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Dienstag, 12. Dezember 2017
 
 
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster PDF Drucken E-Mail
Artikelinhalt
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster
Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation
Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen
Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel
Anhang

 

Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen - Spiel- und Freizeitmöglichkeiten

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

4. Spiel- und Freizeitmöglichkeiten
4.1 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für jüngere Kinder
4.2 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für ältere Kinder
4.3 Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche
5. Straßen und Höfe als Spielplatz der jüngeren Kinder

 

4. Spiel- und Freizeitmöglichkeiten

4.1 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für jüngere Kinder

In vielen Familien herrscht Streit, die Eltern sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und kümmern sich wenig um ihre Kinder. Die beengten Wohnverhältnisse engen die Spielmöglichkeiten für Kinder in der eigenen Wohnung ein.
"Zuhause haben sie auch gar keinen Platz zum Spielen und um sich da auszubreiten. In den meisten Wohnungen hocken doch sehr viele Personen eng aufeinander. Und um anständig spielen zu können, bräuchten die Kinder zuhause auch mal einen Tisch"(A27).

In dieser Situation ist die Frage sehr wichtig, welches Angebot für Kinder im Umfeld vorhanden ist, das ihnen Ausgleichs-, Spiel- und Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

Mangelndes Angebot an Kindergartenplätzen
Ausreichend vorhandene Hort und Kindergartenplätze könnten zumindest für die kleineren Kinder eine Entlastung darstellen.
"Es gibt wohl nur einen Kindergarten, da sind auch viele deutsche Kinder"(B3T). Abgesehen von den Hemmnissen, die vor allem bei türkischen Eltern bestehen, ihre Kinder in eine solche Institution zu schicken, gibt generelle Probleme: "Es ist auch schwer, einen Kindergartenplatz zu bekommen. Die Wartezeiten betragen im Moment etwa 2 Jahre, ein Platz kostet etwa 115,- DM im Monat"(A3). "Es gibt da ja viel zu wenig Kindergartenplätze. Das Problem ist der Stadt ja auch seit langem bekannt. In ganz akuten Fällen kann ich mal schnell an einen Platz rankommen. Aber es gibt schon lange Wartelisten bei den Kindergärten"(A24). Ähnliches gilt für die ebenfalls vorhandene Kindertagesstätte.
"Wir haben hier so etwa 120 Plätze, wobei ständig eine Überbelegung von etwa 10% herrscht. Da können wir dringend mehr Platz gebrauchen"(A9).

Fehlende oder nicht nutzbare Spielplätze
In zahlreichen Interviews wird der Mangel an Spielplätzen bzw. der Zustand der wenigen vorhandenen kritisiert.
"Für Kinder gibt es viel zu wenig Spielplätze, kenne nur einen neben dem Schulgebäude"(B3). "Für Kinder (gibt es) schon garnichts, höchstens 1-2 Spielplätze in schlechtem Zustand"(B5).
Der beschriebene Zustand ist so, daß die Nutzung für die Kinder nicht ungefährlich sein dürfte. "Da auf dem Spielplatz ist auch alles voller Dreck und Müll"(A13). "Da kann man ja auch nicht hingehen, weil da immer Bierflaschenscherben liegen"(A6).

Außer der Tatsache, daß die Spielplätze kaum genutzt werden können, weil sie "abends immer vollgesüfft"(A28) sind, werden sie mehrfach als "langweilig"(A6;A28) und damit für die Kinder unattraktiv beschrieben. "Die meisten Spielplätze, z. B. bei der Kirche, sind auch total langweilig und dreckig, nur Sand und so ganz normale Spielgeräte. Da können die Kinder sich garnicht richtig austoben"(A14). "Und solche Plätze mit Rutschen usw. sind Quatsch. Das ist nichts, wo sie sich mal richtig austoben können"(A1). "Der ist für die Kinder heute viel zu uninteressant"(A18). "Auf dem Spielplatz steht ja auch nur das Mindeste. das einzige, was die Kinder da machen können, ist Wettspringen von der Hängebrücke, aber das ist ja auch ganz schön gefährlich und waghalsig"(A12).
Die Nutzung der im Viertel vorhandenen Spielplätze oder auch alternativer Möglichkeiten in der Umgebung wird zusätzlich durch die bereits beschriebene Verkehrssituation beeinträchtigt. "Die Kinder bleiben nahe am Hause, weil es gefährlich ist. Die Eltern haben Angst. Sie lassen sie nicht zum Spielplatz gehen" (B17).
"Der nächste größere Spielplatz mit ein bißchen mehr Grün ist ja ein ganzes Ende weg, da über die Christianstraße rüber. das ist auch nichts für die Kleinen"(A18). "Sie liegen so weit weg, daß die Kinder wegen des starken Verkehrs in der Christianstraße nicht alleine hingehen können...Es ist ja auch für die Entwicklung der Kinder nicht gerade günstig, wenn sie nur solche Sachen machen und spielen können, wenn immer die Eltern dabei sind" (A6).

Da nicht nur für Kleinkinder, sondern auch für ältere Kinder und Jugendliche kaum Spiel- bzw. Freizeitmöglichkeiten gibt, gibt es für die Spielplätze konkurrierende Nutzer.
"Die paar (Spielplätze), die wir hier haben, werden dann auch oft von den älteren mißbraucht. Da hält sich dann die Altersgruppe auf, für die die Spielplätze eigentlich nicht gedacht sind, weil die wohl auch nicht so recht wissen, wohin. In dem Alter gilt ja dann auch das Faustrecht, die setzen sich eben einfach gegen die kleineren durch"(A26). "Auf dem Spielplatz ist total viel Müll. Viele Jugendliche treiben sich da rum und trinken aus Bierdosen"(B8).
Aber nicht nur ältere Kinder und Jugendliche tragen zu der Spielplatz-Misere bei. Auch trinkende erwachsene "Penner" werden dafür verantwortlich gemacht, daß Spielplätze nicht nutzbar sind. "Der (Spielplatz) ist meistens voll mit Scherben von den ganzen Pennern...Also da am Kirchhof der Spielplatz, da gehe ich bestimmt nicht hin. Obwohl der Spielplatz ja eigentlich ganz schön ist, aber die Leute, die da rumhängen, nee, weiß nicht"(A25).
An der Kirche befindet sich das einzige größere Stück Grün im Viertel, ein kleiner Park. "In der Woche spielen in dem Park auch Kinder"(A7) und zwar "hauptsächlich die türkischen"(A6). Aber "wenn da mal ein Kind Fußball spielt, kommt gleich der Küster und schimpft. Ich verstehe die Kirche sowieso nicht. Das ist eine so große Organisation. Können die nicht mal was für Kinder machen?"(A20).

Viele Kinder und Jugendliche spielen nachmittags auf dem Schulhof der Grundschule (Vicelinschule), vorwiegend Fußball (B13; B14;A5;A25). "Der Schulhof ist hier ja der Ersatzspielplatz für Stadtmitte. Der ist auch offiziell freigegeben"(A5). Auch nach einer kürzlich vorgenommenen Umgestaltung wird die Fläche des Schulhofs aus "Beton und Teer"(A21) kaum ein annehmbarer Ersatz für einen richtigen "Bolzplatz" oder gar einen Spielplatz für kleine Kinder sein.

Kein Freizeitheim
Ein Freizeitheim mit einem Angebot nicht nur für ältere Kinder und Jugendliche, sondern auch für jüngere ist nicht vorhanden.
"Ein Jugendfreizeitheim gibt es hier nicht, ansonsten in fast allen anderen Stadtteilen"(A2). Das bestehende Haus der Jugend in der Gartenstraße ist für die Kleineren zu weit entfernt.
"Und die Mütter, die entweder alleine sind mit ihren Kindern oder viel Kinder haben, können ja auch nicht immer mitgehen. Das wollen die Kinder ja auch garnicht"(A1). Außerdem ist das Angebot im Haus der Jugend nicht auf jüngere Kinder zugeschnitten (B13). "Für die Kinder müßte es unbedingt Einrichtungen geben. Das Haus der Jugend ist ja mehr was für die Größeren, weil es schon recht weit weg ist. Ich meine, es geht, aber die Kleinen kommen nicht allein dort hin. Da gibt es verschiedene Freizeitangebote. In den anderen Stadtteilen existieren auch Jugendfreizeitheime"(A24).

Die Spieliothek
Als sehr positive Einrichtung im Viertel und "gute Idee"(B10) wird von allen, die sie erwähnen, die Spieliothek an der Kieler Straße genannt. Hier können die Kinder vor allem Spiele ausprobieren und ausleihen.
Die Spieliothek wird allerdings fast ausschließlich von türkischen Kindern genutzt (A4;A10)), "...so daß einige Deutsche die Spieliothek für eine türkische Einrichtung halten"(A10). "Es kommen viele Kinder zu uns. Im Moment sind das aber, na man kann fast sagen, 100% türkiche Kinder. Die Deutschen haben Vorurteile und schicken ihre Kinder nicht hierher"(A27).
Besonders heben die Interviewten hervor, daß die Kinder in der Spieliothek wirklich betreut werden und Anregungen bekommen. "Es sind immer Betreuerinnen dort. Das wäre doch auch was, wo auch die türkischen Mädchen hingehen dürfen"(A1). "Man kann dort auch Anregungen zum Spielen bekommen durch die Leute, die da arbeiten. Das ist ja gerade hier für einige Eltern doch recht wichtig, weil sie entweder den Kindern solche Anregungen nicht bieten können oder aber auch, weil Spiele im Kauf ziemlich teuer sind. Da ist es doch günstig, wenn sie diese vorher einmal ausprobieren können"(A24).
Die Konzeption der Spieliothek trägt den Voraussetzungen Rechnung, die die Kinder des Viertels aufgrund ihrer besonderen häuslichen Situation mitbringen. "Die Kinder sollen ja auch einfach Spaß haben, das müssen wir ja nicht immer alles völlig d rchstrukturieren. Davon sind wir wieder weg. Unsere u sprüngliche Idee war es ja, pädagogisch wertvolles Spielen anzubieten. Das wollen wir zwar immer noch, aber wir versteifen uns nicht mehr so darauf, die Spiele der Kinder zu bewerten"(A27).

Der Platz vor der Spieliothek ist für viele Kinder auch zu einer Art Spielplatzersatz geworden. "Wie groß der Bedarf ist sieht man ja auch daran, daß das kleine Fleckchen Rasen vor der Spieliothek nachmittags immer von Kindern aufgesucht wird. Da sind immer Kinder, auch deutsche, die sonst nur auf der Straße rumbummeln"(A27).

Die positiven Bemerkungen der Interviewten, denen die Spieliothek überhaupt bekannt war, deuten darauf hin, daß es eventuell nicht nur an Vorurteilen liegt, wenn bisher nur wenig deutsche Kinder die Einrichtung aufsuchen. "Die Spieliothek kenne ich nicht, weil ich ja nachmittags arbeite, die haben ja nur von 14-17 Uhr geöffnet"(A14). Es wird ein Kritikpunkt geäußert, der im Kern allerdings die Wichtigkeit der Spieliothek für das Viertel unterstreicht: "Aber die haben ja leider in den Ferien immer geschlossen. Die Familien hier können sich ja auch keinen Urlaub leisten"(A28).
Die geschätzte Einrichtung wurde offenbar schwer erkämpft und scheint in ihrem Fortbestehen noch immer gefährdet. "Ursprünglich sollte das alles da abgerissen werden für einen Parkplatz. Das muß man sich mal vorstellen. Da bin ich aber auf die Barrikaden gegangen"(A27). "In diesem Jahr ist von der Stadt eine 10%ige Kürzung (der Mittel) vorgesehen. Ich weiß nicht, ob wir dann weiter machen können"(A27).

Besondere Ereignisse für Kinder
Wie groß der Bedarf an zusätzlichen Freizeitangeboten besonders für die Kinder im Viertel ist, belegen die folgenden Äußerungen, selbst wenn sie, wie im ersten Beispiel, Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Besonders die Beteiligung am Feriendorf war nur verschwindend wenigen Kindern des Viertels möglich.

"Das Spielmobil, das letztens da (auf dem Schulhof) war, das war ja nicht schlecht. Aber irgendwie war das auch ein bißchen merkwürdig organisiert, finde ich. Das war groß angekündigt in der Zeitung, daß das da um 15 Uhr was losgehen soll. Dann haben wir noch über eine Stunde gewartet, bis das wieder anfing, und um 5 Uhr war schon Schluß. Das ist doch Verarschung. Ich war mit meinen Kindern da, mit Sack und Pack und dann nur so'n paar Geräte da"(A25).

"Im Moment ist mein Sohn im Feriendorf, die holen ihn jeden Tag um 8 Uhr ab und bringen ihn um 17 Uhr zurück. Das findet er toll, die gehen schwimmen, grillen usw., das bringt ihm sehr viel Spaß. Das ist über die Schule gelaufen, die haben in der Klasse drei Zettel verteilt. Ist auch kostenlos. Davon müßte es noch mehr geben, finde ich. das geht zwei Wochen lang"(A14).
"Das Feriendorf macht auch wesentlich mehr als hier auf'm Schulhof. Das finde ich toll. Da wollten meine Kinder auch gerne hin, aber in der Schule wurden nur drei Zettel verteilt. da gibt es wohl zu wenig Plätze. Aber die machen wirklich tolle Sachen, schwimmen, grillen. Am letzten Schultag sind die zur Klosterinsel gefahren, da hinter Karstadt. Da war 'ne Rutsche mit Schmierseife oder was das ist, so'n Reifen im Wasser, das war toll. Die Kinder und sogar auch die Eltern, waren alle echt total begeistert. Sowas müßte man viel öfter veranstalten, so wo jeder hinkommen kann"(A25).
"Jetzt in den Ferien hatten wir (von der Spieliothek aus) ja so'ne Aktion, da war auch nicht geschlossen. Z. B. haben wir eine Fahrt in den Tierpark gemacht, da kamen dann fast nur die deutschen (Kinder). Das hat denen auch viel Spaß gemacht... Ich glaube nicht, daß das Wegbleiben unserer türkischen Kinder nur auf deren Urlaub in der Türkei zurückzuführen ist, sondern auch darauf, daß das Spielmobil auf dem Schulhof die türkischen Kinder abgezogen hat. Wir hoffen jedenfalls, daß jetzt zunehmend die Vorurteile abgebaut werden können. Die Kinder waren begeistert"(A27).


4.2 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für ältere Kinder

Wie für die jüngeren besteht auch für die älteren Kinder ein Mangel an Spielgelegenheiten. " Spiel- und Sportplätze gibt es ja gar keine in der Gegend"(B8). Ältere Kinder sind aber schon in der Lage, z. B. den Schulhof für Mannschaftsspiele wie Fußball (Jungen) zu nutzen. Auch die Mädchen halten sich dort auf: "Wir stehen am Zaun, unterhalten uns, machen Quatsch. Wir spielen Volleyball oder Völkerball"(B8).

Für Mädchen befindet sich ein besonderes Angebot in der Nähe.
"In der Lütjenstraße ist ein Mädchentreff,das ist von der Stadt eingerichtet. Da kann man schnacken und Musik hören. Aber da gehen nicht viele hin. Das finden die wohl auch langweilig, nur mit Mädchen"(A29). Ältere Kinder haben eine größere Mobilität und Freizeiteinrichtungen in anderen Stadtteilen sind für sie erreichbar (z. B. Jugendfreizeitheime Holstein, Faldera, Ausländerjugendzentrum). "Im Haus der Jugend gibt es auch für türkische Mädchen Bauchtanz, Gymnastik oder man kann zum Früstücken da hingehen"(A29).
"Man kann dort Billard, Karten oder Tischtennis spielen. Oder einfach nur quatschen"(B8). Das eigene Viertel bietet nichts, der Mädchentreff findet nur bedingtes Interesse. "Die gehen sicher lieber in's Haus der Jugend. Das ist wohl ab einem gewissen Alter reizvoller für sie, vor allem auch für die türkischen Mädchen, die sich sonst ja kaum entfalten können. Da stehen dann auch Billardtische, da sind Jungs, das ist einfach interessanter" (A1). Besonders für die türkischen Mädchen und Jungen mag auch eine Rolle spielen, daß sie außerhalb des Viertels weniger der als einengend (s.o.) empfundenen Kontrolle der Erwachsenen unterliegen.

Außer Jugendfreizeitheimen werden auch Schwimmhalle und Freibad allein erreichbar. Es können, z. B. mit dem Fahrrad, Freunde bzw. Freundinnen selbst in anderen Stadtteilen besucht werden. "Wir besuchen uns gegenseitig"(B8). "Ich höre Musik, schreibe für die Schule und bin viel bei der Freundin in der Böckler-Siedlung... und spiele am Computer. Außerdem fahre ich zu Fußballturnieren nach Einfeld"(B7).
Musik hören, Fernsehen und Computerspiele, wenn nicht zu Hause, dann bei Freunden, füllen bei vielen älteren Kindern und Jugendlichen (s.u.) einengroßen Teil der Freizeit aus. "Allerdings sind meine Söhne auch von dieser Pest erfaßt mit Fernsehen und Computerspielen. Ist ja auch so schön bequem, ne"(A20).

Gemeinsam mit der Gruppe von Gleichaltrigen wird der Aktionsbereich zunehmend erweitert. Auch kommerzielle Einrichtungen werden genutzt. Hier bietet das Viertel ebenfalls nichts für diese Altersgruppe. "In Spielhallen kommt man erst ab 18 rein"(B7). "Die jüngeren müssen ja auf Billardcafes und sowas ausweichen in der Stadt. Davo gibt's 'ne ganze Reihe. Vor kurzem war auch eins in der Christianstraße"(A12). "Wir hatten mal das Flip in der Christianstraße, aber da waren hauptsächlich Junge, die kein Geld hatten, so mit 14-15 Jahren oder Türken, die Stunk gemacht haben. Die machen schon mehr Randale, wahrscheinlich wegen der ganzen Vorurteile der Deutschen" (A21). Die Aktivitäten verlagern sich immer mehr in die Innenstadt. "Wir unternehmen viel gemeinsam. Wir gehen gemeinsam in die Stadt, in das Kino, Schwimmbad, Essen oder so, je nachdem"(B8). "Die 12jährigen gehen vielleicht zu Eismeyer in der Stadt"(A12). Aufgrund der schlechten finanziellen Lage sind die Möglichkeiten, Freizeitangebote dieser Art zu nutzen, begrenzt. Man trifft sich in der Stadt an bestimmten Plätzen. Hier ist der Ort, an der sich ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus verschiedenen Teilen der Stadt begegnen.
"Meine Freunde und ich treffen uns alle immer vor McDonalds, im Kochlöffel. Wenn schönes Wetter ist, dann stehen wir da mit gut 100 Leuten. Sehr viele Türken sind dann da. Wir sind die McDonald-Clique. Viele tragen eine Armbinde, daran erkennt man uns, ich aber nicht"(B8).
Einige Male wird in den Interviews erwähnt, daß viele der älteren Kinder schon Tabak rauchen, Alkohol trinken und Haschisch rauchen. "Einige Grundschüler beginnen schon zu rauchen"(A10).
"Die meisten aus der Klasse von meinem Sohn saufen"(A22). "Viele (jugendlichen Türken) rauchen auch Haschisch, aber das sind jetzt mehr die 13-jährigen, die rauchen das schon wie eine normale Zigarette"(A17). "An der Schule wird viel Haschisch geraucht (nicht nur von Türken)"(A30).


4.3 Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche

In der Wohnung
Die Jugendlichen verbringen ihre Freizeit zum großen Teil mit Musik hören, Fernsehen und Video-Filmen (A8;A19;B5;B12). Horrorfilme scheinen sich einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen (A19). "Und fernsehen tue ich eigentlich auch sehr viel. Daher habe ich auch mein gutes Deutsch gelernt. Meine Eltern können ja nicht so gut", sagt ein junger Jugoslawe (A12). "Die Jugendlichen und Erwachsenen sitzen die meiste Zeit vor der Glotze, die Jugendlichen mehr vor'm Video. Das ist ja Standard hier, das muß in jedem Haus sein"(A21). Auch Computerspiele, z. T. mit sexuellem Inhalt, werden genannt (A19).

Im Viertel
Der kleine Park an der Kirche scheint ein Begegnungsort der Jugendlichen zu sein: "Im Sommer ist es toll und sowieso Treffpunkt von Jugendlichen (Jungen und Mädchen) zum Rauchen, reden usw."(B2).
Die gut besuchten (türkischen) Teestuben und Cafehäuser des Viertels sind auch den Jugendlichen zugängig. "(Ich bin) oft in der Teestube, da sind viele jüngere und ältere Männer"(B2).
Aber ein großer teil der türkischen Jugendlichen ist dort nicht so gerne. "Einige Junge trauen sich nicht in die Teestube, weil Vater, Onkel und Bruder da sind" (B2). "Die Älteren gehen ins Cafehaus, aber wir gehen da nicht hin. Da kann man dann auch nicht so reden, über heimliche Sachen mit Mädchen und so"(A17). Man will sich der Kontolle durch die Erwachsenen entziehen.
Von den türkischen Einrichtungen abgesehen gibt es "außer (den Lokalen) Isibisi oder Klostermühle keine vernünftigen Möglichkeiten"(B1;B18).

Haus der Jugend
Wie für die älteren Kinder spielt auch das Haus der Jugend, das sich ja nicht im Viertel befindet, eine im Prinzip positive Rolle bei der Freizeitgestaltung der Jugendlichen. Es erscheint als Angebot jedoch nicht ausreichend.
"Das Haus der Jugend ist ja nur dreimal die Woche. Wäre gut, wenn auch am Wochenende was wäre"(A17). Die türkischen Jugendlichen empfinden noch einen anderen Nachteil: "Außerdem dürfen wir uns da ja nicht treffen, wenn wir viele sind. Dann schicken die uns höchstens vorne in den Raum oder so"(A17). Insgesamt gilt das Haus der Jugend jedoch als "guter Treff"(B2). Schwierigkeiten der Nutzung haben jedoch die weiblichen türkischen Jugendlichen. "In's Haus der Jugend darf ich ja nicht, oder die Freizeitheime, weil da auch Jungs sind"(A8).

Sport
Eine Reihe von Jugendlichen treibt auch regelmäßig Sport und nutzt dabei die Möglichkeiten außerhalb des Viertels (B18;B19). Schwimmen (B12), Fußball im Verein (B2) oder sonst in der Gruppe (B14) werden ebenso genannt wie Handball und Schach (A12), joggen im Stadtpark oder ein Fitness-Center (B4;B20). Für die Vereinssportler ist das verknüpft mit Training (B12;B2;A12;A15), Turnieren am Wochenende (B2) und Zusammensein mit der Mannschaft nach dem Training in einem Lokal (A12).

City
Der größte Teil der Jugendlichen verbringt seine Freizeit nicht im Viertel (B1), sondern hält sich vorwiegend in der Innenstadt auf (B4). Das betrifft sowohl die männliche als auch die weibliche Jugend.

"Die Jugendliche halten sich alle in der Stadt auf. Ich auch, weil hier mehr los ist (Geschäfte, Leute) (B2). "Wir treffen uns in der Stadt, da trifft man immer Leute"(A12). "In der Stadt "spazieren", mit anderen rumziehen, Treffpunkte aufsuchen"(A17) oder ins Kino gehen (B14) gehören zu den am häufigsten genannten Freizeitaktivitäten. Für die türkischen Mädchen bietet der Stadtbummel noch eine andere Gelegenheit: "Ich gehe in die Stadt mit meiner Freundin, einkaufen. Doch, wir gucken auch nach Jungs, aber nur gucken, sonst gibt das hinterher wieder dieses Gelaber von den Männern. Furchtbar ist das"(A8). "Bei McDonalds, da ist das auch ganz schön gemacht oben, da sieht einen auch keiner und das ist für Nichtraucher. Da dürfen aber eigentlich keine Türken rein, bei McDonalds"(A8).

McDonalds und der Kochlöffel sind die wichtigsten Treffpunkte außerhalb des Viertels für die Jugendlichen (B2). "Geschäfte in der Stadt angucken" und sich dann dort mit Freund/inn/en treffen ist ein häufiges Verhaltensmuster (B3). "Aber meistens gehen wir spazieren. Dann ist immer was los und wir haben Spaß. Da trifft man dann auch viele bei McDonald oder so und lernt auch wieder andere kennen. Da sind ja auch Deutsche bei McDonald. Sonst haben wir ja nichts, einen Raum zum Treffen oder so"(A17).
Für deutsche wie ausländische Jugendliche gilt: "Wir stehen bei McDonalds und drum herum"(A12). Allerdings gibt es Abgrenzungen. "Die ganz Rechten sind ja hauptsächlich in Gadeland oder am Bahnhof oder bei der Post"(A12). Die ausländischen Jugendlichen, die sich bei McDonalds treffen, empfinden sich gleich als "Kumpel, Kollegen" erklärt ein junger Jugoslawe. "Das find ich echt gut...Und wenn irgendwo hier an der Wand steht "Türken" raus, dann kann man immer davon ausgehen, daß alle gemeint sind. Die machen da nicht solche Unterschiede"(A12).

Taschengeld
In der Stadt "spazieren" und der Aufenthalt in der McDonalds-Clique kosten kein Geld. Für viel mehr dürfte es zumindest bei einem Teil der türkischen Jugendlichen oft nicht reichen. "Die (türkischen) Jugendlichen müßten auch mehr Taschengeld kriegen, find ich. Bei uns ist es nicht wie bei den Deutschen. 50 Mark im Monat oder so. Da gehe ich einen Tag hin und hole mit 1 oder 2 Mark, einen Tag oder eine Woche gar nichts oder einen Tag vielleicht 10 Mark"(A17).

Spielhallen
Ein von den Jugendlichen häufig aufgesuchter Ort sind die Spielhallen. Davon gibt es auch eine ganze Reihe im Viertel selbst, u. a. die Spielbörse. "Wir gehen viel in die Spielhalle mit den Kumpels oder spielen Billard"(A17). "Die Spielbörse ist total winzig. Aber insgesamt gehen doch sehr viele Jugendliche in die "Hölle", wie wir sagen"(A12). "In den Spielhallen sind alle Personengruppen jeden Alters. Vermutlich aus Langeweile" (B1). Die Meinung, daß sich in den Spielhallen nur wenige Türken aufhalten (B2), dürfte wohl nicht (mehr) zutreffen.
"(In der Spielhalle spielen) das ist wohl schon sehr verbreitet bei den Jugendlichen. Ich glaube auch unter den Ausländern, weil die ja auch nirgendwo sonst rein dürfen. Die wollen ja auch nicht schon um neun Uhr bei Mama und Papa zuhause sitzen, ist doch klar"(A28). "Woanders komme ich als Türke nicht rein. Türken haben Hausverbot im Sky, in ein paar Spielhallen und in Hem's Bar"(B16).

Disco
Das Sky ist eine Neumünsteraner Diskothek. Sie "ist uns Türken verboten, weil Kieler Türken Scheiße gebaut haben und so können wir da nicht mehr rein" (B2). "Wir durften mal in die Sky-Disco, aber da ist es jetzt für Türken verboten. Da sind mal welche aus Hamburg gekommen und haben den Rausschmeißer geschlagen. Und jetzt sagen die: alle Türken raus"(A17). Die genannte Diskothek scheint nicht die einzige Einrichtung zu sein, zu der Türken keinen Zutritt haben. "Die haben fast überall Verbot, weil es immer Streitigkeiten gegeben hat. Z. B. haben die das so drauf, die deutschen Frauen anzumachen...Sowas gibt immer ziemlich viel Stunk", erklärt eine junge Deutsche (A28). "Stimmt auch, die türkischen Jugendlichen machen viel Randale, aber auch, weil sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Überall und so: wenn ein Türke was macht, das fällt immer sofort auf. Auch mit der Wohnungssuche oder der Disco"(A17). Der Besuch von Diskotheken ist besonders an Wochenenden bei allen Jugendlichen sehr beliebt (B12;B14). In Neumünster ist das Angebot gering.
"Ja, für welche in unserem Alter, so 18-19, gibt es hier nichts. Könnten ruhig mal 'ne gute Disco gebrauchen hier"(A19). Die türkischen Jugendlichen sind in der Stadt von einem für ihre Altersgruppe sehr wichtigen Freizeitvergnügen ausgeschlossen.
Durch das Eintrittsverbot der Diskothek selbst scheinen die türkischen Mädchen allerdings weniger betroffen zu sein. Sie gehen aus anderen Gründen selten oder garnicht dorthin:
"Also, ich gehe nicht in die Disco oder so. Die türkischen Mädchen machen das nicht. (Auf Nachfragen): Doch, man darf schon manchmal, man kann ja auch selbst entscheiden, ob es einem wichtig ist, zur Familie zu gehören. Ich bin auch schon einmal in einer Disco gewesen, das habe ich meinen Eltern auch gesagt. Aber sonst bin ich spätestens um 21 Uhr immer zuhause"(A29).

Auto, andere Städte
Das in der Stadt bestehende geringe Freizeitangebot für Jugendliche wird kompensiert. "Mich interessiert das alles nicht so. Für junge Leute ist das normal, weit rumzufahren, um irgendetwas in der Freizeit zu unternehmen" (B18).
"Autofahren"(B10) ist ein wichtiger Aspekt des Freizeitgeschehens bei den Jugendlichen. "Es ist ein bißchen eng bei uns. Da kann ich schlecht Freunde mit nach Hause bringen. Ich gehe lieber raus auf die Straße. Da treffe ich jemanden, der vorbei kommt und wir ziehen dann zusammen weiter mit'm Auto oder so. Die meisten "großen Mädchen", die ich kenne, haben ja auch Autos"(A12). "Wenn ich rausgehe, schon hält ein Auto, einer den ich kenne, und dann fahren wir zu viert oder so rum" (A12). Das Auto macht besonders am Wochenende unabhängig vom Neumünsteraner Freizeitangebot. Die Jugendlichen fahren z. T. recht große Strecken, um in andere Städte zu gelangen.
Ein Skin: "Ja doch, ein Auto braucht man schon. Die Türken kommen auch immer mit Autos und so und auch, um in andere Städte zu fahren am Wochenende. Hier in Neumünster ist ja sonst nichts"(A19). "Die meisten Jugendlichen fahren wohl nach Kiel und Kaltenkirchen oder so. Das machen fast alle aus der Schule"(A12). Auch Rendsburg und Hamburg werden als Städte genannt, in denen Freizeit verbracht wird (B2). "Junge Leute fahren sowieso weg mit Bekannten, die Autos haben. Wo was los ist. Hier gibt es echt nichts"(B5)..."aber da braucht man eben ein Auto"(A12). Für die türkischen Jugendlichen gibt es jedoch auch andernorts Schwierigkeiten: "Wenn wir ein Auto haben, fahren wir nach Rendsburg oder in eine andere Stadt. Aber in Rendsburg dürfen wir auch nicht mehr (in die Disco)"(A17).

Alkohol und Drogen
Alkohol und auch Drogen scheinen bei den Jugendlichen eine teilweise große Rolle zu spielen. "Den ganzen Tag feiern und saufen"(B9) beschreibt einer seine Freizeitbeschäftigung. Sich "zum Saufen verabreden" steht auf dem Programm (A19). "Es gibt auch schon viele Türken, die viel Alkohol trinken"(A17). "Viele rauchen auch Haschisch...Aber wenn die mit Haschisch anfangen, die nehmen dann später H (Heroin)... Auch bei Kollegen wird dieses weiße Zeug immer mehr. Die werden alle süchtig und meistens zusammen mit Alkohol"(A17).

 

5. Straßen und Höfe als Spielplatz der jüngeren Kinder

Die hier vorgelegte Untersuchung ist auf die Beschreibung der Verhältnisse im Viertel selbst konzentriert. Sie soll als Grundlage für Entwicklung von Interventionsmaßnahmen innerhalb des Viertels dienen. Ältere Kinder und besonders Jugendliche besitzen Mobilität. Sie sind in der Lage, Angebote außerhalb des Viertels für ihre Freizeitgestaltung zu nutzen und haben wohl auch eher den Wunsch, dies zu tun. Im Stadtgebiet existieren insgesamt Defizite hinsichtlich der Freizeitgestaltung, für die Abhilfe erforderlich ist. Im Viertel selbst sind jedoch in erster Linie jüngere Kinder von mangelnden bzw. unzureichenden Spiel- und Freizeitmöglichkeiten betroffen. Dieser Mangel hat, wie zu zeigen ist, problematische Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder und die soziale Umwelt. Wir legen in der weiteren Darstellung den Schwerpunkt auf diesen Aspekt.

Das gesamte Wohnviertel ist bei den Bewohnern überwiegend negativ besetzt. Es ist in den Augen der Bewohner grau, teilweise verfallen, schmutzig und laut. Es leben viele Menschen dort, die schwerwiegende existentielle und persönliche Probleme haben. Positive Nachbarschaftsbeziehungen sind selten. Eher grenzen sich die Menschen voneinander ab und werten "die anderen" negativ. "Aber irgendwie ist das hier schon ein ganz schönes Problemvolk. Man kann sagen, daß die ganze Gegend eigentlich proletenhaft aussieht. Das sind doch viele Prolos hier, auch wenn das sich spießig anhört"(A26). Es besteht eine Tendenz, für den Zustand des Viertels zwei Gruppen in erster Linie verantwortlich zu machen: Asoziale (gemeint sind damit vorwiegend Sozialhilfeempfänger) und vor allem die Ausländer, die Türken. Für den Schmutz im Viertel gibt es eine "Ursache": "Was ich nicht so gut finde, daß die (Ausländer) meistens doch einen anderen Ordnungssinn haben als wir, nicht alle, aber einige. Das fällt vor allem dadurch so auf, daß hier gehäuft Ausländer wohnen" (B12).
Kinder spielen bei der Beurteilung des Vicelin-Viertels eine große Rolle. "Es gibt viele Kinder da" (B2). Neutral formuliert klingt das so: "Es ist eben auch eine Gegend, wo man nicht auffällt, wenn man viele Kinder hat"(A6). Aber Kinderreichtum wird von vielen eher negativ bewertet. Entweder "Asoziale" oder Ausländer haben viele Kinder: "Die vielen ausländischen und "asozialen" Kinder auf der Straße" (B12) bestimmen das subjektive Bild des Stadtteils. Für andere wird alles noch weiter eingeengt, nämlich auf die Türken. "Dabei sehen die (türkischen Frauen) ja ständig aus, als wären sie schwanger und laufen mit einem Rudel von Kindern durch die Gegend"(A2). Türken sind kinderreich, Türken halten keine Ordnung, Türken sind laut, so lautet das dominierende Gesamturteil.
Einige Straßen gelten als besonders typisch für das negative Bild des Stadtteils. In der Beurteilung dieser Straßen werden die Merkmale "Ausländer, Kinder, Lärm, Dreck" zu einem (Vor-) Urteilskonzept verschmolzen. Diese Straßen tragen vorwiegend zum verallgemeinerten Gesamtimage des Viertels als "Klein-Istanbul" oder "Klein-Anatolien" mit den genannten subjektiven Beurteilungskriterien bei. "(In der) Anscharstraße/Christianstraße: Da wohnen viele Ausländer mit kleinen Kindern"(B7). "Wir haben vorher in der Anscharstraße gewohnt. Das war vielleicht ein ewiger Krach, fürchterlich"(A25). "(Die) Anscharstraße ist dreckig, viel Streit, viele laute Kinder. Kinder arbeiten da, Babys liegen im Wagen, da wird einem schlecht"(B2).
Die ausländischen Bewohner werden zum Symbol für die Probleme des Viertels. Die Probleme werden auf die Formel "Kinder, Ausländer, Dreck" (A2) und Lärm verkürzt.

Die vielen Kinder des Viertels, die häufig innerhalb der Familie schwerwiegende Probleme und Spannungen miterleben müssen, bewegen sich in einer sozialen Umwelt, die nicht gerade als kinderfreundlich bezeichnet werden kann. Die türkischen Kinder treffen zudem auf eine soziale Umwelt, die zudem nicht gerade ausländerfreundlich ist.
Weiter oben ist bereits dargestellt worden, das die räumlich-materielle Umwelt des Viertels als eher kinderfeindlich bezeichnet werden muß. Verhalten ist eine Funktion von Umwelt und Persönlichkeit und deren Wechselwirkungen, so lautet unsere Grundannahme. Aufgrund der familiären Situation ist bei den Kindern mit Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung zu rechnen. Es ist wahrscheinlich, daß zumindest ein gewisser Prozentsatz der Kinder aus den zerrütteten bzw. geschiedenen Familien psychische und soziale Schäden erlitten hat. Viele der türkischen Kinder werden sowohl hinsichtlich der türkischen als auch der deutschen Kultur Sozialisationsdefizite aufweisen, die spätestens mit dem Eintritt in die Schule zu Schwierigkeiten führen können. Bei dieser Konstellation von ungünstigen Umwelt- und Persönlichkeitsbedingungen ist ein Verhalten der Kinder zu erwarten, das insgesamt eher problematisch sein dürfte. Das problematische Verhalten der Kinder wiederum trägt seinerseits zu einer weiteren Verschlechterung der Umweltbedingungen bei, die sich ihrerseits wieder auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder auswirken, usw.

Am Beispiel des Spielverhaltens der Kinder können einige dieser negativen Wechselwirkungen aufgezeigt werden.

  • Aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit und Anleitung hat zumindest ein Teil der Kinder es nicht gelernt, zu spielen. "Das merkt man auch an den Kindern, daß die teilweise ganz schön unbedarft von zuhause kommen. Die können nicht alleine spielen, weil sie das von zuhause nicht gewohnt sind"(A27). "Meistens, wenn sie hier das erste Mal herkommen, können sie nur Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen oder "4 gewinnt". Alles nur einfache und wenig produktive Spiele. Zuhause wird auch meistens gar nicht gespielt"(A27).
  • Durch die Erlebnisse in den Familien haben viele Kinder Spannungen aufgebaut, die sich im Spiel ein Ventil suchen.
  • Die Wohnverhältnisse sind oft so beengt, daß sie ein häusliches Spiel der Kinder nicht erlauben.
  • Das Wohnumfeld hält keine angemessenen Spielräume für die Kinder bereit (s.o.). Spielplätze sind nicht ausreichend vorhanden bzw. nur eingeschränkt benutzbar. Hinsichtlich der Nutzung der wenigen Spielplätze besteht eine Konkurrenz verschiedener Gruppen mit entsprechenden Konfliktmöglichkeiten (s.o.). Durch die "Knappheit" entstehen auch Konflikte mit Erwachsenen. "Und es gibt keine Plätze zwischen diesen Blocks, wo Kinder richtig spielen können. Da drüben ist ein kleiner Spielplatz, aber der ist nur bis 7 Jahren. Wenn meine Tochter da spielt, dann meckert da immer eine Frau aus'm Fenster raus, Dann sind die Kinder manchmal rübergegangen in die Gärten, das dürfen sie natürlich auch nicht. Es gibt hier aber ziemlich viele Kinder in den Straßen" (A15).
  • Für einen großen Teil der zahlreichen Kinder bleiben nur Höfe, Parkplätze und Straßen als verfügbarer Spielraum. Man findet im Viertel häufig "enge, nichtssagende Gänge zu tristen Hinterhöfen, wo die Kinder die letzten Spielmöglichkeiten nutzen"(B10). "Die Kinder spielen auf der Straße oder in den Hinterhöfen. Da gibt es nicht viel"(A1). "Auf dem Hof sind immer nur kleine Kinder, im Schnitt vielleicht 4-5 Jahre, aber dafür in Massen"(A6). Wie die Wohnungen und Häuser, so sind auch die Höfe teilweise in einem Zustand, der sie kaum als als geeigneten Spielraum für Kinder erscheinen läßt. "Das ist ja wohl ein oberschlimmer Hof. Da sind ja nicht mal Steinplatten, da liegt nur Kies und da spielen die Kinder drin"(A19). Aber vielleicht ist es ja gerade der Kies, der den Kindern zum Spielen gefällt."Typisch sind die Backsteine dahinten im Hof, wo die Kinder spielen - echt lebensgefährlich, wenn die toben."(B8).
    Es gibt im Quartier durchaus auch gepflegtere Höfe, "aber da dürfen bestimmt keine Kinder spielen, ist ja meistens so. Auf den meisten Höfen hier sind ja wohl Garagen. Also insgesamt finde ich die Höfe hier deprimierend"(A14). "Der (Hof) mit dem Garten sieht ja ganz hübsch aus. aber da dürfen die bestimmt nicht spielen"(A15). "Entweder ist auf den Höfen nichts als Dreck - und Kinder natürlich - oder so'n ökologisch völlig witzloses Grün" (A26).
    Der Zustand der Höfe und die Beschränkungen des Spielens, die es auch dort gibt, tragen sicher dazu bei, daß viele Kinder sich auf der Straße aufhalten. "Die spielen (alle) auf der Straße" (A7;B2). "Unheimlich viele Kinder, auch ganz kleine Kinder spielen dort auf der Straße, obwohl es nicht sein sollte"(B3).
    Das Spiel der Kinder auf der Straße stört wiederum Erwachsene. "Die könnten doch auch auf den Schulhof gehen"(A7). Auch andere Orte werden als Spielplatz genutzt, obwohl sie dafür nicht gebaut sind. So gehen die Kinder z. B. zum Supermarkt und spielen "(auf dem Parkplatz) bei SK Fußball"(A17;B20). Oder sie "lungern bei Karstadt rum. Ich sehe häufiger Kinder aus unserer (Kindergarten-) Gruppe, die unbeaufsichtigt stundenlang bei Karstadt auf oder an der Rolltreppe rumlungern" (A3).

Ein Teil der Erwachsenen des Viertels erkennt durchaus, daß die vielen "Straßenkinder" in einem Zusammenhang mit dem problematischen Wohnverhältnissen und dem fehlenden Spielraum für Kinder gesehen werden müssen: "Wo sollen sie denn hin? "(B14). Es werden Ursache-Wirkungs-Verbindungen hinsichtlich des als negativ empfundenen Gesamteindrucks des Viertels hergestellt: "Spielmöglichkeiten für Kinder sind zu wenig. Dadurch ist es auch so laut und schmutzig auf den Straßen"(A29).
Darüberhinaus werden aber die Eltern mitverantwortlich gemacht für die als störend empfundenen Begleiterscheinungen des Spielens der Kinder auf den Straßen. Der Vorwurf geht an die Eltern, ihre Erziehungs- und Aufsichtspflichten zu vernachlässigen.
"Das sind viele Leute, die sich nicht um die Erziehung der Kinder kümmern" (A21). "Die Kinder laufen viel auf der Straße herum, ohne daß sich die Eltern darum kümmern" (B3T). "Viele Kinder treiben sich auf der Straße herum und es paßt niemand auf sie auf"(B2). "Die Eltern lassen ihre Kinder einfach laufen und kümmern sich nicht darum"(A2).
Diese Vorwürfe müssen sicherlich differenziert nach Altersgruppen betrachtet werden. Kinder im Grundschulalter sind innerhalb des Viertels beweglich. Eltern und Familie können nur eine ungefähre Vorstellung davon haben, wo Kinder dieses Alters spielen. "Ich weiß nicht, wo meine kleine Schwester (8 Jahre) hingeht. Die spielt viel mit Deutschen auf dem Schulhof und so"(A8). Wenn die Eltern zudem berufstätig sind, so können sie auch aus diesem Grund tagsüber nicht beaufsichtigen, was ihre Kinder machen. Z. T. handelt es sich um "Schlüsselkinder": "Mein Sohn hat auch einen eigenen Schlüssel, da kann er alleine gehen, wenn er will"(A14).
Das unbeaufsichtigte Spiel der Kinder im Grundschulalter wird von den Interviewten auch nicht als so problematisch angesehen. Im Vordergrund stehen die jüngeren Kinder. "Es gibt zu viele Kleinkinder, auf die nicht entsprechend aufgepaßt werden kann" (B3). "Hier sitzen ja nicht mal die kleinen Kinder bei ihren Eltern. Die laufen ja auch schon mit zweieinhalb alleine auf der Straße rum" (A28). "Es paßt niemand auf sie (die kleinen Kinder) auf"(B2). Gerade auch im Zusammenhang mit der Verkehrssituation des Viertels wird die wahrgenommenen mangelnde Beaufsichtigung der kleinen Kinder als z. T. besorgniserregend empfunden. "Man sollte mehr auf die kleinen Kinder aufpassen. Es gibt z.B. keine Ampeln, sie rennen ohne zu kucken rüber. Man kann die Angst kriegen, wenn man das sieht"(B3).

Manche der deutschen Interviewten sehen das Problem der mangelnden Beaufsichtigung der Kleinkinder allein bei den türkischen Eltern: "Ich weiß nicht, ob die immer nur alleine auf der Straße zu sehen sind (ohne Ältere), ob das bei denen (den Türken) so ist"(A6). "Die meisten türkischen Frauen kümmern sich nicht um ihre Kinder, auch die ganz Lütten laufen alleine auf der Straße herum"(A14). "Die türkischen Kinder sind daran gewöhnt, den ganzen Tag ohne Aufsicht auf der Straße herumzulaufen"(A29). Von türkischen Interviewten wird der einseitige Vorwurf jedoch korrigiert bzw. zurückgerichtet. "Viele von den deutschen Kindern sind aber auch bei Karstadt auf der Rolltreppe. Die Deutschen passen auch nie richtig auf. Das finde ich gefährlich"(A8). Es gibt auch Beobachtungen von deutschen Interviewten, die den Vorwurf der mangelnden Aufsicht allein an die türkischen Eltern zumindest relativieren. "Sonst sieht man (türkische) Kinder hier höchstens mit Müttern durch die Straße gehen, wenn die vom Einkaufen kommen oder so"(A11). In bezug auf einen Spielort (s.o.) heißt es: "Bei SK sitzen aber oft die vermummten (türkischen) Mütter auf dem Parkplatz in den Baggerschaufeln z. B. und machen da irgendwelche Handarbeiten"(A28).


Zusammenfassende Bewertung

Unter Berücksichtigung der oben genannten Relativierungen ergibt sich aus den Interviews als Gesamteindruck für das Viertel: Kinder, die kein konstruktives Spiel gelernt haben, bei denen zudem Spannungen abgebaut werden müssen, die nicht ausreichend soziale Fertigkeiten erworben haben, bei denen evtl. sogar Verhaltensstörungen vorliegen, spielen in großen Gruppen weitgehend unbeaufsichtigt von Erwachsenen vorwiegend auf der Straße. Das unbeaufsichtigte Spiel von großen Gruppen von Kindern trägt in den Augen einer Reihe der Interviewten wesentlich zu Lärm und Schmutz im Viertel, d. h., zu einer verminderten Wohnqualität bei. Für das Verhalten der Kinder und die als negativ empfundenen Konsequenzen werden vorwiegend die Eltern der Kinder, besonders die türkischen Eltern, verantwortlich gemacht.

Die räumlich-materielle Umwelt des Viertels bietet den Kindern fast ausschließlich Spielräume, die als "behavior setting" für die zahlreichen Kinder u. a.lärmendes und verschmutzendes Verhalten begünstigen. Das führt fast zwangsläufig zu einer weiteren Beeinträchtigung des Wohnumfeldes. Die soziale Umwelt tendiert aufgrund von Vorurteilen dazu, "störendes" Verhalten von Kindern im Viertel den türkischen Kindern zuzuschreiben. Es ist zu erwarten, daß Erwachsene des Viertels sich aufgrund dieser Zuschreibung in der Tendenz entsprechend negativ den türkischen Kindern gegenüber verhalten und ihre negative Einstellung auch den eigenen Kindern vermitteln werden. Konflikte der Erwachsenen untereinander wegen der Kinder und auch der Kinder untereinander sind in der Folge wahrscheinlich. "Wir" und "Die" Gruppen grenzen sich u. U. schärfer ab. Die negative Erwartung und das negative Verhalten der deutschen Mitbewohner ihnen gegenüber könnte, im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung (self-fulfilling prophecy), dazu beitragen, daß bestimmtes problematisches Verhalten bei älteren türkischen Kindern und Jugendlichen schließlich tatsächlich stärker auftritt als bei deutschen. Die Deutschen würden sich in ihren Vorurteilen durch konkrete eigene Erfahrungen bestätigt sehen, sich entsprechend weiter verhalten usw. Die räumlich-materiellen und die sozialen Bedingungen im Viertel sind so beschaffen, daß sie, mitvermittelt durch das Verhalten der Kinder, vorhandene Vorurteile in stabile Feindlichkeiten zwischen Deutschen und Ausländern verstärken können.

Die intensive Wechselwirkung zwischen räumlich-materieller und sozialer Umwelt sowie der Persönlichkeit der Kinder, die weitgehend geprägt ist durch die aufgezeigten Bedingungen der innerfamiliären Sozialisation, ist in den bisherigen Abschnitten aufgezeigt worden. Das Verhalten der Kinder, das wir jetzt aus der Perspektive der Interviewten beschreiben wollen, ist nur vor diesem Hintergrund nachzuvollziehen.



 
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