammeln im Spiel mit Gleichaltrigen wichtige soziale Erfahrungen und entwickeln in ihm soziale Verhaltensweisen. Die Bedingungen im Viertel behindern auf vielfältige Weise, daß die Kinder auch im Umgang miteinander soziale Kompetenzen erwerben. So ist z.B. die Entwicklung von dauerhaften Freundschaften erschwert. "(Es) ist eigentlich schade, daß hier so ein großer Mietwechsel herrscht. Für die Kinder wäre ein bißchem mehr Kontinuität bestimmt nicht schlecht. So müssen sie sich auch immer umgewöhnen und können schwer dauerhafte Freundschaften schließen" (A6). Hinzu kommt die starke Tendenz zur Abgrenzung der Gruppen untereinander, die die Auswahl sozialer Kontakte beschränkt und sich auf den Umgang der Kinder miteinander auswirkt. Die elterlichen Vorbehalte werden im Laufe der Entwicklung von den Kindern übernommen. Konflikte der Kinder untereinander, die z. T. bereits mit ein Ergebnis der wechselseitigen Vorbehalte sein können, bestimmt aber beeinflußt durch vorhandene Selbst- und Fremdbilder interpretiert werden, tragen dazu bei, daß ausländische und deutsche Kinder häufig nicht mit- sondern nebeneinander spielen. Auch bei den Kindern bilden sich entsprechende "Wir-" und "Die-" Gruppen heraus. Dies muß als ein sich allmählich vollziehender Prozeß gesehen werden. Von den kleineren Kindern im Kindergarten heißt es noch: "Die Kinder hier akzeptieren sich alle untereinander. Die Kinder sind ja auch noch unbefangener, jedenfalls bevor sie zur Schule kommen. Die machen noch nicht solche Unterschiede"(A9). Eine andere Interviewte stellt fest, daß "die Kinder, die Deutschen, die Schwatten, die Italiener, alle zusammen spielen"(A18). Der vorhergehende Abschnitt zeigt jedoch, daß die letztgenannte Beobachtung zumindest nur mit großen Einschränkungen zutrifft.
Es trifft nach Äußerungen in den Interviews wohl nicht nur weitgehend zu, daß türkische "Jungen und Mädchen ja auch immer getrennt"(A1) spielen. Wenn Erwachsene sich vorwiegend negativ und abwertend über andere Bewohner des Viertels äußern, so sind Ansätze dazu auch schon bei den Kindern festzustellen. "Tochter: "Und die Kinder sind auch doof. Die prügeln sich immer nur. Mit denen hab ich keine Lust zu spielen, die sind immer so gemein und laut"(A15).

Vieles deutet auch darauf hin, daß zumindest ein größerer Teil der deutschen Kinder beginnt, besonders den Kontakt mit türkischen Kindern von sich aus zu meiden. "Mein Sohn (der 8jährige) geht da auch nicht rauf, auf den Hof, weil da immer ganze Rudel von türkischen Kindern sind, der traut sich da gar nicht hin. (Der) guckt auch schon ganz komisch, wenn die Kinder von den Türken da in Scharen auf der Straße rumstehen, weil die auch so aggressiv spielen"(A2). "Mein Sohn spielt auch nicht gerne mit Ausländerkindern. Die sind eben auch anders erzogen, um die kümmert sich keiner, die haben kein Spielzeug, wie gesagt"(A14).

Sicher spiegelt sich im Meidungs- und Ablehnungsverhalten der Kinder zunächst der direkte Einfluß der Eltern wieder. Dieser wird jedoch durch eigene negative Erfahrungen der Kinder ergänzt. "Mein Sohn hat da früher auch mal gespielt. Dann ist er aber nicht mehr hingegangen, weil die ihm zu viel am rumprügeln sind, die türkischen Kinder. Meine sind eigentlich auch viel zu lieb, das ist auch wieder nicht gut"(A25). "Auf dem Spielplatz sind hauptsächlich türkische Kinder. Da gehen meine Kinder freiwillig nicht hin. Der Große hat ja eine starke Sehbehinderung von Geburt an und muß immer seine Brille tragen. Dann haben die türkischen Kinder ihm die Brille weggenommen und wollten sie ihm nur gegen Geld wiedergeben. Die kloppen sich und hängen bis spät abends alleine auf der Straße rum. Auf den Spielplätzen sind komischerweise immer eher die größeren"(A22). "Da haben übrigens die türkischen Kinder meinen Sohn mal reingezogen in den Hof. Da habe ich allerdings einen ganz schönen Schrecken gekriegt. Mein Sohn spielt auch von sich aus nie mit türkischen Kindern. Aber ich glaube schon, daß die härter sind als viele deutsche Kinder und daß die deutschen Kinder sich manchmal beim Spielen wirklich auch gestört fühlen "(A6).

Interessant ist sicher der Hinweis, daß Konflikte und Meidung der Kinder untereinander vorwiegend im Freizeit-, weniger ausgeprägt jedoch im schulischen Bereich aufzutreten scheinen."In der Schule, da geht es"(A6). "Die türkischen Jungs nehmen sich auch manchmal ganz schön viel raus. Auch in der Schule, das erzählt mein Sohn mir immer...Aber in der Schule kommt mein Sohn schon mit ihnen aus, muß er ja"(A14). Auch mit dieser Einschränkung ist der Gesamteindruck, der durch die Interwiews vermittelt wird, der einer weitgehenden Trennung der türkischen und deutschen Kinder im Spiel. "Deutsche und türkische Kinder spielen sowieso fast garnicht zusammen. Die sieht man meistens nur getrennt auf der Straße" (A6). Trennung und Ablehnung scheinen vor allem bei den Jungen zu bestehen. "Bei den Jungs spielen die deutschen und die türkischen meistens auch getrennt. Die Mädchen stehen manchmal zusammen."(A5).
Es gibt jedoch auch Ausnahmen von den beschriebenen Mustern des Umgangs der Kinder miteinander: "Meine beste Freundin ist Türkin. Ich habe viele Bekannte dort. Wir unternehmen viel gemeinsam. Wir gehen gemeinsam in die Stadt, in das Kino, Schwimmbad, Essen oder so, je nachdem" (B8), berichtet ein älteres Mädchen.


8. Einstellungen gegenüber Ausländern

Im Viertel besteht eine allgemeine Tendenz zur Abgrenzung der Menschen untereinander. Diese Tendenz ist dort besonders stark, wo Gruppen nach äußeren Merkmalen unterscheidbar sind. Dies trifft auf "Türken" und "Deutsche" zu. Die Unterscheidung dieser Gruppen ist mit Abwertungen der "Die-Gruppe" verbunden. Die Negativmerkmale des gesamten Viertels werden den Türken zugeschrieben, vor allem deren Kindern. Den Kindern teilen sich die Vorurteile und Abgrenzungen der Erwachsenen früh mit und beeinflussen ihr Verhalten untereinander. Es ist wahrscheinlich, daß die Konflikte, die die Kinder untereinander haben, in Übereinstimmung mit den Vorurteilen bewertet und verarbeitet werden. Es ist daher zu erwarten, daß die Kinder schließlich auf dieser Basis eigene Einstellungen und Vorurteile entwickeln, die zur Trennung der Gruppen, zur Abgrenzung von "Türken" und "Deutschen" mit einer ablehnenden Grundstimmung, auch in der Zukunft beitragen. Der hier skizzierte Prozeß ist hypothetisch. Es soll geprüft werden, ob sich aus den Interviews mit älteren Kindern und Jugendlichen entsprechende Hinweise ergeben.


8.1 Ältere Kinder

Eine 15jährige Sonderschülerin (B7) schildert, wie sie das Verhätnis der erwachsenen Deutschen und Türken untereinander erlebt: "Viele mögen die Ausländer nicht. Sie kommen deshalb mit ihnen nicht klar, ärgern sich beide". Ihre eigene "Soll"- Vorstellung entspricht dem nicht."Eigentlich müßte man mehr untereinander auskommen. Einige wollen das aber nicht, z.B. alte Leute". Sie ist aber in ihrem sozialem Umfeld Einflüssen ausgesetzt, die in Richtung einer ablehnenden Haltung gegenüber Ausländern gehen. Diese Einflüsse gehen von Gleichaltrigen und Erwachsenen aus. "In der Schule gibt es auch einige die sagen, Ausländer sind blöd. Ich weiß nicht warum." "Der Lehrer sagt: die (Türken) fühlen sich wohl auch nicht in einer sauberen Wohnung wohl. Wir hatten einen Türken in der Klasse, der wurde rausgeschmissen, weil er nie kam und keine Schularbeiten machte". Ihre eigenen Erfahrungen mit Türken im Wohnquartier sind vorwiegend negativ verarbeitet worden. "In der Anscharstraße kenne ich einige Türken. Aber nur wenige sind gut". Dieses Mädchen hat keine ausländerfeindliche Einstellung, sie lehnt Gewalt gegen Ausländer ausdrücklich ab. "Skins, die verprügeln Türken, nur weil sie Ausländer sind. Das ist doof. Türken können aber auch gemein sein". Ihre konkrete eigene Erfahrung mit türkischen Gleichaltrigen im Viertel und in der Schule hat aber nicht zu einer größeren Differenzierung oder Annäherung geführt. Wie für viele Erwachsenen steht auch für sie die Gruppenunterscheidung mit der positiven Besetzung der eigenen Gruppe verhaltensorientierend im Vordergrund: "Ich will lieber mehr von Deutschen wissen" (B7).

Sehr viel differenzierter ist die Meinung einer 15jährigen Hauptschülerin (B8), die von sich sagt, ihre beste Freundin sei eine Türkin. Sie schildert auch positive Seiten. "Ich komme gut mit Ausländern klar. Ich verstehe viele andere nicht, die nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Die verstehen sich untereinander viel besser, als wir. Meistens jedenfalls. Sie halten auf jeden Fall zusammen". "Paar wenige Ausländer sind arrogant. Ausländer sind nicht grundsätzlich schlecht, überall gibt es solche und solche. Viele sind sogar besser als Deutsche".
Die 15jährige hat einen eigenen Standpunkt zur Ausländer"problematik", der sicher (s.u.) vom Standpunkt ihrer Eltern abweichen dürfte: "Erst hat man sie zur Arbeit rübergeholt und nun will man sie abschieben. Den Zustrom könnte man eventuell stoppen, aber mehr nicht. Viele sind bestimmt nicht gerne hier und würden zurückgehen, wenn sie nur genügend Geld hätten. In der Türkei, in Ankara soll es ja ganz anders aussehen, viel mehr Grün und so". Sie sieht die Ausländerfeindlichkeit als Problem und es stört sie "das immer auf Ausländern herumgehackt wird und man nicht versucht, sich in Ruhe zu lassen oder zu verstehen. Der Haß und das Verhalten bleiben. Eine Veränderung ist nur bei Einstellungsänderung möglich, aber die ist fest verwurzelt und erziehungsbedingt." Den Einfluß der Erziehung und verallgemeinerter Einstellungen, Ausländerfeindlichkeit erlebt die 15 jährige in der eigenen Familie. "Bei mir zu Haus auch. Die Eltern sehen (meinen Kontakt mit Türken) nicht gern. Als die Mutter schwanger war, gab es Ärger mit Türken, denn einer stieß ihr ein Messer in den Bauch. Die Eltern verallgemeinern seitdem alles auf die Türken, was gefährlich ist. Ich soll nur in der Schule mit ihnen zusammen sein. Mein Bruder hat aber auch einen türkischen Freund". Sie meidet Skins und Neonazis und sagt von sich:
"Ich versuche, mich besser zu verhalten (als die Umwelt) und mit Ausländern klarzukommen". Dabei ergeben sich allerdings Hindernisse: "Manchmal sogar meine Familie, die Eltern sehen es nicht so gerne".

Trotz ihrer positiven Kontakte mit Türken, die sie auch gegen den Widerstand der sozialen Umwelt hat, sieht die 15jährige einen Zusammenhang zwischen den Lebensbedingungen im Viertel, ihrer eigenen sozialen Lage, die sie als Benachteiligung empfindet, und den Ausländern. "Von der Stadt her gibt es kein Geld, denn andere Dinge sind wichtiger (Großflecken) und der Staat ist mit anderen Dingen beschäftigt, jetzt wo die Grenzen offen sind. Kurden und diese betrifft dies". "Die Türken wohnen da, wo sie bei diesem Wohnungsmangel eine Wohnung günstig kriegen. Ich finde das eigentlich nicht gut, denn wir suchen ja auch schon lange eine Wohnung. Erst sollten Deutsche, dann Ex-DDR, dann andere eine Wohnung bekommen" (B8).


8.2 Jugendliche

Es ergeben sich aus den Interviews Anhaltspunkte dafür, daß die Trennung von Türken und Deutschen unter Jugendlichen recht weitgehend ist. Die "Andersartigkeit" der jeweils anderen Gruppe wird betont und bietet z. T. Anlaß für handfeste Konflikte. Die in diesem Abschnitt dargestellten Meinungen und Beobachtungen sollten in Zusammenhang mit dem Abschnitt über das Freizeitverhalten der Jugendlichen gesehen werden. Der Schauplatz ist von Begegnungen ist nicht im Viertel selbst, sondern z. B. im Stadtzentrum.

In den Äußerungen deutscher Jugendlicher und junger Erwachsener werden Abstand und z. T. auch Ablehnung deutlich. "Hier wohnen auch mehr die Schwarzhaarigen. Da muß ich mich ja nicht unbedingt dazuzählen"(A21). "Ich vermeide den Kontakt mit jugendlichen Ausländergruppen. Das ist kein Rassismus, aber häufig gibt es Ärger"(B4). Die (männlichen) türkischen Jugendlichen werden als die Verursacher von Konflikten dargestellt: "Die bilden sich voll die Welle ein, benehmen sich wie "Kings" und machen dumme Sprüche. Sie bewirken letztlich Ausländerfeindlichkeit. Sie sind teilweise echt selber schuld"(B5). "Wahrscheinlich sind die (jugendlichen Türken) deshalb aggressiver, weil die sich zurückgestellt vorkommen. Dann meinen sie, sie müssen hier den Herrmann machen. Gerade die, die nicht richtig Deutsch können, die sind auch weniger umgänglich"(A21). "Einige Türken sind aber auch voll daneben und oberhohl. Sie meinen, sich alles erlauben zu können"(B9).
Eine junge Türkin sagt dazu: "Stimmt aber auch, die türkischen Jugendlichen machen schon viel Randale und wollen zeigen, wie toll sie sind. Die machen immer einen auf cool"(A8). Ein türkischer Jugendlicher sieht das anders: "Wir pöpeen (=auftrumpfen) nicht, lassen uns aber auch nicht anlabern"(B2). Ein anderer:
"Stimmt, die türkischen Jugendlichen machen viel Randale, aber auch, weil wir wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, überall"(A17).

Distanz scheint es nicht nur von deutschen Jugendlichen aus zu geben: "Die Türken nehmen meist von sich aus Abstand" (B9). Auch sie fühlen sich, z. B. in ihrem nicht-sprachlichen Verhalten, mißverstanden. "Auch wenn sich die türkischen Kumpels so umarmen und so, dann denken die Deutschen immer gleich, die sind schwul. Ich umarme viele Kumpel"(A17). Wie bei den Deutschen ist die Abgrenzung der eigenen gegenüber der Fremdgruppe mit einer Betonung der Vorzüge der eigenen Gruppe verbunden.
"Ich kenne auch viele Deutsche. Mit denen geh' ich dann spazieren und so. Aber nach einer Woche wird es langweilig. Die denken eben einfach anders. Da kann man nicht so reden, wie mit einem türkischen Kumpel. Die Türken halten auch mehr zusammen als die Deutschen. Wenn einer Geld hat, dann gibt er. Die Türken teilen alles...Bei uns ist es nicht so wie bei den Deutschen, das seh ich oft in der Stadt: einer kauft ein Eis, ein anderer geht daneben und hat kein's. Bei Kindern geht es, aber die Großen passen nicht zusammen. Die Deutschen reden was anderes. Mit Deutschen kann man auch über Mädchen reden und so. Aber die reden immer nur komplizierte Sachen und so komisch. Wir reden über was Lustiges"(A17).
Wenn sich einmal gute Kontakte mit deutschen Jugendlichen ergeben, so schildert es ein türkischer Jugendlicher, so müssen sie gegen Hindernisse behauptet werden: "Ich habe mal einen Kollegen gekannt, der war erst gegen Türken. Dann haben wir miteinander geredet und alles geteilt und so. Er hat sich zu uns gesetzt. Aber bestimmt haben seine alten Freunde "Arschkriecher" und so zu ihm gesagt. Seine Eltern wollen es auch nicht. Sein Vater ist dagegen"(A17).

Zwischen jugendlichen Türken und Deutschen bietet das Verhältnis der Geschlechter untereinander zusätzlichen Konfliktstoff. Türkische junge Frauen kommen als potentielle Partnerinnen für junge deutsche Männer kaum in Betracht, Partnerschaften vor der Ehe mit türkischen Mädchen sind aber auch für türkische junge Männer schwer realisierbar.
Das Verhalten türkischer junger Frauen Männern gegenüber wird z. T. streng kontrolliert. Sexuelle Beziehungen vor der Ehe lassen Bestrafung erwarten. "Grüßen dürfen wir (die deutschen Jugendlichen), aber nicht mit denen reden. Da labern dann die türkischen Männer gleich rum und schämen sich vor ihren Freunden und so. Dann kriegt man keinen Mann mehr" (A8)."Die Türken werden schnell wütend und eifersüchtig, da muß man aufpassen" (A8). "Wenn meine Schwester vor der Ehe mit einem Mann schlafen würde, ich würde sie umbringen. Doch, das könnte ich. Ich habe Respekt vor meinem Vater. Ich muß die Ehre der Familie verteidigen" (A17).
Den Interviews zu Folge scheinen die türkischen jungen Frauen scheinen auch kaum Interesse an Partnerschaften mit deutschen Männern zu haben. "Obwohl, ich möchte auch gar nicht unbedingt einen türkischen Mann (schwärmt von einem amerikanischen Schauspieler:) Den find ich süß, blonde Haare und so schöne blaue Augen. Die deutschen Männer, da sehen viele häßlich aus. Schwester: Ich finde die türkischen Männer hübsch. Ich möchte auf jeden Fall einen türkischen Mann heiraten"(A8). "Aber mit Deutschen habe ich keinen Kontakt. Also, ich komme mit ihnen aus bei der Arbeit und so, aber privat bin ich lieber mit Türken zusammen. Ich mein, es gibt schon welche von den Deutschen, die gut aussehen, aber wenige"(A29).

Für die türkischen jungen Männer kommen als Ehepartnerinnen türkische Frauen in Betracht: "Ich würde nie ein deutsches Mädchen heiraten"(A17). Voreheliche Beziehungen mit türkischen Mädchen sin ihnen weitgehend verwehrt. Sie nehmen solche Beziehungen daher vorwiegend zu deutschen Mädchen auf. Dabei wird, so scheint es nach den Interviews, das kurzfristige sexuelle Abenteuer gesucht. Im Unterschied zu den türkischen erscheinen jungen türkischen Männern viele deutsche Mädchen sexuell leichter zugänglich. Die jungen Türken gehen in der Tendenz anders mit ihnen um. "Aber wenn ein deutsches Mädchen nicht so viele Freunde hatte und so, dann würde ich sie auch behandeln wie ein türkisches Mädchen"(A17).

Die deutschen Frauen empfinden sich durch das Verhalten der türkischen Männer z. T. mißverstanden und mißachtet. "Ich hab' auch mal Nette von den Türken kennengelernt. Da haben wir abends immer auf dem Schulhof gestanden und geredet. das war richtig gut, wie mit einer Freundin. Aber dann sind die mir dumm gekommen. Die denken, sie können die Mädchen behandeln, wie sie wollen"(A30). Eine andere Interviewte empfindet als Problem, "daß ein deutsches Mädchen nicht durch die Straßen gehen kann, ohne angemacht zu werden. Manchmal ist das echt unheimlich"(B1).
Manche Auseinandersetzung in Diskotheken scheint auch durch solche Verhaltensmuster mitverursacht zu sein. "Was mich aber viel mehr nervt, daß die immer alle Mädchen anmachen. Das finde ich echt bescheuert, wenn die einen gar nicht kennen, nur vom Sehen im Vorbeigehen. Das gibt auch immer ziemlich viel Zoff in der Disco "(A30). "Z. B. haben die das so drauf, die deutschen Frauen anzumachen...Sowas gibt immer ziemlich viel Stunk. Die denken aber auch, die deutschen Mädchen sind leicht rumzukriegen und verhalten sich entsprechend respektlos. Also, das nervt mich schon, wie die mit Frauen umgehen. Bei vielen ( Mädchen) stimmt das ja leider sogar. Umgekehrt geht das ja überhaupt nicht. Die Türken sind auch oberstolz", erklärt eine junge Deutsche (A28).

Unter dem Druck von Ablehnung und Auseinandersetzng, so scheint es, rücken die ausländischen Jugendlichen der Stadt zusammen und entwickeln Solidarität und Selbstbewußtsein als Ausländer. "(Die Ausländer), die halten auch zusammen. Also, ich verstehe mich gut mit den Türken und so. Ich bin auch stolz darauf, ein Jugoslawe zu sein...Wir haben auch ziemlich viele Jugoslawen an der Schule. Die halten alle zusammen, das finde ich gut..Ich komme mit jedem Ausländer zurecht. Wir sind ja so gleich Kumpel, Kollege und so. Das find ich echt gut...Und wenn irgendwo hier an der Wand steht "Türken raus", dann kann man immer davon ausgehen, daß alle gemeint sind. Die (Deutschen) machen da nicht solche Unterschiede"(A12).

Unter den Jugendlichen sind vor allem drei Gruppen äußerlich erkennbar bzw. setzen sich bewußt auch äußerlich gegenüber anderen ab: Türken, Punks und Skinheads. Das Verhältnis von Skinheads zu Türken und auch zu Punks ist gespannt bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zwischen Punks und Türken herrscht ein entspanntes Verhältnis. "Punks sind gegen Skinheads, nicht gegen Türken. Mit denen kann man besser zurechtkommen"(B2). Punks leben auch im Viertel, der Anteil an Skinheads bzw. Jugendlichen, die der Skin-Szene nahe stehen ist im Viertel verschwindend gering. Ihre Zahl wird von Insidern mit fünf angegeben. Von den meisten Interviewten Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden die Skinheads als zur gewalttätige Ausländerfeinde abgelehnt. Es wird begrüßt, daß sie im Stadtteil als Gruppe nicht auftreten. "Und die Skinheads, die sind ja auch ganz schlimm, die gibt es auch, aber die wohnen nicht hier bei uns, Gott sei Dank"(A29).
Auch eine deutsche Interviewpartnerin hat schon unangenehme Erfahrungen mit ihnen gemacht: "Eine Gruppe von Skinheads habe ich einmal am Tage mit einem türkischen Freund getroffen. Sie haben uns provoziert, doch wir haben ruhig reagiert. Weiter ist nichts passiert. Ich habe mich bedroht gefühlt"(B19).

Zu der Minderheit der türkischen Jugendlichen aber auch zu den Skins, die in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt sind, gehören auch zwei der von uns interviewten Jugendlichen. Junge Ausländer schildern die Ursachen der Gewalt und die Auseinandersetzungen aus ihrer Sicht:
"Ich meide Skinheads, wenn ich allein bin...Wenn die Skins mich alleine erwischen, dann bringen die mich um, die machen mich behindert. Aber wir Türken haben ein großes Verbundenheitsgefühl untereinander. Deshalb gehen Türken oft mit mehreren. Ich gehe mit fünf Freunden. Ich persönlich habe nichts gegen Skins, aber die gegen uns. Die verprügeln uns, auch wenn wir alleine sind. Die Bullen sind auch gegen uns. Wir fangen nicht an, müssen uns aber verteidigen"(B2). "Hier gibt es keine Skins, die sind in Gadeland, die wär'n schon alle tot"(B16). "Die Rechten, die sind ja mehr in Gadeland...Hier sind dann noch so'n paar rechte Mitläufer, aber mit denen hauen wir uns eigentlich nicht"(A12).
Tätliche Auseinandersetzungen mit tatsächlichen oder vermeintlichen Ausländerfeinden können sich schnell entwickeln. "Neulich, da waren wir spazieren, da hat ein Türke was zu einem Deutschen gesagt, glaub' ich, oder hat ihn angeguckt. Der hat gesagt, hau ab Türke. Da mußten wir uns schlagen"(A17).

Wie brisant die Situation im Viertel werden kann, wenn Skinheads tatsächlich dort wohnen, zeigt der Bericht eines Interviewten über einen solchen Fall: "(Hier wohnte mal eine) Frau von den Skinheads. Da war was los. Da haben die sich dann alle (Skins) getroffen. Es war ein Riesenradau vor dem Fenster, wenn die Türken denn da ankamen...Die Leute hier hatten alle Angst. Einmal, da habe ich gelacht. Da sind die los, die ganze Meute (Skins), mit so'm Kadett. Und als die wiederkamen, fehlten da die ganzen Scheiben. Und einmal hat einer von den Türken sie (die Frau) erwischt auf der Straße. Der hat sie da vermöbelt und ist abgehauen"(A5).

Die eigentlichen gewalttätigen Auseinandersetzungen finden außerhalb des Viertels statt. Einer der Beteiligten schildert:
"Da war letztens ja in Gadeland eine Schlägerei, da haben wir drei Skins ins Krankenhaus gebracht. Einer war mal ein Kollege von mir. Aber was soll man machen, der ist dann Skin geworden. Der war erst ganz normal, dann ist er Skin geworden. Wir haben ihn gefragt warum, da hat er gesagt, gefällt ihm, wie die leben. Einer war sehr verletzt, Schädel gebrochen oder so. Nein, tut mir nicht leid. Nur wenn es ein Türke ist oder ein normaler Deutscher, dann ja. Wir schlagen, die bringen um...Aber die kommen ja nicht mehr in die Stadt, die haben ja Angst. Die trauen sich ja nicht mal einkaufen in der Stadt"(A17). Der gleiche junge Türke sagt von sich: "Ich habe keine Angst. Wenn ich sterbe, dann weiß ich, meine Familie rächt mich. Ob ich jetzt sterbe oder später ist egal"(A17).
Haß und Gewalt, die nur bei einem kleinen Teil der Jugendlichen anzutreffen sind, haben bei den betreffenden Personen auf deutscher und türkischer Seite wohl zumeist eine längere Vorgeschichte, die zur Eskalation geführt hat. In unseren Interviews werden nur Bruchstücke dieser Spirale erkennbar. Ein junger Deutscher sagt: "Ich mag keine Ausländer. Aber das liegt auch an meiner Vergangenheit. Ich bin 'mal von Ausländern halb tot geprügelt worden.. Ja also, ne, da war schon was vorgefallen, aber das muß ich ja nicht alles erzählen, ne"(A7). Über seinen eigenen Anteil zur Entstehung der Gewalt mochte er nicht reden. Ein anderer, der zu den wenigen im Viertel gehört, die sich der Gruppe der Skins zugehörig fühlen, schildert seine Entwicklung. "Ich war ja auch nicht immer gegen Türken. Das hat so mit vierzehn angefangen. Da war ich auch immer bei McDonalds davor. Da haben die mich angelabert, die haben mich sogar angespuckt. da habe ich mich dann gewehrt und ordentlich ein's auf die Nase gekriegt. Mehrere Male. Sowas ist mir öfter passiert". Auf die Frage nach dem warum antwortete er "Weiß nicht, wegen meiner Figur, weil ich so dick bin"(A19).

Heute kann sich der zuletzt zitierte Jugendliche, wie einige seiner türkischen Kontrahenten auch, nicht mehr ohne subjektive und wohl auch objektive Gefährdung allein überall in der Stadt bewegen. "Wenn ich alleine einen Türken treffe, geht das. Aber die stehen ja immer alle auf'm Haufen. da verschwinde ich lieber...Ich gehe auch nicht mehr in die Stadt. Also, einzeln möchte ich denen nicht begegnen. Da muß ich mir schon vorher einen ansaufen"(A19).

In der Spirale der Gewalt zwischen Gruppen von Türken und Skins läßt sich kein besonderes, gravierendes Einzelereignis festmachen, daß als Auslöser angesehen werden könnte. Die angegenenen Anlässe erlauben es wohl kaum, das Ausmaß der Gewalt zu begreifen. "Wir haben ja auch nur was gegen die Türken, die Streß machen. Z. B. kommen die auf'ne Party und saufen, ohne was mitgebracht zu haben"(A19). Die Akteure haben Angst. "Ja, wenn wir wissen, daß die Türken angerückt kommen, also, da trink ich mir schon vorher einen an. Wenn ich nüchtern bin habe ich doch
Schiß" (A19) und diese Angst wird durch die Folgen der Auseinandersetzung noch verstärkt. "Jetzt liegt gerade einer von uns im Krankenhaus, Schädelbasisbruch. Dem haben die Türken eins mit der Baseball-Keule über'n Kopf gehauen"(A19). Sie selbst sind wie die Türken auch bewaffnet: "Doch, wir haben auch Baseballkeulen...Ich gehe ja auch nie unbewaffnet aus dem Haus. Nur mit Gaspistole und Schlagring und so"(A19). Die Frage nach dem Mitleid für die Opfer der Gewalt wird verneint. Schuld ist die andere Seite. Die Antwort des Skin gleicht im Prinzip der des jungen Türken (s.o.). "Mitleid? Nein. Also bei den Kumpels natürlich schon oder ganz Normalen. Aber wenn man schon so viele Freunde hat bluten sehen, dann freut man sich eher. Ich mein, das ist vielleicht ein Vorurteil, aber das stimmt auch: die Türken ziehen alle Messer...Die ziehen aber schon 'n Messer, wenn man die schief anguckt"(A19).
Bei aller Feindschaft klingt etwas Bewunderung für die "Gegner" an: "Aber von den Türken, da können wir noch was lernen mit Zusammenhalt und so. Wir singen zwar in der Gruppe auch immer unsere Lieder "Zusammenhalt ist Stärke" und so, aber (wir sind) zu feige. Die (Skins) reden erst, klar, sie sind dabei und so. Und dann hauen die alle ab"(A19).


Zusammenfassende Bewertung

Unter den vorhandenen Bedingungen der räumlich-materiellen und sozialen Umwelt wird nicht das nachbarschaftliche Zusammenleben von Ausländern und Deutschen gefördert, sondern die Abgrenzung der Gruppen untereinander bis hin zu offener oder verdeckter Feindseligkeit. Offene Feindseligkeit bzw. Gewalt zwischen Deutschen und Ausländern sind im Viertel selbst relativ selten direkt zu beobachten. Das Potential ist jedoch vorhanden. Es kann sich verstärken und bei Hinzukommen auslösender Faktoren auch entladen.



 
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