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Dienstag, 12. Dezember 2017
 
 
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster PDF Drucken E-Mail
Artikelinhalt
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster
Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation
Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen
Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel
Anhang
 

 

Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

6. Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
6.1 Lärm
6.2 Schmutz
6.3 Eindringen in die Privatsphäre; Beschmutzung und Beschädigung
6.4 Auffälliges, unsoziales und aggressives Verhalten
6.5 Verwahrlosung, Drogen und Delikte

 

6. Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel

6.1 Lärm

Wie schon erwähnt, ist "Lärm" einer der kennzeichnenden Begriffe für das Stadtviertel. Neben dem hohen Verkehrsaufkommen und dem Gepöbel mancher Streitender oder Betrunkener auf den Straßen, wird er aus der Sicht der Mehrzahl der Interviewten vor allem von schreienden auf der Strasse spielenden Kindern hervorgerufen. Eine grundsätzlich positive Reaktion auf die Geräuschkulisse wurde in den Interviews nur einmal geäußert: "Es ist zwar laut, auch noch von Kindern, aber das stört mich nicht. Das mag ich lieber, als wenn alles so still ist"(A8). Die Interviewten sind allerdings unterschiedlich durch Lärm belastet: "Nun liegt mein Haus ja ein bißchen zurück, so daß ich den ganzen Krakeelkram da in der Lornsenstraße nicht so mitkriege" (A18).

Insgesamt überwiegt die Zahl der Äußerungen, die den Lärm als persönliche Belästigung und Beeinträchtigung benennen. Als Ursache werden zumeist spielende Kinder empfunden. "Es ist laut, denn Kinder spielen auf dem Hof"(B20). "Den ganzen Tag ist Krach von den Horden von Kindern, die hier spielen"(A7). Eine Gewöhnung daran ist, wenn auch schwer und nicht für alle, möglich. "Ganz schön laut ist es da. Viele Kinder, die auf der Straße spielen. Kenne ich dort nur so, eine Art der Gewöhnung. Da würde auch nicht jeder hinziehen" (B9). Als besonders störend wird empfunden, daß der Kinderlärm bis in die späten Abendstunden hinein anhält. "Außerdem sind hier total viel Kinder, das ist echt laut. Wenn ich abends um 11 Uhr in's Bett geh', dann sind die immer noch draußen. Das geht nachher wieder los. Also Ruhe ist hier nur Sonntag vormittag."(A7).
Die bisherigen Äußerungen sprachen von "Kinderlärm". Für viele bedeutet dies jedoch vorwiegend oder ausschließlich Lärm durch türkische Kinder. In der Kennzeichnung des Viertels heißt es dann: "Laut, extrem viele Kinder, vor allem türkische"(A2), oder "Ziemlich laut. Kinderreiche Familien wohnen dort, Türken, die wenig Geld haben"(B20). Der als besonders störend empfundene Lärm in den späten Abendstunden wird, auch wenn z. T. andere Ursachen mitgenannt werden, immer wieder auf die türkischen Kinder zurückgeführt. "(Es ist) so laut hier. Die türkischen Kinder spielen noch bis in die Puppen draußen und die Autos rasen hier durch. Oder es grölen Penner auf der Straße rum" (A13). "Es fehlt vor allem Ruhe. Die türkischen Kinder, selbst die kleinen Pimpfe, sind bis nachts um 12 allein auf der Straße. Es ist Geschrei auf den Höfen. Man hört das türkische Gedudel auch nachts ziemlich laut"(A2).
"Aber die Gegend ist nicht so gut, vor allem für Kinder. Die türkischen Kinder spielen ja bis nachts um 23 Uhr noch draußen in den Höfen, so daß man oft nicht schlafen kann. Ich habe nichts gegen Türken, aber ich finde, wenn die hier sind, müssen die sich schon ein bißchen anpassen. Mein Verlobter und ich, wir müssen um 5 Uhr aufstehen. Er arbeitet im Straßenbau, ich bin bei einer Reinigungsfirma angegestellt"(A14).
"Die Türken sind ja auch Nachtmenschen. die Kinder schreien noch bis spät abends auf der Straße rum, das stört mich manchmal ungemein. Das ist hier so laut, als ob hier 30.000 Kinder wohnen würden"(A28).


6.2 Schmutz

Neben dem Lärm ist es der Schmutz, der als kennzeichnendes Merkmal für das Viertel genannt wird. Auch in bezug auf dieses Merkmal spielen die Kinder eine große Rolle. Sie spielen im Schmutz, sie verursachen Schmutz, sie sind selbst schmutzig. Wieder sind vor allem die türkischen Kinder gemeint. Schmutz wird häufig in einer Einheit mit negativen Verhaltensweisen wie z. B. Aggression genannt.

(Türkische) Kinder und Müll liegen eng beieinander, wenn es gilt, das Viertel zu beschreiben: "Extrem viele Kinder, vor allem türkische, überall Müll"(A2). "Aber das sieht man ja auch von der Straße, daß da oft riesige Müllhaufen rumstehen und Kinder dazwischen, auch abends"(A13).
Das die (türkischen) Kinder an schmutzigen Orten spielen müssen, steht im Mittelpunkt der folgenden Äußerungen: "Für Kinder (gibt es) eben nur diese paar kleinen Schrottplätze mit Scherben und Bierdosen. Oder da sammeln sich die türkischen Kinder, so daß meine da auch nicht hingehen. Ansonsten sind die türkischen Kinder ja fast angewiesen auf den SK-Parkplatz"(A22). "Das ist auch so'n Hof, wo sich immer die türkischen Kinder prügeln. Irgendwie aber auch Sünde, daß die immer im Dreck spielen müssen. Das gilt ja hier für die meisten Höfe, daß die so schmutzig sind. Und auf den Spielplätzen liegen Scherben und sonstiger Müll rum. Da sitzen wahrscheinlich eher die größeren"(A22). "Da hinten spielen immer die Kinder im Schrotthaufen auf'm Hof. Und die Frauen sitzen da den ganzen Tag und zupfen Wolle. die fliegt einem dann in die Wohnung"(A25).

Eine weitere Gruppe von Äußerungen bezeichnet nicht nur die Spielorte der Kinder als schmutzig, sondern beschreibt, daß die Kinder mit Müll und Abfall spielen und selbst Schmutz verursachen. "Obwohl die Kinder da drüben oft alleine auf den Höfen sind. Und vernünftige Spielplätze haben die auch nicht. Die holen sich dann alle möglichen Kartons und was weiß ich mit in die Höfe"(A11). "(Auf den Höfen), da sehen Sie aber, wie die Fetzen fliegen. Was da alles fliegt, Klamotten, Müll...Für die Kinder ist ja auch keine Mauer und kein Dach hoch genug."(A5). "In der Vicelinstraße gibt es vielleicht noch verhältnismäßig viele Kinder. Die sehen wir immer, auch am Wochenende, da auf den Containern spielen"(A11). "Oder sie klettern in den Klamotten-Container, da gucken dann nur die Füße raus, und nachher liegen dann überall ein paar Klamotten rum"(A28).
Manche Interviewte fühlen sich besonders dadurch gestört, daß die Kinder auf ihrem eigenen Territorium Abfall hinterlassen. Auch hier werden türkische Kinder dafür verantwortlich gemacht. "Nur hier im Hof der Familienberatungsstätte kriegt man das wieder mit. Jedenfalls muß ich hier Montags immer die ganzen Cola-Dosen wegräumen usw....Das sind, glaube ich, auch hauptsächlich türkische Kinder"(A2). "Oder hier unten bei uns die Treppe, die ist ewig mit Eis vollgekleckert, da liegen die Cola Dosen rum. Bei denen wird nur drinnen aufgeräumt"(A1). In der letzten Bemerkung wird deutlich, daß nicht nur das Verhalten der Kinder, sondern das "Anderssein" der Türken gemeint ist. An deren Kindern, das wurde auch schon am Beispiel "Lärm" deutlich, wird kritisiert, was man aus der eigenen Perspektive als "schlechte" Eigenschaft der Türken insgesamt betrachtet. Diese Tendenz sowie das Bestreben, sich selbst als Deutsche positiv von den Türken abzugrenzen, spiegelt auch die folgende Bemerkung wieder. "Irgendwie sind die auch aggressiver als die deutschen Kinder und lassen überall ihren Müll liegen. Da einen Eingang weiter liegen z.B. ständig Kürbiskerne und andere Essensreste rum. Aber das sieht man ja auch immer in den Filmen, daß das in der Türkei schmutziger ist. Das sehen die nicht so eng. Seh ich gerne, solche Filme"(A14).

Gegen die Bereitschaft, allein türkische Kinder oder Türken generell für den Schmutz im Viertel verantwortlich zu machen, wendet sich allerdings sehr vehement eine der Interviewten, die übrigens schon lange im Viertel wohnt. "Mich stört es auch nicht, wenn die Straßen vielleicht ein bißchen schmutzig sind. Das ist ja klar, wenn hier so viele Kinder eng zusammen wohnen und auf der Straße spielen. Da sind die Deutschen genauso wie die Ausländer. Ich kann mich immer ärgern, wenn es immer die Türken gewesen sein sollen. Das stimmt nicht. das ärgert mich ungemein. Die Deutschen sind so arrogant und überheblich. Wir haben doch die Ausländer auch geholt für Arbeit, die wir nicht machen wollten. Die Deutschen heben doch nicht mal ein Stück Papier auf, die selbst immer so meckern" (A18).
Die bisher aufgeführten Äußerungen bezogen sich darauf, daß die Kinder im Schmutz spielen und selbst Schmutz verursachen. Die folgenden Bemerkungen beschreiben die Kinder (nicht nur die türkischen) selbst als ungepflegt und schmutzig. Dabei stellt die erste Äußerung einen Zusammenhang mit dem Milieu her, in dem die Kinder aufwachsen. "Die Kinder sind laut und dreckig. Die ganze Gegend ist sehr dreckig. Die Kinder müssen ja auch was anderes kennenlernen"(A21). Deutlicher werden zwei andere Interviewte. "Tagsüber (sieht man hier) vor allem verwahrloste Kinder. Das finde ich eigentlich das Schlimmste. Die laufen mit dreckigen Klamotten rum, ich meine jetzt nicht nur vom Spielen dreckig, total siffig"(A21).
"Die Kinder sind auch ziemlich ungepflegt. Die Ärztin hier ist erschrocken, so schmutzig wie die sind. Die haben oben vielleicht ein ganz ordentliches Hemd an, aber unter den Klamotten noch den Schlafanzug. Ich verstehe manchmal gar nicht, wie die Lehrer den Gestank in den Klassen aushalten...Am liebsten würde ich manche mal so richtig unter die Dusche stellen"(A5).

Vor Verallgemeinerungen sollte allerdings eine Beobachtung bewahren, die von der Mitarbeiterin einer Kindertagesstätte berichtet wird: "Nein, die bei uns sind alle in Ordnung, gepflegt und alles"(A9).


6.3 Eindringen in die Privatsphäre; Beschmutzung und Beschädigung

"Eben die vielen Kinder, die alleine auf der Straße sind, die machen auch viel dummes Zeug"(A29) wird in einem Interview eher verständnisvoll festgestellt. Zum "dummen Zeug" gehört sicherlich das folgende Verhalten, durch das die Kinder auch auf fremde Grundstücke gelangen: "Dann sind die hier ewig dabei, auf den Mauern rumzuklettern. Die gehen hier über die Mauern und Dächer zum Schulhof rüber"(A6). Nicht alle reagieren so auf Kinder, die sich in ihrem Hof befinden, wie es in der folgenden Bemerkung beschrieben wird. "Ein paar Kinder sind hier bei mir manchmal auf dem Rasen. Ich habe auch gern ein bißchen Leben hier. Nur wenn sie auf meinen Holzzaun steigen, das finde ich nicht schön. Dann geh ich dann auch raus, schimpfen" (A18). Aufgestaute Wut, ironisch verpackt, wurde in einem anderen Interview deutlich, aus dem die folgende Bemerkung ein Auszug ist: "Ehemann: Wir haben hier ja ein ganz aktives Nachtleben, wenn die türkischen Kinder hier über die Garagenmauer klettern und nachts im Hof spielen" (A2).
Mehr Konfliktstoff zwischen Kindern und Erwachsenen, aber auch zwischen Deutschen und Türken, enthalten die folgenden Beispiele: "Manches ist mir dann doch zuviel. Unsere Wand hier unten, die müssen wir alle Nase lang neu streichen, weil die kleinen Lümmel die immer wieder nach Herzenslust beschmieren"(A1).
"Von Frau Y. drüben in der Anscharstraße weiß ich, daß die auch ganz schönen Ärger mit den Türken hat. Die hat jetzt gerade ihre Wand wieder gestrichen, und die haben sie schon wieder vollgeschmiert. In dem Hof spielen aber auch immer ziemlich viele türkische Kinder"(A2). Über Verschmutzungen und Beschädigungen berichtet auch eine Mitarbeiterin der Spieliothek. Sie liefert gleichzeitig eine Erklärung für das Verhalten der Kinder. "Im Sommer hatten wir gerade frisch gestrichen, da war ich noch so froh, daß die Stadt das gemacht hat, da haben die Kinder dann mit Steinen, Matsch und Dreck die Spieliothek behagelt und eine Scheibe eingeschmissen. Das war wohl der Frust darüber, daß wir dicht hatten"(A27).
Auch andere, z. T. als mutwillig beschriebene, Beschädigungen sorgen für Ärger in der Nachbarschaft. "Die (kleinen Kinder) hängen hier auf der Straße und zerkratzen z.B. die Autos mit Sand "(A28). Andere Anwohner regen sich darüber auf, daß Antennen abgebrochen werden oder Fenster kaputt gehen (n.A1).
"Die türkischen Kinder klettern hier auf den Gartenmauern herum, zerschmeissen die Scheiben der Wandverkleidung gegenüber. Sohn (21 Jahre): die sind doch nicht normal" (A2).
Die letzte Bemerkung zeigt eine Tendenz auf, die schon wiederholt deutlich wurde: störendes Verhalten wird in erster Linie den türkischen Kindern zugeschrieben. Diese sind "anders", hier sogar "nicht normal". Zwei weitere Interviewäußerungen relativieren sowohl den Eindruck, besonders die türkischen Kinder seien destruktiv, als auch den Eindruck, das Ausmaß von Verhalten mit destruktiver Wirkung der Kinder im Stadtteil sei nicht "normal": "Kaputtmachen gibt es auch viel bei den deutschen Kindern aus dieser Gegend, doch schon."(A9). "Natürlich geht (in der Spieliothek) auch mal was kaputt, also an Abschreibung haben wir 10%. Das ist normal, denke ich, wenn ein Spiel dafür schon etliche Male benutzt wurde"(A27). Es sei daran erinnert, daß die Spieliothek vorwiegend von (jüngeren) türkischen Kindern besucht wird (s.o.).


6.4 Auffälliges, unsoziales und aggressives Verhalten

Die Auswirkungen der gesamten Umwelt auf die Kinder des Viertels müssen sich nicht in krassen Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Die Kinder machen ja auch in diesem Milieu durchaus unterschiedliche Erfahrungen und verarbeiten diese zudem unterschiedlich. Dennoch ist es wichtig, etwas darüber zu erfahren, wie das Gesamtmuster des Verhaltens der Kinder subjektiv erlebt wird. Denn dieses subjektive Erleben bestimmt entscheidend das Verhalten der Erwachsenen gegenüber den Kindern.
Nach den Erfahrungen der interviewten Erwachsenen zeigen die Kinder des Viertels durchaus Besonderheiten im Verhalten, die ihnen auffallen. Manche dieser auffallenden Verhaltensweisen spiegeln die direkten Erfahrungen der Kinder mit ihrer konkreten Umwelt wieder. "Die Kinder sind vielleicht ein bißchen altklug hier. Der Lütte von da drüben erzählte mir letztens, daß seine Mutter wieder Pech gehabt hätte, sie sei schwanger" (A18). "Irgendwie sind die Kinder hier auch ganz schön altklug. Wenn ich mit meinem Hund spazierengehe, dann kommen die manchmal an und erzählen etwas. Das hört sich an, wie wenn Erwachsene reden. Z. B. schnacken die dann darüber, daß die Eltern sich gerade prügeln und sie keine Lust haben, sich das Geschrei mitanzuhören usw."(A28).
Andere Verhaltensweisen lassen sich als Anpassung an das Milieu interpretieren. "Zu uns kommen im Durchschnitt 6-10 jährige mit Anhang. Die sind ganz schön ausgekocht, die Gören. Das lernen sie auch schnell hier in diesem Milieu"(A27). Die besonderen Bedingungen des Milieus führen mit Wahrscheinlichkeit bei vielen Kindern zu Defiziten im sozialen Lernen, die sich im Verhalten bemerkbar machen. "Auffallend ist die fehlende soziale Kompetenz vieler Schüler; viele sind vor Schulbeginn mit vielen "Kulturgütern" und sozialen Gewohnheiten, Stifte, gemeinsames Sitzen am Tisch, noch gar nicht in Berührung gekommen"(A10).
Die bisher erwähnten Verhaltensmuster enthalten keinerlei Hinweis auf Verhaltensauffälligkeiten, die in einen Zusammenhang mit psychischen Störungen gesehen werden können. Sie können aber durchaus zu Konflikten mit der sozialen Umwelt z. B. in der Schule führen und zu späteren Fehlentwicklungen beitragen. Weitere Verhaltensmuster könnten im Grenzbereich zwischen einer "gesun den" Anpassung an das Milieu und Verhaltensstörung liegen. "Ich war ja bis vor einer Woche noch da im Kindergarten. Man merkt das schon, daß die Kinder ganz schön frech sind. M.: Die sind total aggressiv hier"(A8).

Zumindest auf die Möglichkeit psychischer Beeinträchtigungen bei vielen Kindern deuten aber mehrere Äußerungen in den Interviews hin. "Die Kinder hier sind sehr unkonzentriert und oft auch aggressiv"(A1). "Insgesamt sind viele Kinder unausgeschlafen, aggressiv und weisen ein mangelhaftes Sozialverhalten auf. Einige der Kinder klauen. Die Verhalten sich auch im Kindergarten so, daß sie anderen das Spielzeug wegnehmen"(A3).
"(Die Kinder zeigen) Gereiztheit und Aggressionen, die besonders in der Schule spürbar sind; (ich wünsche mir) mehr Ausgeglichenheit und Ruhe; ausgeschlafenere Schüler" (A10). "Die Lehrer müssen daran arbeiten, sich nicht von der Unausgeglichenheit der Kinder anstecken zu lassen und gereizt darauf zu reagieren"(A10). Aber schon die Erwähnung der "Unausgeschlafenheit" zeigt, daß die auffallenden Verhaltensweisen keine Verhaltensauffälligkeiten im klinischen Sinn sein müssen, sondern auf verschiedene Ursachen wie nächtlichen Lärm, übermäßiges Fernsehen usw. zurückgeführt werden könnten. Allerdings soll an dieser Stelle noch einmal darauf verwiesen werden, daß die Bedingungen der primären Sozialisation (s.o.) bei einem Teil der Kinder das Vorliegen psychischer Störungen mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten lassen.

Auf jeden Fall können die beschriebenen auffallenden Verhaltensweisen zu Konflikten führen. Es hängt dann stark vom Verhalten der Erwachsenen ab, wie sich diese Konflikte entwickeln. Die Erwachsenen können zur Eskalation der Konflikte beitragen oder zu ihrem Abbau: "Man muß im Umgang mit diesen Kindern schon sehr gewieft sein"(A27). "Wenn man anständig mit den Kindern umgeht, lassen sie sich auch zurechtweisen. Die Nachbarn könnten ja auch ein bißchen nachhelfen"(A18). "Es kommt auch drauf an, wie man mit ihnen umgeht. Wenn die hier Randale machen, das gibt es natürlich, dann werden sie nach draußen geschickt, um sich auszutoben. Wenn sie wieder hereinkommen, setzt sich dann eine Betreuerin mit ihnen zusammen an einen Tisch und beschäftigt sich mit ihnen. Da sollen Sie mal sehen, wie ruhig und konzentriert die auf einmal sind. Die kennen das gar nicht, daß man nicht sofort mit massivem Druck reagiert. Zuhause fehlt ihnen einfach auch die Zuwendung. Die suchen sie sich dann auf der Straße mit dummen Streichen"(A27).

In den Interviews wird immer wieder das aggressive Verhalten der Kinder des Viertels als auffallend hervorgehoben. "Die Kinder haben hier aber auch einen schlechten Umgang, wenn die hier aufwachsen müssen. Lauter Asos und so. Kein Wunder, daß die so aggressiv sind. Doch ich glaube, daß das mehr ist als woanders in Gartenstadt oder Gadeland oder überhaupt in Neumünster. Man kann schon sagen, daß das hier so die schlechteste Wohngegend ist von Neumünster und die Gegend um den Steinkamp rum, da auch. Die werden auch einfach anders erzogen hier die Kinder. Ich mein, ich kenne das hauptsächlich aus dem Fernsehen mit der Erziehung in so einem Milieu. Wenn die mal zu spät nach Hause kommen, kriegen die gleich Schläge und so"(A19). "Die Kinder sind dann eben entsprechend, ist ja logisch. Die lernen ja auch nichts anderes hier, als sich zu prügeln und alles versiffen zu lassen" (A26).

Wie bei den anderen negativen Aspekten des Verhaltens so besteht auch in bezug auf das aggressive Verhalten die Tendenz, dieses vorwiegend den Ausländern, insbesondere den türkischen Jungen, zuzuschreiben. Ihr Verhalten wird als "anders" und "nicht normal" empfunden. "Ich glaube, die Kinder da kriegen auch schon alle irgendwie 'n Schaden. Die sind doch nicht mehr normal. Ein Gepolter da teilweise. Aggressiv sind die, richtig bestialisch. Normalerweise hätte man doch Hemmungen, auf jemandem rumzutrampeln, der da am Boden liegt. Die Jugoslawen und Türken gehen aber wohl auch oft zum Boxen. Vielleicht gucken die Kleinen sich das auch ab"(A11).
"Ja, das stimmt schon, die Kinder hier sind irgendwie ganz schön aggressiv. In der Schule sieht man das auch auf'm Schulhof. Vor allem die türkischen Kinder prügeln wie verrückt"(A15). "Die hängen den ganzen Tag vor'm Video. Das kann man immer gut beobachten, wie die türkischen Kinder das hier auf dem Schulhof ausprobieren, was sie da zuhause wieder in ihren Karatefilmen oder so gesehen haben. Wie die hier treten, hauen, kloppen"(A5). "Die Kinder sind dann eben entsprechend drauf. Vor allem die türkischen. Also, mich hat noch nie ein 9-jähriger deutscher Junge angemacht. Wenn man sich dann nicht alles gefallen läßt, kommen die mit ihren 25 Freunden wieder"(A21).

Die Türken selbst werden als Zeugen für die besondere Agressivität ihre Kinder herangezogen: "Die eigenen Landsleute sagen das ja, daß die in den Höfen viel Randale machen oder sich in Parks zusammenrotten, auch schon die Kleinen" (A9).

Den Äußerungen über die ausgeprägtere Aggressivität der türkischen Jungen stehen andere gegenüber, die zwar die Beobachtung einer insgesamt großen Aggressivität der Kinder im Viertel bestätigen, nicht aber die besondere Auffälligkeit der türkischen. "Ach, ich weiß nicht. Bis auf diese Geschlechterrollengeschichte gibt es da, glaube ich, gar nicht so viel (Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Kindern). Man kann auch nicht sagen, daß die allgemein aggressiver sind als die deutschen. Das sind hier alle Kinder sowieso"(A27). Eine Mitarbeiterin der Kindertagesstätte: "Ausländerkinder haben wir hier immer so gehabt 12-15. Das gibt eigentlich keine besonderen Probleme. Höchstens mal, weil die Kinder der Türken kein Schweinefleisch essen dürfen. Darauf nehmen wir aber auch Rücksicht.Die Kinder hier akzeptieren sich alle untereinander. Ich kann nicht behaupten, daß die (Türken) hier mehr Ärger machen als die Deutschen. Einen haben wir, der ist sehr aggressiv. Aber das gibt es nicht nur bei Türken"(A9). "Die Kinder sind auch ganz schön anstrengend, die sind ziemlich aggressiv. Auch die deutschen Kinder sind hier nicht gerade so wohlbehütet...Aber auch die deutschen Kinder sind hier eigentlich unterstes Niveau"(A5).


6.5 Verwahrlosung, Drogen und Delikte

Aus einigen Interview-Äußerungen ergeben sich Hinweise auf die Gefahr, daß relativ viele Kinder verwahrlosen und früh polizeilich auffällig werden könnten. Nicht die einzelnen geschilderten Verhaltensweisen für sich sind hier entscheidend, sondern das Gesamtmuster des Verhaltens, das sich in Ergänzung zum bereits Geschilderten ergibt. Die Äußerungen über Auffälligkeiten reichen von der Sprache über den Umgang mit Drogen bis hin zu ersten Delikten.

  • "Mit sechs reden die schon so: "Ey, du alter Wichser, ich hau dir einen in die Fresse" und so."(A21). "Einer, der ist wohl so 12 Jahre alt und geht auf die Sonderschule. Der bringt hier (bei den kleineren Kindern) auch Pornos an"(A6).
  • "Einige Grundschüler beginnen schon zu rauchen"(A10). "Die meisten aus der Klasse von meinem Sohn (14 Jahre) saufen. Ich lasse meine Kinder zwar mit denen spielen, aber in die Wohnungen dürfen sie nicht. Da habe ich doch Angst, daß da die große Klopperei losgeht"(A22). "Viele (jugendliche Türken) rauchen auch Haschisch. Aber das sind jetzt mehr die 13-jährigen, die rauchen das schon wie eine normale Zigarette" (A17).
  • "Früher hat es ständig im Papier-Container gebrannt. Oder die Kinder klettern bei SK auf'm Dach rum. Da haben die letztens die Videothek ausgekokelt"(A28).
  • "Die Kinder sind auch schon mal nachmittags bei uns (in die Spieliothek) eingestiegen. Da hatten sie die Fenster vorm Rausgehen extra entrieg lt...aber sie haben nichts entwendet" (A27).
  • "Man muß aufpassen, daß nichts geklaut wird."(A2). "Die türkischen Kinder klauen auch viel. Man kann hier ja nichts draußen stehen lassen. Die Blumenkübel auf unserem Hof sind auch schon mal geklaut worden. Man muß hier alles einschließen" (A2). "Vor allem die 9-11jährigen (Türken) klauen" (A4). "Neulich haben zwei junge Türken bei uns auf dem Hof versucht, Fahrräder zu klauen. Die haben nichts und wollen auch Fahrräder haben" (B13). "Davon gibt es hier bestimmt einige, die so rumstreunen, klauen, sich zusammenrotten" (A6).


Zusammenfassende Bewertung

Die hier zitierten Äußerungen beziehen sich vorwiegend auf türkische Kinder. Aber aus einigen Interviews geht hervor, daß auch eine Reihe deutscher Jugendlicher im Viertel mit Drogen, Diebstahl usw. Erfahrungen hat. Es ist daher davon auszugehen, daß die geschilderten problematischen Verhaltensweisen sowohl bei den türkischen als auch bei deutschen Kindern des Stadtteils anzutreffen sind. Nach einer Statistik im Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes (S.28) hat der Stadtteil NORDOST im Vergleich zu allen anderen Neumünsteraner Stadtteilen die größte Häufigkeit von Polizeimaßnahmen in den Altersgruppen bis 14 Jahre und 14-18 Jahre und liegt bezüglich aller bis zum Alter von 21 Jahren auffällig gewordenen Jugendlichen nach den Stadtteilen WEST und FALDERA an dritter Stelle. Die Statistik bezieht sich nicht auf den Tat-, sondern auf den Wohnort der auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen. Beginn und Fortsetzung einer kriminellen Laufbahn werden für anfällig gewordenen Kinder und Jugendliche dadurch begünstigt, daß sich im sozialen Umfeld des Viertels entsprechende "Modelle" befinden. "In der Anscharstraße gibt es viele Punks. Ganz viele sind Zocker, sie klauen alles mögliche oder waren im Knast. Kiffer (rauchen Joints, hängen rum) leben z. T. mit 6-7 Leuten in kleinen Zimmern, Banden"(B3). In den Interviews finden sich viele Hinweise auf Straftäter im Viertel selbst. Die Palette reicht von der sexuellen Straftaten über Totschlag bis zu Diebstahl, Hehlerei und Drogenhandel. Der Bezug von bestimmten Waren durch bekannte Hehler scheint für einen Teil der Bewohner durchaus "normal" zu sein.

Die Statistik liefert einen Hinweis darauf, daß die "Karriere", die bei einem vergleichsweise großen Teil der Jugendlichen des Stadtteils zur Straffälligkeit führt, schon im Kindesalter beginnen dürfte. Der in diesem Bericht vorgenommenen Beschreibung des Milieus und der Entwicklung der Kinder in diesem Milieu sind Hinweise auf die Entstehungsbedingungen solcher "Karrieren" und damit Hinweise auf mögliche Präventionsmaßnahmen zu entnehmen.

 


 
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