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Dienstag, 12. Dezember 2017
 
 
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster PDF Drucken E-Mail
Artikelinhalt
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster
Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation
Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen
Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel
Anhang

 

Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

3. Bedingungen der primären Sozialisation
3.1 Streß durch Lärm und Enge
3.2 Existentelle Probleme
3.3 Mangelnde Kommunikation und fehlende soziale Unterstützung
3.4 Alkohol und Familienstreit
3.5 Zerrüttete Ehen und Scheidung
3.6 Alleinerziehende
3.7 Neue Partnerschaften
3.8 Türkische Familien
3.9 Erziehungsverhalten der Eltern

 

 

3. Bedingungen der primären Sozialisation

3.1 Streß durch Lärm und Enge

Das Stadtviertel ist gekennzeichnet durch Verkehrslärm und dichte Bebauung. Die schlechte finanzielle Situation bedingt zumindest bei den Familien mit Kindern häufig eine beengte Wohnsituation (s.o.).
"Ich schlafe mit meiner 12 und 17jährigen Schwester in einem Zimmer (14 m¨)"(A8).
Vielen Personen haben nicht die Wahl, sich Privatheit durch Rückzug in ein eigenes Zimmer zu verschaffen. Es fehlt besonders in den Familien mit Kindern "die Möglichkeit, sich abzugrenzen" (A10). Bei der schlechten Isolation der Häuser sind auch die Nachbarn im Mietshaus sind zu hören. "Es ist eng, jeder weiß über jeden Bescheid, ohne daß wirkliche Kontakte stattfinden" (A10). Verkehrs- und sonstiger Straßenlärm dringt in die Wohnung. Diese Bedingungen des Lärms und der Enge werden mit Wahrscheinlichkeit Streß verursachen. Viele Erwerbstätige im Viertel sind Arbeiter, bei denen Schichtdienst nicht ungewöhnlich sein dürfte. Damit tritt ein weiterer Streßfaktor hinzu.
"Für meinen Vater ist alles zu laut, wenn er von der Nachtschicht kommt und schlafen will" (A17).
"Der Vater muß oft tagsüber schlafen, nachts ist dann die Schichtarbeit. Er ist dann total genervt, weil er nicht schlafen kann....(Wenn) der Lärm weniger (wäre) könnte ich besser schlafen, der Vater ebenfalls. Er würde dann auch weniger schimpfen"(B7).
"Wenn der Vater von der Nachtschicht kommt und will schlafen und seine Ruhe haben, dann kommen die Kinder tagsüber und stören. Und er schlägt sie oder die Frau, weil die nicht für Ruhe sorgt. Die meisten wohnen ja mit vielen in der Wohnung zusammen. Das ist schon eng"(A29).


3.2 Existentielle Probleme

Streß der eben genannten Art ist, obwohl er verbale und körperliche Aggression zur Folge haben kann, nicht die schwerwiegendste Belastung der Familiensituation. Von größerer Bedeutung für viele scheinen existentielle Probleme der Erwachsenen zu sein. "Vielen sieht man doch an, daß sie Probleme haben"(A6). Die schlechte finanzielle Lage und Schulden werden genannt.
"Die finanzielle Situation der Bewohner ist schlecht, was man bei den Erwachsenen auch an der Kleidung oder an den Fenstern der Wohnungen sieht" (A10).
"Viele leben von Sozialhilfe und haben Schulden, so daß sie sich nichts leisten können" (A3).
"Der Informationsfluß zu den Eltern ist oft erschwert; vielen geht es finanziell sehr schlecht, sie haben Schulden und sind wegen abgeklemmter Telefone oft nicht erreichbar"(A10).
"Aber die Eltern hier haben wohl auch alle genug mit sich zu tun, wobei ja auch die schlechte finanzielle Lage wohl eine Rolle spielt"(A1).

Hinter den finanziellen Problemen kann eine längere Entwicklung stehen, die z. B. mit Arbeitslosigkeit begann und den Verlust der Lebensperspektive sowie sozialen Abstieg der Eltern zur Folge hatte.
"Ich mein, wir hatten auch Schulden... Wir hatten ein Haus gebaut, dann hatte mein Mann seine Arbeit verloren und war erstmal arbeitslos. Von daher haben wir...na, so bestimmt...230 Tausend, ohne Zinsen. Aber ich sag mir immer, davon will ich mir das Leben nicht kaputt machen"(A25).
Dafür, daß derartige Bedingungen sehr wohl das Leben zerstören können, wird ein Beispiel angeführt:
"Da drüben, eine Freundin von mir, die und ihr Mann, die haben sich gegenseitig erschossen. Die hatten auch so viele Schulden. Also nee, nicht dafür"(A25).


3.3 Mangelnde Kommunikation und fehlende soziale Unterstützung

Die genannten existentiellen Probleme sind für die betroffenen Familien eine schwerwiegende Belastung sein. Ein Umgang damit setzt sicherlich die Bereitschaft und Fähigkeit zur Bewältigung, aber auch soziale Unterstützung voraus. Soziale Unterstützung kann u.a. durch Information und Beratung, materielle Hilfe und emotionale Zuwendung erfolgen. Besonders der letzte Aspekt erfordert gute soziale (familiäre, freundschaftliche, nachbarschaftliche) Beziehungen sowie die Bereitschaft und Fähigkeit, über die eigenen Probleme zu kommunizieren. Diese Voraussetzungen scheinen in vielen Fällen jedoch nicht vorzuliegen.
"Auf gemeinsamen Festen (im Kindergarten) zeigt sich, daß die Eltern sich untereinander kaum kennen, obwohl sie nah beieinander, manchmal im gleichen Haus, wohnen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Irgendwie sind die alle darauf bedacht, nach außen nichts von ihren Problemen zu zeigen, sondern einen guten Eindruck zu machen...Jeder ist auf Abgrenzung und einen guten Eindruck bedacht"(A3).
"Die Eltern tun nichts, tauschen sich untereinander nicht aus, sondern sind mit ihren Alltagsproblemen beschäftigt" (A3).
"Die Familien sind mit ihren Problemen beschäftigt und wollen ihre Ruhe haben"(A10).
"Die Leute unternehmen selbst auch nichts. die sind mit ihren existentiellen Sorgen im Alltag beschäftigt"(A26).
"Hier sind aber auch die meisten nur so für sich, glaube ich. Bestimmt sind viele ganz schön einsam, oder wollen keine kennenlernen, weil sie genug mit ihren eigenen Problemen zu tun haben"(A14).
"Die Eltern kommen ja auch privat kaum zusammen. Ich glaube nicht, daß die Paare mal zusammen weggehen..."(A27).

Da die sozialen Beziehungen oft nicht für eine hilfreiche soziale Unterstützung ausreichen, erscheint die Beratung durch andere Stellen umso dringlicher. Das gilt in den Problemfamilien besonders für die Erziehung.
"Ich glaube schon, daß einige bei der Kindererziehung Hilfe bekommen müssen"(A29). Das hier bereits in vielen Fällen amtliche Hilfe erfolgt, wird deutlich. "Dadurch, daß ich manchmal auch mit dem Jugendamt über einige der Kinder spreche, weiß ich, daß zu sehr vielen Familien der Fürsorger oder Sozialarbeiter kommt. Bei einigen ist er sogar ständig anwesend"(A3).

Einer ausreichenden Beratung in diesen und in anderen Fragen stehen jedoch große Hemmnisse im Wege. Eines davon ist die fehlende Informtion über Beratungsmöglichkeiten. "Wenn es schnell gehen muß, weiß man nicht, wohin man gehen kann" (A14). Ein anderes Hemmnis ist die Schwelle, bestimmte Beratungsangebote anzunehmen: "Aber das meiste ist wohl von der Kirche. das ist ja auch nicht für jeden was"(A28). "Die Türken haben ja sowieso schon eine große Hemmschwelle vor allem Institutionellem. Das gilt bestimmt auch für viele Deutsche hier, die vielleicht eher immer unangenehmen Kontakt mit Institutionen hatten wegen Schulden oder mit dem Jugendamt oder so"(A27).

Alles in allem wird ein Defizit an Beratung wahrgenommen, daß Personen und Institutionen auszugleichen versuchen, die im Schwerpunkt andere Aufgaben zu erfüllen haben.
"Es fehlt eine Sozialberatung. Manchmal kommen die Eltern mit ihren familiären Problemen zu mir (Kindergarten), aber das wird mir dann auch oft zuviel"(A3).
"Die Lehrer müssen mehrere Rollen zugleich einnehmen, zusätzlich zu ihrer Lehrtätigkeit als Politiker und Sozialarbeiter fungieren. Da es keine Sozialberatung gibt, stellt die Schule auch die Anlaufstelle bei sozialen/familiären Problemen dar. Z. B. wenn der Gerichtsvollzieher kommt oder eine Frau mit ihren vielen Kindern ins Frauenhaus geht" (A10).


3.4 Alkohol und Familienstreit

Die vorhandenen großen Probleme und die mangelnde Fähigkeit, diese konstruktiv zu verarbeiten, können ein wichtiger Grund für das Ausmaß an Alkoholmißbrauch und Aggression sein, das aus den Familien berichtet wird.
"Typisch für diese Gegend ist tatsächlich die Häufung von Problemen, wie es sie überall gibt. ...sind mit existentiellen Problemen beschäftigt, für die sie einen Ausgleich und vor allem auch Schuldige suchen" (A16).
Eine Konsequenz daraus sind "Streit in der Familie" (B5) und besonders "Viel Streitigkeiten um das Geld" (B13).

Pöbeleien und Streitereien werden vielfach so lautstark ausgetragen, daß sie unüberhörbar sind.
"Auf den Straßen hört man auch des öfteren, wie sich die Leute anpöbeln, oder aus den Wohnungen heraus. Für die Kinder ist es vor allem nicht gut, hier aufzuwachsen"(A20).
"In den Familien, die hier leben, gibt es auch ständig Knatsch. Das kriegt man auch durch die Kinder mit, oder wenn man durch die Straßen geht, da hört man auch vieles"(A27).
"Das gibt es hier, glaube ich, häufiger. Vor allem da Vicelin- und Anscharstraße, da wohnen viele, die schon total fertig sind. Wenn mal da mal durchgeht, hört man auch immer irgendwo welche streiten. Manche verstehe ich auch, die sich da über die Ausländer beklagen"(A25).
Die Streitigkeiten in den Familien sind durchaus nicht auf Ausländer begrenzt. Oft führen sie auch zu Handgreiflichkeiten und manchmal zu schwererer Gewalt.
"Solche Kloppereien auch zwischen Erwachsenen, viel auch innerhalb der Familien, müssen die Kinder hier oft mit ansehen"(A28).
"Sogar innerhalb der Familien prügeln sich jüngere und ältere"(B3).
"Da, wo ich vorher gewohnt habe, in der Lornsenstraße, da kriegte man immer Gepöbel mit. Der eine sticht auf seine Frau ein, der andere grölt aus dem Fenster. Da ist immer Streit. Die sind ja auch ziemlich zusammengepfercht, die Türken. Das findet man in keinem Außenbezirk von Neumünster...Die Leute da streiten sich jedenfallls ständig. Der eine hat seine Frau da aus dem Fenster geschmissen. Durch das geschlossene aus dem 1.Stock" (A21).

In vielen Fällen, so wird berichtet, finden die Streitigkeiten und Handgreiflichkeiten unter Alkoholeinfluß statt.
"Was soll aus solchen Kindern werden, wenn die Eltern tagsüber in der Bude hocken und sich besaufen? Ich habe ja nie lange irgendwo gewohnt als Kind. Vielleicht war das sogar noch gut, sonst wäre ich auch so geworden"(A21).
"Hier wohnen so viele Alkis, die sind den ganzen Tag mit Saufen und Familienstreit beschäftigt"(A26).
"Ja, für Kinder sieht das hier ja ganz schlecht aus. Zuhause kriegen die Suff und Schläge mit, andauernd irgendein Gepöbel" (A20).
"Zuhause kriegen sie (die Kinder) mit, wie die Eltern saufen und sich schlagen "(A5).

Das folgende Zitat vermittelt ein sehr eindringliches Bild von den Auswüchsen aber auch der "Normalität" der Gewalt in manchen Familien des Stadtteils:
"Ansonsten glaube ich, ist das hier nicht anders als woanders auch. In der Villengegend gibt's bestimmt genauso viel Säufer wie hier, bloß das die das besser vertuschen.
Da drüben wohnen welche, die streiten sich andauernd, er verprügelt immer seine Frau. Das gibt es ganz schön oft hier, das sind beides Säufer. Ein Kind haben sie denen schon genommen, das andere haben die einfach in die Mülltonne geschmissen. Solche Leute können sich doch sterilisieren lassen, versteh' ich nicht. Das ist doch wirklich traurig...Irgendwie verstehe ich aber auch das Jugendamt nicht. Die wissen doch, daß hier viele Sozis ohne Arbeit wohnen und sich und die Kinder ziemlich viel prügeln. Die könnten doch öfter mal kommen und reingucken, ob die Kinder anständig behandelt werden. Kein Wunder, die werden so aggressiv, auch in der Schule"
(A 14).


3.5 Zerrüttete Ehen und Scheidung

"Viele Eltern sind geschieden"(A16) heißt es über das Viertel. Vor allem die Kinder und Frauen haben nach den Interviews oft erniedrigende Situationen in den zerrütteten Ehen und in der Scheidungsphase durchgemacht. "Die Kinder erleben, wie die Eltern trinken und sich prügeln. Da ist es kein Wunder, daß die Aggressionen schon bei den kleineren zunehmen"(A16).
Die Frauen erleben sich als gedemütigt und machtlos der körperlichen Gewalt ausgeliefert. "Ich glaube, die Männer wollen sich stark fühlen gegenüber Frauen. Mein Exmann ist auch immer ausgerastet und hat mich geschlagen und so. Die Polizei macht ja sowieso nichts. Es gibt viele Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden. Hört man auch manchmal, wenn man durch die Straßen geht. Zur Polizei kann man erst gehen, wenn man den Kopf unterm Arm hat. Ich hatte die mal gerufen, aber die haben meinen Exe dann an der nächsten Ecke wieder rausgelassen"(A13).

Bestimmte Merkmale der Umwelt im Stadtteil sind u. U. mit den negativen Erlebnissen eng verbunden.
"Und solche Spielhallen kann ich sowieso nicht gut ab. Mein Ex-Mann hat auch gedaddelt. Spielhallen haben wir ja überreichlich...Und dann von der Spielhalle besoffen nach Hause. Der hat es dann auch gebracht, mich vor meiner Tochter zu schlagen..." (A15).
"Ich bin da ja keine Ausnahme, daß ich von meinem Mann geschlagen worden bin. Ob die Kinder dabei sind, interessiert die Männer, wenn sie besoffen aus der Spielhalle kommen, sowieso nicht" (A22).

Die Erlebnisse der Gewalt in der Familie wirken sich, das ist mehr als wahrscheinlich, psychisch z. B. auf die schulische Leistung, aus. "Mein Sohn z. B., der hat auch mitgekriegt, wie mein Ex-Mann mich geschlagen hat und so, und der hatte auch Schwierigkeiten in der Schule. Drei Tage bevor das Zeugnis kam haben die mir erst gesagt, daß er sitzenbleibt" (A14). Die extreme Belastungssituation trägt u. U. zu weiteren problematischen Verhaltensweisen bei, die die Situation noch verschlimmern. "Ich habe in der Zeit, wo das hier so schlimm war und er mich geschlagen hat, dann auch angefangen, ziemlich viel Alkohol zu trinken. Dann wollte er das Sorgerecht haben. dann habe ich dann sofort aufgehört"(A15).

Viele Frauen suchen in einer solchen Situation Zuflucht im Frauenhaus. Dieses Haus ist vielen Interviewten gut bekannt und stößt auf große Zustimmung. "Ein Frauenhaus gibt es hier noch in der Christianstraße Das finde ich im Prinzip eine wichtige Einrichtung, bei den Familienstreitigkeiten, die es hier gibt und vor allem dem hohen Anteil an Trinkern"(A27). "Das hat aber wohl massive Platzprobleme. Da landen dann solche Frauen, wo er erst die Kinder und dann sie verprügelt"(A11). "Daher kommen auch viele Kinder, die auf die Vicelinschule gehen"(A1).
"Ich bin damals vor der Scheidung mit meinem Sohn ins Frauenhaus gegangen. Da habe ich angerufen und erzählt, was los ist und habe gleich einen Termin bekommen. Aber da gibt es viel zu wenig Plätze, nur sieben, glaube ich" (A14). "Manchmal verweise ich auch auf das Frauenhaus, wenn es sehr schnell gehen muß. Die haben leider auch zu wenig Plätze, es ist ziemlich eng da. Eigentlich ist das ja auch mehr so als Krisenintervention gedacht, wenn sich Frauen von ihren Männern trennen wollen. Dann gehen sie mit den Kindern eben dorthin. Allerdings verbleiben sie dort meist zu lange, weil sie keinen Wohnraum finden. Das ist auch ein großes Problem. Für die Kinder ist es nicht immer günstig, länger dort zu bleiben und mit so vielen Schwierigkeiten konfrontiert zu werden. Dennoch hat sich das als eine gute Starthilfe für viele Frauen erwiesen"(A24).

Das Frauenhaus ist allerdings kein Ort der Ruhe und Geborgenheit für Frauen und Kinder. Sie erleben die Schicksale anderer Frauen mit. "Da war eine Frau, der Mann war Ringer, der hat sie immer durchs Zimmer geschmissen, die sah echt schlimm aus. Das war aber eigentlich bei allen Frauen so, daß sie von ihren Männern geschlagen wurden" (A14).
Besonders auch für Kinder ist der Aufenthalt im Frauenhaus eine weitere Belastungssituation.
"... was es für ein Kind bedeutet, in so einem Haus zu leben und ständig traurige Geschichten zu hören und unsicher zu sein, was nun wird"(A1). "Dort herrscht sowieso nie Ruhe, was die Unausgeglichenheit der Schüler natürlich verstärkt, beispielsweise, wenn die Väter von der Straße herauf schreien"(A10).
"Hinter dem Frauenhaus, da war ein Garten, da sind wir manchmal zum Spielen hingegangen. Aber ich wollte dann auch nicht mehr, daß mein Sohn das andauernd sieht, Frauen mit blauen Flecken, die Männer, die vor'm Fenster stehen und so"(A14).

Der gesamte Scheidungsprozeß hat oft für die Kinder auch für andere bemerkbare psychische Folgen. "Da hat sie (die Tochter doch auch gefühlsmäßig etwas durchstehen müssen"(A15).
"Nach der Scheidung ging das auch in der Schule bergab. Und jetzt ist das besser geworden, aber sie sitzt viel vor'm Fernseher und hat keine Lust rauszugehen. Sie schämt sich, weil sie so dick ist und so"(A15).

Der Scheidungsverlauf kann auch zu subjektiv demütigenden Situationen führen, die nicht die direkte innerfamiliäre Auseinandersetzung betreffen: "Ich sollte das Sorgerecht für X nicht kriegen, weil ich schon zwei Kinder hatte. So'n Quatsch. Den Vater hatten die noch nie gesehen. Dann kam da eine vom Jugendamt und hat sich mit den Kindern unterhalten. Ich mußte draußen warten. Da hab ich natürlich gelauscht. Was die nicht alles gefagt hat, das ist schon eine Frechheit. Z. B. hör ich da auf einmal: "Schlägt eure Mutter euch?" Das ist wohl doch die Höhe. Das Jugendamt hatte dann ein Jahr lang das Sorgerecht. In der Zeit habe ich natürlich auch nicht mal das Erziehungsrecht bekommen. Die zwingen hier doch so manchen in die Kriminalität, also wirklich"(A22).


3.6 Alleinerziehende

In den Interviews finden sich Feststellungen wie "Hier wohnen insgesamt wohl viele alleinerziehende Mütter"(A5). "Und viele kaputte Familien gibts eben hier, Alleinstehende mit Kindern" (A14). "(Hier leben) viele unvollständige Familien mit vielen Kindern"(A10). Das Konzeptpapier "Schule im Vicelinviertel" (1991) beziffert den Anteil der Alleinerziehenden unter den Schulkindereltern auf 47%.

Die meisten der Alleinerziehenden, so lassen die Interviews schließen, sind Frauen. Aber es gibt durchaus auch einen Anteil alleinerziehender Männer. "Ich bin ja alleinerziehender Vater seit vier Jahren. Meine Frau war in die Psychiatrie gekommen und hatte dann mit einem anderen Mann zusammengelebt und wieder geheiratet. Ich glaube, die ist jetzt aber wieder in der Klinik"(A20).

Die Gründe dafür, im Stadtteil wohnen zu bleiben, haben wesentlich mit der zentralen Lage hinsichtlich Schule, Arbeitsstelle usw. sowie dem Bedürfnis nach Stabilisierung der Verhältnisse zu tun.
"Mit meiner Wohnung bin ich zufrieden. Auch zur Stadt und zur Schule ist es nicht soweit...Mit meinem Sohn würde ich jetzt auch nicht wieder umziehen wollen, die Schule wechseln und so"(A14). "Es ist ja schwer genug, ihnen (den Kindern) ein anständiges Leben und einen geregelten Tagesablauf mitzugeben, und sie haben ja schon genug Gepöbel und Streit mitbekommen..." (A22).
"Was ich hier gut finde, ist die Nähe zur Stadt. Die Kinder können alles alleine machen, zum Friseur, zum Arzt, zur Schule gehen. Man kann hier alles zu Fuß erreichen. Der Große kann jetzt auch schon alleine rübergehen zum Spielen"(A22).
"Mit meiner Arbeit bin ich auch ganz zufrieden. Die Selbständigkeit, wieder arbeiten zu gehen und so, die mußte ich mir ja auch erstmal erkämpfen. Das gebe ich so schnell nicht wieder auf. Außerdem würde ich meine Tochter jetzt auch nicht umschulen wollen. Die hat das ja schon schwer genug gehabt" (A15).

Allerdings sehen nicht alle Alleinstehenden für sich, den Umständen entsprechend, die Möglichkeit zu einer Erwerbstätigkeit. "Ich wohne jetzt seit drei Jahren hier mit meinen Kindern. ich bin ja alleinerziehend... Die Miete bezahlt das Sozialamt, ich bin ja Sozialhilfeempfängerin. Mit drei Kindern, alleinstehend, kann ich ja nicht arbeiten gehen"(A22).

Viele Alleinerziehende, so wird berichtet, haben finanzielle Probleme: "Meine Stelle, die ich bekommen sollte, ist geplatzt. dann stand ich doch ziemlich hilflos da, alleinstehend und mit Kind, ohne Arbeit. Gleichzeitig, weil ich die Zusage eigentlich ja auch schon gehabt hatte, habe ich aber auch Geld in mein Haus gesteckt, so daß ich dann verschuldet war. Ähnliches gilt für viele Alleinstehende, die hier wohnen"(A23).

Abgesehen von der Zentralität der Lage empfinden die interviewten Alleinerziehenden jedoch sehr große Mängel im Wohnumfeld, die in erster Linie Spiel-, Kontakt- und Freizeitmöglichkeiten betreffen.
"Auf jeden Fall fehlt hier was für Kinder. Ich habe ja kein Auto und komme so schnell auch nicht mit meiner Tochter raus nach der Arbeit, um was schönes unternehmen zu können. Da müßte es hier was geben, wo sie auch alleine mal hingehen könnte und sich austoben oder eben mehr öffentliche Angebote mit Fahrten und so. Dafür wäre ich dann auch bereit, zu bezahlen"(A15).
Auf den Mangel an Spielplätzen in der Nähe, die Kinder auch allein besuchen könnten, bezieht sich die folgende Anmerkung: "Wenn man Alleinerziehend ist - davon gibt es hier auch einige - dann kann man nicht gleichzeitig ein Kind zur Schule bringen, mit dem zweiten zum Spielplatz und dem dritten vielleicht zum Arzt gehen" (A6).
"Die Kindergartenplätze sind hier zu knapp und viele Frauen damit überfordert, ihre Kinder gezielt zu beschäftigen. Die streunen hier den ganzen Tag alleine auf der Straße rum und machen irgendwelchen Blödsinn, machen irgendwelche Sachen kaputt"(A23).
Die Kontaktaufnahme zu anderen, verheirateten, Müttern fällt z. T. sehr schwer. "...Die Mütter auf den Spielplätzen sitzen da meistens in Cliquen und labern, da lernt man auch niemanden kennen. manchmal sitzt da eine Zigeunerin, auch alleine. Mit der unterhalte ich mich manchmal "(A22).
"Im Freibad habe ich mal eine Mutter kennengelernt. Aber da ist auch nichts draus geworden. Irgendwie ist das mit denen hier total schwierig, sich zu verabreden. ich glaube, das liegt daran, daß die nicht begreifen können, daß man freiwillig mit drei Kindern alleine lebt und sich die Männer auch noch aussuchen kann. Sie selbst hängen ihrem Mann dann am Zipfel und wollen ihre Probleme gar nicht mehr sehen."(A22).
Unter diesen Bedingungen bleibt oft nur der Kontakt und die wechselseitige Hilfe unter Frauen, die sich in einer vergleichbaren Lage befinden. "Mit meiner Nachbarin hier oben, die ist alleine mit ihrem Sohn, verstehe ich mich auch ganz gut. Da passen wir auch mal gegenseitig auf die Kinder auf und so"(A14).

Die z. T. sehr jungen alleinstehenden Mütter fühlen sich auch durch nachbarliche Kontrolle in ihren Verhaltensmöglichkeiten und ihrem Bedürfnis nach Kontakt und Abwechslung eingeengt.
"Mir fällt hier schon die Decke auf den Kopf. Da gucken die einen aber auch doof an. Viele wissen, daß ich allein bin mit drei Kindern. Die finden das dann völlig unmöglich, daß ich als Mutter noch mit kurzem Rock und drei Kindern durch die Straßen gehe" (A22).
"Und wo soll man Leute kennenlernen? Das ist hier garnicht so einfach...Die Nachbarn schludern sowieso schon immer, weil ich alleine bin mit meiner Tochter. Jedesmal, wenn der Freund von meiner Freundin mich nach Hause bringt, dann nimmt der mich extra vor der Tür immer in den Arm und sagt:"Damit die Leute wieder was zu reden haben".
"Also, als alleinstehende Frau mit Kind hat man es nicht leicht. Da achten die dann alle immer besonders drauf, was man tut. Ich habe ja auch nicht viel Zeit, wegzugehen, weil ich sowieso schon immer ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich meine Tochter abends alleine lasse"(A15).
Das Empfinden, von der sozialen Umwelt, besonders den Nachbarn, argwöhnisch beobachtet zu werden, wird wiederholt von alleinerziehenden Frauen berichtet. "Die Leute gucken auch komisch, weil die wissen, daß ich meine Kinder auch mal abends alleine lasse. Das machen hier zwar fast alle, aber ich mache das öffentlich. Die sind ja auch groß genug und können telefonieren. Meine Nachbarin, eine Freundin habe ich nebenan im Haus, die weiß dann auch meistens Bescheid. Aber dann hetzen die einem natürlich sofort das Sozi auf'n Hals. Da werden dann anonyme Anrufe getätigt und all so'n Theater. Die sollen sich mal um die ganzen Kinder kümmern, die hier auf der Straße sich rumprügeln und klauen gehen" (A22).
"Da drüben wohnt eine Frau alleine mit drei Kindern. Die arbeitet bei Oppermann. Nur weil die alleine ist, wird ständig gemeckert. Z. B. daß sie ihre Wäsche da zu lange hängen läßt oder darüber, wie sie die aufhängt usw."(A18).

Vielleicht gerade weil sie sich ungerecht so stark sozial kontrolliert fühlen, scheinen sich die alleinerziehenden Mütter auch der in ihren Berichten deutlich werdenden groben Vernachlässigung der Kinder durch andere Frauen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, bewußt zu sein.

"Oder da die Nummer X war auch ein berüchtigtes Haus. da wohnte z.B. eine Mutter, die säuft und ihre Kinder total vernachlässigt. Da wurde nie die Bettwäsche gewechselt, die Kinder liefen drei Tage in der gleichen Windel rum, das war da schlimm. Die stand auch jeden Tag daneben, als ihr Typ die 10-jährige Tochter vergewaltigt hat. Das ist doch traurig, das ist doch wirklich ein Elendsviertel hier. Die Frau ist da auch keine Ausnahme. Bei sowas müßte sich das Jugendamt mal mehr einmischen, nicht nur bei Alleinerziehenden" (A22).
"Ja, ansonsten, auf die Ämter kann man sich nicht gerade verlassen. Z. B. mit der Frau da, von der ich vorhin erzählt habe, wo die Kinder tagelang in der gleichen Windel rumgerannt sind. Da hatte ich das Sozi angerufen, aber die haben nichts gemacht. Dann kam eine von denen, hat sich das angeguckt, aber auch nichts gemacht. Die Mutter ist da vor ihr noch besoffen vom Stuhl gefallen und lag da auf dem Küchenfußboden. Da hat die nur gesagt: "Frau Y., Sie müssen doch aufstehen", und dann war sie wieder draußen und hat die Frau da liegenlassen. Ich bin dann überall hin, nirgendwo durchgekommen. Dann bin ich zum Amtsleiter und hab da halbwegs rumgeschrien. Die Kinder sind dann alle von einem Tag auf den nächsten rausgeholt worden. Eine Freundin von mir, die selbst schon drei Kinder hatte, mußte die nehmen, weil es eigentlich keinen Heimplatz für die gab. Sie selbst ist allerdings nicht so versoffen, obwohl sie da auch wohnt"(A22).

Auch von anderen Frauen wird über bestürzende Fälle der Vernachlässigung bzw. Mißhandlung von Kindern berichtet, an denen Mütter beteiligt sind.

"...aber auch die Deutschen, die in dieser Gegend wohnen, sind ganz schön fertig...sind nicht gerade die besten. Da sind total viel alleinstehende Frauen. Da drüben sind die ständig am Pöbeln, schlagen sich. Das Kind ist Bettnässer. Sie läuft ständig rüber in die Kneipe, in's ..., und der Kleine - der kann dann wohl nicht schlafen - steht dann auf der Straße und ruft: "Mama, Mama ich hab Angst, ich kann nicht schlafen". Dann schreit die Mutter ihn erst zusammen und bringt ihn nach Hause. 15 Minuten später sitzt sie wieder in der Kneipe und der Junge kommt wieder an und schreit"(A28).

"Das Jugendamt müßte sich auch sinnvoller einsetzen, finde ich. Meine Schwester, die hatte zwei Pflegekinder über's Jugendamt. Dann hat die leibliche Mutter die Kinder wiederbekommen, hat sie geschlagen und vernachlässigt. Die sind in der Schule sehr auffällig gewesen - d.h., die Kleine ging noch nicht zur Schule, die war erst drei. Dann kam das Jugendamt wieder an und fragte, ob sie die Kinder zurücknehmen würde. Inzwischen hatte sie selbst ihr zweites bekommen und gesagt, daß sie nur das Mädchen zurücknehmen würde. das Jugendamt wollte die Geschwister aber auf keinen Fall trennen. Also sind die wieder zu den Eltern, nachdem sie übergangsweise im Heim waren. Die Kleine ist jetzt tot, die hat ihr Stiefvater vergewaltigt und umgebracht. Das ist doch ein Schauermärchen, das die das nicht besser planen können sowas"(A30).

Befragt nach den schwerwiegendsten Problemen in der Gegend äußert eine der Interviewten: "Am meisten sind das, glaube ich, so Familiengeschichten, wo die Kinder vernachlässigt werden, ob das nun am Alkohol liegt oder daran, daß die Familien kein Geld haben...Es sind eben doch viele unvollständige Familien hier. Und vor allem, die Leute verstecken das hinter ihren vier Wänden"(A14).


3.7 Neue Partnerschaften

Wohl die meisten der heute alleinerziehenden jungen Frauen haben trotz ihrer Erfahrungen mit Gewalt das Bedürfnis, nach einer neuen Partnerschaft. "Ich treffe mich ab und zu mit meinen Arbeitskollegen. die sind alle ganz nett, das bringt mir immer Spaß. Aber das ist ja nichts Halbes und nichts Ganzes, weil die ja auch alle ihre Partner haben; und am Wochenende haben die natürlich dann auch keine Zeit"(A15). Die Suche nach einem neuen Partner ist aus der Situation als Alleinerziehende heraus schwierig (s.o.). "Meinen Freund, den habe ich aber auch nicht so einfach kennengelernt. Das war Zufall..." (A22).
Es wird berichtet, daß die Frauen z.T. auch die aufgegebene Partnerschaft neu beginnen. "Viele sind aber so, die gehen dann trotzdem wieder zurück. Ich hatte da eine Freundin, der Mann war Alkoholiker, die hatte dann ihre eigene Wohnung und ist trotzdem bei ihrem Mann eingezogen. Das ist doch verrückt"(A14). In einem solchen Fall ist es wahrscheinlich, daß wieder Alkohol, Streit und schließlich körperliche Gewalt die Beziehung kennzeichnen.

Die Beziehung mit einem neuen Partner könnte zu einer Entwicklung führen, wie sie eine 30jährige Alleinerziehende für sich beschreibt. Die Frau ist zweifach geschieden und hat drei Kinder im Alter von 3-9 Jahren:
"Inzwischen sind mein Freund und ich so weit, daß wir gerne zusammenziehen wollen, das wäre auch für die Kinder nicht schlecht. Der Große ist ja noch von meinem ersten Mann. Dann war ich das zweite Mal verheiratet. Der Typ ist nach fünf Wochen verschwunden, einfach abgehauen, ohne daß ich etwas geahnt hätte. Ich weiß auch nicht, wo der hin ist..." (A22).

Die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle im Stadtteil erklärt aus ihrer Erfahrung heraus derartige Entwicklungen so:
"Was auffallend ist, daß fast jede Frau, die hier schon einmal hergekommen ist, sexuell mißbraucht wurde und daß diese Frauen auch hier aus der näheren Umgebung kommen. Viele wohnen in der Vicelinstraße, Kieler Straße... Manche haben das auch noch nie jemandem zuvor erzählt. Die Hemmschwelle, sich an öffentliche Einrichtungen zu wenden ist ziemlich groß."(A23).
(Eine der Interviewten, eine junge alleinstehende Mutter, schildert einen Versuch, sie in der eigenen Wohnung mit Waffengewalt zum Geschlechtsverkehr zu zwingen.)

"Mit solchen Erfahrungen sind dann eine Menge anderer Probleme verbunden. Es ist immer wieder zu beobachten, daß solche Frauen sich ältere Männer suchen und sich von denen abhängig machen. Meistens sieht das dann so aus, daß sie schwanger werden und der Typ verschwindet. Das ist ein richtiger Teufelskreis.
Die befinden sich auch in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite lehnen sie Männer aufgrund ihrer Erfahrungen ab, andererseits suchen sie aber auch Kontakte zu Männern...Die suchen sich meistens Kontakte in der verkehrten Richtung, einen Freund, der sie weiter runterzieht. Und wenn sie wieder jemanden gefunden haben, an den sie sich ranhängen können, kommen sie aus ihrer Höhle nicht raus. Wenn der Typ dann abhaut, fangen sie wieder ganz von vorne an, haben keine Kontakte, teils sogar Ausbildungen abgebrochen usw."(A23).

"Das kann man fast schon 100%ig vorhersagen bei einigen Frauen, die sich gut entwickelt haben und selbständig geworden sind in ihrer Ausbildung, daß die sich einen Alkoholiker suchen und zwei Wochen später mit blauen Augen dasitzen. Hier wohnen viele Trinker, und man kann an jeder Ecke fast mitkriegen, daß da in der Wohnung mal irgendeine Frau verprügelt wird"(A23).

"Vielen Frauen fehlt auch die nötige Aufklärung, meine ich. Die haben häufig noch so die Vorstellung, daß sie mit einem Kind eine heile Familie schaffen können. Hier herrscht doch oft eher noch die Vorstellung, daß die Frau sich dem Mann zu beugen und für den Haushalt und die Kinder zu sorgen habe"(A23).

Die Familienszenen, die zu erwarten sind, ähneln den bereits durch die Interviewten beschriebenen. Ein Polizist: "Auch bei den ganzen Familienstreitigkeiten, wenn die sich da gegenseitig die Köppe einhauen, sieht man eigentlich nichts. Es ist bloß traurig, daß die Kinder da mittendrin sind und da hineinwachsen. Da ist die Mutter duhn, hat mit'm neuen Vater 'n neues Kind, kommt mit dem auch nicht klar usw.
Kein Wunder, daß da die Kinder vor nichts mehr Respekt haben, woher denn auch. Die hängen hier dann bis spätabends spät noch alleine auf der Straße, was sollen die sonst machen?"(A20)

Die Betroffenheit über die Gewalt in den Familien ist spürbar:
"Das kann doch nicht so weitergehen, daß das schon Normalität hier ist, daß die Frauen verprügelt werden"(A22).
Es wird nach Erklärungen für das Verhalten der Männer und nach Lösungen gesucht:
"Die Männer sind aber, glaube ich, nur hilflos...Die Männer merken das auch, daß Frauen Streß besser abkönnen, und sie wissen sich nicht besser zu wehren, weil sie genau wissen, daß die Frauen stärker sind.
In Kiel...war mal vor kurzem eine Veranstaltung von einem Verein für "Männer gegen Männergewalt", das finde ich echt toll. Die haben das zugegeben, daß sie ihre Frauen geschlagen haben. Aber die unternehmen jetzt wenigstens etwas gegen ihre Hilflosigkeit. Sowas müßte es hier auch geben"(A14).

Das Mitgefühl gilt vor allem den Frauen und Kindern:
"Ich habe aber eher das Gefühl, daß die Probleme der Frauen hier nicht so ernst genommen werden, daß man sich nicht vor Augen hält, daß diese Frauen auch die Kinder hier erziehen. Unter denen gibt es viele, die auffällig sind. Und solche extremen Erlebnisse wie sexueller Mißbrauch, die können ja von der Öffentlichkeit sonst auch gar nicht so wahrgenommen werden"(A23).


3.8 Türkische Familien

Die Türken mit ihren Kindern sind sicher die äußerlich auffälligste soziale Gruppe im Stadtteil. "Bei SK sitzen...oft die vermummten Mütter auf dem Parkplatz in den Baggerschaufeln z. B. und machen da irgendwelche Handarbeiten"(A28). "Türkenkinder und Türkenmammis gibt es hier überall"(B1). Es wird registriert, daß die Türken sehr kinderreich sind, obwohl gesehen wird, daß es auch viele deutsche Kinder gibt (B1;B2). Die Anzahl der Kinder in den türkischen Familien wird genauer benannt: "Die Familien hatten hier vor drei Jahren im Durchschnitt 4-5 Kinder. Inzwischen sind es bestimmt schon mehr"(A4).
Das Wohngebiet der türkischen Familien ist innerhalb des Stadtteils im wesentlichen auf wenige Straßen konzentriert. "Die meisten Türken wollen eben bei ihren Landsleuten wohnen. Die haben (auch) alle viele Kinder und beschweren sich deshalb nicht"(A4).
Begünstigt durch das Zusammenleben vieler türkischer Familien in einem relativ kleinen Areal haben sich Ansätze einer türkischen Infrastruktur herausgebildet. "Die Türken haben hier sogar ihre eigenen Läden, die sie präferieren. Sie haben hier alles: Türkencafe, eigene Läden und DönerKebaps" (B5). Hinzu kommen Teestuben und der Türkische Arbeiterverein. "Türken sind in Teestuben und Cafes unter sich und können hier ihre Tradition pflegen" (B1). Das Ganze hat schon Züge eines "urban village", eines Dorfes in der Stadt.

Obwohl gerade die großen türkischen Familien oft sehr beengt wohnen, scheinen sie einigermaßen damit zurechtzukommen. "Für Türken ist das enge Wohnen nicht so schlimm. Sie sind glücklich, wenn die Familie zusammen ist" (A4). Auch das enge Zusammenleben mit anderen türkischen Familien in den Mietshäusern wird positiv gesehen als "...die Möglichkeit der Unterkunft und des Zusammenseins mit Landsleuten. Weil die Familien zusammen wohnen, haben sie keine Hilfe von außen nötig"(A4). Kontakt sowie Zusammenhalt untereinander und wechselseitige Hilfe kennzeichnen diese Gruppe. "Die Familie hilft. Wir helfen uns untereinander (z. B. dolmetschen). Türkischer Arbeiterverein, Teestuben versuchen zu helfen" (B2).
Zu den anderen türkischen Familien besteht "gute Nachbarschaft. Sie sind zu mir wie Onkel und Tanten" (B3). "Türken unter sich gehen normal miteinander um" (B1). Die Jugendlichen berichten, daß ihre Freunde im Viertel wohnen und daß sie sich von Kind an kennen (B2). "Türken haben ein großes Verbundenheitsgefühl untereinander. Deshalb gehen Türken oft mit mehreren (ich mit fünf Freunden)" (B2).

Die Baufälligkeit der Häuser und der schlechte Zustand der Wohnungen dürfte zumindest für viele der Älteren auch deshalb erträglicher sein, weil sie ihren Aufenthalt in Deutschland lediglich als vorübergehend betrachten. "Die meisten wollen hier arbeiten und sparen, um dann wieder in die Türkei zurückzukehren...Von den Türken wird das Wohnen hier als vorübergehende Unterkunft gesehen, so daß die meisten Türken sich nicht richtig einrichten" (A4). Der Vorwurf der Deutschen, die Türken kümmerten sich nicht um den Zustand des Wohnumfeldes könnte unter diesem Aspekt durchaus ein Körnchen Wahrheit enthalten.
Allerdings scheinen auch einige Türken besonders die Verhältnisse in der Anscharstraße zu stören. "Die Anscharstraße ist dreckig, viel Streit, viele laute Kinder...In der Christianstraße ist das anders. Da sind Geschäfte. Da ist die Moschee und das Parkcenter. Deshalb ist es dort sauber. Dafür sorgen schon unsere Religion und der Repekt vor dem Hodscha (Geistlicher). Dieser braucht es nicht gleich anzusprechen, denn die Sauberkeit ist eine Selbstverständlichkeit. Sie wollen vermeiden, daß Deutsche über uns labern" (B2).

Die Wohnung ist für die Familie entscheidend. Hier kann man sich von der fremden Umwelt und den fremden, oft als feindselig erlebten, Deutschen zurückziehen und hat "...die Möglichkeit, mit den Landsleuten ungestört zusammen zu sein. Die Deutschen sollen nicht sehen, wie sie leben"(A4).
Das Verhältnis der älteren Türken zu den Deutschen scheint oft durch Rückzug, Mißtrauen, Unsicherheit und Vorurteile geprägt zu sein. Dies geht aus verschiedenen Bemerkungen hervor:
- "Die Eltern ziehen sich auch von den Deutschen zurück, weil sie unabhängig sein wollen und mißtrauisch sind. Meistens können sie auch nicht so gut Deutsch und sind dadurch unsicher"(A4).
- "Durch Wahlerfolge der rechten Parteien (gibt es eine) Welle der Angst, daß sie nicht bleiben können "(A4).
- "Der mangelnde Informationsfluß - besonders türkischer Schüler zu ihren Eltern - vergrößert deren Mißtrauen und Abgrenzungstendenz" (A10).
- "Und Vorurteile haben die auch. Hier war mal ein türkisches Kind verschwunden. Da saßen die hier auf der Straße in Betstellung - das war alles voll hier - und haben geschrien:"Ihr Piss-Deutschen, ihr habt unser Kind" usw. Das war vielleicht ein Spektakel. Das Kind war nach zwei Tagen wieder aufgetaucht, aber ich glaube nicht, daß das mit Deutschen was zu tun hatte"(A28).

Die latente Angst vor einer Bedrohung durch die Deutschen, die sich im letzten Beispiel zeigt, dürfte sich durch Ausländerfeindlichkeit und Gewaltakte von Skinheads in der Tendenz eher verstärken.
Im Stadtteil Gadeland gibt es eine größere Gruppe von Skins. "Meine türkische Kollegin, die wußte gar nichts davon. Die wollte ihren Sohn da einschulen lassen. Da haben alle zu ihr gesagt: "Bist du verrückt? Der kommt nicht einmal heil aus der Schule zurück"(A28). Daß solche Befürchtungen nicht völlig unbegründet sind, zeigen die brutalen Auseinandersetzungen, die auch in Neumünster bereits zwischen jungen Türken und Skins stattgefunden haben (A17).

Außer den teils latenten, teils manifesten Konflikten, die sich zwischen Deutschen und Türken zeigen, gibt es eine wichtige Konfliktlinie innerhalb der türkischen Familien selbst. Diese verläuft zwischen Jung und Alt. "Man kann schon sagen, daß der türkische Generationskonflikt groß ist"(A4).
Die meisten der Älteren kommen aus Dörfern Ost-Anatoliens (A28) und sind Moslems. Sie wollen (s.o.) irgendwann wieder aus der Fremde in die Türkei zurückkehren. Ihr Leben hier ist nur ein Zwischenleben. Unter dieser Perpektive wollen sie ihre Kinder im Sinne ihrer eigenen Sozialisation zu Türken erziehen und "...haben Angst, das ihre Kinder Deutsche werden"(A4).

In der Umgebung vorhandene institutionelle Angebote zur Förderung ihrer Kinder werden auch z.T. deswegen nicht genutzt.
"Die Eltern haben dann auch eine Sperre, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken, weil die Deutschen das (daß Türken kein Schweinefleisch essen) vielleicht nicht akzeptieren. Dazu kommt noch die Sprachbarriere und daß die normale Wartezeit im Kindergarten auf einen Platz zwei Jahre beträgt (A4). Die Deutschen interpretieren dieses Verhalten negativ:
"Viele türkische Eltern melden ihre Kinder gar nicht im Kindergarten an. Die denken wohl, daß sie das nicht brauchen. Die haben andere Vorstellungen von Erziehung" (A9).

"Wenn die türkischen Kinder dann zur Schule kommen, haben sie oft Schwierigkeiten und suchen sich woanders einen Ausgleich. Ihnen fehlt das Gefühl von Zugehörigkeit und Identität"(A4).
"Dazu kommt, daß die Eltern überfordert sind. Vielleicht mit vielen Kindern und den Gedanken an die Rückkehr und viel planen"(A4). Schulische Schwierigkeiten, Überforderung und mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern bilden den Hintergrund für das Auftreten kleinerer Delikte. "...Vor allem die 9-11 jährigen klauen. Das liegt aber auch an dem Aufforderungscharakter der großen Kaufhäuser hier...Sie leben hier aber auch insgesamt im türkischen Sinne gefährlicher"(A4).
Auf diese Delikte aber auch auf anderes auffallendes Verhalten reagieren die Eltern mit Druck:
"Die türkischen Eltern unterstützen das, glaube ich, nicht so sehr. Im Gegenteil, die schimpfen mit ihren Kindern, wenn die irgendwo auffallen" (A28). Ähnlich wie in vielen deutschen Familien des Viertels ist auch in den türkischen körperliche Bestrafung häufig zu beobachten. "Die meisten (türkischen Kinder) werden zuhause auch ständig geprügelt. Wie oft haben wir die schon getröstet. In der Vicelinschule haben sie Ärger, zuhause krähen die Mütter rum"(A27). Die deutschen Mitbewohner, in deren eigenen Familien sich ja auch häufig Gewaltszenen abspielen, registrieren Beispiele körperlicher Züchtigung bei den türkischen Nachbarn:
"Ich weiß nicht, ob sie schon einmal gesehen haben, wie Türkenmütter ihre Kinder prügeln, das ist ganz schlimm. Die nehmen auch Schuhe oder sowas oder schleifen die Mädchen tatsächlich an den Haaren hinter sich her"(A28).
"Hier ist letztens ein Kind angefahren worden auf der Straße, da kam die Mutter und war da am rumkeifen und hat das Kind ohne Hinsehen geschlagen, auch in's Gesicht"(A28).

Die traditionellen türkischen Geschlechterrollen werden auch in der deutschen Umgebung aufrechterhalten und ihre Einhaltung sozial kontrolliert. "Die üben da aufeinander wohl noch einen ziemlich großen Druck aus. Viele Eltern (Mütter)laufen ja sogar noch vermummt rum"(A28). Die Verteilung der Geschlechterrollen ist nach Beobachtungen einer Mitarbeiterin der Spieliothek mit einem unterschiedlichen Verhalten der Kinder gegnüber den beiden Elternteilen verbunden. (Die Spieliothek ist eine Freizeiteinrichtung im Viertel, die vor allem von türkischen Kindern besucht wird, s.u.).
"...dann setzen sich mal türkische Mütter vorne mit auf den Platz, um ihre Kinder zu beobachten oder um uns auf die Finger zu gucken. Die können natürlich alle kein Deutsch. Das ist auch so ein Handicap. Da kann man mal ein nettes Lächeln los lassen, aber mehr an Kontakt ist nicht drin. Aber die werden dann auch von den Kindern nicht mit einbezogen, die werden einfach links liegengelassen. Die Mütter haben bei denen ja auch keine Autorität.
Was anderes ist das bei den Vätern, die müssen mitmachen, da rennen die Kinder hin, um ihnen was zu zeigen und zu erklären. An den Müttern sind sie uninteressiert, da halten sie sich lieber an die Betreuer, wenn sie schon über 6 sind. Von daher ist es natürlich auch toll, daß wir einen männlichen türkischen Betreuer haben...Die Kinder sind zum Teil auch deshalb lieber auf der Straße, weil die türkischen Mütter ihnen nichts zu sagen haben bzw. weil sie keinen Respekt vor ihr haben und ihre Anregungen und Vorschriften nicht annehmen"(A27).

Durch die Verteilung der Geschlechterrollen und entsprechende innerfamiliäre Verhaltensmuster ergibt sich eine privilegierte Stellung der Jungen. "Für die Väter sind die Söhne ja alles. Die dürfen sogar die Mutter kommandieren"(A28). "Die türkischen Kinder werden aber ja auch schon so erzogen, daß die Jungen lernen, sich zu behaupten. Ein Junge zählt da ja mehr. Der lernt von Anfang an, sich zu wehren"(A9).
Für die Mädchen ergeben sich nach den Schilderungen deutscher Beobachter mehr Pflichten und eine selbst jüngeren Brüdern gegenüber untergeoerdnete Stellung: "Zu Hause zählt bei denen ja ein Junge mehr als ein Mädchen ...z. B. da drüben die Familie, da muß die Tochter beim Einkaufen die Taschen tragen, und der Junge geht daneben und ißt sein Eis"(A14). "Bei Geschwistern kann man das auch gut beobachten. Das 10jährige Mädchen hört da auf den 6jährigen Bruder. Darüber kann man mit den Eltern leider nicht sprechen. Das ist nun mal so für die, das macht man gar nicht zum Thema. Das für die Kinder daraus auch Schwierigkeiten hier entstehen, sehen die gar nicht"(A27).

Durch die traditionellen Geschlechterrollen, auf die hin die Kinder sozialisiert werden, ergeben sich auch nach der Feststellung eines türkischen Interviewten für die Mädchen besondere Probleme. "Viele Mädchen dürfen auch nicht zur höheren Schule gehen, obwohl sie das schaffen könnten. So gibt es noch viele Jugendliche, die beide Sprachen nur halb sprechen, vor allem Mädchen. Ein großes Problem ist natürlich die sexuelle Freiheit der Deutschen für die Eltern"(A4). Auch dies ist in erster Linie aus der Sicht der türkischen Eltern ein Problem im Hinblick auf die Mädchen, deren Kontakt mit dem anderen Geschlecht traditionell bis zur Heirat streng kontrolliert und reglementiert wird.

Bei den deutschen Mitbewohnern des Viertels, unter denen die Stellung der Frauen ja ebenfalls problematisch ist, stößt dies auf Befremden: "Irgendwie anders sind die ja schon. Und die Mädchen, die müssen ja mit 16 heiraten. Ich kannte mal eine Friseuse, die mußte mit 16 heiraten und aufhören zu arbeiten. Die dürfen ja nichts, die türkischen Frauen" (A14).
"Aber das Mädchen mit Mädchen spielen müssen, das ist noch bei fast allen so. Wenn die älter sind, so 16, werden die dann verheiratet. Meine Freundin hat sich ihren Mann allerdings selbst gesucht. Viele sind schon nicht mehr mit allem einverstanden" (A28).

Wahrscheinlich unter dem Druck der Konflikte, die in der obigen Bemerkung angedeutet werden, finden Modifikationen der traditionellen türkischen Lebensweise statt, wobei aber die Grundstrukturen der Rollenverteilung beibehalten werden. Eine Türkin berichtet:
"Nein, das ist nicht immer so, daß die Mädchen früh heiraten müssen. Sie können selbst entscheiden, ob sie so leben wollen wie ihre Eltern. Aber bei vielen, stimmt, ist die Ausbildung dann auch zuende, wenn sie heiraten. Na ja, die Eltern wollen auch wissen, wenn sie aus dem Leben gehen, daß die Frau versorgt ist"(A29).
"Z. B. war letztens das Beschneidungsfest für den Sohn meiner (türkischen) Kollegin. Die wollte aber nicht, daß das vor allen Gästen gemacht wird, wie das üblich ist. Die hat das im Krankenhaus machen lassen. Als wir dann kamen, die Gäste, hat der Junge auf einem riesigen geschmückten Bett gelegen in so'ner Art Tracht, sah echt toll aus, und hat seine Geschenke bekommen" (A28).

Mit Modifikationen dieser Art sind die Konfliktmöglichkeiten aber nicht ausgeräumt, denn die älteren Kinder und Jugendlichen beider Geschlechter finden sich zunehmend weniger mit der traditionellen Lebensweise ihrer Eltern ab. "So ab 14 Jahren fangen aber auch viele (Mädchen) an, sich zu distanzieren. Die machen sich schick, kleiden sich modisch"(A28).
"Es sind aber nicht mehr alle so. Meine Freundin, von der ich erzählt habe, die ist schon ziemlich emanzipiert"(A28).

"Die Jugendlichen sind (in den Augen der Eltern) schon wie die Deutschen und bekommen deshalb Probleme mit ihren Eltern. Sie hören zuhause nur deutsche oder amerikanische Musik z. B. Dann fühlen sich die Eltern provoziert...Dann gibt es Familienstreitigkeiten. Dann suchen sich die Jugendlichen woanders Anerkennung...Die Eltern haben dann auch Probleme mit dem Lockerlassen" (A4).
Die Jugendlichen fühlen sich besonders dort, wo Türken in größerer Zahl in quasi "dörflichen" Strukturen wohnen, immer weniger wohl. Sie weichen der Kontrolle der Älteren unter anderem dadurch aus, daß sie sich vorwiegend außerhalb des Stadtteils, vor allem im Zentrum der Stadt aufhalten. "Eltern, Kinder und Alte bleiben tagsüber im Viertel. Die Jungen sind meistens in der Stadt"(B2).
Das gespannte Verhältnis zwischen der älteren und der jüngeren Generation der Türken wird in einer Reihe von Äußerungen deutlich.
"Die sind viel zu dickköpfig, streng moslemisch. Sie leben noch in der Vergangenheit, denken noch immer wie früher in der Türkei und wollen vieles beibehalten" (B3).
"Die Älteren leben noch wie in der Türkei, beobachten die Jungen. Die Älteren erwarten Respekt und Gehorsam von den Jugendlichen. Häufig gibt es Probleme, was man tun darf oder nicht" (B2).
"Da wird viel gelabert, sind zu viele alte Leute, die bestimmen wollen. Sie sagen einem, was man zu tun hat. Sie sind noch streng moslemisch. Die Mädchen dürfen einen Freund nicht mitnehmen. Die Eltern erlauben so wenig. Ständig befehlen (sie) und beobachten, was die jungen (Türken) tun. (Ich wünsche mir) mehr Freiheiten, weniger Angst" (B3).
"Der Umgang untereinander ist oft schwierig, denn die Alten mögen alles nicht haben. Sie haben andere Ansichten" (B2).
"Die Jungen und Alten können nicht gut miteinander reden, weil die Alten uns nicht verstehen. An der Dickköpfigkeit der Alten scheitert alles. Sie haben kein Verständnis und erlauben vieles nicht" (B3).

Die türkischen Jugendlichen nehmen das Verhältnis zu ihrer deutschen Umwelt als gespannt und z. T. feindselig wahr. "Die Jugendlichen sehen auch mehr, sie nehmen besser wahr, wie mit ihnen umgegangen wird" (A4). Aber als gespannt und teilweise gegen sie stehend wird auch die türkische Umwelt gesehen.
"Wenn man da mit Freunden geht, wird gelabert. Vor allem die Alten sind hinterhältig und tratschen. Jeder kennt jeden (Tratsch). Für viele ist das problematisch. Es herrscht das Gefühl, man wird überwacht" (B2).

Die türkischen Jugendlichen fühlen sich in ihrer Suche nach Verhaltensspielraum und Identität sowohl von der deutschen als auch der türkischen Umwelt eingeengt und bedrängt. Ihr Zufluchtsort ist die Gruppe der türkischen Gleichaltrigen, in und mit der sie ein selbstbestimmtes Eigenleben zu führen und sich selbst zu behaupten versuchen. Die Gruppen entwickeln eine Eigendynamik nach innen und außen, u. a. durch größere Risikobereitschaft und Imponiergehabe. Sie geraten ihrerseits in zusätzliche Konflikte, z.B. mit Gruppen jugendlicher Deutscher wie Skinheads. Eine Konfliktspirale bildet sich (A17).
"Aber nach ihren Problemen fragt ja keiner. Die meisten (Deutschen) sehen nur, daß sie auffallen und sagen dann "Türken raus"(A4).


3.9 Erziehungsverhalten der Eltern

Wir haben uns zunächst mit den Aspekten der räumlich-mareriellen Umwelt auf der Ebene des Stadtteils beschäftigt. Dann wurde die soziale Umwelt hinsichtlich der in bezug auf sie vorgenommenen Kategorisierungen in unterschiedliche Gruppen näher betrachtet. Schließlich wandten wir uns den Familien als der wichtigsten Instanz der primären Sozialisation der Kinder zu. Die Familienstrukturen, die Probleme und Konflikte sowie der Umgang der Erwachsenen mit ihnen wurde beschrieben. Dabei wurden bereits Verhaltensmuster der Eltern im Umgang mit den Kindern in Umrissen sichtbar.
In den vorhergehenden Abschnitten wurde deutlich, daß viele Eltern vorwiegend mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, die sie nur schwer oder garnicht bewältigen. Aufgrund der häufig problematischen Familiensituation ist es wahrscheinlich, daß viele Kinder psychische Beeinträchtigungen leiden und Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Sie benötigen elterliche Beachtung und Zuwendung.
Die Verhaltensmuster der Eltern im Umgang mit ihren Kindern sollen in diesem Kapitel näher untersucht werden.

Die Mitarbeiterin eines Kindergartens skizziert die Rangreihe der Probleme, die in persönlichen Gesprächen mit den Eltern deutlich wird: "Meistens geht es aber um Probleme von Frauen, die selbst trinken oder von ihrem drogen- oder alkoholsüchtigen Mann nicht loskommen, aus verschiedensten Gründen. Damit verbunden sind dann erst Erziehungsprobleme, dann Schwierigkeiten der Kin der in der Schule und natürlich die schlechte finanzielle Situation"(A3). Entsprechend dieser Gewichtung setzen sich viele Eltern anscheinend mit den Problemen ihrer Kinder kaum oder eher oberflächlich auseinander. "Obwohl die Kinder aggressiv sind und unausgeglichen, tun die Eltern so, als ob alles in Ordnung wäre. Wenn wir sie auf Auffälligkeiten der Kinder ansprechen, kommen entweder vage, ausweichende Entgegnungen, oder sie betonen, daß sie nichts machen können, daß sie z. B. den Kindern auch schon gesagt hätten, sie sollten nicht so viele Videos ansehen"(A3).
Zwar achten die Eltern auf die äußere Erscheinung der Kinder ("alle vierzig Kinder unseres Kindergartens sind gepflegt"(A3)), andere Erziehungsaufgaben werden indes anscheinend eher vernachlässigt. "Die Eltern, überwiegend Arbeiterfamilien, in denen die Mütter nicht berufstätig sind, nehmen das auch nicht so ernst, wenn ihre Kinder nur unregelmäßig kommen und entschuldigen dies häufig mit Krankheiten der Kinder. Ich glaube, das ist aber oft nur vorgeschoben"(A3).

Mangelnde Beschäftigung der Eltern mit ihren Kindern und Vernachlässigung sind ein Thema, das von vielen der Interviewten angessprochen wird und auf alle Gruppen, Deutsche wie Türken, bezogen wird.

"Die Kinder hier, die wachsen doch relativ orientierungslos auf" (A1). Für die Kinder sollte diese Orientierung mehr von den Eltern kommen: "Ich finde, daß die Eltern sich wieder mehr mit ihren Kindern beschäftigen müssen"(A18). "Die meisten Kinder hier sind tagsüber unbeaufsichtigt. Das, finde ich, ist ein ganz großes Problem hier. Die müßten ganz gezielt auf bestimmte Dinge hingeführt werden"(A1). Die Eltern versäumen es nach diesen Kommentaren z. B., ihren Kindern ein soziales Verhalten und grundlegende Sozialtechniken zu vermitteln. "Ich finde, daß die Kinder hier doch ziemlich vernachlässigt werden, was z. B. Sozialverhalten, Haushaltsgewohnheiten, Umgang mit bestimmten Materialien angeht usw."(A6).

Dieser Vorwurf bezieht sich z. B. auf Familien, in denen beide Eltern ganztägig berufstätig sind:
"Im Hort ist das vor allem so, da sind die Kinder auch schlechter dran. Das sind die, wo beide Eltern berufstätig sind. Das ist ja auch so schön einfach, die Kinder morgens um 6.30 Uhr abzuliefern und dann in Ruhe bis 17 Uhr zu arbeiten...Solche Kinder können sich auch schlecht beschäftigen, weil die Eltern es nie gezielt mit ihnen geübt haben. Wir versuchen natürlich auch die generell steigende Aggressivität hier in den Griff zu kriegen. Aber die Kinder von Berufstätigen kommen zu kurz.
Die Eltern kommen abends abgespannt von der Arbeit und wollen in Ruhe fernsehen. Das ist schlimm"(A9).

Manche Deutsche charakterisieren mit "Vernachlässigung der Kinder" in erster Linie die türkischen Eltern:
"Mit denen hier im Haus (Türken) komme ich gut klar. Aber die haben eben andere Erziehungsmethoden. Die kümmern sich auch nicht so um ihre Kinder"(A14). "Für die türkischen Mütter sind die Kinder nicht das Problem, sondern ihr Haushalt. Die Auffälligkeiten der Kinder sehen sie nicht"(A1).
Andere jedoch relativieren die einseitige Beurteilung:
"So manche türkische Mutter hat mehr Zeit für ihre Kinder als die Deutschen, glaube ich. Obwohl die türkischen Kinder auch viel sich selbst überlassen sind und Randale machen"(A9).

Die folgende Beschreibung scheint, darauf weisen auch andere Bemerkungen der Interviewten hin, auf zahlreiche Familien im Viertel zuzutreffen:
"Da viele Eltern mit ihrer Situation, z. B. acht Kinder, überfordert sind, wollen sie ihre Ruhe haben und lassen die Kinder vor dem Bildschirm sitzen, ohne sich um die Auswahle der Filme, laute und aggressive, zu kümmern "(A10).

Während viele Eltern ihre Kinder vernachlässigen, das heißt nicht im positiven Sinn "erziehen", reagieren sie auf "störendes" Verhalten der Kinder häufig mit harter Bestrafung und Schlägen.
"Die Eltern verschlimmern das (auffällige Verhalten) noch, weil die, das gilt auch für die Deutschen hier, ihre Kinder für jedes Fehlverhalten verprügeln" (A1). "Auf der anderen Seite werden die Kinder streng erzogen und viel für kleine "Vergehen" geschlagen"(A6).
"Die (deutschen) Eltern keifen rum. Die reden prinzipiell immer im Schreiton mit ihren Kindern. Wenn sie die zum Essen oder sonstwas holen, dann schleifen sie die hinter sich her...Wenn da die Eltern mit ihren Kindern in den Laden kommen, also, die unterhalten den ganzen Laden"(A21).
"Oder die Türkenmütter, die prügeln wie Wahnsinnige auf ihre Kinder ein, auch auf die kleinen"(A28).
"Die (türkischen Kinder) kennen das gar nicht, daß man nicht sofort mit massivem Druck reagiert. Zuhause fehlt ihnen einfach auch die Zuwendung. Die suchen sie sich dann auf der Straße mit dummen Streichen" (A27).

Es zieht sich eine Linie durch die Schilderung des elterlichen Erziehungsverhaltens und der Konsequenzen: die Eltern sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, sind mit der Erziehung überfordert und wollen "ihre Ruhe" haben. Dadurch beschäftigen sie sich nicht mit ihren Kindern. Die Kinder wachsen orientierungslos auf und es fehlt ihnen die Zuwendung der Eltern. Daraus entstehen Sozialisationsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten. Auf "störendes" Verhalten reagieren die überforderten Eltern mit Strenge und Härte. Damit verschlimmern sie die Situation noch. Eine Beeinflussung des elterlichen Erzeihungsverhaltens durch außenstehende Berater, Erzieher usw. wird als äußerst schwierig empfunden: "Die Leute sind ja meistens leider ziemlich festgefahren, wenn man Erziehungshinweise geben will."(A27).

Zusammenfassende Bewertung

Unser Datenmaterial, subjektive Kommentare in Interviews, ist nicht geeignet, definitive Aussagen über Ursache-Wirkungsrelationen zu machen. Es liegt jedoch nahe, zumindest die Faktoren Erwerbslosigkeit, Alkoholprobleme, zerrüttete Familie sowie alleinerziehende Elternteile als zusammenhängendes Bündel von möglichen Ursachen für Störungen der primären Sozialisation anzusehen.
Ein zweiter Ursachenkomplex dürften die Probleme der Akkulturation sein, mit denen Kinder ausländischer Eltern im Gast- bzw. Einwanderungsland konfrontiert sind.

Arbeitslosigkeit ist häufig mit negativen psychischen und physischen Konsequenzen verknüpft. Dazu gehören im psychischen Bereich z. B. Orientierungslosigkeit, Passivität, Resignation, Selbstwertprobleme und Gefühle der Vereinsamung. Arbeitslose neigen eher zu passiv-rezeptiver (z.B. Fernsehen) als zu aktiver Freizeitgestaltung. Zum Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Alkoholkonsum bzw. anderem Suchtverhalten (Drogen, Spielsucht) gibt es bisher keine gesicherten Erkenntnisse, aber Hinweise, daß solche Zusammenhänge bei längerer Arbeitslosigkeit vorgefunden werden können. In bereits schwierigen Partnerbeziehungen kann Arbeitslosigkeit dazu beitragen, daß sich Partnerprobleme verschärfen und es zur Zerrüttung kommt. Es kann nach empirischen Untersuchungen in Arbeitslosenfamilien zu Autoritätsverschiebungen und zur Zunahme eines autoritär-aggressiven Erziehungsstils des Vaters kommen.

Starker Alkoholkonsum, der in einer ganzen Reihe von Interviews angesprochen wurde, kann u.a. mit Flucht- und Vermeidungsverhalten in schwierigen sozialen Situationen zu tun haben. Alkohol tritt an die Stelle einer aktiven Bearbeitung und Lösung von Konflikten und Problemen. Soziale Inkompetenzgefühle werden durch Alkohol überdeckt und z. T. durch kurzfristige Gefühle von persönlicher Macht und Erfolg ersetzt.

Trennung von Partnern bzw. die Aufnahme von Beziehungen zu neuen Partnern beinhalten zumeist die Neudefinition bzw. Aufgabe von Beziehungen zum engeren sozialen Umfeld (zu den Kindern, Schwiegereltern, gemeinsamen Freunden usw.), sie sind mit Bewertungen durch andere aber auch mit Bewertungen des eigenen Selbst verbunden. Die eigene Identität wird oft hinterfragt und partiell neu definiert. Bei Trennung vom Partner folgt auf eine Phase der Spannungen und Konflikte, z. T. auch der offenen Aggression, oft eine Phase der Verunsicherung und schließlich der Neuorientierung der erziehenden Eltern bzw. Elternteile, von der die Kinder betroffen sind und die sie weitgehend "erleiden" müssen.

Nach den Darstellungen in den Interviews ist es wahrscheinlich, daß für viele Kinder im Viertel die Eltern keine geeigneten Modelle für eine "positive Identität" sind. Eltern, bei denen das Selbstwertgefühl beeinträchtigt ist, die sich selbst nicht annehmen, werden ihren Kindern nur schwer das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln können. Eltern, die sozialen Problemen ausweichen bzw. mit Aggression und/oder Alkoholkonsum darauf reagieren, werden es schwer haben, bei ihren Kindern soziale Kompetenz und Problemlösefertigkeiten zu fördern.

Die dargestellten Bedingungen der primären Sozialisation machen es wahrscheinlich, daß unter den Kindern des Viertels gehäuft Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten sind. Diese Annahme wird auch durch einige im Konzeptpapier der Stadtteilschule dargestellte Fallbeispiele gestützt. Einige dieser Beispiele enthalten Schilderungen, die es nahelegen, die Therapiebedürftigkeit der entsprechenden Kinder dringend zu prüfen. Die aufgeführten Beispiele beziehen sich nach den Darstellungen im Konzeptpapier nicht auf Ausnahmen, sondern beschreiben das Durchschnittsbild in den Klassen aller Jahrgänge der Stadtteilschule.
Dringend erforderlich erscheint ein verstärktes Angebot an sozialer Hilfe, Beratung und Therapie für Eltern, Kinder und Jugendliche im Stadtteil. Lehrkräfte sind mit Aufgaben, die in Richtung Eheberatung und Therapie gehen, überfordert. Sie können sich diesen Aufgaben jedoch kaum entziehen, da kein dem großen Bedarf entsprechendes Angebot im Viertel vorhanden ist.

Die Kinder ausländischer Eltern haben, so ergeben die Äußerungen in den Interviews, besondere Schwierigkeiten, eine positive Identität aufzubauen. Sie werden mit unterschiedlichen Erwartungen z.B. der türkischen und der deutschen Umwelt konfrontiert. Hinzu kommen, auch das wird im Konzeptpapier der Vicelinschule deutlich, zum großen Teil mangelnde Deutschkenntnisse, die sich wiederum auf die schulische Leistung auswirken und zu zusätzlichen Frustrationen führen werden. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß ein Teil dieser Kinder Aggressionen entwickelt und Wege zur Erlangung eines positiven Selbstwertgefühls sucht z. B. in der Gruppe der Gleichaltrigen sucht, die wiederum zu Konflikten mit der sozialen Umwelt führen.

 


 
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