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Donnerstag, 22. Juni 2017
 
 
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Artikelinhalt
Kommunale Akteure und Soziale Netze
2.0 Modelle individuellen Handelns
3.0 Ein sozialpsychologisches Rahmenmodell des Umwelthandelns
3.2 Soziale Netze
3.3 Multi-Akteurs-System
4.0 Netzwerkdynamik und Lernen
Literatur

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Prose, Friedemann; Engellandt, Carola  & Bendrien, Jörg (2000). Kommunale Akteure und Soziale Netze. Ein sozialpsychologisches Rahmenmodell zur Analyse kommunalen Klimaschutzes.

Manuskript 29.02.2000:Projekt Klimaschutz - Institut für Psychologie Christian-Albrechts-Universität Kiel

Endfassung veröffentlicht in: Böde,U. und Gruber, E. (Hrg.), 2000, Klimaschutz als sozialer Prozess. Erfolgsfaktoren für die Umsetzung auf kommunaler Ebene. Heidelberg: Physica. 

Kommunaler Klimaschutz und Psychologie

Gliederung:

1.0 Zum Verhältnis von Praxis und Theorie im Klimaschutz

2.0 Modelle individuellen Handelns

3.0 Ein sozialpsychologisches Rahmenmodell des Umwelthandelns

    3.1 Phasenmodell des Umwelthandelns

    3.2 Soziale Netze
        3.2.1 Individuelles und kollektives Handeln im Klimaschutz
        3.2.2 Zentrale Merkmale sozialer Netze

    3.3 Das Multi-Akteurs-System
        3.3.1 Das Zielgruppen-System
        3.3.2 Das Promotoren-System
        3.3.3 Das Unterstützungssystem

4.0 Netzwerkdynamik und Lernen

Literatur

 

 

1.0 Zum Verhältnis von Praxis und Theorie im Klimaschutz

Trotz eines hohen Stellenwerts des Problems Klimaschutz und des relativ weit verbreiteten Problembewusstseins bestehen große Lücken bei der Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen. Die zentralen Leitfragen, auf die in diesem Artikel nacheinander eingegangen wird, sind: Wie können Akteure für den Klimaschutz motiviert werden? Wie kann der Klimaschutz insgesamt auf eine breitere Basis gestellt werden? Wie können Klimaschutzprozesse dauerhaft angelegt werden?

Grundsätzlich kann die Unterstützung von Klimaschutzprozessen an zwei Punkten ansetzen. Zum einen können sich Veränderungen in den wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen positiv auf die Handlungsbereitschaft auswirken und somit den Einstieg in Klimaschutzprozesse erleichtern. Maßnahmen können jedoch andererseits auch direkt an der Handlungsebene ansetzen, d.h. bei den am Klimaschutzprozess beteiligten Akteuren. Die systematische Betrachtung von Fallbeispielen kommunalen Klimaschutzes und die Betrachtungsweise nicht nur als technischer sondern auch als sozialer Innovationsprozess bilden die Basis für das im Folgenden dargestellte Modell, mit dem explizit die oben aufgeworfenen Fragen beantwortet werden sollen.

Das hier vorgestellte sozialpsychologische Rahmenmodell des Umwelthandelns verbindet verschiedene theoretische Perspektiven und ergänzt bestehende individuelle Handlungsmodelle, die gegenwärtig zur Erklärung von Klimaschutzprozessen herangezogen werden. Zum besseren Verständnis werden zunächst diese individuellen Handlungsmodelle skizziert. Die Darstellung des Rahmenmodells erfolgt daran anschließend in drei Teilen. Zunächst wird auf den motivationalen Aspekt eingegangen, indem das Klimaschutzhandeln als Prozess aufeinander folgender und sich bedingender Phasen beschrieben wird (Phasenmodell). Diese Phasen beschreiben sowohl das Handeln einzelner Akteure als auch das Handeln auf der Ebene von Gruppen oder Organisationen. Der Abschnitt soziale Netze hat die soziale Mitbeeinflussung individuellen Umwelthandelns und die resultierenden Wechselwirkungsprozesse zum Gegenstand. Drittens werden die beteiligten Akteure in Klimaschutzprozessen differenziert und im Hinblick auf ihre Funktionen analysiert (Multi-Akteurs-System). Im Schlussabschnitt wird dann auf die Frage der Dauerhaftigkeit von Veränderungsprozessen eingegangen und das Klimaschutznetz als lernendes System dargestellt.

Zunächst soll jedoch kurz auf die Frage eingegangen werden, welchen Stellenwert und Nutzen der zu Grunde liegende Forschungsansatz und das resultierende Rahmenmodell haben. Der Sozialpsychologe Kurt Lewin (1975), vertritt die These, dass eine gute Theorie die beste Praxis sei und betont damit die Bedeutung von wissenschaftlichen Theorien für die Umsetzung. In Anlehnung daran wird hier davon ausgegangen, dass umgekehrt auch best practice Ansätze für eine gute Theorie und angemessene Modelle zur Förderung des Klimaschutzes liefert. Die Erarbeitung anschlussfähiger Modelle, Theorien und Methoden wird entsprechend als eine wichtige gemeinsame Aufgabe von Wissenschaft und Praxis auf dem Weg zur Bewältigung komplexer Umweltprobleme angesehen. Die Übernahme neuer Verhaltensmuster und Denkweisen, also von Innovationen, soll letztlich ermöglicht und erleichtert werden, indem versucht wird, eine Brücke zwischen theoretischen Konzepten und Modellen und der Umsetzung in der Praxis zu schlagen. Auf dieser Basis bieten sich verschiedene strategische Ansatzpunkte für gezielte Betrachtungen und Veränderungen von Klimaschutzprozessen an:

Innovationen verbreiten sich über Beispiele und Kommunikation in sozialen Netzen (Rogers, 1995). Praxisbeispiele sind jedoch in der Regel sehr spezifisch und im Falle des kommunalen Klimaschutzes sehr heterogen. Dagegen liefert eine systematische Betrachtung und Darstellung von umsetzungsfördernden Faktoren verschiedener erfolgreicher Fallbeispiele Kriterien, die eine Vergleichbarkeit von Einzelfällen ermöglichen. Darüber hinaus macht eine gezielte Nutzung bzw. der Ausbau von Kommunikationssystemen die Reproduzierbarkeit und Verbreitung von Erfolgsbeispielen wahrscheinlicher.

Über die Multiplikation von best practice-Beispielen hinaus müssen Klimaschutzmaßnahmen vielfach optimiert und neu konstruiert werden. Die systematische Betrachtung der umsetzungsfördernden Faktoren kann als Basis für eine Ableitung von Regeln dienen, die über den Einzelfall hinaus verallgemeinert werden können und eine Optimierung und Neukonstruktion erleichtern. Unter Heranziehung weiterer Informationsquellen (z.B. aus der Umweltforschung) können weiterführend Konzepte und Modelle bis hin zu einem empirisch belegten, theoretischen Rahmen entwickelt werden, die eine begründete und argumentativ nachvollziehbare Struktur für die Entwicklung, Umsetzung und Erfolgskontrolle (Evaluation) kommunaler Klimaschutzmaßnahmen liefern.

Die Wissenschaft kann zu einer wichtigen zusätzlichen Ressource für den kommunalen Klimaschutz werden und Werkzeuge beisteuern, deren Wirkung sowohl theoretisch begründet als auch empirisch belegt sind. Ein experimentelles Vorgehen in diesem Sinne bedeutet nicht Künstlichkeit und Praxisferne, sondern die systematische, kontrollierte und theoriegeleitete Einführung von Klimaschutzmaßnahmen, so dass Ergebnisse möglichst genau erfasst und Aussagen über Ursache-Wirkung-Beziehungen möglich werden.

Kommunaler Klimaschutz ist eine kollektive Aufgabe, die eine Zusammenarbeit möglichst vieler und unterschiedlicher Akteure erfordert. Durch den Auf- und Ausbau von Kooperation und neuen Koalitionen kann eine gezielte Erschließung zusätzlicher Teilnehmer erreicht werden, die wechselseitigen individuellen und gemeinschaftlichen Nutzen aus der Teilnahme ziehen. Anschlussfähige Handlungskonzepte und eine gemeinsame Kommunikationsbasis erleichtern die Koalitionen zwischen den oftmals sehr unterschiedlichen Teilnehmern z.B. aus Wirtschaft, Verwaltung, Politik oder Haushalten. Das hier vorgestellte Rahmenmodell soll als Brückenkonzept in diesem Sinne verstanden werden, das verschiedenen Akteuren erleichtern soll, ihre eigene Perspektive in derartigen Koalitionen verständlich zu machen, die Perspektive anderer zu verstehen und gemeinsame Handlungsrahmen für den vernetzten kommunalen Klimaschutz zu entwickeln.

In dem - diesem Buch zugrundeliegenden - Forschungsprojekt wurden von dem interdisziplinär zusammengesetzten Forscherteam verschiedene Fallbeispiele und Akteure untersucht, wobei auch eigene Umsetzungskonzepte entwickelt und angewandt wurden. Das Neue in dem resultierenden und hier vorgestellten Rahmenmodell wird für Praktiker bzw. Wissenschaftler unterschiedlicher Herkunft sicher auch in jeweils anderen Punkten liegen. Notwendig erscheint jedoch die sozialpsychologische Perspektive, die in die interdisziplinäre Problemsicht eingebracht wird. Intradisziplinär, d.h. hier im Rahmen der Psychologie, werden vorwiegend auf individuelle Akteure bezogene Modelle zur Erklärung von (Umwelt-)Verhalten durch eine verstärkte Berücksichtigung verschiedener Akteursgruppen und interpersonaler Wechselwirkungen, d.h. der Kommunikation und Interaktion ergänzt (vgl. Abschnitt 2). Zusammenfassend und als Orientierungshilfe sollen hier die vier theoretisch und empirisch gestützten Grundsätze, die der Modellentwicklung zu Grunde lagen, vorgestellt werden:

 

•A.    Klimaschutz ist als Handlung der Akteure zu verstehen, die über eine Reihe von Phasen und Entscheidungspunkten entlang einer Zeitachse aufgebaut wird.

•B.     Klimaschutz ist ein Sozialer Prozess, der sich über die Kommunikation und Interaktion von Akteuren innerhalb sozialer Netze entwickelt.

•C.     Klimaschutz muss verschiedene Akteursebenen und Zielgruppen berücksichtigen, für die jeweils unterschiedliche Ausgangslagen, Funktionen, Motivationen usw. bestehen.

•D.    Systematischer Klimaschutz ist ein Lernprozess sowohl in Bezug auf die beteiligten Akteure als auch in Bezug auf ihre Netzwerke. Lernende Netze können sich zu einer Gemeinschaft (community) mit geteilten Zielen und Normen als soziales Kapital fortentwickeln.

(Die in den fortlaufenden Text eingefügten weiteren Kästen enthalten Spezifizierungen der Punkte A-D).




 
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