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Dienstag, 6. Dezember 2016
 
 
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster PDF Drucken E-Mail
Artikelinhalt
Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster
Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation
Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen
Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel
Anhang

Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992). Das "Vicelinviertel"- Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudíe.  

Rat für Kriminalitätsverhütung.Innenministerium Land Schleswig-Holstein 1992



 

Das "Vicelinviertel"- Ein Stadtteil in Neumünster  

  

Eine Milieustudie
für den
Rat für Kriminalitätsverhütung
Innenministerium
Land Schleswig-Holstein
1992

 

Priv.-Doz. Dr. Friedemann Prose

und Dipl.-Psych. Claudia Thürer
  

Aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Teil I: Räumlich-materielle und soziale Umwelt des Stadtteils

 

Inhalt

0. Einleitung
1. Räumlich-materielle Umwelt
1.1 Das Wohnquartier
1.2 Die Wohnungen
2. Die soziale Umwelt
2.1 Statistische Daten
2.2 Das soziale Umfeld aus der Sicht der Bewohner

0. Einleitung

Das "Vicelinviertel" liegt im Innenstadtbereich Neumünsters. Es gilt als Problemviertel. Die hier vorgelegte Studie zeichnet ein zusammenhängendes Bild dieses Stadtteils aus der subjektiven Sicht seiner Bewohner und Bewohnerinnen. Ziel der Untersuchung ist es, Problemfelder im Viertel aufzuzeigen, die in einem möglichen Zusammenhang mit auffälligem Verhalten von Kindern und Jugendlichen stehen. Die Beschreibung der Problemfelder soll Ausgangspunkt für die Entwicklung von Interventionsmaßnahmen innerhalb des Viertels sein, die der Prävention von auffälligem Verhalten dienen.
Der Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, daß die Bewohner und Bewohnerinnen des Viertels als "Experten" für die Beschreibung und Beurteilung der Lebenssituation im Stadtteil anzusehen sind. Jede Intervention muß so beschaffen sein, daß sie die Akzeptanz und möglichst auch die aktive Beteiligung der Wohnbevölkerung findet. Dazu ist eine genaue Kenntnis erforderlich, wie die Betroffenen selbst ihr räumlich-materielles und soziales Umfeld und die Verhaltensmuster verschiedener Gruppen in diesem Umfeld wahrnehmen.
Die theoretischen Grundannahmen, von denen wir ausgehen, sind sozialpsychologisch:

  • Konkretes individuelles Verhalten, auch sogenanntes auffälliges Verhalten, ist nicht allein durch die Bedingungen der räumlich-materiellen oder sozialen Umwelt determiniert. Es läßt sich auch nicht allein durch Persönlichkeitseigenschaften erklären. Entscheidend sind die Wechselwirkungen zwischen den Faktoren, d.h. zwischen Umwelt und Persönlichkeit.
  • Wechselwirkungen sind ein Prozeß, d.h. die Zeitachse muß berücksichtigt werden. Bei der Analyse des Verhaltens z. B. von Jugendlichen müssen daher die Wechselwirkungen mitbetrachtet werden, in die sie von Kindheit an einbezogen waren.
  • Das individuelle Selbst, die eigene Identität sind nicht statisch. Identität entwickelt sich im Prozeß der Wechselwirkung.
  • Die Wechselwirkungen können so beschaffen sein, daß sie die Entwicklung einer "positiven" Identität, von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen begünstigen oder behindern.
  • Individuen und auch Gruppen sind bestrebt, eine positive Identität herzustellen. Durch welche Verhaltensmuster dies versucht wird, hängt mit den Möglichkeiten und Spielräumen zusammen, den die beschriebenen Wechselwirkungen eröffnen bzw. versperren.
  • Sogenanntes "auffälliges" Verhalten kann zumindest teilweise als Versuch betrachtet werden, "positive" Identität herzustellen.

Diese Annahmen bilden den theoretischen Rahmen für die folgende Darstellung der Ergebnisse der Untersuchung. Methodisch betrachtet haben wir es mit einer qualitativen, deskriptiven Fallstudie zu tun. Als Datenbasis dienen fünfzig im Juni/Juli 1991 im Stadtteil geführte Interviews. Die halbstrukturierten Interviews wurden nach einem Leitfaden z.T. über mehrere Stunden geführt. Um auch weniger sprachgewandten Interviewten eine Hilfe zu geben, wurden während der Interviews Fotos aus dem Stadtteil vorgelegt, die auf das Viertel und seine Bewohner bezogene Kommentare stimulieren sollten.

Die Interviewleitfaden wurde orientiert an der Methode des "kognitiven Interviews" in Zusammenarbeit mit dem Autor der Studie von Dipl.-Psych. Claudia Thürer (Kiel) entwickelt. Frau Thürer führte dreißig der Interviews innerhalb des Viertels durch. Die meisten dieser Gespräche fanden in den Wohnungen der Interviewten in einer vertrauensvollen und persönlichen Atmosphäre statt. Weitere zwanzig Interviews mit dem Schwerpunkt Jugendliche und junge Erwachsene erfolgten durch eine Gruppe geschulter Interviewer (Sozialarbeiter, Psychologen) mit Scene-Kenntnis unter Leitung von Dipl.-Psych. Hans-Jörg Schlender (Neumünster). Diese Interviews fanden vorwiegend in Scene-Lokalen, Freizeiteinrichtungen etc. statt.
Die Auswahl der Interviewten erfolgte durch persönliche Ansprache durch die Interviewer sowie Weitervermittlung durch Bewohner/innen des Viertels selbst. Eine Repräsentativität für die gesamte Wohnbevölkerung des Viertels war von vornherein nicht angestrebt. Vielmehr ging es uns um möglichst intensive Gespräche mit einer Auswahl von Personen, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit, ihrer zentralen Stellung in den im Viertel vorhandenen sozialen Netzen, ihrer Wohndauer, ihrer Zugehörigkeit zur Scene etc. über eine besonders gute Milieukenntnis verfügen.
Die Altersspanne der Interviewten liegt zwischen 15 und 67 Jahren. Das Durchschnittsalter beträgt 29.7 Jahre. Acht der fünfzig Interviewten sind Ausländer. Der Anteil der Frauen beträgt 46%, der der Männer 54%.

Sprache und Sprachstile vermitteln auch Atmosphäre und konnotative Bedeutungen. Bei unserer Darstellung der Ergebnisse der Untersuchung verwenden wir daher in großem Ausmaß Originalzitate aus den Interviews. Dies entspricht auch der Zielsetzung, ein Bild der Lebensbedingungen im Viertel zu vermitteln, das den subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen der Bewohner und Bewohnerinnen entspricht (s.o.).

Der vorliegende Bericht orientiert sich in seinem Aufbau an den genannten theoretischen Grundannahmen.

 

  • Teil I enthält eine Darstellung der räumlich-materiellen und sozialen Umwelt des Stadtteils;
  • Teil II beschäftigt sich mit den Bedingungen der primären Sozialisation innerhalb dieses Umfeldes und geht im Schwerpunkt auf die Situation der Familien ein;
  • Teil III macht die konkrete räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen zum Gegenstand, d.h. ihre Spiel- und Freizeitmöglichkeiten.
  • Teil IV beschäftigt sich mit dem "problematischen" Verhalten der Kinder im Viertel, das die Vorstufe zu einer Bandbreite von "auffälligem" Verhalten sein kann. Dieses "problematische" Verhalten kann u. E. nur als Ergebnis der skizzierten Wechselwirkungen verstanden werden, d. h. ist ohne die in den Teilen I bis III dargestellten Inhalte nicht ausreichend zu verstehen.
  • Teil V geht auf das im Viertel vorhandene Potential an sozialen Konflikten im Viertel ein. Dieses Potential wird durch die in den Teilen I-IV dargestellten interdependenten Prozesse fortlaufend aufrechterhalten und in der Tendenz eher verstärkt. Das größte Konfliktpotential liegt im Verhältnis der deutschen und der türkischen Bevölkerungsgruppe.
  • Der Schluß gibt einige Empfehlungen für den Ansatzpunkt von Interventionen im Viertel. Es ist nicht Aufgabe dieses Berichtes, Lösungsansätze auszuarbeiten. Daher beziehen sich unsere Empfehlungen lediglich auf "strategische" Entscheidungen für Maßnahmen.
  • Im Anhang befindet sich eine Sammlung von konkreten Kritik- und Verbesserungspunkten, die die interviewten Bewohner und Bewohnerinnen des Viertels selbst genannt haben. Jede Intervention, die darauf abzielt, die Eigenaktivität der Bewohner zu stärken, sollte diese Vorschläge berücksichtigen und, soweit sie umsetzbar sind, aufgreifen.

Kiel, im Januar 1992

 

 

1. Räumlich-materielle Umwelt

1.1 Das Wohnquartier

Zentrale Lage
Das Wohnquartier ist im Innenstadtbereich gelegen. Die zentrale Lage, die gute Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten, Schule, Arbeitsplatz werden von den Bewohnern durchaus als positive Aspekte wahrgenommen. Das gilt besonders für diejenigen, die über keinen PKW verfügen, also Wege zu Fuß, auf dem Fahrrad bzw. mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen müssen. Günstig wird die zentrale Lage auch im Hinblick auf die Bewegungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen eingeschätzt.

 

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Mangelnde Grün- und Freiflächen
Darüberhinaus gibt es in den Interviews jedoch fast durchgängig nur negative Bewertungen des Wohnquartiers.
"Das Gesamtbild dieser Gegend (ist) schlecht" (B5). "Die Gegend hebt sich schon deutlich von anderen Stadtteilen ab. Hier gibt es keine Grünflächen, keine Spielplätze bis auf den bei der Kirche" (A27). "Die gesamte Gegend ist reizarm" (A10). Sie vermittelt das Bild einer "schmutzigen Monotonie" (A22). Das gesamte Quartier wird überwiegend mit Attributen wie vernachlässigt, dreckig, laut, trist, grau in grau, langweilig, öde und trostlos beschrieben. Mitbedingt durch das Fehlen von Grün- und Freiflächen sowie Gärten werden die Straßen, Höfe und die zu ihnen führenden, für den Stadtteil typischen, Gänge oft als eng, dunkel und unübersichtlich empfunden. Die Klage über die dichte Bebauung sowie mangelndes Grün zieht sich durch fast alle Interviews.

Kneipen und Spielhallen
Im Straßenbild fallen einige kleinere Läden, aber vor allem Kneipen, und Spielhallen auf. "Die Kneipen stechen hervor, sie entsprechen dem typischen Stadtbild" (B4). "Hier gibt's ja 'ne ganze Menge Kneipen. Also ich weiß jetzt allein schon...14 Kneipen in dieser Gegend. Das sind aber hauptsächlich so Saufkneipen"(A5). "Es gibt zu viele Spielhallen. Hier gibt es auf ein- bis eineinhalb Kilometer 3-4 Spielhallen" (B5). Zu diesem Ensemble gehört auch eine Bordell-Bar:"Aber das stört mich schon, daß da gegenüber immer die nackten Frauen in der Tür stehen, obwohl hier so viele Kinder vorbeigehen"(A27). Durch die Kneipen ist es z. T., besonders an den Wochenenden, bis in die Wohnung hinein laut (B3).

Schlechter Bauzustand
In der Bebauung herrschen mehrstöckige Mietshäuser vor, zumeist Altbauten, die sich in einem schlechten Zustand befinden. "Es gibt hier insgesamt noch viele baufällige Häuser, die nicht renoviert worden sind"(A6). "Die Häuser, davon müßten viele wirklich dringend renoviert werden. Da kann man doch keinen mehr drin wohnen lassen"(A22)."Die Häuser sind hier so gut wie alle sanierungsbedürftig"(A27).
Zum Teil wird der Zustand der Bauten sehr drastisch beschrieben: "Die Häuser sind alle alt und baufällig. Wenn die unter uns die Tür zuknallen, dann wackelt das ganze Haus, die Lampen an der Decke usw. Die Balkone sind auch total Schrott. Da ist letztens so'ne Riesenkalosche runtergekommen, einfach vom Balkon runtergeknallt"(A19).

Verkehrsbelastung
Das Wohnquartier liegt zwischen zwei großen Ausfallstraßen der Stadt, der Kieler Straße und der Christianstraße. Die Straßen innerhalb des Quartiers werden z.T. als Verbindungswege benutzt. Daraus ergibt sich ein insgesamt hohes, auch nächtliches, Verkehrsaufkommen mit entsprechenden Folgen. Über den ständigen Verkehrslärm klagen viele der Interviewten. Eine zusätzliche Lärmbelästigung geht von den Lastwagen eines im Wohnquartier ansässigen Gewerbebetriebes aus. Die Verkehrssituation wird, besonders im Hinblick auf Kinder, als sehr gefährlich angesehen. "Aber laut ist es hier und gefährlich, weil hier die Autos ganz schön durchrasen, obwohl hier so viele Kinder sind...Bei dem Verkehr hier spielen die Kinder auch noch auf der Straße. Na ja, die Leute gewöhnen sich daran. Aber eigentlich finde ich das schlimm"(A14). "...die Bekloppten...rasen da wirklich wie doof. Da rennen ja auch oft noch so ganz Lütte rum, die meisten sind bestimmt unter sechs"(A21). "Tagsüber ist das hier für die Kinder natürlich gefährlich, weil die Autos hier echt rasen. Die düsen hier in einem Wahnsinnstempo längs"(A25). Auch vom ruhenden Verkehr gehen im Stadtteil Gefährdungen aus: "Jetzt ist hier alles voller Autos, die die engen Straßen ganz schön dicht parken. Das ist auch für die vielen Kinder nicht ungefährlich, weil die ja fast nur auf der Straße spielen"(A1).
Die verkehrsreichen Straßen schneiden die Kinder des Quartiers zum einen von in der Umgebung vorhandenen Spielmöglichkeiten ab (Christianstraße) und bilden zum anderen eine besondere Gefährdung vor den zum Spielen genutzten Örtlichkeiten. "Aber wo sollen die auch hin. Der Verkehr in der Christianstraße ist viel zu stark, dahinter kommt kein Kind von dieser Seite"(A6).
"Wir haben hier (Spieliothek) schon vorne die Holzbarrieren aufstellen lassen, weil an der Kieler Straße so viel Verkehr ist. Die Kinder kommen jetzt nicht mehr so herausgeschossen, sondern sind gezwungen, abzubremsen"(A27).
Die Interviewten berichten nicht nur über Verkehrslärm und -gefährdung, sondern auch über Unfälle, die sich im Viertel bereits ereignet haben: "Da Höhe Juliusstraße sind auch schon zwei Kinder angefahren worden"(A6). "Z. B. neulich, da ist ein türkisches Mädchen übergefahren worden"(A25). "Vor einigen Monaten habe ich gesehen, wie ein Kind angefahren wurde und das ganze Gesicht voller Blut hatte. Ich dachte schon, es würde sterben"(A17). "Da war letztens ein Mann, der wollte sich wohl nur Zigaretten holen. Der lag dann nachher, nachdem er schon gesucht worden war von seiner Familie, totgefahren auf der Straße"(A25).

1.2 Die Wohnungen

Obwohl die Wohnqualität im Viertel allgemein wegen des Fehlens von Grünflächen, des schlechten Zustands der Häuser sowie der Verkehrsbelastung als schlecht bewertet wird, gibt es durchaus Unterschiede in der Beurteilung der eigenen Wohnung und in der Wohnzufriedenheit. Antworten wie "Ich wohne gut, auch wenn es von außen nicht so aussieht" (B2) sind auch gegeben worden. Die Wohnzufriedenheit variiert u. a. mit dem Zustand und der Lage des jeweiligen Hauses sowie den Vergleichsmaßstäben des Einzelnen: "Entspricht nicht meinen Ansprüchen; andere fühlen sich durchaus wohl, sie machen zumindest diesen Eindruck"(B1). "Die Wohnqualität ist normal. Mich stört nichts. Bekannte finden es auch okay" (B2).
Für manche Familien ist es entscheidend, große Räume in genügender Zahl zu haben. Anderen gelingt es, den desolaten Zustand der Umgebung dadurch auszugleichen, daß sie der Wohnung eine ihrem Geschmack entsprechende Atmosphäre verleihen. Das Wohnumfeld erhält dann u.U. im Verhältnis zur Wohnung eine weit untergeordnete Bedeutung: "Die Türken, aber auch viele deutsche Aso's (Asoziale, gemeint sind Sozialhilfeempfänder, d. Verfasser) hier denken doch: Hauptsache, in der Wohnung ist es auszuhalten"(A22), meint einer der Interviewten abwertend und erklärt damit zugleich Verschmutzungen des Wohnumfeldes durch die Bewohner selbst.

In den Interviews werden, unbeschadet der genannten Unterschiede, immer wieder krasse Beispiele für den schlechten Zustand von Wohnungen gegeben. Die schlimmsten Wohnverhältnisse scheinen demnach in den Staßen zu bestehen, in denen vorwiegend die türkischen Bewohner leben. "Das Haus da in der Anscharstraße ist ja wohl die reinste Zumutung (A6). "Was ich schon für Wohnungen gesehen habe. Besonders die Anscharstraße xx, die ist schlimm. In der Straße ballt sich ja auch das ganze türkische Volk"(A5).
In manchen Wohnungen, so wird berichtet, leben die Menschen sogar unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen. "Die haben da auch schon öfter erzählt, daß die Toilette übergelaufen ist und alles war naß und so. Da ist der Hauswirt einfach (in den Urlaub) abgehauen. Das mit dem Überlaufen und so, das war so schlimm, daß der Arzt nicht mal reingekommen ist. Da ging die Tür nicht auf. Die Polizei war auch schon mal da und hat fotografiert und das Gesundheitsamt. Da gab's auch Ratten da unten und im Hof, wo die Kinder spielen" (A8).
Derartige Zustände scheinen durchaus kein Einzelfall zu sein. Über Ungeziefer, unzureichende hygienische Bedingungen und Baufälligkeit wird wiederholt Beschwerde geführt. "Bei uns nebenan im Haus sind Kakerlaken. In der ganzen Gegend hier gibt es doch mehr Ratten und Mäuse und Ungeziefer als in den Randgebieten "(A22).
"Zum Beispiel haben die noch nicht einmal Duschmöglichkeiten oder eine anständige Toilette. Das könnte man heute eigentlich erwarten. Vor allem ist das ja auch nicht unwichtig, wenn so viele Menschen auf engem Raum wohnen und auch noch Kinder haben" (A6)."Da gibt es keine Dusche, die Toiletten werden geteilt, die sind im Treppenhaus. Das finde ich unhygienisch, wenn da noch andere raufgehen. Da sind schon seit Ewigkeiten Bauarbeiten geplant, glaube ich. Da passiert aber gar nichts"(A29). "Wir haben im Schlafzimmer schon so große Spalten in der Decke. Die machen das aber nicht. Im Kinderzimmer, da haben die das gleich gemacht. Das war vielleicht was. Da kamen nachts einfach die Steine von der Decke runter" (A8).
Das folgende Zitat enthält so etwas wie eine zusammenfassende Beschreibung der Wohnverhältnisse: "Also, es ist schon so, daß die Wohnungen teilweise in einem sehr schlechten Zustand sind. Das ist ja auch noch die alte Bausubstanz. Ich habe Wohnungen gesehen, die sehr feucht sind. Oft sind ja auch die Toiletten noch im Treppenhaus, teilweise wenigstens eine Duschmöglichkeit in die Wohnung eingebaut. Das geht aber manchmal auch soweit, daß die Anwohner dort schon das Gesundheitsamt anrufen, weil Ungeziefer im Wohnraum ist oder weil sie Einsturzgefahr befürchten. Das sind dann schon Häuser, bei denen es auch garnicht mehr lohnt, zu modernisieren. Häufig ist es aber auch so, daß die Vermieter, die meistens Privatpersonen sind, keine Reparatur- oder Modernisierungsmaßnahmen einleiten. Die können sich beim heutigen Wohnungsmarkt ja auch sicher sein, daß sie die Wohnungen auch vermieten können. Es ist schwierig, an die Privatvermieter heranzutreten"(A24).

Vor dem Hintergrund dieser Beschreibungen wird nachvollziehbar, daß der Zustand der Wohnungen als großes Problem und als belastend empfunden wird. Bewertungen wie "trostlos", "lausig", "unmenschlich" werden genannt. Statt von Wohnung wird von "Unterbringung"(A10) gesprochen.

Zusammenfassende Bewertung

In den Augen der interviewten Bewohner/innen weist das Wohnquartier zwar den Vorzug der Zentrumsnähe und der kurzen Wege auf, das Wohnumfeld wird jedoch deutlich negativ bewertet. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang das Fehlen von Grün- und Freiflächen, die relative Häufung von Kneipen und Spielhallen als fast ausschließliche "Freizeitangebote", der schmutzige, triste Eindruck und der schlechte Zustand der Häuser, der Verkehrslärm sowie die Gefärdung durch den Autoverkehr. Der Zustand der Wohnungen wird vorwiegend als Problem empfunden. Baufälligkeit sowie bedenkliche hygienische Verhältnisse, die bis zur Gesundheitsgefährdung reichen, werden benannt.

Bereits der visuelle Eindruck für sich wird als das Wohlbefinden beeinträchtigend empfunden: "Auch das optische Bild muß stimmen. Sowas geht einem sonst tierisch auf die Stimmung"(A26). Mittel- und langfristig, so zumindest die Hypothese einer Bewohnerin, hat das Ambiente schwerwiegende Auswirkungen: "Die werden hier doch alle lethargisch in dieser schmutzigen Monotonie, richtig depressiv, wenn ich mir das so überlege"(A22). Bezogen auf besonders schlechte Wohnverhältnisse in der Anscharstraße äußert ein Interviewpartner: "Kein Wunder, daß die Kinder da aggressiv sind. Da würde ich auch verrückt werden"(A6). Diese Äußerungen weisen darauf hin, daß das Wohnen im Stadtteil zumindest von einem Teil der Bewohner/innen als Streß empfunden wird. Berücksichtigt man, daß auch Verkehrslärm als Stressor zu Beeinträchtigungen des psychischen und körperlichen Wohlbefindens führen kann, so liegen im Wohnumfeld eine Reihe von Faktoren vor, die als zumindest potentiell gesundheitsgefährdend bezeichnet werden können.

Die geschilderten, auch für Außenstehende wenigstens zum größten Teil erkennbaren, Negativfaktoren werden auch durch den Vorteil der Zentrumsnähe nicht ausgeglichen. Das Gebiet ist als Wohngegend daher relativ unattraktiv. Entsprechend läßt sich in ihm nur eine relativ niedrige Miete erzielen. Der Stadtteil NORDOST ist der Stadteil mit der drittniedrigsten Miete pro m¨ unter allen Stadtteilen (Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes, 1991, S.35).
In den Stadtteil werden mithin vorwiegend diejenigen ziehen,
- die umgehend eine Wohnung benötigen;
- die sich nur eine niedrige Miete leisten können;
- die aufgrund ihrer Familiengröße und der ökonomischen Verhältnisse auf eine relativ große Wohnfläche zu einem niedrigen Preis angewiesen sind;

All diese Gruppen haben keine Freiheit der Wahl. Angesichts des Wohnraumbedarfs in Neumünster wird es sich vorwiegend um die sozial schwachen Bevölkerungsteile wie Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, Alleinerziehende handeln. Dazu kommen kinderreiche Familien mit geringem Einkommen und schlechter verdienende bzw. auf dem Wohnungsmarkt benachteiligte Ausländergruppen. Überschneidungen in den genannten Merkmalen sind wahrscheinlich. In der besonderen Situation Neumünsters ist davon auszugehen, daß z.B. auch Haftentlassene auf Wohnraum in diesem Stadtteil angewiesen sind.

Menschliches Verhalten ist eine Funktion von Person und Umwelt. Beide, Person und Umwelt,stehen in einer Beziehung der Wechselwirkung. Die Umwelt besteht sowohl aus der räumlich-materiellen als auch der sozialen Umwelt. Die räumlich-materielle Umwelt des Stadtteils, wie sie sich für die Bewohner darstellt, ist in diesem Kapitel beschrieben worden. Sie enthält Faktoren, die sich negativ auf das psychische und körperliche Wohlbefinden der Menschen auswirken können. Die besonderen Bedingungen dieser räumlich-materiellen Umwelt haben, u. a. über den Mietpreis der Wohnungen, mit großer Wahrscheinlichkeit zur Folge, daß sich auch eine ganz spezifische soziale Umwelt herausbildet. Diese soziale Umwelt ist mit Wahrscheinlichkeit relativ homogen in Bezug auf das Beschreibungsmerkmal "niedriger sozio-ökonomischer Status". Sie ist ebenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit homogen unter dem Aspekt, daß es sich um gesellschaftliche Problemgruppen handelt. Ansonsten wird sie durch eine große Heterogenität gekennzeichnet sein, die zu Gruppenbildungen und Spannungsverhältnissen zwischen den Gruppen führen kann. Es ist zu erwarten, daß neben der räumlich-materiellen Umwelt auch die soziale Umwelt Faktoren enthält, die als Stressoren wirksam werden. Durch Wechselwirkungen zwischen der räumlich-materiellen und der sozialen Umwelt kann eine Dynamik entstehen, die die negativen Auswirkungen auf die Individuen vergrößert.
Mit anderen Worten: die Bedingungen der räumlich-materiellen und der sozialen Umwelt sowie die Wechselwirkung beider untereinander lassen bei gleichzeiter Wechselwirkung mit den Individuen in dieser Umwelt eher problematische Verhaltensweisen der Individuen in diesem Stadtteil erwarten.

Wir sind bisher in unseren Schlußfolgerungen nur von der Darstellung des räumlich-materiellen Umfeldes ausgegangen. Im nächsten Kapitel soll die soziale Umwelt, wie sie subjektiv bei den Bewohnern repräsentiert ist, eingehender beschrieben werden.

2. Die soziale Umwelt

2.1 Statistische Daten
Die bisherigen Überlegungen zur Sozialstruktur des Wohnquartiers basierten auf den Merkmalen der räumlich-materiellen Umwelt. Ein Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes (Stadtplanungsamt, 1991) liefert statistische Daten, die näheren Aufschluß über die tatsächlich vorhandene Bevölkerungsstruktur geben. Das von uns betrachtete Wohnquartier ist der südliche Teil des statistischen Bezirkes NORDOST. Die im Arbeitspapier wiedergegebenen Daten beziehen sich zumeist auf den gesamten Bezirk NORDOST. Wir müssen davon ausgehen, daß einige der Merkmale des gesamten Bezirkes eine besonders starke Ausprägung im südlichen Teil haben

Hoher Ausländeranteil

  • Der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Neumünster beträgt 5% (S.11);
  • Den weitaus höchsten Ausländeranteil auf Stadtteilebene hat heute der Stadtteil NORDOST mit 16,5% (S.12);
  • Mit 980 Ausländern hat dieser Stadtteil auch in absoluten Zahlen den höchsten Wert unter allen Stadtteilen (S.12);
  • Die Statistik weist für den südlichen Bereich des Stadtteil NORDOST einen Ausländeranteil von 20,7% auf (S.31).
  • 80.3% der Ausländer im Stadtteil sind Türken, 11 % kommen aus südeuropäischen Staaten ( 8,6% Jugoslawen, 1.6% Spanier), weitere 2.5% sind Osteuropäer (1.7% Polen) (n. Tab.15, S.41).
  • Der Stadtteil NORDOST gehört zu den drei Stadtteilen mit der höchsten Zunahme der Ausländerzahlen (S.10);

Hoher Anteil an Kindern

  • Die Geburtenhäufigkeit der ausländischen Familien liegt...immer noch deutlich höher als bei deutschen Familien; entsprechend überproportional hoch ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen (S.12). Diese Aussage bezieht sich auf das gesamte Stadtgebiet.
  • Der Stadtteil NORDOST hat unter allen Neumünsteraner Stadtteilen den höchsten Anteil der 0-6 Jährigen an der Wohnbevölkerung (8.17%; eigene Berechnung nach Tab.13, S.40). Die Zahl der 0-3 Jährigen ist absolut (285) am höchsten unter allen Stadtteilen (S.40).
  • Die folgende Tabelle gibt in Prozentangaben die Altersstruktur der Innenstadtbezirke wieder. Die Werte basieren auf eigenen Berechnungen auf der Basis von Tab.13 (S.40 im Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes).

Tab.1: Altersstruktur der Innenstadtbezirke: (Prozentangaben)

 

 

Alter
  -3 -6 -10 -14 -18 -21 -27 -60 60 u.a.
01 Kern
02Nordost
03 Ost
04 Süd
05 West
06 Nordwest
3.57-
4.78*
3.30
3.68
3.60
4.14
2.19-
3.39*
2.64
2.73
2.88
2.99
2.76-
4.13*
3.22
3.39
3.77
3.54
2.30-
3.60
2.83
3.72*
2.84
3.15
2.65-
3.76
3.02
4.10*
3.58
3.25
3.96
5.15*
3.96
4.56
4.11
3.82-
13.59
16.15*
12.85-
10.98
14.47
14.02
46.07*
41.34-
41.50
44.41
41.42
45.36
22.89
17.68-
26.67*
22.43
23.32
19.75

 

 

Die Tabelle verdeutlicht, daß wir im Bezirk NORDOST die höchsten Anteile von Kindern im Alter bis zu 10 Jahren haben. Insgesamt macht diese Gruppe 12.3% der Bevölkerung im Bezirk aus. Auf Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 18 Jahren entfallen insgesamt 19,66%. Das ist der höchste Wert unter allen Stadtteilen. Innerhalb dieser Altersgruppe verteilen sich die Werte wie folgt auf die einzelnen Altersstufen:

Tab.2: Altersverteilung der 0-18-jährigen Kinder und Jugendlichen im Bezirk NORDOST

 

Alter Prozent
- 3
- 6
- 10
- 14
- 18
24.31
17.24
21.00
18.31
19.14

 

Über 60% der Kinder und Jugendlichen bis zu 18 Jahren in diesem Stadtteil sind mithin im Grundschulalter oder jünger. Besonders der Anteil an Kleinkindern im Alter bis zu drei Jahren ist sehr hoch.

Hoher Anteil an Arbeitern

  • Der Stadtteil NORDOST hat den höchsten Arbeiteranteil (55,2%) in der Stadt (S.25);
  • Kennzeichnend ist die Konzentration der Ausländer im Verarbeitenden Gewerbe mit rd. 66% (Deutsche 27,2%) (S.24);

Hoher Anteil an Erwerbslosen

  • Der Stadtteil NORDOST weist hinsichtlich der Erwerbslosigkeit (17,9%) von allen Stadtteilen den höchsten Wert auf (S.25);
  • Der Quote der Erwerbslosen beträgt 11.2% bei den deutschen, 22.3% bei den ausländischen Arbeitnehmern, ist also bei den Ausländern doppelt so hoch. Diese Zahlen sind auf die gesamte Stadt bezogen (S.24).

Hoher Anteil an Hilfeempfängern


  • Der südliche Bereich des Stadtteils NORDOST weist sowohl relativ (13.9%) als auch absolut (513) den höchsten Anteil an Hilfeempfängern unter den Einwohnern auf;

Hoher Anteil an Ledigen

  • Der Stadtteil NORDOST hat den zweithöchsten Anteil an Ledigen/Verwitweten (53.5%) unter allen Stadtteilen (S.35). Mit 46,3% ist dabei der Anteil der Ledigen unter allen Stadtteilen am höchsten (S.42). Tabelle 1 (s.o.) belegt zusätzlich zu dieser Information den hohen Anteil an jungen Erwachsenen im Stadtteil.

Hoher Anteil an Alleinerziehenden

  • 47% der deutschen Eltern von Schüler(inne)n der Vicelin-Grundschule im Viertel sind Alleinerziehende (Quelle: Konzeptpapier "Schule im Vicelinviertel",1991).

Beengte Wohnverhältnisse

  • Der Stadtteil NORDOST hat eine hohe Belegungsdichte und den höchsten Anteil unter allen Stadtteilen an Wohneinheiten mit einer Zahl der Personen, die höher ist als die Zahl der Räume (S.19).
    Hinsichtlich der durchschnittlichen Wohnfläche pro Person in den bewohnten Mietwohnungen gehört der Stadtteil NORDOST zu den drei Stadtteilen mit der geringsten Wohnfläche pro Person (28,4 m¨) (S.35);

Geringe Wohndauer

  • Neben dem Stadtteil KERN hat der Stadtteil NORDOST mit großem Abstand die geringste Wohndauer der Bevölkerung aufzuweisen. 37.2% sind drei oder weniger Jahre ansässig (S.42). Dieser Wert deutet auf eine hohe Fluktuationsrate in der Bewohnerschaft hin.

Zusammenfassende Bewertung

Der hohe Anteil an Arbeitern sowie die gleichfalls hohe Quote an Erwerbslosen und Hilfeempfängern sind Merkmale eines geringen sozioökonomischen Status der Bewohner des Stadtteils. Die oben gemachten Angaben weisen darauf hin, daß dies besonders für den ausländischen Bevölkerungsteil zutreffen wird.
Erwerbslosigkeit sowie das Angewiesensein auf Sozialhilfe weisen auf Problemgruppen hin. Das gleiche gilt für den hohen Anteil an Alleinerzeihenden, wobei unklar ist, wie groß der Anteil der Ledigen an dieser Gruppe ist.
Der hohe Kinderanteil ist wahrscheinlich stärker auf den ausländischen Teil der Bevölkerung konzentriert. Es ist zu vermuten, daß der niedrige sozioökonomische Status und die Kinderzahl zu beengten Wohnverhältnissen besonders bei dieser Bevölkerungsgruppe führt.
Alle diese Merkmale weisen den Stadtteil als soziales Problemgebiet aus. Die geringe Wohndauer und die damit verbundene hohe Fluktuation dürften auf den Wunsch zurückzuführen sein, dieses Problemgebiet sobald als möglich wieder zu verlassen.

2.2 Das soziale Umfeld aus der Sicht der Bewohner

Die statistischen Daten sind neutral. Die Beschreibungen, die die Bewohner in den Interviews von ihrem sozialen Umfeld geben, enthalten auch Bewertungen und gefühlsmäßige Stellungnahmen gegenüber den wahrgenommenen Bevölkerungsgruppen. Diese affektiven Komponenten geben zugleich Aufschluß über Konfliktpotentiale und die Dynamik der sozialen Umwelt.

Türken
Die soziale Gruppe, die in den Interviews am häufigsten erwähnt wird, sind die Ausländer, d.h. die Türken. Sie werden in einem Zusammenhang mit Unterschichtzugehörigkeit, Armut und Kinderreichtum genannt. Der Anteil von Deutschen und Türken und die Konzentration der Ausländer in bestimmten Bereichen werden erwähnt.
"Ausländer wohnen da. Viele Türken, aber auch Jugoslawen" (B2). "Ausländer. Vor allem Türken mit großen Familien (wohnen hier)"(B1).
"Insgesamt ist das Gebiet ja eine Unterschichtsgegend, deshalb wohnen da wohl auch so viele Türken in den Hinterhäusern"(A27). "Hier gibt es ganz verschiedene Anwohner, genauso wie in anderen Stadtteilen auch. In meinem Bezirk, würde ich sagen, halten sich Deutsche und Ausländer so ungefähr die Waage. In der Anscharstraße sieht das wohl schon anders aus"(A24).
"Türken, eine Menge Arbeitslose, viele Asels. Die treffe ich immer bei SK...viel junge türkische und deutsche Familien mit wenig Geld aber vielen Kindern" (damit sind die Asels gemeint) (B20).

Altansässige Wohnbevölkerung
Der Teil der deutschen Bevölkerung, der seit vielen Jahren im Stadtteil lebt, spielt bei der Darstellung des sozialen Umfeldes kaum eine größere Rolle, wird jedoch neben anderen Gruppen erwähnt.
"Daneben gibt es vor allem alte Deutsche" (B3).
"Es gibt aber auch noch ältere Menschen, die hier schon seit Jahrzehnten leben" (A24). "Viele Alte, die schon seit ewiger Zeit hier wohnen" (B6).

Arme, kinderreiche Familien
Deutsche Familien mit wenig Geld und vielen Kindern wurden bereits erwähnt. Sie sind neben den Türken die zweite Gruppe, die in der Beschreibung des sozialen Umfeldes hervorgehoben wird. Fast mehr noch als bei den Türken wird bei ihnen die Armut und der niedrige soziale Status betont.
"Das gilt ja hier nicht nur für die vielen Ausländer, daß die kinderreich sind"(A23).
"Die Häufung von kinderreichen Familien - oder unvollständigen - mit wenig Geld"(A10).
"Sonst (außer Ausländern): arme Leute mit vielen Kindern. Familien mit niedriger Sozialstruktur. Die meisten haben wenig Geld, dabei häufig viele Kinder"(B3).
"Den meisten geht es schlecht. Haben wenig Geld und viele Kinder" (B7).
"Auf jeden Fall viele Ausländer, klar. Auch sonst viele kinderreiche Familien. Früher waren in der Niebüller Straße Obdachlose untergebracht auch mit Kindern...Das ist dann aufgelöst worden. Aber die sind natürlich alle in dieser billigen, schlechten Wohngegend hängengeblieben...Viele Arbeitslose und Trinker sammeln sich hier"(A27).

Sozialhilfeempfänger
Insgesamt wird bei der Beschreibung des deutschen Anteils immer wieder das "niedrige Einkommen"(B6) erwähnt. Die Gruppe der Sozialhilfeempfänger wird in diesem Zusammenhang sehr häufig genannt. Der Kontext, in dem dies geschieht, hat oft eine abwertende Tendenz. So werden Sozialhilfeempfänger z. B. in die Nähe von Asozialen gerückt.
"Deutsche mit niedrigem Einkommen" (B6).
"Außerdem finden Sozialhilfeempfänger hier Wohnungen, weil die Vermieter denken: die Sozi zahlt wenigstens die Miete regelmäßig" (A22).
"Ein Drittel der Eltern, deren Kinder auf die Vicelinschule gehen, sind Sozialhilfeempfänger. Das ist doch eine erschreckend hohe Zahl, allerdings von 1989" (A20).
"Das meiste sind hier wirklich Sozialfälle"(A26).
"Hier wohnen vor allem die Sozialhilfeempfänger, zerrüttete Familien und Ausländer, und viele Kinder natürlich"(A29).
"...daß sich dort sehr viele Sozialhilfeempfänger und zerrüttete Familien sammeln"(A16).
"Inzwischen wohnen hier eben viele Sozialhilfeempfänger, man will ja nicht sagen die unterste Schicht, aber...Es gibt hier viele Geschiedene, viele Arbeitslose, viele Kinder"(A20).
"Hauptsächlich asoziale Deutsche, also Sozialhilfeempfänger, und Türken. Das sind hier alles so schräge Vögel (Sohn: heiße Gestalten)"(A2).
Hauptsächlich Sozialhilfeempfänger, Tätowierte, Knastis, Säufer und Ausländer. Die häufen sich hier."(A22).

Arbeitslose
Auch für diese Gruppe findet sich in den Äußerungen eine eher abwertende Tendenz.
"Von den Deutschen wohnen hier auch viele Chaoten und viele Arbeitslose. Die meisten sind aber wohl harmlose Leute, Familien mit einem Verdiener und mehreren Kindern. Bloß daß die nichts zu tun haben. Dann sieht man hier auf der Straße schon manchmal recht finstere Gestalten"(A6).
"Eigentlich kann man sagen, wohnen hier Arbeitslose, Drogenabhängige und Sozialhilfeempfänger...Und Zigeuner haben wir viele"(A2).
"Hauptsächlich wohnt hier das arme Gesocks, kaputte Familien, Arbeitslose, Säufer, Asoziale, Verrückte. Sag ich ja, die sind hier alle auf einem Haufen"(A21).

Zerrüttete und unvollständige Familien
Als charakteristisch für das soziale Umfeld werden, das klang ja in den vorhergehenden Beschreibungen schon durch, auch Familien angesehen, die zerrüttet oder unvollständig sind.
Dazu gehören z. B. Familien, in denen "Vater und Stiefmutter, Mutter und Freund usw." zusammenleben, oder in denen "die Mutter abgehauen" (B7) ist.
"Hier sind auch viele Geschiedene, glaube ich, die schnell eine Wohnung suchten. Die Wohnungen sind hier billiger als in den schönen Gegenden von Neumünster"(A29).
"Die meisten wohnen sicherlich nur in der Gegend, weil sie schnell eine Wohnung brauchten, z. B. Frauen, die sich von ihrem Mann getrennt haben, und weil dort die Mieten eben doch vergleichsweis preiswert sind"(A24).
"Was man, und das ist ja eine neutrale Aussage, sagen kann, daß hier viele Menschen leben, die finanzielle Schwierigkeiten haben. Da sind Alleinerziehende dabei, Kranke, alles eigentlich" (A24).

Randgruppen
In vielen Beschreibungen des sozialen Umfeldes treten Charakterisierungen auf, die Mitbewohner des Stadtteils als asozial und zumindest potentiell straffällig erscheinen lassen. Von Asozialen, schrägen oder finsteren Gestalten, Tätowierten und Knastis war bereits in den Zitaten aus den Interviews die Rede. Auch die erwähnten "Zigeuner" werden in einem Zusammenhang mit Messerstecherei, Diebstahl, Hehlerei und Drogenhandel erwähnt. Drogenabhängige wurden als Bewohner des Stadtteils genannt. In diese generelle Richtung gehen auch mehr oder weniger deutlich die folgenden Äußerungen:
"Ansonsten eben Prolos, Leute denen es finanziell schlecht geht und die keine Erziehung genossen haben...Neumünster hat ansonsten sicherlich darunter zu leiden, daß es hier so geballte Einrichtungen soziale Einrichtungen gibt. Jugendheime, Erziehungsheime mit vielen Kindern aus Berlin und eben den Knast. Die machen hier ja auch nicht Zwischenstation, sondern knüpfen Kontakte und bleiben dann hier hängen"(A26).
"Schlimmer sind die ganzen Männer, die hier wohnen. Entweder kommen die aus'm Knast oder sie müßten eigentlich rein"(A30).
"Hier sammelt sich aber auch die Schwerstkriminalität"(A16).

Zusammenfassende Bewertung

Die sich aus den statistischen Daten ergebende Bevölkerungsstruktur des Stadtteils spiegelt sich weitgehend auch in dem subjektiven Bild wieder, das die Bewohner von der Struktur ihrer sozialen Umwelt haben. Der hohe Anteil an Ausländern, Kindern, Erwerbslosen und Hilfeempfängern findet seinen Niederschlag in den Kategorisierungen, die die Bewohner benutzen. Es werden aber auch Gruppen als charakteristisch für den Stadtteil benannt, die so nicht in der Statistik auftauchten, wie z.B. die als asozial oder potentiell straffällig empfundenen Randgruppen. Es ist auffällig, daß "Durchschnittsbürger und -familien" kaum Erwäh nung finden. Erwerbstätige und auch die ledigen jungen Erwachsenen tauchen als eigenständige Kategorie kaum auf.

Zu der negativen Bewertung der räumlich-materiellen Umwelt gesellt sich das Bild einer sozialen Umwelt, die in erster Linie aus Problemgruppen besteht. In bezug auf diese Gruppen besteht die Tendenz der Distanzierung und Abwertung. Sie werden z. T. als bedrohlich erlebt. Kehren wir zu dem Anfangs dargestellten Modell zurück, wonach individuelles Verhalten eine Funktion der Person und der (räumlich-materiellen und sozialen) Umwelt sowie der Wechselwirkungen zwischen diesen Elementen ist. Weder die räumlich-materielle noch die soziale Umwelt lassen nach der bisherigen Beschreibung einen positiven Effekt erwarten.

In den Interviews finden sich zahlreiche Hinweise darauf, daß die Wechselwirkung zwischen der desolaten, tristen, lauten räumlich-materiellen Umwelt und den Gruppen der sozialen Umwelt sowie die Wechselwirkung der sozialen Gruppen untereinander die Gesamtsituation im Stadtteil weiter verschlimmern. Das Bild, daß insgesamt in den Interviews deutlich wird, ist sehr differenziert. Hier soll ein stark vereinfachtes "typisches" Wahrnehmungsmuster dargestellt werden, daß in einer Reihe von Interviews erkennbar wird:
Müll und Unrat in den Höfen, Glasscherben und Bierdosen auf den Spielplätzen machen eine ohnehin graue Umwelt noch dreckiger. Drastisch wird es so formuliert: "Hier kacken überall die großen Hunde von den armen Schweinen rum, da ist auch keine Ausnahme auf den Spielplätzen oder sonstwo, wo Kinder sind" (A22). Der ohnehin laute Stadtteil erhält durch grölende Betrunkene, Streitereien,laute Musik und zahlreiche auf den Straßen spielende Kinder eine zusätzliche Lärmbelastung usw..
Die sozialen Gruppen isolieren sich entweder oder entwickeln Animositäten bzw. verschärfen bereits vorhandene. Die Gruppe, die durch Kleidung, Haarfarbe ("Die Schwarzhaarigen") usw. am eindeutigsten zu kategorisieren ist, die Türken, wird als Hauptverursacher von Schmutz, Unordnung und Lärm verantwortlich gemacht. Abneigung gegen Ausländer bis zur Ausländerfeindlichkeit zeigen sich mehr oder weniger unverhohlen, zumeist nach dem Muster: "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber...". Unordnung und Lärm werden vordergründig vorgebracht, dahinter stehen z. T. schwerwiegendere Ängste und Vorurteile:
"Es ist schon eine recht große Tendenz zur Abgrenzung vorhanden. Vor allem die Erwachsenen haben Vorurteile, von beiden Seiten. Mehr noch vielleicht die Deutschen dahingehend, daß die Ausländer ihnen die Arbeit und Wohnungen wegnehmen. Die Menschen, selbst wenn sie Tür an Tür wohnen, kennen sich kaum, sie solidarisieren sich leider nicht miteinander."(A24).
"..Die Ablehnung gegenüber den Türken kommt auch nicht aus der Mittelschicht, die kommt aus der Unterschicht. Das sind die Leute, die sich von der "ausländischen Unterschicht" abgrenzen wollen und sagen, daß die Türken ihnen die Arbeit wegnehmen"(A27).
"Das eigentliche Problem dabei ist das Bedürfnis nach Abgrenzung, das sie alle haben. gerade die Unterschicht will sich besser fühlen als die Ausländer"(A27).

Aus der Entfernung, von anderen Einwohnern der Stadt, werden die räumlich-materielle und die soziale Umwelt des Stadtteils zu einem Gesamtimage verschmolzen. Der Stadtteil wird als Slum oder Ghetto gesehen. Auch hier wird die äußerlich am deutlichsten erkennbare Bewohnergruppe zum Symbol für das Ganze: der Stadtteil wird z.B. "Klein Istanbul" oder "Klein Anatolien" genannt.
Auch als Reaktion auf dieses Image und die Etikettierung empfinden besonders eine Reihe von deutschen Bewohnern des Stadtteils es als "peinlich", dort zu wohnen. Nach außen hin geben sie nicht gerne an, wo sie wohnen, nach innen hin verstärkt sich die negative Besetzung der räumlich-materiellen und sozialen Umwelt usw.
Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, daß in den Interviews so gut wie keine Anzeichen für eine positive Identifikation der Bewohner mit dem Stadtteil zu finden sind.

Wie sich das individuelle Verhalten in dieser Umwelt entwickelt, hängt jedoch von einer weiteren Komponente ab, der einzelnen Person bzw. dem Selbstkonzept und dem Selbstwert der Einzelperson. Um hier näheren Aufschluß zu erhalten, gehen wir von der Makroperspektive des Wohnumfeldes bzw. der sozialen Kategorien und Gruppierungen im nächsten Kapitel über zu einer Beschreibung der Situation in den Familien. Die Familie ist die wichtigste Instanz der primären Sozialisation und damit ein entscheidender Faktor in der Entwicklung des Selbstkonzeptes und des Selbstwertes der Kinder und Jugendlichen, an die sich etwaige Präventionsmaßnahmen richten.



 
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