Das "Vicelinviertel" - Ein Stadtteil in Neumünster

Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992). Das "Vicelinviertel"- Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudíe.  

Rat für Kriminalitätsverhütung.Innenministerium Land Schleswig-Holstein 1992



 

Das "Vicelinviertel"- Ein Stadtteil in Neumünster  

  

Eine Milieustudie
für den
Rat für Kriminalitätsverhütung
Innenministerium
Land Schleswig-Holstein
1992

 

Priv.-Doz. Dr. Friedemann Prose

und Dipl.-Psych. Claudia Thürer
  

Aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Teil I: Räumlich-materielle und soziale Umwelt des Stadtteils

 

Inhalt

0. Einleitung
1. Räumlich-materielle Umwelt
1.1 Das Wohnquartier
1.2 Die Wohnungen
2. Die soziale Umwelt
2.1 Statistische Daten
2.2 Das soziale Umfeld aus der Sicht der Bewohner

0. Einleitung

Das "Vicelinviertel" liegt im Innenstadtbereich Neumünsters. Es gilt als Problemviertel. Die hier vorgelegte Studie zeichnet ein zusammenhängendes Bild dieses Stadtteils aus der subjektiven Sicht seiner Bewohner und Bewohnerinnen. Ziel der Untersuchung ist es, Problemfelder im Viertel aufzuzeigen, die in einem möglichen Zusammenhang mit auffälligem Verhalten von Kindern und Jugendlichen stehen. Die Beschreibung der Problemfelder soll Ausgangspunkt für die Entwicklung von Interventionsmaßnahmen innerhalb des Viertels sein, die der Prävention von auffälligem Verhalten dienen.
Der Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, daß die Bewohner und Bewohnerinnen des Viertels als "Experten" für die Beschreibung und Beurteilung der Lebenssituation im Stadtteil anzusehen sind. Jede Intervention muß so beschaffen sein, daß sie die Akzeptanz und möglichst auch die aktive Beteiligung der Wohnbevölkerung findet. Dazu ist eine genaue Kenntnis erforderlich, wie die Betroffenen selbst ihr räumlich-materielles und soziales Umfeld und die Verhaltensmuster verschiedener Gruppen in diesem Umfeld wahrnehmen.
Die theoretischen Grundannahmen, von denen wir ausgehen, sind sozialpsychologisch:

  • Konkretes individuelles Verhalten, auch sogenanntes auffälliges Verhalten, ist nicht allein durch die Bedingungen der räumlich-materiellen oder sozialen Umwelt determiniert. Es läßt sich auch nicht allein durch Persönlichkeitseigenschaften erklären. Entscheidend sind die Wechselwirkungen zwischen den Faktoren, d.h. zwischen Umwelt und Persönlichkeit.
  • Wechselwirkungen sind ein Prozeß, d.h. die Zeitachse muß berücksichtigt werden. Bei der Analyse des Verhaltens z. B. von Jugendlichen müssen daher die Wechselwirkungen mitbetrachtet werden, in die sie von Kindheit an einbezogen waren.
  • Das individuelle Selbst, die eigene Identität sind nicht statisch. Identität entwickelt sich im Prozeß der Wechselwirkung.
  • Die Wechselwirkungen können so beschaffen sein, daß sie die Entwicklung einer "positiven" Identität, von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen begünstigen oder behindern.
  • Individuen und auch Gruppen sind bestrebt, eine positive Identität herzustellen. Durch welche Verhaltensmuster dies versucht wird, hängt mit den Möglichkeiten und Spielräumen zusammen, den die beschriebenen Wechselwirkungen eröffnen bzw. versperren.
  • Sogenanntes "auffälliges" Verhalten kann zumindest teilweise als Versuch betrachtet werden, "positive" Identität herzustellen.

Diese Annahmen bilden den theoretischen Rahmen für die folgende Darstellung der Ergebnisse der Untersuchung. Methodisch betrachtet haben wir es mit einer qualitativen, deskriptiven Fallstudie zu tun. Als Datenbasis dienen fünfzig im Juni/Juli 1991 im Stadtteil geführte Interviews. Die halbstrukturierten Interviews wurden nach einem Leitfaden z.T. über mehrere Stunden geführt. Um auch weniger sprachgewandten Interviewten eine Hilfe zu geben, wurden während der Interviews Fotos aus dem Stadtteil vorgelegt, die auf das Viertel und seine Bewohner bezogene Kommentare stimulieren sollten.

Die Interviewleitfaden wurde orientiert an der Methode des "kognitiven Interviews" in Zusammenarbeit mit dem Autor der Studie von Dipl.-Psych. Claudia Thürer (Kiel) entwickelt. Frau Thürer führte dreißig der Interviews innerhalb des Viertels durch. Die meisten dieser Gespräche fanden in den Wohnungen der Interviewten in einer vertrauensvollen und persönlichen Atmosphäre statt. Weitere zwanzig Interviews mit dem Schwerpunkt Jugendliche und junge Erwachsene erfolgten durch eine Gruppe geschulter Interviewer (Sozialarbeiter, Psychologen) mit Scene-Kenntnis unter Leitung von Dipl.-Psych. Hans-Jörg Schlender (Neumünster). Diese Interviews fanden vorwiegend in Scene-Lokalen, Freizeiteinrichtungen etc. statt.
Die Auswahl der Interviewten erfolgte durch persönliche Ansprache durch die Interviewer sowie Weitervermittlung durch Bewohner/innen des Viertels selbst. Eine Repräsentativität für die gesamte Wohnbevölkerung des Viertels war von vornherein nicht angestrebt. Vielmehr ging es uns um möglichst intensive Gespräche mit einer Auswahl von Personen, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit, ihrer zentralen Stellung in den im Viertel vorhandenen sozialen Netzen, ihrer Wohndauer, ihrer Zugehörigkeit zur Scene etc. über eine besonders gute Milieukenntnis verfügen.
Die Altersspanne der Interviewten liegt zwischen 15 und 67 Jahren. Das Durchschnittsalter beträgt 29.7 Jahre. Acht der fünfzig Interviewten sind Ausländer. Der Anteil der Frauen beträgt 46%, der der Männer 54%.

Sprache und Sprachstile vermitteln auch Atmosphäre und konnotative Bedeutungen. Bei unserer Darstellung der Ergebnisse der Untersuchung verwenden wir daher in großem Ausmaß Originalzitate aus den Interviews. Dies entspricht auch der Zielsetzung, ein Bild der Lebensbedingungen im Viertel zu vermitteln, das den subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen der Bewohner und Bewohnerinnen entspricht (s.o.).

Der vorliegende Bericht orientiert sich in seinem Aufbau an den genannten theoretischen Grundannahmen.

 

  • Teil I enthält eine Darstellung der räumlich-materiellen und sozialen Umwelt des Stadtteils;
  • Teil II beschäftigt sich mit den Bedingungen der primären Sozialisation innerhalb dieses Umfeldes und geht im Schwerpunkt auf die Situation der Familien ein;
  • Teil III macht die konkrete räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen zum Gegenstand, d.h. ihre Spiel- und Freizeitmöglichkeiten.
  • Teil IV beschäftigt sich mit dem "problematischen" Verhalten der Kinder im Viertel, das die Vorstufe zu einer Bandbreite von "auffälligem" Verhalten sein kann. Dieses "problematische" Verhalten kann u. E. nur als Ergebnis der skizzierten Wechselwirkungen verstanden werden, d. h. ist ohne die in den Teilen I bis III dargestellten Inhalte nicht ausreichend zu verstehen.
  • Teil V geht auf das im Viertel vorhandene Potential an sozialen Konflikten im Viertel ein. Dieses Potential wird durch die in den Teilen I-IV dargestellten interdependenten Prozesse fortlaufend aufrechterhalten und in der Tendenz eher verstärkt. Das größte Konfliktpotential liegt im Verhältnis der deutschen und der türkischen Bevölkerungsgruppe.
  • Der Schluß gibt einige Empfehlungen für den Ansatzpunkt von Interventionen im Viertel. Es ist nicht Aufgabe dieses Berichtes, Lösungsansätze auszuarbeiten. Daher beziehen sich unsere Empfehlungen lediglich auf "strategische" Entscheidungen für Maßnahmen.
  • Im Anhang befindet sich eine Sammlung von konkreten Kritik- und Verbesserungspunkten, die die interviewten Bewohner und Bewohnerinnen des Viertels selbst genannt haben. Jede Intervention, die darauf abzielt, die Eigenaktivität der Bewohner zu stärken, sollte diese Vorschläge berücksichtigen und, soweit sie umsetzbar sind, aufgreifen.

Kiel, im Januar 1992

 

 

1. Räumlich-materielle Umwelt

1.1 Das Wohnquartier

Zentrale Lage
Das Wohnquartier ist im Innenstadtbereich gelegen. Die zentrale Lage, die gute Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten, Schule, Arbeitsplatz werden von den Bewohnern durchaus als positive Aspekte wahrgenommen. Das gilt besonders für diejenigen, die über keinen PKW verfügen, also Wege zu Fuß, auf dem Fahrrad bzw. mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen müssen. Günstig wird die zentrale Lage auch im Hinblick auf die Bewegungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen eingeschätzt.

 

nmsvice.jpg

Mangelnde Grün- und Freiflächen
Darüberhinaus gibt es in den Interviews jedoch fast durchgängig nur negative Bewertungen des Wohnquartiers.
"Das Gesamtbild dieser Gegend (ist) schlecht" (B5). "Die Gegend hebt sich schon deutlich von anderen Stadtteilen ab. Hier gibt es keine Grünflächen, keine Spielplätze bis auf den bei der Kirche" (A27). "Die gesamte Gegend ist reizarm" (A10). Sie vermittelt das Bild einer "schmutzigen Monotonie" (A22). Das gesamte Quartier wird überwiegend mit Attributen wie vernachlässigt, dreckig, laut, trist, grau in grau, langweilig, öde und trostlos beschrieben. Mitbedingt durch das Fehlen von Grün- und Freiflächen sowie Gärten werden die Straßen, Höfe und die zu ihnen führenden, für den Stadtteil typischen, Gänge oft als eng, dunkel und unübersichtlich empfunden. Die Klage über die dichte Bebauung sowie mangelndes Grün zieht sich durch fast alle Interviews.

Kneipen und Spielhallen
Im Straßenbild fallen einige kleinere Läden, aber vor allem Kneipen, und Spielhallen auf. "Die Kneipen stechen hervor, sie entsprechen dem typischen Stadtbild" (B4). "Hier gibt's ja 'ne ganze Menge Kneipen. Also ich weiß jetzt allein schon...14 Kneipen in dieser Gegend. Das sind aber hauptsächlich so Saufkneipen"(A5). "Es gibt zu viele Spielhallen. Hier gibt es auf ein- bis eineinhalb Kilometer 3-4 Spielhallen" (B5). Zu diesem Ensemble gehört auch eine Bordell-Bar:"Aber das stört mich schon, daß da gegenüber immer die nackten Frauen in der Tür stehen, obwohl hier so viele Kinder vorbeigehen"(A27). Durch die Kneipen ist es z. T., besonders an den Wochenenden, bis in die Wohnung hinein laut (B3).

Schlechter Bauzustand
In der Bebauung herrschen mehrstöckige Mietshäuser vor, zumeist Altbauten, die sich in einem schlechten Zustand befinden. "Es gibt hier insgesamt noch viele baufällige Häuser, die nicht renoviert worden sind"(A6). "Die Häuser, davon müßten viele wirklich dringend renoviert werden. Da kann man doch keinen mehr drin wohnen lassen"(A22)."Die Häuser sind hier so gut wie alle sanierungsbedürftig"(A27).
Zum Teil wird der Zustand der Bauten sehr drastisch beschrieben: "Die Häuser sind alle alt und baufällig. Wenn die unter uns die Tür zuknallen, dann wackelt das ganze Haus, die Lampen an der Decke usw. Die Balkone sind auch total Schrott. Da ist letztens so'ne Riesenkalosche runtergekommen, einfach vom Balkon runtergeknallt"(A19).

Verkehrsbelastung
Das Wohnquartier liegt zwischen zwei großen Ausfallstraßen der Stadt, der Kieler Straße und der Christianstraße. Die Straßen innerhalb des Quartiers werden z.T. als Verbindungswege benutzt. Daraus ergibt sich ein insgesamt hohes, auch nächtliches, Verkehrsaufkommen mit entsprechenden Folgen. Über den ständigen Verkehrslärm klagen viele der Interviewten. Eine zusätzliche Lärmbelästigung geht von den Lastwagen eines im Wohnquartier ansässigen Gewerbebetriebes aus. Die Verkehrssituation wird, besonders im Hinblick auf Kinder, als sehr gefährlich angesehen. "Aber laut ist es hier und gefährlich, weil hier die Autos ganz schön durchrasen, obwohl hier so viele Kinder sind...Bei dem Verkehr hier spielen die Kinder auch noch auf der Straße. Na ja, die Leute gewöhnen sich daran. Aber eigentlich finde ich das schlimm"(A14). "...die Bekloppten...rasen da wirklich wie doof. Da rennen ja auch oft noch so ganz Lütte rum, die meisten sind bestimmt unter sechs"(A21). "Tagsüber ist das hier für die Kinder natürlich gefährlich, weil die Autos hier echt rasen. Die düsen hier in einem Wahnsinnstempo längs"(A25). Auch vom ruhenden Verkehr gehen im Stadtteil Gefährdungen aus: "Jetzt ist hier alles voller Autos, die die engen Straßen ganz schön dicht parken. Das ist auch für die vielen Kinder nicht ungefährlich, weil die ja fast nur auf der Straße spielen"(A1).
Die verkehrsreichen Straßen schneiden die Kinder des Quartiers zum einen von in der Umgebung vorhandenen Spielmöglichkeiten ab (Christianstraße) und bilden zum anderen eine besondere Gefährdung vor den zum Spielen genutzten Örtlichkeiten. "Aber wo sollen die auch hin. Der Verkehr in der Christianstraße ist viel zu stark, dahinter kommt kein Kind von dieser Seite"(A6).
"Wir haben hier (Spieliothek) schon vorne die Holzbarrieren aufstellen lassen, weil an der Kieler Straße so viel Verkehr ist. Die Kinder kommen jetzt nicht mehr so herausgeschossen, sondern sind gezwungen, abzubremsen"(A27).
Die Interviewten berichten nicht nur über Verkehrslärm und -gefährdung, sondern auch über Unfälle, die sich im Viertel bereits ereignet haben: "Da Höhe Juliusstraße sind auch schon zwei Kinder angefahren worden"(A6). "Z. B. neulich, da ist ein türkisches Mädchen übergefahren worden"(A25). "Vor einigen Monaten habe ich gesehen, wie ein Kind angefahren wurde und das ganze Gesicht voller Blut hatte. Ich dachte schon, es würde sterben"(A17). "Da war letztens ein Mann, der wollte sich wohl nur Zigaretten holen. Der lag dann nachher, nachdem er schon gesucht worden war von seiner Familie, totgefahren auf der Straße"(A25).

1.2 Die Wohnungen

Obwohl die Wohnqualität im Viertel allgemein wegen des Fehlens von Grünflächen, des schlechten Zustands der Häuser sowie der Verkehrsbelastung als schlecht bewertet wird, gibt es durchaus Unterschiede in der Beurteilung der eigenen Wohnung und in der Wohnzufriedenheit. Antworten wie "Ich wohne gut, auch wenn es von außen nicht so aussieht" (B2) sind auch gegeben worden. Die Wohnzufriedenheit variiert u. a. mit dem Zustand und der Lage des jeweiligen Hauses sowie den Vergleichsmaßstäben des Einzelnen: "Entspricht nicht meinen Ansprüchen; andere fühlen sich durchaus wohl, sie machen zumindest diesen Eindruck"(B1). "Die Wohnqualität ist normal. Mich stört nichts. Bekannte finden es auch okay" (B2).
Für manche Familien ist es entscheidend, große Räume in genügender Zahl zu haben. Anderen gelingt es, den desolaten Zustand der Umgebung dadurch auszugleichen, daß sie der Wohnung eine ihrem Geschmack entsprechende Atmosphäre verleihen. Das Wohnumfeld erhält dann u.U. im Verhältnis zur Wohnung eine weit untergeordnete Bedeutung: "Die Türken, aber auch viele deutsche Aso's (Asoziale, gemeint sind Sozialhilfeempfänder, d. Verfasser) hier denken doch: Hauptsache, in der Wohnung ist es auszuhalten"(A22), meint einer der Interviewten abwertend und erklärt damit zugleich Verschmutzungen des Wohnumfeldes durch die Bewohner selbst.

In den Interviews werden, unbeschadet der genannten Unterschiede, immer wieder krasse Beispiele für den schlechten Zustand von Wohnungen gegeben. Die schlimmsten Wohnverhältnisse scheinen demnach in den Staßen zu bestehen, in denen vorwiegend die türkischen Bewohner leben. "Das Haus da in der Anscharstraße ist ja wohl die reinste Zumutung (A6). "Was ich schon für Wohnungen gesehen habe. Besonders die Anscharstraße xx, die ist schlimm. In der Straße ballt sich ja auch das ganze türkische Volk"(A5).
In manchen Wohnungen, so wird berichtet, leben die Menschen sogar unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen. "Die haben da auch schon öfter erzählt, daß die Toilette übergelaufen ist und alles war naß und so. Da ist der Hauswirt einfach (in den Urlaub) abgehauen. Das mit dem Überlaufen und so, das war so schlimm, daß der Arzt nicht mal reingekommen ist. Da ging die Tür nicht auf. Die Polizei war auch schon mal da und hat fotografiert und das Gesundheitsamt. Da gab's auch Ratten da unten und im Hof, wo die Kinder spielen" (A8).
Derartige Zustände scheinen durchaus kein Einzelfall zu sein. Über Ungeziefer, unzureichende hygienische Bedingungen und Baufälligkeit wird wiederholt Beschwerde geführt. "Bei uns nebenan im Haus sind Kakerlaken. In der ganzen Gegend hier gibt es doch mehr Ratten und Mäuse und Ungeziefer als in den Randgebieten "(A22).
"Zum Beispiel haben die noch nicht einmal Duschmöglichkeiten oder eine anständige Toilette. Das könnte man heute eigentlich erwarten. Vor allem ist das ja auch nicht unwichtig, wenn so viele Menschen auf engem Raum wohnen und auch noch Kinder haben" (A6)."Da gibt es keine Dusche, die Toiletten werden geteilt, die sind im Treppenhaus. Das finde ich unhygienisch, wenn da noch andere raufgehen. Da sind schon seit Ewigkeiten Bauarbeiten geplant, glaube ich. Da passiert aber gar nichts"(A29). "Wir haben im Schlafzimmer schon so große Spalten in der Decke. Die machen das aber nicht. Im Kinderzimmer, da haben die das gleich gemacht. Das war vielleicht was. Da kamen nachts einfach die Steine von der Decke runter" (A8).
Das folgende Zitat enthält so etwas wie eine zusammenfassende Beschreibung der Wohnverhältnisse: "Also, es ist schon so, daß die Wohnungen teilweise in einem sehr schlechten Zustand sind. Das ist ja auch noch die alte Bausubstanz. Ich habe Wohnungen gesehen, die sehr feucht sind. Oft sind ja auch die Toiletten noch im Treppenhaus, teilweise wenigstens eine Duschmöglichkeit in die Wohnung eingebaut. Das geht aber manchmal auch soweit, daß die Anwohner dort schon das Gesundheitsamt anrufen, weil Ungeziefer im Wohnraum ist oder weil sie Einsturzgefahr befürchten. Das sind dann schon Häuser, bei denen es auch garnicht mehr lohnt, zu modernisieren. Häufig ist es aber auch so, daß die Vermieter, die meistens Privatpersonen sind, keine Reparatur- oder Modernisierungsmaßnahmen einleiten. Die können sich beim heutigen Wohnungsmarkt ja auch sicher sein, daß sie die Wohnungen auch vermieten können. Es ist schwierig, an die Privatvermieter heranzutreten"(A24).

Vor dem Hintergrund dieser Beschreibungen wird nachvollziehbar, daß der Zustand der Wohnungen als großes Problem und als belastend empfunden wird. Bewertungen wie "trostlos", "lausig", "unmenschlich" werden genannt. Statt von Wohnung wird von "Unterbringung"(A10) gesprochen.

Zusammenfassende Bewertung

In den Augen der interviewten Bewohner/innen weist das Wohnquartier zwar den Vorzug der Zentrumsnähe und der kurzen Wege auf, das Wohnumfeld wird jedoch deutlich negativ bewertet. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang das Fehlen von Grün- und Freiflächen, die relative Häufung von Kneipen und Spielhallen als fast ausschließliche "Freizeitangebote", der schmutzige, triste Eindruck und der schlechte Zustand der Häuser, der Verkehrslärm sowie die Gefärdung durch den Autoverkehr. Der Zustand der Wohnungen wird vorwiegend als Problem empfunden. Baufälligkeit sowie bedenkliche hygienische Verhältnisse, die bis zur Gesundheitsgefährdung reichen, werden benannt.

Bereits der visuelle Eindruck für sich wird als das Wohlbefinden beeinträchtigend empfunden: "Auch das optische Bild muß stimmen. Sowas geht einem sonst tierisch auf die Stimmung"(A26). Mittel- und langfristig, so zumindest die Hypothese einer Bewohnerin, hat das Ambiente schwerwiegende Auswirkungen: "Die werden hier doch alle lethargisch in dieser schmutzigen Monotonie, richtig depressiv, wenn ich mir das so überlege"(A22). Bezogen auf besonders schlechte Wohnverhältnisse in der Anscharstraße äußert ein Interviewpartner: "Kein Wunder, daß die Kinder da aggressiv sind. Da würde ich auch verrückt werden"(A6). Diese Äußerungen weisen darauf hin, daß das Wohnen im Stadtteil zumindest von einem Teil der Bewohner/innen als Streß empfunden wird. Berücksichtigt man, daß auch Verkehrslärm als Stressor zu Beeinträchtigungen des psychischen und körperlichen Wohlbefindens führen kann, so liegen im Wohnumfeld eine Reihe von Faktoren vor, die als zumindest potentiell gesundheitsgefährdend bezeichnet werden können.

Die geschilderten, auch für Außenstehende wenigstens zum größten Teil erkennbaren, Negativfaktoren werden auch durch den Vorteil der Zentrumsnähe nicht ausgeglichen. Das Gebiet ist als Wohngegend daher relativ unattraktiv. Entsprechend läßt sich in ihm nur eine relativ niedrige Miete erzielen. Der Stadtteil NORDOST ist der Stadteil mit der drittniedrigsten Miete pro m¨ unter allen Stadtteilen (Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes, 1991, S.35).
In den Stadtteil werden mithin vorwiegend diejenigen ziehen,
- die umgehend eine Wohnung benötigen;
- die sich nur eine niedrige Miete leisten können;
- die aufgrund ihrer Familiengröße und der ökonomischen Verhältnisse auf eine relativ große Wohnfläche zu einem niedrigen Preis angewiesen sind;

All diese Gruppen haben keine Freiheit der Wahl. Angesichts des Wohnraumbedarfs in Neumünster wird es sich vorwiegend um die sozial schwachen Bevölkerungsteile wie Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, Alleinerziehende handeln. Dazu kommen kinderreiche Familien mit geringem Einkommen und schlechter verdienende bzw. auf dem Wohnungsmarkt benachteiligte Ausländergruppen. Überschneidungen in den genannten Merkmalen sind wahrscheinlich. In der besonderen Situation Neumünsters ist davon auszugehen, daß z.B. auch Haftentlassene auf Wohnraum in diesem Stadtteil angewiesen sind.

Menschliches Verhalten ist eine Funktion von Person und Umwelt. Beide, Person und Umwelt,stehen in einer Beziehung der Wechselwirkung. Die Umwelt besteht sowohl aus der räumlich-materiellen als auch der sozialen Umwelt. Die räumlich-materielle Umwelt des Stadtteils, wie sie sich für die Bewohner darstellt, ist in diesem Kapitel beschrieben worden. Sie enthält Faktoren, die sich negativ auf das psychische und körperliche Wohlbefinden der Menschen auswirken können. Die besonderen Bedingungen dieser räumlich-materiellen Umwelt haben, u. a. über den Mietpreis der Wohnungen, mit großer Wahrscheinlichkeit zur Folge, daß sich auch eine ganz spezifische soziale Umwelt herausbildet. Diese soziale Umwelt ist mit Wahrscheinlichkeit relativ homogen in Bezug auf das Beschreibungsmerkmal "niedriger sozio-ökonomischer Status". Sie ist ebenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit homogen unter dem Aspekt, daß es sich um gesellschaftliche Problemgruppen handelt. Ansonsten wird sie durch eine große Heterogenität gekennzeichnet sein, die zu Gruppenbildungen und Spannungsverhältnissen zwischen den Gruppen führen kann. Es ist zu erwarten, daß neben der räumlich-materiellen Umwelt auch die soziale Umwelt Faktoren enthält, die als Stressoren wirksam werden. Durch Wechselwirkungen zwischen der räumlich-materiellen und der sozialen Umwelt kann eine Dynamik entstehen, die die negativen Auswirkungen auf die Individuen vergrößert.
Mit anderen Worten: die Bedingungen der räumlich-materiellen und der sozialen Umwelt sowie die Wechselwirkung beider untereinander lassen bei gleichzeiter Wechselwirkung mit den Individuen in dieser Umwelt eher problematische Verhaltensweisen der Individuen in diesem Stadtteil erwarten.

Wir sind bisher in unseren Schlußfolgerungen nur von der Darstellung des räumlich-materiellen Umfeldes ausgegangen. Im nächsten Kapitel soll die soziale Umwelt, wie sie subjektiv bei den Bewohnern repräsentiert ist, eingehender beschrieben werden.

2. Die soziale Umwelt

2.1 Statistische Daten
Die bisherigen Überlegungen zur Sozialstruktur des Wohnquartiers basierten auf den Merkmalen der räumlich-materiellen Umwelt. Ein Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes (Stadtplanungsamt, 1991) liefert statistische Daten, die näheren Aufschluß über die tatsächlich vorhandene Bevölkerungsstruktur geben. Das von uns betrachtete Wohnquartier ist der südliche Teil des statistischen Bezirkes NORDOST. Die im Arbeitspapier wiedergegebenen Daten beziehen sich zumeist auf den gesamten Bezirk NORDOST. Wir müssen davon ausgehen, daß einige der Merkmale des gesamten Bezirkes eine besonders starke Ausprägung im südlichen Teil haben

Hoher Ausländeranteil

  • Der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Neumünster beträgt 5% (S.11);
  • Den weitaus höchsten Ausländeranteil auf Stadtteilebene hat heute der Stadtteil NORDOST mit 16,5% (S.12);
  • Mit 980 Ausländern hat dieser Stadtteil auch in absoluten Zahlen den höchsten Wert unter allen Stadtteilen (S.12);
  • Die Statistik weist für den südlichen Bereich des Stadtteil NORDOST einen Ausländeranteil von 20,7% auf (S.31).
  • 80.3% der Ausländer im Stadtteil sind Türken, 11 % kommen aus südeuropäischen Staaten ( 8,6% Jugoslawen, 1.6% Spanier), weitere 2.5% sind Osteuropäer (1.7% Polen) (n. Tab.15, S.41).
  • Der Stadtteil NORDOST gehört zu den drei Stadtteilen mit der höchsten Zunahme der Ausländerzahlen (S.10);

Hoher Anteil an Kindern

  • Die Geburtenhäufigkeit der ausländischen Familien liegt...immer noch deutlich höher als bei deutschen Familien; entsprechend überproportional hoch ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen (S.12). Diese Aussage bezieht sich auf das gesamte Stadtgebiet.
  • Der Stadtteil NORDOST hat unter allen Neumünsteraner Stadtteilen den höchsten Anteil der 0-6 Jährigen an der Wohnbevölkerung (8.17%; eigene Berechnung nach Tab.13, S.40). Die Zahl der 0-3 Jährigen ist absolut (285) am höchsten unter allen Stadtteilen (S.40).
  • Die folgende Tabelle gibt in Prozentangaben die Altersstruktur der Innenstadtbezirke wieder. Die Werte basieren auf eigenen Berechnungen auf der Basis von Tab.13 (S.40 im Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes).

Tab.1: Altersstruktur der Innenstadtbezirke: (Prozentangaben)

 

 

Alter
  -3 -6 -10 -14 -18 -21 -27 -60 60 u.a.
01 Kern
02Nordost
03 Ost
04 Süd
05 West
06 Nordwest
3.57-
4.78*
3.30
3.68
3.60
4.14
2.19-
3.39*
2.64
2.73
2.88
2.99
2.76-
4.13*
3.22
3.39
3.77
3.54
2.30-
3.60
2.83
3.72*
2.84
3.15
2.65-
3.76
3.02
4.10*
3.58
3.25
3.96
5.15*
3.96
4.56
4.11
3.82-
13.59
16.15*
12.85-
10.98
14.47
14.02
46.07*
41.34-
41.50
44.41
41.42
45.36
22.89
17.68-
26.67*
22.43
23.32
19.75

 

 

Die Tabelle verdeutlicht, daß wir im Bezirk NORDOST die höchsten Anteile von Kindern im Alter bis zu 10 Jahren haben. Insgesamt macht diese Gruppe 12.3% der Bevölkerung im Bezirk aus. Auf Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 18 Jahren entfallen insgesamt 19,66%. Das ist der höchste Wert unter allen Stadtteilen. Innerhalb dieser Altersgruppe verteilen sich die Werte wie folgt auf die einzelnen Altersstufen:

Tab.2: Altersverteilung der 0-18-jährigen Kinder und Jugendlichen im Bezirk NORDOST

 

Alter Prozent
- 3
- 6
- 10
- 14
- 18
24.31
17.24
21.00
18.31
19.14

 

Über 60% der Kinder und Jugendlichen bis zu 18 Jahren in diesem Stadtteil sind mithin im Grundschulalter oder jünger. Besonders der Anteil an Kleinkindern im Alter bis zu drei Jahren ist sehr hoch.

Hoher Anteil an Arbeitern

  • Der Stadtteil NORDOST hat den höchsten Arbeiteranteil (55,2%) in der Stadt (S.25);
  • Kennzeichnend ist die Konzentration der Ausländer im Verarbeitenden Gewerbe mit rd. 66% (Deutsche 27,2%) (S.24);

Hoher Anteil an Erwerbslosen

  • Der Stadtteil NORDOST weist hinsichtlich der Erwerbslosigkeit (17,9%) von allen Stadtteilen den höchsten Wert auf (S.25);
  • Der Quote der Erwerbslosen beträgt 11.2% bei den deutschen, 22.3% bei den ausländischen Arbeitnehmern, ist also bei den Ausländern doppelt so hoch. Diese Zahlen sind auf die gesamte Stadt bezogen (S.24).

Hoher Anteil an Hilfeempfängern


  • Der südliche Bereich des Stadtteils NORDOST weist sowohl relativ (13.9%) als auch absolut (513) den höchsten Anteil an Hilfeempfängern unter den Einwohnern auf;

Hoher Anteil an Ledigen

  • Der Stadtteil NORDOST hat den zweithöchsten Anteil an Ledigen/Verwitweten (53.5%) unter allen Stadtteilen (S.35). Mit 46,3% ist dabei der Anteil der Ledigen unter allen Stadtteilen am höchsten (S.42). Tabelle 1 (s.o.) belegt zusätzlich zu dieser Information den hohen Anteil an jungen Erwachsenen im Stadtteil.

Hoher Anteil an Alleinerziehenden

  • 47% der deutschen Eltern von Schüler(inne)n der Vicelin-Grundschule im Viertel sind Alleinerziehende (Quelle: Konzeptpapier "Schule im Vicelinviertel",1991).

Beengte Wohnverhältnisse

  • Der Stadtteil NORDOST hat eine hohe Belegungsdichte und den höchsten Anteil unter allen Stadtteilen an Wohneinheiten mit einer Zahl der Personen, die höher ist als die Zahl der Räume (S.19).
    Hinsichtlich der durchschnittlichen Wohnfläche pro Person in den bewohnten Mietwohnungen gehört der Stadtteil NORDOST zu den drei Stadtteilen mit der geringsten Wohnfläche pro Person (28,4 m¨) (S.35);

Geringe Wohndauer

  • Neben dem Stadtteil KERN hat der Stadtteil NORDOST mit großem Abstand die geringste Wohndauer der Bevölkerung aufzuweisen. 37.2% sind drei oder weniger Jahre ansässig (S.42). Dieser Wert deutet auf eine hohe Fluktuationsrate in der Bewohnerschaft hin.

Zusammenfassende Bewertung

Der hohe Anteil an Arbeitern sowie die gleichfalls hohe Quote an Erwerbslosen und Hilfeempfängern sind Merkmale eines geringen sozioökonomischen Status der Bewohner des Stadtteils. Die oben gemachten Angaben weisen darauf hin, daß dies besonders für den ausländischen Bevölkerungsteil zutreffen wird.
Erwerbslosigkeit sowie das Angewiesensein auf Sozialhilfe weisen auf Problemgruppen hin. Das gleiche gilt für den hohen Anteil an Alleinerzeihenden, wobei unklar ist, wie groß der Anteil der Ledigen an dieser Gruppe ist.
Der hohe Kinderanteil ist wahrscheinlich stärker auf den ausländischen Teil der Bevölkerung konzentriert. Es ist zu vermuten, daß der niedrige sozioökonomische Status und die Kinderzahl zu beengten Wohnverhältnissen besonders bei dieser Bevölkerungsgruppe führt.
Alle diese Merkmale weisen den Stadtteil als soziales Problemgebiet aus. Die geringe Wohndauer und die damit verbundene hohe Fluktuation dürften auf den Wunsch zurückzuführen sein, dieses Problemgebiet sobald als möglich wieder zu verlassen.

2.2 Das soziale Umfeld aus der Sicht der Bewohner

Die statistischen Daten sind neutral. Die Beschreibungen, die die Bewohner in den Interviews von ihrem sozialen Umfeld geben, enthalten auch Bewertungen und gefühlsmäßige Stellungnahmen gegenüber den wahrgenommenen Bevölkerungsgruppen. Diese affektiven Komponenten geben zugleich Aufschluß über Konfliktpotentiale und die Dynamik der sozialen Umwelt.

Türken
Die soziale Gruppe, die in den Interviews am häufigsten erwähnt wird, sind die Ausländer, d.h. die Türken. Sie werden in einem Zusammenhang mit Unterschichtzugehörigkeit, Armut und Kinderreichtum genannt. Der Anteil von Deutschen und Türken und die Konzentration der Ausländer in bestimmten Bereichen werden erwähnt.
"Ausländer wohnen da. Viele Türken, aber auch Jugoslawen" (B2). "Ausländer. Vor allem Türken mit großen Familien (wohnen hier)"(B1).
"Insgesamt ist das Gebiet ja eine Unterschichtsgegend, deshalb wohnen da wohl auch so viele Türken in den Hinterhäusern"(A27). "Hier gibt es ganz verschiedene Anwohner, genauso wie in anderen Stadtteilen auch. In meinem Bezirk, würde ich sagen, halten sich Deutsche und Ausländer so ungefähr die Waage. In der Anscharstraße sieht das wohl schon anders aus"(A24).
"Türken, eine Menge Arbeitslose, viele Asels. Die treffe ich immer bei SK...viel junge türkische und deutsche Familien mit wenig Geld aber vielen Kindern" (damit sind die Asels gemeint) (B20).

Altansässige Wohnbevölkerung
Der Teil der deutschen Bevölkerung, der seit vielen Jahren im Stadtteil lebt, spielt bei der Darstellung des sozialen Umfeldes kaum eine größere Rolle, wird jedoch neben anderen Gruppen erwähnt.
"Daneben gibt es vor allem alte Deutsche" (B3).
"Es gibt aber auch noch ältere Menschen, die hier schon seit Jahrzehnten leben" (A24). "Viele Alte, die schon seit ewiger Zeit hier wohnen" (B6).

Arme, kinderreiche Familien
Deutsche Familien mit wenig Geld und vielen Kindern wurden bereits erwähnt. Sie sind neben den Türken die zweite Gruppe, die in der Beschreibung des sozialen Umfeldes hervorgehoben wird. Fast mehr noch als bei den Türken wird bei ihnen die Armut und der niedrige soziale Status betont.
"Das gilt ja hier nicht nur für die vielen Ausländer, daß die kinderreich sind"(A23).
"Die Häufung von kinderreichen Familien - oder unvollständigen - mit wenig Geld"(A10).
"Sonst (außer Ausländern): arme Leute mit vielen Kindern. Familien mit niedriger Sozialstruktur. Die meisten haben wenig Geld, dabei häufig viele Kinder"(B3).
"Den meisten geht es schlecht. Haben wenig Geld und viele Kinder" (B7).
"Auf jeden Fall viele Ausländer, klar. Auch sonst viele kinderreiche Familien. Früher waren in der Niebüller Straße Obdachlose untergebracht auch mit Kindern...Das ist dann aufgelöst worden. Aber die sind natürlich alle in dieser billigen, schlechten Wohngegend hängengeblieben...Viele Arbeitslose und Trinker sammeln sich hier"(A27).

Sozialhilfeempfänger
Insgesamt wird bei der Beschreibung des deutschen Anteils immer wieder das "niedrige Einkommen"(B6) erwähnt. Die Gruppe der Sozialhilfeempfänger wird in diesem Zusammenhang sehr häufig genannt. Der Kontext, in dem dies geschieht, hat oft eine abwertende Tendenz. So werden Sozialhilfeempfänger z. B. in die Nähe von Asozialen gerückt.
"Deutsche mit niedrigem Einkommen" (B6).
"Außerdem finden Sozialhilfeempfänger hier Wohnungen, weil die Vermieter denken: die Sozi zahlt wenigstens die Miete regelmäßig" (A22).
"Ein Drittel der Eltern, deren Kinder auf die Vicelinschule gehen, sind Sozialhilfeempfänger. Das ist doch eine erschreckend hohe Zahl, allerdings von 1989" (A20).
"Das meiste sind hier wirklich Sozialfälle"(A26).
"Hier wohnen vor allem die Sozialhilfeempfänger, zerrüttete Familien und Ausländer, und viele Kinder natürlich"(A29).
"...daß sich dort sehr viele Sozialhilfeempfänger und zerrüttete Familien sammeln"(A16).
"Inzwischen wohnen hier eben viele Sozialhilfeempfänger, man will ja nicht sagen die unterste Schicht, aber...Es gibt hier viele Geschiedene, viele Arbeitslose, viele Kinder"(A20).
"Hauptsächlich asoziale Deutsche, also Sozialhilfeempfänger, und Türken. Das sind hier alles so schräge Vögel (Sohn: heiße Gestalten)"(A2).
Hauptsächlich Sozialhilfeempfänger, Tätowierte, Knastis, Säufer und Ausländer. Die häufen sich hier."(A22).

Arbeitslose
Auch für diese Gruppe findet sich in den Äußerungen eine eher abwertende Tendenz.
"Von den Deutschen wohnen hier auch viele Chaoten und viele Arbeitslose. Die meisten sind aber wohl harmlose Leute, Familien mit einem Verdiener und mehreren Kindern. Bloß daß die nichts zu tun haben. Dann sieht man hier auf der Straße schon manchmal recht finstere Gestalten"(A6).
"Eigentlich kann man sagen, wohnen hier Arbeitslose, Drogenabhängige und Sozialhilfeempfänger...Und Zigeuner haben wir viele"(A2).
"Hauptsächlich wohnt hier das arme Gesocks, kaputte Familien, Arbeitslose, Säufer, Asoziale, Verrückte. Sag ich ja, die sind hier alle auf einem Haufen"(A21).

Zerrüttete und unvollständige Familien
Als charakteristisch für das soziale Umfeld werden, das klang ja in den vorhergehenden Beschreibungen schon durch, auch Familien angesehen, die zerrüttet oder unvollständig sind.
Dazu gehören z. B. Familien, in denen "Vater und Stiefmutter, Mutter und Freund usw." zusammenleben, oder in denen "die Mutter abgehauen" (B7) ist.
"Hier sind auch viele Geschiedene, glaube ich, die schnell eine Wohnung suchten. Die Wohnungen sind hier billiger als in den schönen Gegenden von Neumünster"(A29).
"Die meisten wohnen sicherlich nur in der Gegend, weil sie schnell eine Wohnung brauchten, z. B. Frauen, die sich von ihrem Mann getrennt haben, und weil dort die Mieten eben doch vergleichsweis preiswert sind"(A24).
"Was man, und das ist ja eine neutrale Aussage, sagen kann, daß hier viele Menschen leben, die finanzielle Schwierigkeiten haben. Da sind Alleinerziehende dabei, Kranke, alles eigentlich" (A24).

Randgruppen
In vielen Beschreibungen des sozialen Umfeldes treten Charakterisierungen auf, die Mitbewohner des Stadtteils als asozial und zumindest potentiell straffällig erscheinen lassen. Von Asozialen, schrägen oder finsteren Gestalten, Tätowierten und Knastis war bereits in den Zitaten aus den Interviews die Rede. Auch die erwähnten "Zigeuner" werden in einem Zusammenhang mit Messerstecherei, Diebstahl, Hehlerei und Drogenhandel erwähnt. Drogenabhängige wurden als Bewohner des Stadtteils genannt. In diese generelle Richtung gehen auch mehr oder weniger deutlich die folgenden Äußerungen:
"Ansonsten eben Prolos, Leute denen es finanziell schlecht geht und die keine Erziehung genossen haben...Neumünster hat ansonsten sicherlich darunter zu leiden, daß es hier so geballte Einrichtungen soziale Einrichtungen gibt. Jugendheime, Erziehungsheime mit vielen Kindern aus Berlin und eben den Knast. Die machen hier ja auch nicht Zwischenstation, sondern knüpfen Kontakte und bleiben dann hier hängen"(A26).
"Schlimmer sind die ganzen Männer, die hier wohnen. Entweder kommen die aus'm Knast oder sie müßten eigentlich rein"(A30).
"Hier sammelt sich aber auch die Schwerstkriminalität"(A16).

Zusammenfassende Bewertung

Die sich aus den statistischen Daten ergebende Bevölkerungsstruktur des Stadtteils spiegelt sich weitgehend auch in dem subjektiven Bild wieder, das die Bewohner von der Struktur ihrer sozialen Umwelt haben. Der hohe Anteil an Ausländern, Kindern, Erwerbslosen und Hilfeempfängern findet seinen Niederschlag in den Kategorisierungen, die die Bewohner benutzen. Es werden aber auch Gruppen als charakteristisch für den Stadtteil benannt, die so nicht in der Statistik auftauchten, wie z.B. die als asozial oder potentiell straffällig empfundenen Randgruppen. Es ist auffällig, daß "Durchschnittsbürger und -familien" kaum Erwäh nung finden. Erwerbstätige und auch die ledigen jungen Erwachsenen tauchen als eigenständige Kategorie kaum auf.

Zu der negativen Bewertung der räumlich-materiellen Umwelt gesellt sich das Bild einer sozialen Umwelt, die in erster Linie aus Problemgruppen besteht. In bezug auf diese Gruppen besteht die Tendenz der Distanzierung und Abwertung. Sie werden z. T. als bedrohlich erlebt. Kehren wir zu dem Anfangs dargestellten Modell zurück, wonach individuelles Verhalten eine Funktion der Person und der (räumlich-materiellen und sozialen) Umwelt sowie der Wechselwirkungen zwischen diesen Elementen ist. Weder die räumlich-materielle noch die soziale Umwelt lassen nach der bisherigen Beschreibung einen positiven Effekt erwarten.

In den Interviews finden sich zahlreiche Hinweise darauf, daß die Wechselwirkung zwischen der desolaten, tristen, lauten räumlich-materiellen Umwelt und den Gruppen der sozialen Umwelt sowie die Wechselwirkung der sozialen Gruppen untereinander die Gesamtsituation im Stadtteil weiter verschlimmern. Das Bild, daß insgesamt in den Interviews deutlich wird, ist sehr differenziert. Hier soll ein stark vereinfachtes "typisches" Wahrnehmungsmuster dargestellt werden, daß in einer Reihe von Interviews erkennbar wird:
Müll und Unrat in den Höfen, Glasscherben und Bierdosen auf den Spielplätzen machen eine ohnehin graue Umwelt noch dreckiger. Drastisch wird es so formuliert: "Hier kacken überall die großen Hunde von den armen Schweinen rum, da ist auch keine Ausnahme auf den Spielplätzen oder sonstwo, wo Kinder sind" (A22). Der ohnehin laute Stadtteil erhält durch grölende Betrunkene, Streitereien,laute Musik und zahlreiche auf den Straßen spielende Kinder eine zusätzliche Lärmbelastung usw..
Die sozialen Gruppen isolieren sich entweder oder entwickeln Animositäten bzw. verschärfen bereits vorhandene. Die Gruppe, die durch Kleidung, Haarfarbe ("Die Schwarzhaarigen") usw. am eindeutigsten zu kategorisieren ist, die Türken, wird als Hauptverursacher von Schmutz, Unordnung und Lärm verantwortlich gemacht. Abneigung gegen Ausländer bis zur Ausländerfeindlichkeit zeigen sich mehr oder weniger unverhohlen, zumeist nach dem Muster: "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber...". Unordnung und Lärm werden vordergründig vorgebracht, dahinter stehen z. T. schwerwiegendere Ängste und Vorurteile:
"Es ist schon eine recht große Tendenz zur Abgrenzung vorhanden. Vor allem die Erwachsenen haben Vorurteile, von beiden Seiten. Mehr noch vielleicht die Deutschen dahingehend, daß die Ausländer ihnen die Arbeit und Wohnungen wegnehmen. Die Menschen, selbst wenn sie Tür an Tür wohnen, kennen sich kaum, sie solidarisieren sich leider nicht miteinander."(A24).
"..Die Ablehnung gegenüber den Türken kommt auch nicht aus der Mittelschicht, die kommt aus der Unterschicht. Das sind die Leute, die sich von der "ausländischen Unterschicht" abgrenzen wollen und sagen, daß die Türken ihnen die Arbeit wegnehmen"(A27).
"Das eigentliche Problem dabei ist das Bedürfnis nach Abgrenzung, das sie alle haben. gerade die Unterschicht will sich besser fühlen als die Ausländer"(A27).

Aus der Entfernung, von anderen Einwohnern der Stadt, werden die räumlich-materielle und die soziale Umwelt des Stadtteils zu einem Gesamtimage verschmolzen. Der Stadtteil wird als Slum oder Ghetto gesehen. Auch hier wird die äußerlich am deutlichsten erkennbare Bewohnergruppe zum Symbol für das Ganze: der Stadtteil wird z.B. "Klein Istanbul" oder "Klein Anatolien" genannt.
Auch als Reaktion auf dieses Image und die Etikettierung empfinden besonders eine Reihe von deutschen Bewohnern des Stadtteils es als "peinlich", dort zu wohnen. Nach außen hin geben sie nicht gerne an, wo sie wohnen, nach innen hin verstärkt sich die negative Besetzung der räumlich-materiellen und sozialen Umwelt usw.
Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, daß in den Interviews so gut wie keine Anzeichen für eine positive Identifikation der Bewohner mit dem Stadtteil zu finden sind.

Wie sich das individuelle Verhalten in dieser Umwelt entwickelt, hängt jedoch von einer weiteren Komponente ab, der einzelnen Person bzw. dem Selbstkonzept und dem Selbstwert der Einzelperson. Um hier näheren Aufschluß zu erhalten, gehen wir von der Makroperspektive des Wohnumfeldes bzw. der sozialen Kategorien und Gruppierungen im nächsten Kapitel über zu einer Beschreibung der Situation in den Familien. Die Familie ist die wichtigste Instanz der primären Sozialisation und damit ein entscheidender Faktor in der Entwicklung des Selbstkonzeptes und des Selbstwertes der Kinder und Jugendlichen, an die sich etwaige Präventionsmaßnahmen richten.

 

Teil II: Bedingungen der primären Sozialisation

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

3. Bedingungen der primären Sozialisation
3.1 Streß durch Lärm und Enge
3.2 Existentelle Probleme
3.3 Mangelnde Kommunikation und fehlende soziale Unterstützung
3.4 Alkohol und Familienstreit
3.5 Zerrüttete Ehen und Scheidung
3.6 Alleinerziehende
3.7 Neue Partnerschaften
3.8 Türkische Familien
3.9 Erziehungsverhalten der Eltern

 

 

3. Bedingungen der primären Sozialisation

3.1 Streß durch Lärm und Enge

Das Stadtviertel ist gekennzeichnet durch Verkehrslärm und dichte Bebauung. Die schlechte finanzielle Situation bedingt zumindest bei den Familien mit Kindern häufig eine beengte Wohnsituation (s.o.).
"Ich schlafe mit meiner 12 und 17jährigen Schwester in einem Zimmer (14 m¨)"(A8).
Vielen Personen haben nicht die Wahl, sich Privatheit durch Rückzug in ein eigenes Zimmer zu verschaffen. Es fehlt besonders in den Familien mit Kindern "die Möglichkeit, sich abzugrenzen" (A10). Bei der schlechten Isolation der Häuser sind auch die Nachbarn im Mietshaus sind zu hören. "Es ist eng, jeder weiß über jeden Bescheid, ohne daß wirkliche Kontakte stattfinden" (A10). Verkehrs- und sonstiger Straßenlärm dringt in die Wohnung. Diese Bedingungen des Lärms und der Enge werden mit Wahrscheinlichkeit Streß verursachen. Viele Erwerbstätige im Viertel sind Arbeiter, bei denen Schichtdienst nicht ungewöhnlich sein dürfte. Damit tritt ein weiterer Streßfaktor hinzu.
"Für meinen Vater ist alles zu laut, wenn er von der Nachtschicht kommt und schlafen will" (A17).
"Der Vater muß oft tagsüber schlafen, nachts ist dann die Schichtarbeit. Er ist dann total genervt, weil er nicht schlafen kann....(Wenn) der Lärm weniger (wäre) könnte ich besser schlafen, der Vater ebenfalls. Er würde dann auch weniger schimpfen"(B7).
"Wenn der Vater von der Nachtschicht kommt und will schlafen und seine Ruhe haben, dann kommen die Kinder tagsüber und stören. Und er schlägt sie oder die Frau, weil die nicht für Ruhe sorgt. Die meisten wohnen ja mit vielen in der Wohnung zusammen. Das ist schon eng"(A29).


3.2 Existentielle Probleme

Streß der eben genannten Art ist, obwohl er verbale und körperliche Aggression zur Folge haben kann, nicht die schwerwiegendste Belastung der Familiensituation. Von größerer Bedeutung für viele scheinen existentielle Probleme der Erwachsenen zu sein. "Vielen sieht man doch an, daß sie Probleme haben"(A6). Die schlechte finanzielle Lage und Schulden werden genannt.
"Die finanzielle Situation der Bewohner ist schlecht, was man bei den Erwachsenen auch an der Kleidung oder an den Fenstern der Wohnungen sieht" (A10).
"Viele leben von Sozialhilfe und haben Schulden, so daß sie sich nichts leisten können" (A3).
"Der Informationsfluß zu den Eltern ist oft erschwert; vielen geht es finanziell sehr schlecht, sie haben Schulden und sind wegen abgeklemmter Telefone oft nicht erreichbar"(A10).
"Aber die Eltern hier haben wohl auch alle genug mit sich zu tun, wobei ja auch die schlechte finanzielle Lage wohl eine Rolle spielt"(A1).

Hinter den finanziellen Problemen kann eine längere Entwicklung stehen, die z. B. mit Arbeitslosigkeit begann und den Verlust der Lebensperspektive sowie sozialen Abstieg der Eltern zur Folge hatte.
"Ich mein, wir hatten auch Schulden... Wir hatten ein Haus gebaut, dann hatte mein Mann seine Arbeit verloren und war erstmal arbeitslos. Von daher haben wir...na, so bestimmt...230 Tausend, ohne Zinsen. Aber ich sag mir immer, davon will ich mir das Leben nicht kaputt machen"(A25).
Dafür, daß derartige Bedingungen sehr wohl das Leben zerstören können, wird ein Beispiel angeführt:
"Da drüben, eine Freundin von mir, die und ihr Mann, die haben sich gegenseitig erschossen. Die hatten auch so viele Schulden. Also nee, nicht dafür"(A25).


3.3 Mangelnde Kommunikation und fehlende soziale Unterstützung

Die genannten existentiellen Probleme sind für die betroffenen Familien eine schwerwiegende Belastung sein. Ein Umgang damit setzt sicherlich die Bereitschaft und Fähigkeit zur Bewältigung, aber auch soziale Unterstützung voraus. Soziale Unterstützung kann u.a. durch Information und Beratung, materielle Hilfe und emotionale Zuwendung erfolgen. Besonders der letzte Aspekt erfordert gute soziale (familiäre, freundschaftliche, nachbarschaftliche) Beziehungen sowie die Bereitschaft und Fähigkeit, über die eigenen Probleme zu kommunizieren. Diese Voraussetzungen scheinen in vielen Fällen jedoch nicht vorzuliegen.
"Auf gemeinsamen Festen (im Kindergarten) zeigt sich, daß die Eltern sich untereinander kaum kennen, obwohl sie nah beieinander, manchmal im gleichen Haus, wohnen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Irgendwie sind die alle darauf bedacht, nach außen nichts von ihren Problemen zu zeigen, sondern einen guten Eindruck zu machen...Jeder ist auf Abgrenzung und einen guten Eindruck bedacht"(A3).
"Die Eltern tun nichts, tauschen sich untereinander nicht aus, sondern sind mit ihren Alltagsproblemen beschäftigt" (A3).
"Die Familien sind mit ihren Problemen beschäftigt und wollen ihre Ruhe haben"(A10).
"Die Leute unternehmen selbst auch nichts. die sind mit ihren existentiellen Sorgen im Alltag beschäftigt"(A26).
"Hier sind aber auch die meisten nur so für sich, glaube ich. Bestimmt sind viele ganz schön einsam, oder wollen keine kennenlernen, weil sie genug mit ihren eigenen Problemen zu tun haben"(A14).
"Die Eltern kommen ja auch privat kaum zusammen. Ich glaube nicht, daß die Paare mal zusammen weggehen..."(A27).

Da die sozialen Beziehungen oft nicht für eine hilfreiche soziale Unterstützung ausreichen, erscheint die Beratung durch andere Stellen umso dringlicher. Das gilt in den Problemfamilien besonders für die Erziehung.
"Ich glaube schon, daß einige bei der Kindererziehung Hilfe bekommen müssen"(A29). Das hier bereits in vielen Fällen amtliche Hilfe erfolgt, wird deutlich. "Dadurch, daß ich manchmal auch mit dem Jugendamt über einige der Kinder spreche, weiß ich, daß zu sehr vielen Familien der Fürsorger oder Sozialarbeiter kommt. Bei einigen ist er sogar ständig anwesend"(A3).

Einer ausreichenden Beratung in diesen und in anderen Fragen stehen jedoch große Hemmnisse im Wege. Eines davon ist die fehlende Informtion über Beratungsmöglichkeiten. "Wenn es schnell gehen muß, weiß man nicht, wohin man gehen kann" (A14). Ein anderes Hemmnis ist die Schwelle, bestimmte Beratungsangebote anzunehmen: "Aber das meiste ist wohl von der Kirche. das ist ja auch nicht für jeden was"(A28). "Die Türken haben ja sowieso schon eine große Hemmschwelle vor allem Institutionellem. Das gilt bestimmt auch für viele Deutsche hier, die vielleicht eher immer unangenehmen Kontakt mit Institutionen hatten wegen Schulden oder mit dem Jugendamt oder so"(A27).

Alles in allem wird ein Defizit an Beratung wahrgenommen, daß Personen und Institutionen auszugleichen versuchen, die im Schwerpunkt andere Aufgaben zu erfüllen haben.
"Es fehlt eine Sozialberatung. Manchmal kommen die Eltern mit ihren familiären Problemen zu mir (Kindergarten), aber das wird mir dann auch oft zuviel"(A3).
"Die Lehrer müssen mehrere Rollen zugleich einnehmen, zusätzlich zu ihrer Lehrtätigkeit als Politiker und Sozialarbeiter fungieren. Da es keine Sozialberatung gibt, stellt die Schule auch die Anlaufstelle bei sozialen/familiären Problemen dar. Z. B. wenn der Gerichtsvollzieher kommt oder eine Frau mit ihren vielen Kindern ins Frauenhaus geht" (A10).


3.4 Alkohol und Familienstreit

Die vorhandenen großen Probleme und die mangelnde Fähigkeit, diese konstruktiv zu verarbeiten, können ein wichtiger Grund für das Ausmaß an Alkoholmißbrauch und Aggression sein, das aus den Familien berichtet wird.
"Typisch für diese Gegend ist tatsächlich die Häufung von Problemen, wie es sie überall gibt. ...sind mit existentiellen Problemen beschäftigt, für die sie einen Ausgleich und vor allem auch Schuldige suchen" (A16).
Eine Konsequenz daraus sind "Streit in der Familie" (B5) und besonders "Viel Streitigkeiten um das Geld" (B13).

Pöbeleien und Streitereien werden vielfach so lautstark ausgetragen, daß sie unüberhörbar sind.
"Auf den Straßen hört man auch des öfteren, wie sich die Leute anpöbeln, oder aus den Wohnungen heraus. Für die Kinder ist es vor allem nicht gut, hier aufzuwachsen"(A20).
"In den Familien, die hier leben, gibt es auch ständig Knatsch. Das kriegt man auch durch die Kinder mit, oder wenn man durch die Straßen geht, da hört man auch vieles"(A27).
"Das gibt es hier, glaube ich, häufiger. Vor allem da Vicelin- und Anscharstraße, da wohnen viele, die schon total fertig sind. Wenn mal da mal durchgeht, hört man auch immer irgendwo welche streiten. Manche verstehe ich auch, die sich da über die Ausländer beklagen"(A25).
Die Streitigkeiten in den Familien sind durchaus nicht auf Ausländer begrenzt. Oft führen sie auch zu Handgreiflichkeiten und manchmal zu schwererer Gewalt.
"Solche Kloppereien auch zwischen Erwachsenen, viel auch innerhalb der Familien, müssen die Kinder hier oft mit ansehen"(A28).
"Sogar innerhalb der Familien prügeln sich jüngere und ältere"(B3).
"Da, wo ich vorher gewohnt habe, in der Lornsenstraße, da kriegte man immer Gepöbel mit. Der eine sticht auf seine Frau ein, der andere grölt aus dem Fenster. Da ist immer Streit. Die sind ja auch ziemlich zusammengepfercht, die Türken. Das findet man in keinem Außenbezirk von Neumünster...Die Leute da streiten sich jedenfallls ständig. Der eine hat seine Frau da aus dem Fenster geschmissen. Durch das geschlossene aus dem 1.Stock" (A21).

In vielen Fällen, so wird berichtet, finden die Streitigkeiten und Handgreiflichkeiten unter Alkoholeinfluß statt.
"Was soll aus solchen Kindern werden, wenn die Eltern tagsüber in der Bude hocken und sich besaufen? Ich habe ja nie lange irgendwo gewohnt als Kind. Vielleicht war das sogar noch gut, sonst wäre ich auch so geworden"(A21).
"Hier wohnen so viele Alkis, die sind den ganzen Tag mit Saufen und Familienstreit beschäftigt"(A26).
"Ja, für Kinder sieht das hier ja ganz schlecht aus. Zuhause kriegen die Suff und Schläge mit, andauernd irgendein Gepöbel" (A20).
"Zuhause kriegen sie (die Kinder) mit, wie die Eltern saufen und sich schlagen "(A5).

Das folgende Zitat vermittelt ein sehr eindringliches Bild von den Auswüchsen aber auch der "Normalität" der Gewalt in manchen Familien des Stadtteils:
"Ansonsten glaube ich, ist das hier nicht anders als woanders auch. In der Villengegend gibt's bestimmt genauso viel Säufer wie hier, bloß das die das besser vertuschen.
Da drüben wohnen welche, die streiten sich andauernd, er verprügelt immer seine Frau. Das gibt es ganz schön oft hier, das sind beides Säufer. Ein Kind haben sie denen schon genommen, das andere haben die einfach in die Mülltonne geschmissen. Solche Leute können sich doch sterilisieren lassen, versteh' ich nicht. Das ist doch wirklich traurig...Irgendwie verstehe ich aber auch das Jugendamt nicht. Die wissen doch, daß hier viele Sozis ohne Arbeit wohnen und sich und die Kinder ziemlich viel prügeln. Die könnten doch öfter mal kommen und reingucken, ob die Kinder anständig behandelt werden. Kein Wunder, die werden so aggressiv, auch in der Schule"
(A 14).


3.5 Zerrüttete Ehen und Scheidung

"Viele Eltern sind geschieden"(A16) heißt es über das Viertel. Vor allem die Kinder und Frauen haben nach den Interviews oft erniedrigende Situationen in den zerrütteten Ehen und in der Scheidungsphase durchgemacht. "Die Kinder erleben, wie die Eltern trinken und sich prügeln. Da ist es kein Wunder, daß die Aggressionen schon bei den kleineren zunehmen"(A16).
Die Frauen erleben sich als gedemütigt und machtlos der körperlichen Gewalt ausgeliefert. "Ich glaube, die Männer wollen sich stark fühlen gegenüber Frauen. Mein Exmann ist auch immer ausgerastet und hat mich geschlagen und so. Die Polizei macht ja sowieso nichts. Es gibt viele Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden. Hört man auch manchmal, wenn man durch die Straßen geht. Zur Polizei kann man erst gehen, wenn man den Kopf unterm Arm hat. Ich hatte die mal gerufen, aber die haben meinen Exe dann an der nächsten Ecke wieder rausgelassen"(A13).

Bestimmte Merkmale der Umwelt im Stadtteil sind u. U. mit den negativen Erlebnissen eng verbunden.
"Und solche Spielhallen kann ich sowieso nicht gut ab. Mein Ex-Mann hat auch gedaddelt. Spielhallen haben wir ja überreichlich...Und dann von der Spielhalle besoffen nach Hause. Der hat es dann auch gebracht, mich vor meiner Tochter zu schlagen..." (A15).
"Ich bin da ja keine Ausnahme, daß ich von meinem Mann geschlagen worden bin. Ob die Kinder dabei sind, interessiert die Männer, wenn sie besoffen aus der Spielhalle kommen, sowieso nicht" (A22).

Die Erlebnisse der Gewalt in der Familie wirken sich, das ist mehr als wahrscheinlich, psychisch z. B. auf die schulische Leistung, aus. "Mein Sohn z. B., der hat auch mitgekriegt, wie mein Ex-Mann mich geschlagen hat und so, und der hatte auch Schwierigkeiten in der Schule. Drei Tage bevor das Zeugnis kam haben die mir erst gesagt, daß er sitzenbleibt" (A14). Die extreme Belastungssituation trägt u. U. zu weiteren problematischen Verhaltensweisen bei, die die Situation noch verschlimmern. "Ich habe in der Zeit, wo das hier so schlimm war und er mich geschlagen hat, dann auch angefangen, ziemlich viel Alkohol zu trinken. Dann wollte er das Sorgerecht haben. dann habe ich dann sofort aufgehört"(A15).

Viele Frauen suchen in einer solchen Situation Zuflucht im Frauenhaus. Dieses Haus ist vielen Interviewten gut bekannt und stößt auf große Zustimmung. "Ein Frauenhaus gibt es hier noch in der Christianstraße Das finde ich im Prinzip eine wichtige Einrichtung, bei den Familienstreitigkeiten, die es hier gibt und vor allem dem hohen Anteil an Trinkern"(A27). "Das hat aber wohl massive Platzprobleme. Da landen dann solche Frauen, wo er erst die Kinder und dann sie verprügelt"(A11). "Daher kommen auch viele Kinder, die auf die Vicelinschule gehen"(A1).
"Ich bin damals vor der Scheidung mit meinem Sohn ins Frauenhaus gegangen. Da habe ich angerufen und erzählt, was los ist und habe gleich einen Termin bekommen. Aber da gibt es viel zu wenig Plätze, nur sieben, glaube ich" (A14). "Manchmal verweise ich auch auf das Frauenhaus, wenn es sehr schnell gehen muß. Die haben leider auch zu wenig Plätze, es ist ziemlich eng da. Eigentlich ist das ja auch mehr so als Krisenintervention gedacht, wenn sich Frauen von ihren Männern trennen wollen. Dann gehen sie mit den Kindern eben dorthin. Allerdings verbleiben sie dort meist zu lange, weil sie keinen Wohnraum finden. Das ist auch ein großes Problem. Für die Kinder ist es nicht immer günstig, länger dort zu bleiben und mit so vielen Schwierigkeiten konfrontiert zu werden. Dennoch hat sich das als eine gute Starthilfe für viele Frauen erwiesen"(A24).

Das Frauenhaus ist allerdings kein Ort der Ruhe und Geborgenheit für Frauen und Kinder. Sie erleben die Schicksale anderer Frauen mit. "Da war eine Frau, der Mann war Ringer, der hat sie immer durchs Zimmer geschmissen, die sah echt schlimm aus. Das war aber eigentlich bei allen Frauen so, daß sie von ihren Männern geschlagen wurden" (A14).
Besonders auch für Kinder ist der Aufenthalt im Frauenhaus eine weitere Belastungssituation.
"... was es für ein Kind bedeutet, in so einem Haus zu leben und ständig traurige Geschichten zu hören und unsicher zu sein, was nun wird"(A1). "Dort herrscht sowieso nie Ruhe, was die Unausgeglichenheit der Schüler natürlich verstärkt, beispielsweise, wenn die Väter von der Straße herauf schreien"(A10).
"Hinter dem Frauenhaus, da war ein Garten, da sind wir manchmal zum Spielen hingegangen. Aber ich wollte dann auch nicht mehr, daß mein Sohn das andauernd sieht, Frauen mit blauen Flecken, die Männer, die vor'm Fenster stehen und so"(A14).

Der gesamte Scheidungsprozeß hat oft für die Kinder auch für andere bemerkbare psychische Folgen. "Da hat sie (die Tochter doch auch gefühlsmäßig etwas durchstehen müssen"(A15).
"Nach der Scheidung ging das auch in der Schule bergab. Und jetzt ist das besser geworden, aber sie sitzt viel vor'm Fernseher und hat keine Lust rauszugehen. Sie schämt sich, weil sie so dick ist und so"(A15).

Der Scheidungsverlauf kann auch zu subjektiv demütigenden Situationen führen, die nicht die direkte innerfamiliäre Auseinandersetzung betreffen: "Ich sollte das Sorgerecht für X nicht kriegen, weil ich schon zwei Kinder hatte. So'n Quatsch. Den Vater hatten die noch nie gesehen. Dann kam da eine vom Jugendamt und hat sich mit den Kindern unterhalten. Ich mußte draußen warten. Da hab ich natürlich gelauscht. Was die nicht alles gefagt hat, das ist schon eine Frechheit. Z. B. hör ich da auf einmal: "Schlägt eure Mutter euch?" Das ist wohl doch die Höhe. Das Jugendamt hatte dann ein Jahr lang das Sorgerecht. In der Zeit habe ich natürlich auch nicht mal das Erziehungsrecht bekommen. Die zwingen hier doch so manchen in die Kriminalität, also wirklich"(A22).


3.6 Alleinerziehende

In den Interviews finden sich Feststellungen wie "Hier wohnen insgesamt wohl viele alleinerziehende Mütter"(A5). "Und viele kaputte Familien gibts eben hier, Alleinstehende mit Kindern" (A14). "(Hier leben) viele unvollständige Familien mit vielen Kindern"(A10). Das Konzeptpapier "Schule im Vicelinviertel" (1991) beziffert den Anteil der Alleinerziehenden unter den Schulkindereltern auf 47%.

Die meisten der Alleinerziehenden, so lassen die Interviews schließen, sind Frauen. Aber es gibt durchaus auch einen Anteil alleinerziehender Männer. "Ich bin ja alleinerziehender Vater seit vier Jahren. Meine Frau war in die Psychiatrie gekommen und hatte dann mit einem anderen Mann zusammengelebt und wieder geheiratet. Ich glaube, die ist jetzt aber wieder in der Klinik"(A20).

Die Gründe dafür, im Stadtteil wohnen zu bleiben, haben wesentlich mit der zentralen Lage hinsichtlich Schule, Arbeitsstelle usw. sowie dem Bedürfnis nach Stabilisierung der Verhältnisse zu tun.
"Mit meiner Wohnung bin ich zufrieden. Auch zur Stadt und zur Schule ist es nicht soweit...Mit meinem Sohn würde ich jetzt auch nicht wieder umziehen wollen, die Schule wechseln und so"(A14). "Es ist ja schwer genug, ihnen (den Kindern) ein anständiges Leben und einen geregelten Tagesablauf mitzugeben, und sie haben ja schon genug Gepöbel und Streit mitbekommen..." (A22).
"Was ich hier gut finde, ist die Nähe zur Stadt. Die Kinder können alles alleine machen, zum Friseur, zum Arzt, zur Schule gehen. Man kann hier alles zu Fuß erreichen. Der Große kann jetzt auch schon alleine rübergehen zum Spielen"(A22).
"Mit meiner Arbeit bin ich auch ganz zufrieden. Die Selbständigkeit, wieder arbeiten zu gehen und so, die mußte ich mir ja auch erstmal erkämpfen. Das gebe ich so schnell nicht wieder auf. Außerdem würde ich meine Tochter jetzt auch nicht umschulen wollen. Die hat das ja schon schwer genug gehabt" (A15).

Allerdings sehen nicht alle Alleinstehenden für sich, den Umständen entsprechend, die Möglichkeit zu einer Erwerbstätigkeit. "Ich wohne jetzt seit drei Jahren hier mit meinen Kindern. ich bin ja alleinerziehend... Die Miete bezahlt das Sozialamt, ich bin ja Sozialhilfeempfängerin. Mit drei Kindern, alleinstehend, kann ich ja nicht arbeiten gehen"(A22).

Viele Alleinerziehende, so wird berichtet, haben finanzielle Probleme: "Meine Stelle, die ich bekommen sollte, ist geplatzt. dann stand ich doch ziemlich hilflos da, alleinstehend und mit Kind, ohne Arbeit. Gleichzeitig, weil ich die Zusage eigentlich ja auch schon gehabt hatte, habe ich aber auch Geld in mein Haus gesteckt, so daß ich dann verschuldet war. Ähnliches gilt für viele Alleinstehende, die hier wohnen"(A23).

Abgesehen von der Zentralität der Lage empfinden die interviewten Alleinerziehenden jedoch sehr große Mängel im Wohnumfeld, die in erster Linie Spiel-, Kontakt- und Freizeitmöglichkeiten betreffen.
"Auf jeden Fall fehlt hier was für Kinder. Ich habe ja kein Auto und komme so schnell auch nicht mit meiner Tochter raus nach der Arbeit, um was schönes unternehmen zu können. Da müßte es hier was geben, wo sie auch alleine mal hingehen könnte und sich austoben oder eben mehr öffentliche Angebote mit Fahrten und so. Dafür wäre ich dann auch bereit, zu bezahlen"(A15).
Auf den Mangel an Spielplätzen in der Nähe, die Kinder auch allein besuchen könnten, bezieht sich die folgende Anmerkung: "Wenn man Alleinerziehend ist - davon gibt es hier auch einige - dann kann man nicht gleichzeitig ein Kind zur Schule bringen, mit dem zweiten zum Spielplatz und dem dritten vielleicht zum Arzt gehen" (A6).
"Die Kindergartenplätze sind hier zu knapp und viele Frauen damit überfordert, ihre Kinder gezielt zu beschäftigen. Die streunen hier den ganzen Tag alleine auf der Straße rum und machen irgendwelchen Blödsinn, machen irgendwelche Sachen kaputt"(A23).
Die Kontaktaufnahme zu anderen, verheirateten, Müttern fällt z. T. sehr schwer. "...Die Mütter auf den Spielplätzen sitzen da meistens in Cliquen und labern, da lernt man auch niemanden kennen. manchmal sitzt da eine Zigeunerin, auch alleine. Mit der unterhalte ich mich manchmal "(A22).
"Im Freibad habe ich mal eine Mutter kennengelernt. Aber da ist auch nichts draus geworden. Irgendwie ist das mit denen hier total schwierig, sich zu verabreden. ich glaube, das liegt daran, daß die nicht begreifen können, daß man freiwillig mit drei Kindern alleine lebt und sich die Männer auch noch aussuchen kann. Sie selbst hängen ihrem Mann dann am Zipfel und wollen ihre Probleme gar nicht mehr sehen."(A22).
Unter diesen Bedingungen bleibt oft nur der Kontakt und die wechselseitige Hilfe unter Frauen, die sich in einer vergleichbaren Lage befinden. "Mit meiner Nachbarin hier oben, die ist alleine mit ihrem Sohn, verstehe ich mich auch ganz gut. Da passen wir auch mal gegenseitig auf die Kinder auf und so"(A14).

Die z. T. sehr jungen alleinstehenden Mütter fühlen sich auch durch nachbarliche Kontrolle in ihren Verhaltensmöglichkeiten und ihrem Bedürfnis nach Kontakt und Abwechslung eingeengt.
"Mir fällt hier schon die Decke auf den Kopf. Da gucken die einen aber auch doof an. Viele wissen, daß ich allein bin mit drei Kindern. Die finden das dann völlig unmöglich, daß ich als Mutter noch mit kurzem Rock und drei Kindern durch die Straßen gehe" (A22).
"Und wo soll man Leute kennenlernen? Das ist hier garnicht so einfach...Die Nachbarn schludern sowieso schon immer, weil ich alleine bin mit meiner Tochter. Jedesmal, wenn der Freund von meiner Freundin mich nach Hause bringt, dann nimmt der mich extra vor der Tür immer in den Arm und sagt:"Damit die Leute wieder was zu reden haben".
"Also, als alleinstehende Frau mit Kind hat man es nicht leicht. Da achten die dann alle immer besonders drauf, was man tut. Ich habe ja auch nicht viel Zeit, wegzugehen, weil ich sowieso schon immer ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich meine Tochter abends alleine lasse"(A15).
Das Empfinden, von der sozialen Umwelt, besonders den Nachbarn, argwöhnisch beobachtet zu werden, wird wiederholt von alleinerziehenden Frauen berichtet. "Die Leute gucken auch komisch, weil die wissen, daß ich meine Kinder auch mal abends alleine lasse. Das machen hier zwar fast alle, aber ich mache das öffentlich. Die sind ja auch groß genug und können telefonieren. Meine Nachbarin, eine Freundin habe ich nebenan im Haus, die weiß dann auch meistens Bescheid. Aber dann hetzen die einem natürlich sofort das Sozi auf'n Hals. Da werden dann anonyme Anrufe getätigt und all so'n Theater. Die sollen sich mal um die ganzen Kinder kümmern, die hier auf der Straße sich rumprügeln und klauen gehen" (A22).
"Da drüben wohnt eine Frau alleine mit drei Kindern. Die arbeitet bei Oppermann. Nur weil die alleine ist, wird ständig gemeckert. Z. B. daß sie ihre Wäsche da zu lange hängen läßt oder darüber, wie sie die aufhängt usw."(A18).

Vielleicht gerade weil sie sich ungerecht so stark sozial kontrolliert fühlen, scheinen sich die alleinerziehenden Mütter auch der in ihren Berichten deutlich werdenden groben Vernachlässigung der Kinder durch andere Frauen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, bewußt zu sein.

"Oder da die Nummer X war auch ein berüchtigtes Haus. da wohnte z.B. eine Mutter, die säuft und ihre Kinder total vernachlässigt. Da wurde nie die Bettwäsche gewechselt, die Kinder liefen drei Tage in der gleichen Windel rum, das war da schlimm. Die stand auch jeden Tag daneben, als ihr Typ die 10-jährige Tochter vergewaltigt hat. Das ist doch traurig, das ist doch wirklich ein Elendsviertel hier. Die Frau ist da auch keine Ausnahme. Bei sowas müßte sich das Jugendamt mal mehr einmischen, nicht nur bei Alleinerziehenden" (A22).
"Ja, ansonsten, auf die Ämter kann man sich nicht gerade verlassen. Z. B. mit der Frau da, von der ich vorhin erzählt habe, wo die Kinder tagelang in der gleichen Windel rumgerannt sind. Da hatte ich das Sozi angerufen, aber die haben nichts gemacht. Dann kam eine von denen, hat sich das angeguckt, aber auch nichts gemacht. Die Mutter ist da vor ihr noch besoffen vom Stuhl gefallen und lag da auf dem Küchenfußboden. Da hat die nur gesagt: "Frau Y., Sie müssen doch aufstehen", und dann war sie wieder draußen und hat die Frau da liegenlassen. Ich bin dann überall hin, nirgendwo durchgekommen. Dann bin ich zum Amtsleiter und hab da halbwegs rumgeschrien. Die Kinder sind dann alle von einem Tag auf den nächsten rausgeholt worden. Eine Freundin von mir, die selbst schon drei Kinder hatte, mußte die nehmen, weil es eigentlich keinen Heimplatz für die gab. Sie selbst ist allerdings nicht so versoffen, obwohl sie da auch wohnt"(A22).

Auch von anderen Frauen wird über bestürzende Fälle der Vernachlässigung bzw. Mißhandlung von Kindern berichtet, an denen Mütter beteiligt sind.

"...aber auch die Deutschen, die in dieser Gegend wohnen, sind ganz schön fertig...sind nicht gerade die besten. Da sind total viel alleinstehende Frauen. Da drüben sind die ständig am Pöbeln, schlagen sich. Das Kind ist Bettnässer. Sie läuft ständig rüber in die Kneipe, in's ..., und der Kleine - der kann dann wohl nicht schlafen - steht dann auf der Straße und ruft: "Mama, Mama ich hab Angst, ich kann nicht schlafen". Dann schreit die Mutter ihn erst zusammen und bringt ihn nach Hause. 15 Minuten später sitzt sie wieder in der Kneipe und der Junge kommt wieder an und schreit"(A28).

"Das Jugendamt müßte sich auch sinnvoller einsetzen, finde ich. Meine Schwester, die hatte zwei Pflegekinder über's Jugendamt. Dann hat die leibliche Mutter die Kinder wiederbekommen, hat sie geschlagen und vernachlässigt. Die sind in der Schule sehr auffällig gewesen - d.h., die Kleine ging noch nicht zur Schule, die war erst drei. Dann kam das Jugendamt wieder an und fragte, ob sie die Kinder zurücknehmen würde. Inzwischen hatte sie selbst ihr zweites bekommen und gesagt, daß sie nur das Mädchen zurücknehmen würde. das Jugendamt wollte die Geschwister aber auf keinen Fall trennen. Also sind die wieder zu den Eltern, nachdem sie übergangsweise im Heim waren. Die Kleine ist jetzt tot, die hat ihr Stiefvater vergewaltigt und umgebracht. Das ist doch ein Schauermärchen, das die das nicht besser planen können sowas"(A30).

Befragt nach den schwerwiegendsten Problemen in der Gegend äußert eine der Interviewten: "Am meisten sind das, glaube ich, so Familiengeschichten, wo die Kinder vernachlässigt werden, ob das nun am Alkohol liegt oder daran, daß die Familien kein Geld haben...Es sind eben doch viele unvollständige Familien hier. Und vor allem, die Leute verstecken das hinter ihren vier Wänden"(A14).


3.7 Neue Partnerschaften

Wohl die meisten der heute alleinerziehenden jungen Frauen haben trotz ihrer Erfahrungen mit Gewalt das Bedürfnis, nach einer neuen Partnerschaft. "Ich treffe mich ab und zu mit meinen Arbeitskollegen. die sind alle ganz nett, das bringt mir immer Spaß. Aber das ist ja nichts Halbes und nichts Ganzes, weil die ja auch alle ihre Partner haben; und am Wochenende haben die natürlich dann auch keine Zeit"(A15). Die Suche nach einem neuen Partner ist aus der Situation als Alleinerziehende heraus schwierig (s.o.). "Meinen Freund, den habe ich aber auch nicht so einfach kennengelernt. Das war Zufall..." (A22).
Es wird berichtet, daß die Frauen z.T. auch die aufgegebene Partnerschaft neu beginnen. "Viele sind aber so, die gehen dann trotzdem wieder zurück. Ich hatte da eine Freundin, der Mann war Alkoholiker, die hatte dann ihre eigene Wohnung und ist trotzdem bei ihrem Mann eingezogen. Das ist doch verrückt"(A14). In einem solchen Fall ist es wahrscheinlich, daß wieder Alkohol, Streit und schließlich körperliche Gewalt die Beziehung kennzeichnen.

Die Beziehung mit einem neuen Partner könnte zu einer Entwicklung führen, wie sie eine 30jährige Alleinerziehende für sich beschreibt. Die Frau ist zweifach geschieden und hat drei Kinder im Alter von 3-9 Jahren:
"Inzwischen sind mein Freund und ich so weit, daß wir gerne zusammenziehen wollen, das wäre auch für die Kinder nicht schlecht. Der Große ist ja noch von meinem ersten Mann. Dann war ich das zweite Mal verheiratet. Der Typ ist nach fünf Wochen verschwunden, einfach abgehauen, ohne daß ich etwas geahnt hätte. Ich weiß auch nicht, wo der hin ist..." (A22).

Die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle im Stadtteil erklärt aus ihrer Erfahrung heraus derartige Entwicklungen so:
"Was auffallend ist, daß fast jede Frau, die hier schon einmal hergekommen ist, sexuell mißbraucht wurde und daß diese Frauen auch hier aus der näheren Umgebung kommen. Viele wohnen in der Vicelinstraße, Kieler Straße... Manche haben das auch noch nie jemandem zuvor erzählt. Die Hemmschwelle, sich an öffentliche Einrichtungen zu wenden ist ziemlich groß."(A23).
(Eine der Interviewten, eine junge alleinstehende Mutter, schildert einen Versuch, sie in der eigenen Wohnung mit Waffengewalt zum Geschlechtsverkehr zu zwingen.)

"Mit solchen Erfahrungen sind dann eine Menge anderer Probleme verbunden. Es ist immer wieder zu beobachten, daß solche Frauen sich ältere Männer suchen und sich von denen abhängig machen. Meistens sieht das dann so aus, daß sie schwanger werden und der Typ verschwindet. Das ist ein richtiger Teufelskreis.
Die befinden sich auch in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite lehnen sie Männer aufgrund ihrer Erfahrungen ab, andererseits suchen sie aber auch Kontakte zu Männern...Die suchen sich meistens Kontakte in der verkehrten Richtung, einen Freund, der sie weiter runterzieht. Und wenn sie wieder jemanden gefunden haben, an den sie sich ranhängen können, kommen sie aus ihrer Höhle nicht raus. Wenn der Typ dann abhaut, fangen sie wieder ganz von vorne an, haben keine Kontakte, teils sogar Ausbildungen abgebrochen usw."(A23).

"Das kann man fast schon 100%ig vorhersagen bei einigen Frauen, die sich gut entwickelt haben und selbständig geworden sind in ihrer Ausbildung, daß die sich einen Alkoholiker suchen und zwei Wochen später mit blauen Augen dasitzen. Hier wohnen viele Trinker, und man kann an jeder Ecke fast mitkriegen, daß da in der Wohnung mal irgendeine Frau verprügelt wird"(A23).

"Vielen Frauen fehlt auch die nötige Aufklärung, meine ich. Die haben häufig noch so die Vorstellung, daß sie mit einem Kind eine heile Familie schaffen können. Hier herrscht doch oft eher noch die Vorstellung, daß die Frau sich dem Mann zu beugen und für den Haushalt und die Kinder zu sorgen habe"(A23).

Die Familienszenen, die zu erwarten sind, ähneln den bereits durch die Interviewten beschriebenen. Ein Polizist: "Auch bei den ganzen Familienstreitigkeiten, wenn die sich da gegenseitig die Köppe einhauen, sieht man eigentlich nichts. Es ist bloß traurig, daß die Kinder da mittendrin sind und da hineinwachsen. Da ist die Mutter duhn, hat mit'm neuen Vater 'n neues Kind, kommt mit dem auch nicht klar usw.
Kein Wunder, daß da die Kinder vor nichts mehr Respekt haben, woher denn auch. Die hängen hier dann bis spätabends spät noch alleine auf der Straße, was sollen die sonst machen?"(A20)

Die Betroffenheit über die Gewalt in den Familien ist spürbar:
"Das kann doch nicht so weitergehen, daß das schon Normalität hier ist, daß die Frauen verprügelt werden"(A22).
Es wird nach Erklärungen für das Verhalten der Männer und nach Lösungen gesucht:
"Die Männer sind aber, glaube ich, nur hilflos...Die Männer merken das auch, daß Frauen Streß besser abkönnen, und sie wissen sich nicht besser zu wehren, weil sie genau wissen, daß die Frauen stärker sind.
In Kiel...war mal vor kurzem eine Veranstaltung von einem Verein für "Männer gegen Männergewalt", das finde ich echt toll. Die haben das zugegeben, daß sie ihre Frauen geschlagen haben. Aber die unternehmen jetzt wenigstens etwas gegen ihre Hilflosigkeit. Sowas müßte es hier auch geben"(A14).

Das Mitgefühl gilt vor allem den Frauen und Kindern:
"Ich habe aber eher das Gefühl, daß die Probleme der Frauen hier nicht so ernst genommen werden, daß man sich nicht vor Augen hält, daß diese Frauen auch die Kinder hier erziehen. Unter denen gibt es viele, die auffällig sind. Und solche extremen Erlebnisse wie sexueller Mißbrauch, die können ja von der Öffentlichkeit sonst auch gar nicht so wahrgenommen werden"(A23).


3.8 Türkische Familien

Die Türken mit ihren Kindern sind sicher die äußerlich auffälligste soziale Gruppe im Stadtteil. "Bei SK sitzen...oft die vermummten Mütter auf dem Parkplatz in den Baggerschaufeln z. B. und machen da irgendwelche Handarbeiten"(A28). "Türkenkinder und Türkenmammis gibt es hier überall"(B1). Es wird registriert, daß die Türken sehr kinderreich sind, obwohl gesehen wird, daß es auch viele deutsche Kinder gibt (B1;B2). Die Anzahl der Kinder in den türkischen Familien wird genauer benannt: "Die Familien hatten hier vor drei Jahren im Durchschnitt 4-5 Kinder. Inzwischen sind es bestimmt schon mehr"(A4).
Das Wohngebiet der türkischen Familien ist innerhalb des Stadtteils im wesentlichen auf wenige Straßen konzentriert. "Die meisten Türken wollen eben bei ihren Landsleuten wohnen. Die haben (auch) alle viele Kinder und beschweren sich deshalb nicht"(A4).
Begünstigt durch das Zusammenleben vieler türkischer Familien in einem relativ kleinen Areal haben sich Ansätze einer türkischen Infrastruktur herausgebildet. "Die Türken haben hier sogar ihre eigenen Läden, die sie präferieren. Sie haben hier alles: Türkencafe, eigene Läden und DönerKebaps" (B5). Hinzu kommen Teestuben und der Türkische Arbeiterverein. "Türken sind in Teestuben und Cafes unter sich und können hier ihre Tradition pflegen" (B1). Das Ganze hat schon Züge eines "urban village", eines Dorfes in der Stadt.

Obwohl gerade die großen türkischen Familien oft sehr beengt wohnen, scheinen sie einigermaßen damit zurechtzukommen. "Für Türken ist das enge Wohnen nicht so schlimm. Sie sind glücklich, wenn die Familie zusammen ist" (A4). Auch das enge Zusammenleben mit anderen türkischen Familien in den Mietshäusern wird positiv gesehen als "...die Möglichkeit der Unterkunft und des Zusammenseins mit Landsleuten. Weil die Familien zusammen wohnen, haben sie keine Hilfe von außen nötig"(A4). Kontakt sowie Zusammenhalt untereinander und wechselseitige Hilfe kennzeichnen diese Gruppe. "Die Familie hilft. Wir helfen uns untereinander (z. B. dolmetschen). Türkischer Arbeiterverein, Teestuben versuchen zu helfen" (B2).
Zu den anderen türkischen Familien besteht "gute Nachbarschaft. Sie sind zu mir wie Onkel und Tanten" (B3). "Türken unter sich gehen normal miteinander um" (B1). Die Jugendlichen berichten, daß ihre Freunde im Viertel wohnen und daß sie sich von Kind an kennen (B2). "Türken haben ein großes Verbundenheitsgefühl untereinander. Deshalb gehen Türken oft mit mehreren (ich mit fünf Freunden)" (B2).

Die Baufälligkeit der Häuser und der schlechte Zustand der Wohnungen dürfte zumindest für viele der Älteren auch deshalb erträglicher sein, weil sie ihren Aufenthalt in Deutschland lediglich als vorübergehend betrachten. "Die meisten wollen hier arbeiten und sparen, um dann wieder in die Türkei zurückzukehren...Von den Türken wird das Wohnen hier als vorübergehende Unterkunft gesehen, so daß die meisten Türken sich nicht richtig einrichten" (A4). Der Vorwurf der Deutschen, die Türken kümmerten sich nicht um den Zustand des Wohnumfeldes könnte unter diesem Aspekt durchaus ein Körnchen Wahrheit enthalten.
Allerdings scheinen auch einige Türken besonders die Verhältnisse in der Anscharstraße zu stören. "Die Anscharstraße ist dreckig, viel Streit, viele laute Kinder...In der Christianstraße ist das anders. Da sind Geschäfte. Da ist die Moschee und das Parkcenter. Deshalb ist es dort sauber. Dafür sorgen schon unsere Religion und der Repekt vor dem Hodscha (Geistlicher). Dieser braucht es nicht gleich anzusprechen, denn die Sauberkeit ist eine Selbstverständlichkeit. Sie wollen vermeiden, daß Deutsche über uns labern" (B2).

Die Wohnung ist für die Familie entscheidend. Hier kann man sich von der fremden Umwelt und den fremden, oft als feindselig erlebten, Deutschen zurückziehen und hat "...die Möglichkeit, mit den Landsleuten ungestört zusammen zu sein. Die Deutschen sollen nicht sehen, wie sie leben"(A4).
Das Verhältnis der älteren Türken zu den Deutschen scheint oft durch Rückzug, Mißtrauen, Unsicherheit und Vorurteile geprägt zu sein. Dies geht aus verschiedenen Bemerkungen hervor:
- "Die Eltern ziehen sich auch von den Deutschen zurück, weil sie unabhängig sein wollen und mißtrauisch sind. Meistens können sie auch nicht so gut Deutsch und sind dadurch unsicher"(A4).
- "Durch Wahlerfolge der rechten Parteien (gibt es eine) Welle der Angst, daß sie nicht bleiben können "(A4).
- "Der mangelnde Informationsfluß - besonders türkischer Schüler zu ihren Eltern - vergrößert deren Mißtrauen und Abgrenzungstendenz" (A10).
- "Und Vorurteile haben die auch. Hier war mal ein türkisches Kind verschwunden. Da saßen die hier auf der Straße in Betstellung - das war alles voll hier - und haben geschrien:"Ihr Piss-Deutschen, ihr habt unser Kind" usw. Das war vielleicht ein Spektakel. Das Kind war nach zwei Tagen wieder aufgetaucht, aber ich glaube nicht, daß das mit Deutschen was zu tun hatte"(A28).

Die latente Angst vor einer Bedrohung durch die Deutschen, die sich im letzten Beispiel zeigt, dürfte sich durch Ausländerfeindlichkeit und Gewaltakte von Skinheads in der Tendenz eher verstärken.
Im Stadtteil Gadeland gibt es eine größere Gruppe von Skins. "Meine türkische Kollegin, die wußte gar nichts davon. Die wollte ihren Sohn da einschulen lassen. Da haben alle zu ihr gesagt: "Bist du verrückt? Der kommt nicht einmal heil aus der Schule zurück"(A28). Daß solche Befürchtungen nicht völlig unbegründet sind, zeigen die brutalen Auseinandersetzungen, die auch in Neumünster bereits zwischen jungen Türken und Skins stattgefunden haben (A17).

Außer den teils latenten, teils manifesten Konflikten, die sich zwischen Deutschen und Türken zeigen, gibt es eine wichtige Konfliktlinie innerhalb der türkischen Familien selbst. Diese verläuft zwischen Jung und Alt. "Man kann schon sagen, daß der türkische Generationskonflikt groß ist"(A4).
Die meisten der Älteren kommen aus Dörfern Ost-Anatoliens (A28) und sind Moslems. Sie wollen (s.o.) irgendwann wieder aus der Fremde in die Türkei zurückkehren. Ihr Leben hier ist nur ein Zwischenleben. Unter dieser Perpektive wollen sie ihre Kinder im Sinne ihrer eigenen Sozialisation zu Türken erziehen und "...haben Angst, das ihre Kinder Deutsche werden"(A4).

In der Umgebung vorhandene institutionelle Angebote zur Förderung ihrer Kinder werden auch z.T. deswegen nicht genutzt.
"Die Eltern haben dann auch eine Sperre, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken, weil die Deutschen das (daß Türken kein Schweinefleisch essen) vielleicht nicht akzeptieren. Dazu kommt noch die Sprachbarriere und daß die normale Wartezeit im Kindergarten auf einen Platz zwei Jahre beträgt (A4). Die Deutschen interpretieren dieses Verhalten negativ:
"Viele türkische Eltern melden ihre Kinder gar nicht im Kindergarten an. Die denken wohl, daß sie das nicht brauchen. Die haben andere Vorstellungen von Erziehung" (A9).

"Wenn die türkischen Kinder dann zur Schule kommen, haben sie oft Schwierigkeiten und suchen sich woanders einen Ausgleich. Ihnen fehlt das Gefühl von Zugehörigkeit und Identität"(A4).
"Dazu kommt, daß die Eltern überfordert sind. Vielleicht mit vielen Kindern und den Gedanken an die Rückkehr und viel planen"(A4). Schulische Schwierigkeiten, Überforderung und mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern bilden den Hintergrund für das Auftreten kleinerer Delikte. "...Vor allem die 9-11 jährigen klauen. Das liegt aber auch an dem Aufforderungscharakter der großen Kaufhäuser hier...Sie leben hier aber auch insgesamt im türkischen Sinne gefährlicher"(A4).
Auf diese Delikte aber auch auf anderes auffallendes Verhalten reagieren die Eltern mit Druck:
"Die türkischen Eltern unterstützen das, glaube ich, nicht so sehr. Im Gegenteil, die schimpfen mit ihren Kindern, wenn die irgendwo auffallen" (A28). Ähnlich wie in vielen deutschen Familien des Viertels ist auch in den türkischen körperliche Bestrafung häufig zu beobachten. "Die meisten (türkischen Kinder) werden zuhause auch ständig geprügelt. Wie oft haben wir die schon getröstet. In der Vicelinschule haben sie Ärger, zuhause krähen die Mütter rum"(A27). Die deutschen Mitbewohner, in deren eigenen Familien sich ja auch häufig Gewaltszenen abspielen, registrieren Beispiele körperlicher Züchtigung bei den türkischen Nachbarn:
"Ich weiß nicht, ob sie schon einmal gesehen haben, wie Türkenmütter ihre Kinder prügeln, das ist ganz schlimm. Die nehmen auch Schuhe oder sowas oder schleifen die Mädchen tatsächlich an den Haaren hinter sich her"(A28).
"Hier ist letztens ein Kind angefahren worden auf der Straße, da kam die Mutter und war da am rumkeifen und hat das Kind ohne Hinsehen geschlagen, auch in's Gesicht"(A28).

Die traditionellen türkischen Geschlechterrollen werden auch in der deutschen Umgebung aufrechterhalten und ihre Einhaltung sozial kontrolliert. "Die üben da aufeinander wohl noch einen ziemlich großen Druck aus. Viele Eltern (Mütter)laufen ja sogar noch vermummt rum"(A28). Die Verteilung der Geschlechterrollen ist nach Beobachtungen einer Mitarbeiterin der Spieliothek mit einem unterschiedlichen Verhalten der Kinder gegnüber den beiden Elternteilen verbunden. (Die Spieliothek ist eine Freizeiteinrichtung im Viertel, die vor allem von türkischen Kindern besucht wird, s.u.).
"...dann setzen sich mal türkische Mütter vorne mit auf den Platz, um ihre Kinder zu beobachten oder um uns auf die Finger zu gucken. Die können natürlich alle kein Deutsch. Das ist auch so ein Handicap. Da kann man mal ein nettes Lächeln los lassen, aber mehr an Kontakt ist nicht drin. Aber die werden dann auch von den Kindern nicht mit einbezogen, die werden einfach links liegengelassen. Die Mütter haben bei denen ja auch keine Autorität.
Was anderes ist das bei den Vätern, die müssen mitmachen, da rennen die Kinder hin, um ihnen was zu zeigen und zu erklären. An den Müttern sind sie uninteressiert, da halten sie sich lieber an die Betreuer, wenn sie schon über 6 sind. Von daher ist es natürlich auch toll, daß wir einen männlichen türkischen Betreuer haben...Die Kinder sind zum Teil auch deshalb lieber auf der Straße, weil die türkischen Mütter ihnen nichts zu sagen haben bzw. weil sie keinen Respekt vor ihr haben und ihre Anregungen und Vorschriften nicht annehmen"(A27).

Durch die Verteilung der Geschlechterrollen und entsprechende innerfamiliäre Verhaltensmuster ergibt sich eine privilegierte Stellung der Jungen. "Für die Väter sind die Söhne ja alles. Die dürfen sogar die Mutter kommandieren"(A28). "Die türkischen Kinder werden aber ja auch schon so erzogen, daß die Jungen lernen, sich zu behaupten. Ein Junge zählt da ja mehr. Der lernt von Anfang an, sich zu wehren"(A9).
Für die Mädchen ergeben sich nach den Schilderungen deutscher Beobachter mehr Pflichten und eine selbst jüngeren Brüdern gegenüber untergeoerdnete Stellung: "Zu Hause zählt bei denen ja ein Junge mehr als ein Mädchen ...z. B. da drüben die Familie, da muß die Tochter beim Einkaufen die Taschen tragen, und der Junge geht daneben und ißt sein Eis"(A14). "Bei Geschwistern kann man das auch gut beobachten. Das 10jährige Mädchen hört da auf den 6jährigen Bruder. Darüber kann man mit den Eltern leider nicht sprechen. Das ist nun mal so für die, das macht man gar nicht zum Thema. Das für die Kinder daraus auch Schwierigkeiten hier entstehen, sehen die gar nicht"(A27).

Durch die traditionellen Geschlechterrollen, auf die hin die Kinder sozialisiert werden, ergeben sich auch nach der Feststellung eines türkischen Interviewten für die Mädchen besondere Probleme. "Viele Mädchen dürfen auch nicht zur höheren Schule gehen, obwohl sie das schaffen könnten. So gibt es noch viele Jugendliche, die beide Sprachen nur halb sprechen, vor allem Mädchen. Ein großes Problem ist natürlich die sexuelle Freiheit der Deutschen für die Eltern"(A4). Auch dies ist in erster Linie aus der Sicht der türkischen Eltern ein Problem im Hinblick auf die Mädchen, deren Kontakt mit dem anderen Geschlecht traditionell bis zur Heirat streng kontrolliert und reglementiert wird.

Bei den deutschen Mitbewohnern des Viertels, unter denen die Stellung der Frauen ja ebenfalls problematisch ist, stößt dies auf Befremden: "Irgendwie anders sind die ja schon. Und die Mädchen, die müssen ja mit 16 heiraten. Ich kannte mal eine Friseuse, die mußte mit 16 heiraten und aufhören zu arbeiten. Die dürfen ja nichts, die türkischen Frauen" (A14).
"Aber das Mädchen mit Mädchen spielen müssen, das ist noch bei fast allen so. Wenn die älter sind, so 16, werden die dann verheiratet. Meine Freundin hat sich ihren Mann allerdings selbst gesucht. Viele sind schon nicht mehr mit allem einverstanden" (A28).

Wahrscheinlich unter dem Druck der Konflikte, die in der obigen Bemerkung angedeutet werden, finden Modifikationen der traditionellen türkischen Lebensweise statt, wobei aber die Grundstrukturen der Rollenverteilung beibehalten werden. Eine Türkin berichtet:
"Nein, das ist nicht immer so, daß die Mädchen früh heiraten müssen. Sie können selbst entscheiden, ob sie so leben wollen wie ihre Eltern. Aber bei vielen, stimmt, ist die Ausbildung dann auch zuende, wenn sie heiraten. Na ja, die Eltern wollen auch wissen, wenn sie aus dem Leben gehen, daß die Frau versorgt ist"(A29).
"Z. B. war letztens das Beschneidungsfest für den Sohn meiner (türkischen) Kollegin. Die wollte aber nicht, daß das vor allen Gästen gemacht wird, wie das üblich ist. Die hat das im Krankenhaus machen lassen. Als wir dann kamen, die Gäste, hat der Junge auf einem riesigen geschmückten Bett gelegen in so'ner Art Tracht, sah echt toll aus, und hat seine Geschenke bekommen" (A28).

Mit Modifikationen dieser Art sind die Konfliktmöglichkeiten aber nicht ausgeräumt, denn die älteren Kinder und Jugendlichen beider Geschlechter finden sich zunehmend weniger mit der traditionellen Lebensweise ihrer Eltern ab. "So ab 14 Jahren fangen aber auch viele (Mädchen) an, sich zu distanzieren. Die machen sich schick, kleiden sich modisch"(A28).
"Es sind aber nicht mehr alle so. Meine Freundin, von der ich erzählt habe, die ist schon ziemlich emanzipiert"(A28).

"Die Jugendlichen sind (in den Augen der Eltern) schon wie die Deutschen und bekommen deshalb Probleme mit ihren Eltern. Sie hören zuhause nur deutsche oder amerikanische Musik z. B. Dann fühlen sich die Eltern provoziert...Dann gibt es Familienstreitigkeiten. Dann suchen sich die Jugendlichen woanders Anerkennung...Die Eltern haben dann auch Probleme mit dem Lockerlassen" (A4).
Die Jugendlichen fühlen sich besonders dort, wo Türken in größerer Zahl in quasi "dörflichen" Strukturen wohnen, immer weniger wohl. Sie weichen der Kontrolle der Älteren unter anderem dadurch aus, daß sie sich vorwiegend außerhalb des Stadtteils, vor allem im Zentrum der Stadt aufhalten. "Eltern, Kinder und Alte bleiben tagsüber im Viertel. Die Jungen sind meistens in der Stadt"(B2).
Das gespannte Verhältnis zwischen der älteren und der jüngeren Generation der Türken wird in einer Reihe von Äußerungen deutlich.
"Die sind viel zu dickköpfig, streng moslemisch. Sie leben noch in der Vergangenheit, denken noch immer wie früher in der Türkei und wollen vieles beibehalten" (B3).
"Die Älteren leben noch wie in der Türkei, beobachten die Jungen. Die Älteren erwarten Respekt und Gehorsam von den Jugendlichen. Häufig gibt es Probleme, was man tun darf oder nicht" (B2).
"Da wird viel gelabert, sind zu viele alte Leute, die bestimmen wollen. Sie sagen einem, was man zu tun hat. Sie sind noch streng moslemisch. Die Mädchen dürfen einen Freund nicht mitnehmen. Die Eltern erlauben so wenig. Ständig befehlen (sie) und beobachten, was die jungen (Türken) tun. (Ich wünsche mir) mehr Freiheiten, weniger Angst" (B3).
"Der Umgang untereinander ist oft schwierig, denn die Alten mögen alles nicht haben. Sie haben andere Ansichten" (B2).
"Die Jungen und Alten können nicht gut miteinander reden, weil die Alten uns nicht verstehen. An der Dickköpfigkeit der Alten scheitert alles. Sie haben kein Verständnis und erlauben vieles nicht" (B3).

Die türkischen Jugendlichen nehmen das Verhältnis zu ihrer deutschen Umwelt als gespannt und z. T. feindselig wahr. "Die Jugendlichen sehen auch mehr, sie nehmen besser wahr, wie mit ihnen umgegangen wird" (A4). Aber als gespannt und teilweise gegen sie stehend wird auch die türkische Umwelt gesehen.
"Wenn man da mit Freunden geht, wird gelabert. Vor allem die Alten sind hinterhältig und tratschen. Jeder kennt jeden (Tratsch). Für viele ist das problematisch. Es herrscht das Gefühl, man wird überwacht" (B2).

Die türkischen Jugendlichen fühlen sich in ihrer Suche nach Verhaltensspielraum und Identität sowohl von der deutschen als auch der türkischen Umwelt eingeengt und bedrängt. Ihr Zufluchtsort ist die Gruppe der türkischen Gleichaltrigen, in und mit der sie ein selbstbestimmtes Eigenleben zu führen und sich selbst zu behaupten versuchen. Die Gruppen entwickeln eine Eigendynamik nach innen und außen, u. a. durch größere Risikobereitschaft und Imponiergehabe. Sie geraten ihrerseits in zusätzliche Konflikte, z.B. mit Gruppen jugendlicher Deutscher wie Skinheads. Eine Konfliktspirale bildet sich (A17).
"Aber nach ihren Problemen fragt ja keiner. Die meisten (Deutschen) sehen nur, daß sie auffallen und sagen dann "Türken raus"(A4).


3.9 Erziehungsverhalten der Eltern

Wir haben uns zunächst mit den Aspekten der räumlich-mareriellen Umwelt auf der Ebene des Stadtteils beschäftigt. Dann wurde die soziale Umwelt hinsichtlich der in bezug auf sie vorgenommenen Kategorisierungen in unterschiedliche Gruppen näher betrachtet. Schließlich wandten wir uns den Familien als der wichtigsten Instanz der primären Sozialisation der Kinder zu. Die Familienstrukturen, die Probleme und Konflikte sowie der Umgang der Erwachsenen mit ihnen wurde beschrieben. Dabei wurden bereits Verhaltensmuster der Eltern im Umgang mit den Kindern in Umrissen sichtbar.
In den vorhergehenden Abschnitten wurde deutlich, daß viele Eltern vorwiegend mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, die sie nur schwer oder garnicht bewältigen. Aufgrund der häufig problematischen Familiensituation ist es wahrscheinlich, daß viele Kinder psychische Beeinträchtigungen leiden und Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Sie benötigen elterliche Beachtung und Zuwendung.
Die Verhaltensmuster der Eltern im Umgang mit ihren Kindern sollen in diesem Kapitel näher untersucht werden.

Die Mitarbeiterin eines Kindergartens skizziert die Rangreihe der Probleme, die in persönlichen Gesprächen mit den Eltern deutlich wird: "Meistens geht es aber um Probleme von Frauen, die selbst trinken oder von ihrem drogen- oder alkoholsüchtigen Mann nicht loskommen, aus verschiedensten Gründen. Damit verbunden sind dann erst Erziehungsprobleme, dann Schwierigkeiten der Kin der in der Schule und natürlich die schlechte finanzielle Situation"(A3). Entsprechend dieser Gewichtung setzen sich viele Eltern anscheinend mit den Problemen ihrer Kinder kaum oder eher oberflächlich auseinander. "Obwohl die Kinder aggressiv sind und unausgeglichen, tun die Eltern so, als ob alles in Ordnung wäre. Wenn wir sie auf Auffälligkeiten der Kinder ansprechen, kommen entweder vage, ausweichende Entgegnungen, oder sie betonen, daß sie nichts machen können, daß sie z. B. den Kindern auch schon gesagt hätten, sie sollten nicht so viele Videos ansehen"(A3).
Zwar achten die Eltern auf die äußere Erscheinung der Kinder ("alle vierzig Kinder unseres Kindergartens sind gepflegt"(A3)), andere Erziehungsaufgaben werden indes anscheinend eher vernachlässigt. "Die Eltern, überwiegend Arbeiterfamilien, in denen die Mütter nicht berufstätig sind, nehmen das auch nicht so ernst, wenn ihre Kinder nur unregelmäßig kommen und entschuldigen dies häufig mit Krankheiten der Kinder. Ich glaube, das ist aber oft nur vorgeschoben"(A3).

Mangelnde Beschäftigung der Eltern mit ihren Kindern und Vernachlässigung sind ein Thema, das von vielen der Interviewten angessprochen wird und auf alle Gruppen, Deutsche wie Türken, bezogen wird.

"Die Kinder hier, die wachsen doch relativ orientierungslos auf" (A1). Für die Kinder sollte diese Orientierung mehr von den Eltern kommen: "Ich finde, daß die Eltern sich wieder mehr mit ihren Kindern beschäftigen müssen"(A18). "Die meisten Kinder hier sind tagsüber unbeaufsichtigt. Das, finde ich, ist ein ganz großes Problem hier. Die müßten ganz gezielt auf bestimmte Dinge hingeführt werden"(A1). Die Eltern versäumen es nach diesen Kommentaren z. B., ihren Kindern ein soziales Verhalten und grundlegende Sozialtechniken zu vermitteln. "Ich finde, daß die Kinder hier doch ziemlich vernachlässigt werden, was z. B. Sozialverhalten, Haushaltsgewohnheiten, Umgang mit bestimmten Materialien angeht usw."(A6).

Dieser Vorwurf bezieht sich z. B. auf Familien, in denen beide Eltern ganztägig berufstätig sind:
"Im Hort ist das vor allem so, da sind die Kinder auch schlechter dran. Das sind die, wo beide Eltern berufstätig sind. Das ist ja auch so schön einfach, die Kinder morgens um 6.30 Uhr abzuliefern und dann in Ruhe bis 17 Uhr zu arbeiten...Solche Kinder können sich auch schlecht beschäftigen, weil die Eltern es nie gezielt mit ihnen geübt haben. Wir versuchen natürlich auch die generell steigende Aggressivität hier in den Griff zu kriegen. Aber die Kinder von Berufstätigen kommen zu kurz.
Die Eltern kommen abends abgespannt von der Arbeit und wollen in Ruhe fernsehen. Das ist schlimm"(A9).

Manche Deutsche charakterisieren mit "Vernachlässigung der Kinder" in erster Linie die türkischen Eltern:
"Mit denen hier im Haus (Türken) komme ich gut klar. Aber die haben eben andere Erziehungsmethoden. Die kümmern sich auch nicht so um ihre Kinder"(A14). "Für die türkischen Mütter sind die Kinder nicht das Problem, sondern ihr Haushalt. Die Auffälligkeiten der Kinder sehen sie nicht"(A1).
Andere jedoch relativieren die einseitige Beurteilung:
"So manche türkische Mutter hat mehr Zeit für ihre Kinder als die Deutschen, glaube ich. Obwohl die türkischen Kinder auch viel sich selbst überlassen sind und Randale machen"(A9).

Die folgende Beschreibung scheint, darauf weisen auch andere Bemerkungen der Interviewten hin, auf zahlreiche Familien im Viertel zuzutreffen:
"Da viele Eltern mit ihrer Situation, z. B. acht Kinder, überfordert sind, wollen sie ihre Ruhe haben und lassen die Kinder vor dem Bildschirm sitzen, ohne sich um die Auswahle der Filme, laute und aggressive, zu kümmern "(A10).

Während viele Eltern ihre Kinder vernachlässigen, das heißt nicht im positiven Sinn "erziehen", reagieren sie auf "störendes" Verhalten der Kinder häufig mit harter Bestrafung und Schlägen.
"Die Eltern verschlimmern das (auffällige Verhalten) noch, weil die, das gilt auch für die Deutschen hier, ihre Kinder für jedes Fehlverhalten verprügeln" (A1). "Auf der anderen Seite werden die Kinder streng erzogen und viel für kleine "Vergehen" geschlagen"(A6).
"Die (deutschen) Eltern keifen rum. Die reden prinzipiell immer im Schreiton mit ihren Kindern. Wenn sie die zum Essen oder sonstwas holen, dann schleifen sie die hinter sich her...Wenn da die Eltern mit ihren Kindern in den Laden kommen, also, die unterhalten den ganzen Laden"(A21).
"Oder die Türkenmütter, die prügeln wie Wahnsinnige auf ihre Kinder ein, auch auf die kleinen"(A28).
"Die (türkischen Kinder) kennen das gar nicht, daß man nicht sofort mit massivem Druck reagiert. Zuhause fehlt ihnen einfach auch die Zuwendung. Die suchen sie sich dann auf der Straße mit dummen Streichen" (A27).

Es zieht sich eine Linie durch die Schilderung des elterlichen Erziehungsverhaltens und der Konsequenzen: die Eltern sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, sind mit der Erziehung überfordert und wollen "ihre Ruhe" haben. Dadurch beschäftigen sie sich nicht mit ihren Kindern. Die Kinder wachsen orientierungslos auf und es fehlt ihnen die Zuwendung der Eltern. Daraus entstehen Sozialisationsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten. Auf "störendes" Verhalten reagieren die überforderten Eltern mit Strenge und Härte. Damit verschlimmern sie die Situation noch. Eine Beeinflussung des elterlichen Erzeihungsverhaltens durch außenstehende Berater, Erzieher usw. wird als äußerst schwierig empfunden: "Die Leute sind ja meistens leider ziemlich festgefahren, wenn man Erziehungshinweise geben will."(A27).

Zusammenfassende Bewertung

Unser Datenmaterial, subjektive Kommentare in Interviews, ist nicht geeignet, definitive Aussagen über Ursache-Wirkungsrelationen zu machen. Es liegt jedoch nahe, zumindest die Faktoren Erwerbslosigkeit, Alkoholprobleme, zerrüttete Familie sowie alleinerziehende Elternteile als zusammenhängendes Bündel von möglichen Ursachen für Störungen der primären Sozialisation anzusehen.
Ein zweiter Ursachenkomplex dürften die Probleme der Akkulturation sein, mit denen Kinder ausländischer Eltern im Gast- bzw. Einwanderungsland konfrontiert sind.

Arbeitslosigkeit ist häufig mit negativen psychischen und physischen Konsequenzen verknüpft. Dazu gehören im psychischen Bereich z. B. Orientierungslosigkeit, Passivität, Resignation, Selbstwertprobleme und Gefühle der Vereinsamung. Arbeitslose neigen eher zu passiv-rezeptiver (z.B. Fernsehen) als zu aktiver Freizeitgestaltung. Zum Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Alkoholkonsum bzw. anderem Suchtverhalten (Drogen, Spielsucht) gibt es bisher keine gesicherten Erkenntnisse, aber Hinweise, daß solche Zusammenhänge bei längerer Arbeitslosigkeit vorgefunden werden können. In bereits schwierigen Partnerbeziehungen kann Arbeitslosigkeit dazu beitragen, daß sich Partnerprobleme verschärfen und es zur Zerrüttung kommt. Es kann nach empirischen Untersuchungen in Arbeitslosenfamilien zu Autoritätsverschiebungen und zur Zunahme eines autoritär-aggressiven Erziehungsstils des Vaters kommen.

Starker Alkoholkonsum, der in einer ganzen Reihe von Interviews angesprochen wurde, kann u.a. mit Flucht- und Vermeidungsverhalten in schwierigen sozialen Situationen zu tun haben. Alkohol tritt an die Stelle einer aktiven Bearbeitung und Lösung von Konflikten und Problemen. Soziale Inkompetenzgefühle werden durch Alkohol überdeckt und z. T. durch kurzfristige Gefühle von persönlicher Macht und Erfolg ersetzt.

Trennung von Partnern bzw. die Aufnahme von Beziehungen zu neuen Partnern beinhalten zumeist die Neudefinition bzw. Aufgabe von Beziehungen zum engeren sozialen Umfeld (zu den Kindern, Schwiegereltern, gemeinsamen Freunden usw.), sie sind mit Bewertungen durch andere aber auch mit Bewertungen des eigenen Selbst verbunden. Die eigene Identität wird oft hinterfragt und partiell neu definiert. Bei Trennung vom Partner folgt auf eine Phase der Spannungen und Konflikte, z. T. auch der offenen Aggression, oft eine Phase der Verunsicherung und schließlich der Neuorientierung der erziehenden Eltern bzw. Elternteile, von der die Kinder betroffen sind und die sie weitgehend "erleiden" müssen.

Nach den Darstellungen in den Interviews ist es wahrscheinlich, daß für viele Kinder im Viertel die Eltern keine geeigneten Modelle für eine "positive Identität" sind. Eltern, bei denen das Selbstwertgefühl beeinträchtigt ist, die sich selbst nicht annehmen, werden ihren Kindern nur schwer das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln können. Eltern, die sozialen Problemen ausweichen bzw. mit Aggression und/oder Alkoholkonsum darauf reagieren, werden es schwer haben, bei ihren Kindern soziale Kompetenz und Problemlösefertigkeiten zu fördern.

Die dargestellten Bedingungen der primären Sozialisation machen es wahrscheinlich, daß unter den Kindern des Viertels gehäuft Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten sind. Diese Annahme wird auch durch einige im Konzeptpapier der Stadtteilschule dargestellte Fallbeispiele gestützt. Einige dieser Beispiele enthalten Schilderungen, die es nahelegen, die Therapiebedürftigkeit der entsprechenden Kinder dringend zu prüfen. Die aufgeführten Beispiele beziehen sich nach den Darstellungen im Konzeptpapier nicht auf Ausnahmen, sondern beschreiben das Durchschnittsbild in den Klassen aller Jahrgänge der Stadtteilschule.
Dringend erforderlich erscheint ein verstärktes Angebot an sozialer Hilfe, Beratung und Therapie für Eltern, Kinder und Jugendliche im Stadtteil. Lehrkräfte sind mit Aufgaben, die in Richtung Eheberatung und Therapie gehen, überfordert. Sie können sich diesen Aufgaben jedoch kaum entziehen, da kein dem großen Bedarf entsprechendes Angebot im Viertel vorhanden ist.

Die Kinder ausländischer Eltern haben, so ergeben die Äußerungen in den Interviews, besondere Schwierigkeiten, eine positive Identität aufzubauen. Sie werden mit unterschiedlichen Erwartungen z.B. der türkischen und der deutschen Umwelt konfrontiert. Hinzu kommen, auch das wird im Konzeptpapier der Vicelinschule deutlich, zum großen Teil mangelnde Deutschkenntnisse, die sich wiederum auf die schulische Leistung auswirken und zu zusätzlichen Frustrationen führen werden. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß ein Teil dieser Kinder Aggressionen entwickelt und Wege zur Erlangung eines positiven Selbstwertgefühls sucht z. B. in der Gruppe der Gleichaltrigen sucht, die wiederum zu Konflikten mit der sozialen Umwelt führen.

 

 

Teil III: Räumlich-materielle Umwelt der Kinder und Jugendlichen - Spiel- und Freizeitmöglichkeiten

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

4. Spiel- und Freizeitmöglichkeiten
4.1 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für jüngere Kinder
4.2 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für ältere Kinder
4.3 Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche
5. Straßen und Höfe als Spielplatz der jüngeren Kinder

 

4. Spiel- und Freizeitmöglichkeiten

4.1 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für jüngere Kinder

In vielen Familien herrscht Streit, die Eltern sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und kümmern sich wenig um ihre Kinder. Die beengten Wohnverhältnisse engen die Spielmöglichkeiten für Kinder in der eigenen Wohnung ein.
"Zuhause haben sie auch gar keinen Platz zum Spielen und um sich da auszubreiten. In den meisten Wohnungen hocken doch sehr viele Personen eng aufeinander. Und um anständig spielen zu können, bräuchten die Kinder zuhause auch mal einen Tisch"(A27).

In dieser Situation ist die Frage sehr wichtig, welches Angebot für Kinder im Umfeld vorhanden ist, das ihnen Ausgleichs-, Spiel- und Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

Mangelndes Angebot an Kindergartenplätzen
Ausreichend vorhandene Hort und Kindergartenplätze könnten zumindest für die kleineren Kinder eine Entlastung darstellen.
"Es gibt wohl nur einen Kindergarten, da sind auch viele deutsche Kinder"(B3T). Abgesehen von den Hemmnissen, die vor allem bei türkischen Eltern bestehen, ihre Kinder in eine solche Institution zu schicken, gibt generelle Probleme: "Es ist auch schwer, einen Kindergartenplatz zu bekommen. Die Wartezeiten betragen im Moment etwa 2 Jahre, ein Platz kostet etwa 115,- DM im Monat"(A3). "Es gibt da ja viel zu wenig Kindergartenplätze. Das Problem ist der Stadt ja auch seit langem bekannt. In ganz akuten Fällen kann ich mal schnell an einen Platz rankommen. Aber es gibt schon lange Wartelisten bei den Kindergärten"(A24). Ähnliches gilt für die ebenfalls vorhandene Kindertagesstätte.
"Wir haben hier so etwa 120 Plätze, wobei ständig eine Überbelegung von etwa 10% herrscht. Da können wir dringend mehr Platz gebrauchen"(A9).

Fehlende oder nicht nutzbare Spielplätze
In zahlreichen Interviews wird der Mangel an Spielplätzen bzw. der Zustand der wenigen vorhandenen kritisiert.
"Für Kinder gibt es viel zu wenig Spielplätze, kenne nur einen neben dem Schulgebäude"(B3). "Für Kinder (gibt es) schon garnichts, höchstens 1-2 Spielplätze in schlechtem Zustand"(B5).
Der beschriebene Zustand ist so, daß die Nutzung für die Kinder nicht ungefährlich sein dürfte. "Da auf dem Spielplatz ist auch alles voller Dreck und Müll"(A13). "Da kann man ja auch nicht hingehen, weil da immer Bierflaschenscherben liegen"(A6).

Außer der Tatsache, daß die Spielplätze kaum genutzt werden können, weil sie "abends immer vollgesüfft"(A28) sind, werden sie mehrfach als "langweilig"(A6;A28) und damit für die Kinder unattraktiv beschrieben. "Die meisten Spielplätze, z. B. bei der Kirche, sind auch total langweilig und dreckig, nur Sand und so ganz normale Spielgeräte. Da können die Kinder sich garnicht richtig austoben"(A14). "Und solche Plätze mit Rutschen usw. sind Quatsch. Das ist nichts, wo sie sich mal richtig austoben können"(A1). "Der ist für die Kinder heute viel zu uninteressant"(A18). "Auf dem Spielplatz steht ja auch nur das Mindeste. das einzige, was die Kinder da machen können, ist Wettspringen von der Hängebrücke, aber das ist ja auch ganz schön gefährlich und waghalsig"(A12).
Die Nutzung der im Viertel vorhandenen Spielplätze oder auch alternativer Möglichkeiten in der Umgebung wird zusätzlich durch die bereits beschriebene Verkehrssituation beeinträchtigt. "Die Kinder bleiben nahe am Hause, weil es gefährlich ist. Die Eltern haben Angst. Sie lassen sie nicht zum Spielplatz gehen" (B17).
"Der nächste größere Spielplatz mit ein bißchen mehr Grün ist ja ein ganzes Ende weg, da über die Christianstraße rüber. das ist auch nichts für die Kleinen"(A18). "Sie liegen so weit weg, daß die Kinder wegen des starken Verkehrs in der Christianstraße nicht alleine hingehen können...Es ist ja auch für die Entwicklung der Kinder nicht gerade günstig, wenn sie nur solche Sachen machen und spielen können, wenn immer die Eltern dabei sind" (A6).

Da nicht nur für Kleinkinder, sondern auch für ältere Kinder und Jugendliche kaum Spiel- bzw. Freizeitmöglichkeiten gibt, gibt es für die Spielplätze konkurrierende Nutzer.
"Die paar (Spielplätze), die wir hier haben, werden dann auch oft von den älteren mißbraucht. Da hält sich dann die Altersgruppe auf, für die die Spielplätze eigentlich nicht gedacht sind, weil die wohl auch nicht so recht wissen, wohin. In dem Alter gilt ja dann auch das Faustrecht, die setzen sich eben einfach gegen die kleineren durch"(A26). "Auf dem Spielplatz ist total viel Müll. Viele Jugendliche treiben sich da rum und trinken aus Bierdosen"(B8).
Aber nicht nur ältere Kinder und Jugendliche tragen zu der Spielplatz-Misere bei. Auch trinkende erwachsene "Penner" werden dafür verantwortlich gemacht, daß Spielplätze nicht nutzbar sind. "Der (Spielplatz) ist meistens voll mit Scherben von den ganzen Pennern...Also da am Kirchhof der Spielplatz, da gehe ich bestimmt nicht hin. Obwohl der Spielplatz ja eigentlich ganz schön ist, aber die Leute, die da rumhängen, nee, weiß nicht"(A25).
An der Kirche befindet sich das einzige größere Stück Grün im Viertel, ein kleiner Park. "In der Woche spielen in dem Park auch Kinder"(A7) und zwar "hauptsächlich die türkischen"(A6). Aber "wenn da mal ein Kind Fußball spielt, kommt gleich der Küster und schimpft. Ich verstehe die Kirche sowieso nicht. Das ist eine so große Organisation. Können die nicht mal was für Kinder machen?"(A20).

Viele Kinder und Jugendliche spielen nachmittags auf dem Schulhof der Grundschule (Vicelinschule), vorwiegend Fußball (B13; B14;A5;A25). "Der Schulhof ist hier ja der Ersatzspielplatz für Stadtmitte. Der ist auch offiziell freigegeben"(A5). Auch nach einer kürzlich vorgenommenen Umgestaltung wird die Fläche des Schulhofs aus "Beton und Teer"(A21) kaum ein annehmbarer Ersatz für einen richtigen "Bolzplatz" oder gar einen Spielplatz für kleine Kinder sein.

Kein Freizeitheim
Ein Freizeitheim mit einem Angebot nicht nur für ältere Kinder und Jugendliche, sondern auch für jüngere ist nicht vorhanden.
"Ein Jugendfreizeitheim gibt es hier nicht, ansonsten in fast allen anderen Stadtteilen"(A2). Das bestehende Haus der Jugend in der Gartenstraße ist für die Kleineren zu weit entfernt.
"Und die Mütter, die entweder alleine sind mit ihren Kindern oder viel Kinder haben, können ja auch nicht immer mitgehen. Das wollen die Kinder ja auch garnicht"(A1). Außerdem ist das Angebot im Haus der Jugend nicht auf jüngere Kinder zugeschnitten (B13). "Für die Kinder müßte es unbedingt Einrichtungen geben. Das Haus der Jugend ist ja mehr was für die Größeren, weil es schon recht weit weg ist. Ich meine, es geht, aber die Kleinen kommen nicht allein dort hin. Da gibt es verschiedene Freizeitangebote. In den anderen Stadtteilen existieren auch Jugendfreizeitheime"(A24).

Die Spieliothek
Als sehr positive Einrichtung im Viertel und "gute Idee"(B10) wird von allen, die sie erwähnen, die Spieliothek an der Kieler Straße genannt. Hier können die Kinder vor allem Spiele ausprobieren und ausleihen.
Die Spieliothek wird allerdings fast ausschließlich von türkischen Kindern genutzt (A4;A10)), "...so daß einige Deutsche die Spieliothek für eine türkische Einrichtung halten"(A10). "Es kommen viele Kinder zu uns. Im Moment sind das aber, na man kann fast sagen, 100% türkiche Kinder. Die Deutschen haben Vorurteile und schicken ihre Kinder nicht hierher"(A27).
Besonders heben die Interviewten hervor, daß die Kinder in der Spieliothek wirklich betreut werden und Anregungen bekommen. "Es sind immer Betreuerinnen dort. Das wäre doch auch was, wo auch die türkischen Mädchen hingehen dürfen"(A1). "Man kann dort auch Anregungen zum Spielen bekommen durch die Leute, die da arbeiten. Das ist ja gerade hier für einige Eltern doch recht wichtig, weil sie entweder den Kindern solche Anregungen nicht bieten können oder aber auch, weil Spiele im Kauf ziemlich teuer sind. Da ist es doch günstig, wenn sie diese vorher einmal ausprobieren können"(A24).
Die Konzeption der Spieliothek trägt den Voraussetzungen Rechnung, die die Kinder des Viertels aufgrund ihrer besonderen häuslichen Situation mitbringen. "Die Kinder sollen ja auch einfach Spaß haben, das müssen wir ja nicht immer alles völlig d rchstrukturieren. Davon sind wir wieder weg. Unsere u sprüngliche Idee war es ja, pädagogisch wertvolles Spielen anzubieten. Das wollen wir zwar immer noch, aber wir versteifen uns nicht mehr so darauf, die Spiele der Kinder zu bewerten"(A27).

Der Platz vor der Spieliothek ist für viele Kinder auch zu einer Art Spielplatzersatz geworden. "Wie groß der Bedarf ist sieht man ja auch daran, daß das kleine Fleckchen Rasen vor der Spieliothek nachmittags immer von Kindern aufgesucht wird. Da sind immer Kinder, auch deutsche, die sonst nur auf der Straße rumbummeln"(A27).

Die positiven Bemerkungen der Interviewten, denen die Spieliothek überhaupt bekannt war, deuten darauf hin, daß es eventuell nicht nur an Vorurteilen liegt, wenn bisher nur wenig deutsche Kinder die Einrichtung aufsuchen. "Die Spieliothek kenne ich nicht, weil ich ja nachmittags arbeite, die haben ja nur von 14-17 Uhr geöffnet"(A14). Es wird ein Kritikpunkt geäußert, der im Kern allerdings die Wichtigkeit der Spieliothek für das Viertel unterstreicht: "Aber die haben ja leider in den Ferien immer geschlossen. Die Familien hier können sich ja auch keinen Urlaub leisten"(A28).
Die geschätzte Einrichtung wurde offenbar schwer erkämpft und scheint in ihrem Fortbestehen noch immer gefährdet. "Ursprünglich sollte das alles da abgerissen werden für einen Parkplatz. Das muß man sich mal vorstellen. Da bin ich aber auf die Barrikaden gegangen"(A27). "In diesem Jahr ist von der Stadt eine 10%ige Kürzung (der Mittel) vorgesehen. Ich weiß nicht, ob wir dann weiter machen können"(A27).

Besondere Ereignisse für Kinder
Wie groß der Bedarf an zusätzlichen Freizeitangeboten besonders für die Kinder im Viertel ist, belegen die folgenden Äußerungen, selbst wenn sie, wie im ersten Beispiel, Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Besonders die Beteiligung am Feriendorf war nur verschwindend wenigen Kindern des Viertels möglich.

"Das Spielmobil, das letztens da (auf dem Schulhof) war, das war ja nicht schlecht. Aber irgendwie war das auch ein bißchen merkwürdig organisiert, finde ich. Das war groß angekündigt in der Zeitung, daß das da um 15 Uhr was losgehen soll. Dann haben wir noch über eine Stunde gewartet, bis das wieder anfing, und um 5 Uhr war schon Schluß. Das ist doch Verarschung. Ich war mit meinen Kindern da, mit Sack und Pack und dann nur so'n paar Geräte da"(A25).

"Im Moment ist mein Sohn im Feriendorf, die holen ihn jeden Tag um 8 Uhr ab und bringen ihn um 17 Uhr zurück. Das findet er toll, die gehen schwimmen, grillen usw., das bringt ihm sehr viel Spaß. Das ist über die Schule gelaufen, die haben in der Klasse drei Zettel verteilt. Ist auch kostenlos. Davon müßte es noch mehr geben, finde ich. das geht zwei Wochen lang"(A14).
"Das Feriendorf macht auch wesentlich mehr als hier auf'm Schulhof. Das finde ich toll. Da wollten meine Kinder auch gerne hin, aber in der Schule wurden nur drei Zettel verteilt. da gibt es wohl zu wenig Plätze. Aber die machen wirklich tolle Sachen, schwimmen, grillen. Am letzten Schultag sind die zur Klosterinsel gefahren, da hinter Karstadt. Da war 'ne Rutsche mit Schmierseife oder was das ist, so'n Reifen im Wasser, das war toll. Die Kinder und sogar auch die Eltern, waren alle echt total begeistert. Sowas müßte man viel öfter veranstalten, so wo jeder hinkommen kann"(A25).
"Jetzt in den Ferien hatten wir (von der Spieliothek aus) ja so'ne Aktion, da war auch nicht geschlossen. Z. B. haben wir eine Fahrt in den Tierpark gemacht, da kamen dann fast nur die deutschen (Kinder). Das hat denen auch viel Spaß gemacht... Ich glaube nicht, daß das Wegbleiben unserer türkischen Kinder nur auf deren Urlaub in der Türkei zurückzuführen ist, sondern auch darauf, daß das Spielmobil auf dem Schulhof die türkischen Kinder abgezogen hat. Wir hoffen jedenfalls, daß jetzt zunehmend die Vorurteile abgebaut werden können. Die Kinder waren begeistert"(A27).


4.2 Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für ältere Kinder

Wie für die jüngeren besteht auch für die älteren Kinder ein Mangel an Spielgelegenheiten. " Spiel- und Sportplätze gibt es ja gar keine in der Gegend"(B8). Ältere Kinder sind aber schon in der Lage, z. B. den Schulhof für Mannschaftsspiele wie Fußball (Jungen) zu nutzen. Auch die Mädchen halten sich dort auf: "Wir stehen am Zaun, unterhalten uns, machen Quatsch. Wir spielen Volleyball oder Völkerball"(B8).

Für Mädchen befindet sich ein besonderes Angebot in der Nähe.
"In der Lütjenstraße ist ein Mädchentreff,das ist von der Stadt eingerichtet. Da kann man schnacken und Musik hören. Aber da gehen nicht viele hin. Das finden die wohl auch langweilig, nur mit Mädchen"(A29). Ältere Kinder haben eine größere Mobilität und Freizeiteinrichtungen in anderen Stadtteilen sind für sie erreichbar (z. B. Jugendfreizeitheime Holstein, Faldera, Ausländerjugendzentrum). "Im Haus der Jugend gibt es auch für türkische Mädchen Bauchtanz, Gymnastik oder man kann zum Früstücken da hingehen"(A29).
"Man kann dort Billard, Karten oder Tischtennis spielen. Oder einfach nur quatschen"(B8). Das eigene Viertel bietet nichts, der Mädchentreff findet nur bedingtes Interesse. "Die gehen sicher lieber in's Haus der Jugend. Das ist wohl ab einem gewissen Alter reizvoller für sie, vor allem auch für die türkischen Mädchen, die sich sonst ja kaum entfalten können. Da stehen dann auch Billardtische, da sind Jungs, das ist einfach interessanter" (A1). Besonders für die türkischen Mädchen und Jungen mag auch eine Rolle spielen, daß sie außerhalb des Viertels weniger der als einengend (s.o.) empfundenen Kontrolle der Erwachsenen unterliegen.

Außer Jugendfreizeitheimen werden auch Schwimmhalle und Freibad allein erreichbar. Es können, z. B. mit dem Fahrrad, Freunde bzw. Freundinnen selbst in anderen Stadtteilen besucht werden. "Wir besuchen uns gegenseitig"(B8). "Ich höre Musik, schreibe für die Schule und bin viel bei der Freundin in der Böckler-Siedlung... und spiele am Computer. Außerdem fahre ich zu Fußballturnieren nach Einfeld"(B7).
Musik hören, Fernsehen und Computerspiele, wenn nicht zu Hause, dann bei Freunden, füllen bei vielen älteren Kindern und Jugendlichen (s.u.) einengroßen Teil der Freizeit aus. "Allerdings sind meine Söhne auch von dieser Pest erfaßt mit Fernsehen und Computerspielen. Ist ja auch so schön bequem, ne"(A20).

Gemeinsam mit der Gruppe von Gleichaltrigen wird der Aktionsbereich zunehmend erweitert. Auch kommerzielle Einrichtungen werden genutzt. Hier bietet das Viertel ebenfalls nichts für diese Altersgruppe. "In Spielhallen kommt man erst ab 18 rein"(B7). "Die jüngeren müssen ja auf Billardcafes und sowas ausweichen in der Stadt. Davo gibt's 'ne ganze Reihe. Vor kurzem war auch eins in der Christianstraße"(A12). "Wir hatten mal das Flip in der Christianstraße, aber da waren hauptsächlich Junge, die kein Geld hatten, so mit 14-15 Jahren oder Türken, die Stunk gemacht haben. Die machen schon mehr Randale, wahrscheinlich wegen der ganzen Vorurteile der Deutschen" (A21). Die Aktivitäten verlagern sich immer mehr in die Innenstadt. "Wir unternehmen viel gemeinsam. Wir gehen gemeinsam in die Stadt, in das Kino, Schwimmbad, Essen oder so, je nachdem"(B8). "Die 12jährigen gehen vielleicht zu Eismeyer in der Stadt"(A12). Aufgrund der schlechten finanziellen Lage sind die Möglichkeiten, Freizeitangebote dieser Art zu nutzen, begrenzt. Man trifft sich in der Stadt an bestimmten Plätzen. Hier ist der Ort, an der sich ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus verschiedenen Teilen der Stadt begegnen.
"Meine Freunde und ich treffen uns alle immer vor McDonalds, im Kochlöffel. Wenn schönes Wetter ist, dann stehen wir da mit gut 100 Leuten. Sehr viele Türken sind dann da. Wir sind die McDonald-Clique. Viele tragen eine Armbinde, daran erkennt man uns, ich aber nicht"(B8).
Einige Male wird in den Interviews erwähnt, daß viele der älteren Kinder schon Tabak rauchen, Alkohol trinken und Haschisch rauchen. "Einige Grundschüler beginnen schon zu rauchen"(A10).
"Die meisten aus der Klasse von meinem Sohn saufen"(A22). "Viele (jugendlichen Türken) rauchen auch Haschisch, aber das sind jetzt mehr die 13-jährigen, die rauchen das schon wie eine normale Zigarette"(A17). "An der Schule wird viel Haschisch geraucht (nicht nur von Türken)"(A30).


4.3 Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche

In der Wohnung
Die Jugendlichen verbringen ihre Freizeit zum großen Teil mit Musik hören, Fernsehen und Video-Filmen (A8;A19;B5;B12). Horrorfilme scheinen sich einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen (A19). "Und fernsehen tue ich eigentlich auch sehr viel. Daher habe ich auch mein gutes Deutsch gelernt. Meine Eltern können ja nicht so gut", sagt ein junger Jugoslawe (A12). "Die Jugendlichen und Erwachsenen sitzen die meiste Zeit vor der Glotze, die Jugendlichen mehr vor'm Video. Das ist ja Standard hier, das muß in jedem Haus sein"(A21). Auch Computerspiele, z. T. mit sexuellem Inhalt, werden genannt (A19).

Im Viertel
Der kleine Park an der Kirche scheint ein Begegnungsort der Jugendlichen zu sein: "Im Sommer ist es toll und sowieso Treffpunkt von Jugendlichen (Jungen und Mädchen) zum Rauchen, reden usw."(B2).
Die gut besuchten (türkischen) Teestuben und Cafehäuser des Viertels sind auch den Jugendlichen zugängig. "(Ich bin) oft in der Teestube, da sind viele jüngere und ältere Männer"(B2).
Aber ein großer teil der türkischen Jugendlichen ist dort nicht so gerne. "Einige Junge trauen sich nicht in die Teestube, weil Vater, Onkel und Bruder da sind" (B2). "Die Älteren gehen ins Cafehaus, aber wir gehen da nicht hin. Da kann man dann auch nicht so reden, über heimliche Sachen mit Mädchen und so"(A17). Man will sich der Kontolle durch die Erwachsenen entziehen.
Von den türkischen Einrichtungen abgesehen gibt es "außer (den Lokalen) Isibisi oder Klostermühle keine vernünftigen Möglichkeiten"(B1;B18).

Haus der Jugend
Wie für die älteren Kinder spielt auch das Haus der Jugend, das sich ja nicht im Viertel befindet, eine im Prinzip positive Rolle bei der Freizeitgestaltung der Jugendlichen. Es erscheint als Angebot jedoch nicht ausreichend.
"Das Haus der Jugend ist ja nur dreimal die Woche. Wäre gut, wenn auch am Wochenende was wäre"(A17). Die türkischen Jugendlichen empfinden noch einen anderen Nachteil: "Außerdem dürfen wir uns da ja nicht treffen, wenn wir viele sind. Dann schicken die uns höchstens vorne in den Raum oder so"(A17). Insgesamt gilt das Haus der Jugend jedoch als "guter Treff"(B2). Schwierigkeiten der Nutzung haben jedoch die weiblichen türkischen Jugendlichen. "In's Haus der Jugend darf ich ja nicht, oder die Freizeitheime, weil da auch Jungs sind"(A8).

Sport
Eine Reihe von Jugendlichen treibt auch regelmäßig Sport und nutzt dabei die Möglichkeiten außerhalb des Viertels (B18;B19). Schwimmen (B12), Fußball im Verein (B2) oder sonst in der Gruppe (B14) werden ebenso genannt wie Handball und Schach (A12), joggen im Stadtpark oder ein Fitness-Center (B4;B20). Für die Vereinssportler ist das verknüpft mit Training (B12;B2;A12;A15), Turnieren am Wochenende (B2) und Zusammensein mit der Mannschaft nach dem Training in einem Lokal (A12).

City
Der größte Teil der Jugendlichen verbringt seine Freizeit nicht im Viertel (B1), sondern hält sich vorwiegend in der Innenstadt auf (B4). Das betrifft sowohl die männliche als auch die weibliche Jugend.

"Die Jugendliche halten sich alle in der Stadt auf. Ich auch, weil hier mehr los ist (Geschäfte, Leute) (B2). "Wir treffen uns in der Stadt, da trifft man immer Leute"(A12). "In der Stadt "spazieren", mit anderen rumziehen, Treffpunkte aufsuchen"(A17) oder ins Kino gehen (B14) gehören zu den am häufigsten genannten Freizeitaktivitäten. Für die türkischen Mädchen bietet der Stadtbummel noch eine andere Gelegenheit: "Ich gehe in die Stadt mit meiner Freundin, einkaufen. Doch, wir gucken auch nach Jungs, aber nur gucken, sonst gibt das hinterher wieder dieses Gelaber von den Männern. Furchtbar ist das"(A8). "Bei McDonalds, da ist das auch ganz schön gemacht oben, da sieht einen auch keiner und das ist für Nichtraucher. Da dürfen aber eigentlich keine Türken rein, bei McDonalds"(A8).

McDonalds und der Kochlöffel sind die wichtigsten Treffpunkte außerhalb des Viertels für die Jugendlichen (B2). "Geschäfte in der Stadt angucken" und sich dann dort mit Freund/inn/en treffen ist ein häufiges Verhaltensmuster (B3). "Aber meistens gehen wir spazieren. Dann ist immer was los und wir haben Spaß. Da trifft man dann auch viele bei McDonald oder so und lernt auch wieder andere kennen. Da sind ja auch Deutsche bei McDonald. Sonst haben wir ja nichts, einen Raum zum Treffen oder so"(A17).
Für deutsche wie ausländische Jugendliche gilt: "Wir stehen bei McDonalds und drum herum"(A12). Allerdings gibt es Abgrenzungen. "Die ganz Rechten sind ja hauptsächlich in Gadeland oder am Bahnhof oder bei der Post"(A12). Die ausländischen Jugendlichen, die sich bei McDonalds treffen, empfinden sich gleich als "Kumpel, Kollegen" erklärt ein junger Jugoslawe. "Das find ich echt gut...Und wenn irgendwo hier an der Wand steht "Türken" raus, dann kann man immer davon ausgehen, daß alle gemeint sind. Die machen da nicht solche Unterschiede"(A12).

Taschengeld
In der Stadt "spazieren" und der Aufenthalt in der McDonalds-Clique kosten kein Geld. Für viel mehr dürfte es zumindest bei einem Teil der türkischen Jugendlichen oft nicht reichen. "Die (türkischen) Jugendlichen müßten auch mehr Taschengeld kriegen, find ich. Bei uns ist es nicht wie bei den Deutschen. 50 Mark im Monat oder so. Da gehe ich einen Tag hin und hole mit 1 oder 2 Mark, einen Tag oder eine Woche gar nichts oder einen Tag vielleicht 10 Mark"(A17).

Spielhallen
Ein von den Jugendlichen häufig aufgesuchter Ort sind die Spielhallen. Davon gibt es auch eine ganze Reihe im Viertel selbst, u. a. die Spielbörse. "Wir gehen viel in die Spielhalle mit den Kumpels oder spielen Billard"(A17). "Die Spielbörse ist total winzig. Aber insgesamt gehen doch sehr viele Jugendliche in die "Hölle", wie wir sagen"(A12). "In den Spielhallen sind alle Personengruppen jeden Alters. Vermutlich aus Langeweile" (B1). Die Meinung, daß sich in den Spielhallen nur wenige Türken aufhalten (B2), dürfte wohl nicht (mehr) zutreffen.
"(In der Spielhalle spielen) das ist wohl schon sehr verbreitet bei den Jugendlichen. Ich glaube auch unter den Ausländern, weil die ja auch nirgendwo sonst rein dürfen. Die wollen ja auch nicht schon um neun Uhr bei Mama und Papa zuhause sitzen, ist doch klar"(A28). "Woanders komme ich als Türke nicht rein. Türken haben Hausverbot im Sky, in ein paar Spielhallen und in Hem's Bar"(B16).

Disco
Das Sky ist eine Neumünsteraner Diskothek. Sie "ist uns Türken verboten, weil Kieler Türken Scheiße gebaut haben und so können wir da nicht mehr rein" (B2). "Wir durften mal in die Sky-Disco, aber da ist es jetzt für Türken verboten. Da sind mal welche aus Hamburg gekommen und haben den Rausschmeißer geschlagen. Und jetzt sagen die: alle Türken raus"(A17). Die genannte Diskothek scheint nicht die einzige Einrichtung zu sein, zu der Türken keinen Zutritt haben. "Die haben fast überall Verbot, weil es immer Streitigkeiten gegeben hat. Z. B. haben die das so drauf, die deutschen Frauen anzumachen...Sowas gibt immer ziemlich viel Stunk", erklärt eine junge Deutsche (A28). "Stimmt auch, die türkischen Jugendlichen machen viel Randale, aber auch, weil sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Überall und so: wenn ein Türke was macht, das fällt immer sofort auf. Auch mit der Wohnungssuche oder der Disco"(A17). Der Besuch von Diskotheken ist besonders an Wochenenden bei allen Jugendlichen sehr beliebt (B12;B14). In Neumünster ist das Angebot gering.
"Ja, für welche in unserem Alter, so 18-19, gibt es hier nichts. Könnten ruhig mal 'ne gute Disco gebrauchen hier"(A19). Die türkischen Jugendlichen sind in der Stadt von einem für ihre Altersgruppe sehr wichtigen Freizeitvergnügen ausgeschlossen.
Durch das Eintrittsverbot der Diskothek selbst scheinen die türkischen Mädchen allerdings weniger betroffen zu sein. Sie gehen aus anderen Gründen selten oder garnicht dorthin:
"Also, ich gehe nicht in die Disco oder so. Die türkischen Mädchen machen das nicht. (Auf Nachfragen): Doch, man darf schon manchmal, man kann ja auch selbst entscheiden, ob es einem wichtig ist, zur Familie zu gehören. Ich bin auch schon einmal in einer Disco gewesen, das habe ich meinen Eltern auch gesagt. Aber sonst bin ich spätestens um 21 Uhr immer zuhause"(A29).

Auto, andere Städte
Das in der Stadt bestehende geringe Freizeitangebot für Jugendliche wird kompensiert. "Mich interessiert das alles nicht so. Für junge Leute ist das normal, weit rumzufahren, um irgendetwas in der Freizeit zu unternehmen" (B18).
"Autofahren"(B10) ist ein wichtiger Aspekt des Freizeitgeschehens bei den Jugendlichen. "Es ist ein bißchen eng bei uns. Da kann ich schlecht Freunde mit nach Hause bringen. Ich gehe lieber raus auf die Straße. Da treffe ich jemanden, der vorbei kommt und wir ziehen dann zusammen weiter mit'm Auto oder so. Die meisten "großen Mädchen", die ich kenne, haben ja auch Autos"(A12). "Wenn ich rausgehe, schon hält ein Auto, einer den ich kenne, und dann fahren wir zu viert oder so rum" (A12). Das Auto macht besonders am Wochenende unabhängig vom Neumünsteraner Freizeitangebot. Die Jugendlichen fahren z. T. recht große Strecken, um in andere Städte zu gelangen.
Ein Skin: "Ja doch, ein Auto braucht man schon. Die Türken kommen auch immer mit Autos und so und auch, um in andere Städte zu fahren am Wochenende. Hier in Neumünster ist ja sonst nichts"(A19). "Die meisten Jugendlichen fahren wohl nach Kiel und Kaltenkirchen oder so. Das machen fast alle aus der Schule"(A12). Auch Rendsburg und Hamburg werden als Städte genannt, in denen Freizeit verbracht wird (B2). "Junge Leute fahren sowieso weg mit Bekannten, die Autos haben. Wo was los ist. Hier gibt es echt nichts"(B5)..."aber da braucht man eben ein Auto"(A12). Für die türkischen Jugendlichen gibt es jedoch auch andernorts Schwierigkeiten: "Wenn wir ein Auto haben, fahren wir nach Rendsburg oder in eine andere Stadt. Aber in Rendsburg dürfen wir auch nicht mehr (in die Disco)"(A17).

Alkohol und Drogen
Alkohol und auch Drogen scheinen bei den Jugendlichen eine teilweise große Rolle zu spielen. "Den ganzen Tag feiern und saufen"(B9) beschreibt einer seine Freizeitbeschäftigung. Sich "zum Saufen verabreden" steht auf dem Programm (A19). "Es gibt auch schon viele Türken, die viel Alkohol trinken"(A17). "Viele rauchen auch Haschisch...Aber wenn die mit Haschisch anfangen, die nehmen dann später H (Heroin)... Auch bei Kollegen wird dieses weiße Zeug immer mehr. Die werden alle süchtig und meistens zusammen mit Alkohol"(A17).

 

5. Straßen und Höfe als Spielplatz der jüngeren Kinder

Die hier vorgelegte Untersuchung ist auf die Beschreibung der Verhältnisse im Viertel selbst konzentriert. Sie soll als Grundlage für Entwicklung von Interventionsmaßnahmen innerhalb des Viertels dienen. Ältere Kinder und besonders Jugendliche besitzen Mobilität. Sie sind in der Lage, Angebote außerhalb des Viertels für ihre Freizeitgestaltung zu nutzen und haben wohl auch eher den Wunsch, dies zu tun. Im Stadtgebiet existieren insgesamt Defizite hinsichtlich der Freizeitgestaltung, für die Abhilfe erforderlich ist. Im Viertel selbst sind jedoch in erster Linie jüngere Kinder von mangelnden bzw. unzureichenden Spiel- und Freizeitmöglichkeiten betroffen. Dieser Mangel hat, wie zu zeigen ist, problematische Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder und die soziale Umwelt. Wir legen in der weiteren Darstellung den Schwerpunkt auf diesen Aspekt.

Das gesamte Wohnviertel ist bei den Bewohnern überwiegend negativ besetzt. Es ist in den Augen der Bewohner grau, teilweise verfallen, schmutzig und laut. Es leben viele Menschen dort, die schwerwiegende existentielle und persönliche Probleme haben. Positive Nachbarschaftsbeziehungen sind selten. Eher grenzen sich die Menschen voneinander ab und werten "die anderen" negativ. "Aber irgendwie ist das hier schon ein ganz schönes Problemvolk. Man kann sagen, daß die ganze Gegend eigentlich proletenhaft aussieht. Das sind doch viele Prolos hier, auch wenn das sich spießig anhört"(A26). Es besteht eine Tendenz, für den Zustand des Viertels zwei Gruppen in erster Linie verantwortlich zu machen: Asoziale (gemeint sind damit vorwiegend Sozialhilfeempfänger) und vor allem die Ausländer, die Türken. Für den Schmutz im Viertel gibt es eine "Ursache": "Was ich nicht so gut finde, daß die (Ausländer) meistens doch einen anderen Ordnungssinn haben als wir, nicht alle, aber einige. Das fällt vor allem dadurch so auf, daß hier gehäuft Ausländer wohnen" (B12).
Kinder spielen bei der Beurteilung des Vicelin-Viertels eine große Rolle. "Es gibt viele Kinder da" (B2). Neutral formuliert klingt das so: "Es ist eben auch eine Gegend, wo man nicht auffällt, wenn man viele Kinder hat"(A6). Aber Kinderreichtum wird von vielen eher negativ bewertet. Entweder "Asoziale" oder Ausländer haben viele Kinder: "Die vielen ausländischen und "asozialen" Kinder auf der Straße" (B12) bestimmen das subjektive Bild des Stadtteils. Für andere wird alles noch weiter eingeengt, nämlich auf die Türken. "Dabei sehen die (türkischen Frauen) ja ständig aus, als wären sie schwanger und laufen mit einem Rudel von Kindern durch die Gegend"(A2). Türken sind kinderreich, Türken halten keine Ordnung, Türken sind laut, so lautet das dominierende Gesamturteil.
Einige Straßen gelten als besonders typisch für das negative Bild des Stadtteils. In der Beurteilung dieser Straßen werden die Merkmale "Ausländer, Kinder, Lärm, Dreck" zu einem (Vor-) Urteilskonzept verschmolzen. Diese Straßen tragen vorwiegend zum verallgemeinerten Gesamtimage des Viertels als "Klein-Istanbul" oder "Klein-Anatolien" mit den genannten subjektiven Beurteilungskriterien bei. "(In der) Anscharstraße/Christianstraße: Da wohnen viele Ausländer mit kleinen Kindern"(B7). "Wir haben vorher in der Anscharstraße gewohnt. Das war vielleicht ein ewiger Krach, fürchterlich"(A25). "(Die) Anscharstraße ist dreckig, viel Streit, viele laute Kinder. Kinder arbeiten da, Babys liegen im Wagen, da wird einem schlecht"(B2).
Die ausländischen Bewohner werden zum Symbol für die Probleme des Viertels. Die Probleme werden auf die Formel "Kinder, Ausländer, Dreck" (A2) und Lärm verkürzt.

Die vielen Kinder des Viertels, die häufig innerhalb der Familie schwerwiegende Probleme und Spannungen miterleben müssen, bewegen sich in einer sozialen Umwelt, die nicht gerade als kinderfreundlich bezeichnet werden kann. Die türkischen Kinder treffen zudem auf eine soziale Umwelt, die zudem nicht gerade ausländerfreundlich ist.
Weiter oben ist bereits dargestellt worden, das die räumlich-materielle Umwelt des Viertels als eher kinderfeindlich bezeichnet werden muß. Verhalten ist eine Funktion von Umwelt und Persönlichkeit und deren Wechselwirkungen, so lautet unsere Grundannahme. Aufgrund der familiären Situation ist bei den Kindern mit Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung zu rechnen. Es ist wahrscheinlich, daß zumindest ein gewisser Prozentsatz der Kinder aus den zerrütteten bzw. geschiedenen Familien psychische und soziale Schäden erlitten hat. Viele der türkischen Kinder werden sowohl hinsichtlich der türkischen als auch der deutschen Kultur Sozialisationsdefizite aufweisen, die spätestens mit dem Eintritt in die Schule zu Schwierigkeiten führen können. Bei dieser Konstellation von ungünstigen Umwelt- und Persönlichkeitsbedingungen ist ein Verhalten der Kinder zu erwarten, das insgesamt eher problematisch sein dürfte. Das problematische Verhalten der Kinder wiederum trägt seinerseits zu einer weiteren Verschlechterung der Umweltbedingungen bei, die sich ihrerseits wieder auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder auswirken, usw.

Am Beispiel des Spielverhaltens der Kinder können einige dieser negativen Wechselwirkungen aufgezeigt werden.

  • Aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit und Anleitung hat zumindest ein Teil der Kinder es nicht gelernt, zu spielen. "Das merkt man auch an den Kindern, daß die teilweise ganz schön unbedarft von zuhause kommen. Die können nicht alleine spielen, weil sie das von zuhause nicht gewohnt sind"(A27). "Meistens, wenn sie hier das erste Mal herkommen, können sie nur Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen oder "4 gewinnt". Alles nur einfache und wenig produktive Spiele. Zuhause wird auch meistens gar nicht gespielt"(A27).
  • Durch die Erlebnisse in den Familien haben viele Kinder Spannungen aufgebaut, die sich im Spiel ein Ventil suchen.
  • Die Wohnverhältnisse sind oft so beengt, daß sie ein häusliches Spiel der Kinder nicht erlauben.
  • Das Wohnumfeld hält keine angemessenen Spielräume für die Kinder bereit (s.o.). Spielplätze sind nicht ausreichend vorhanden bzw. nur eingeschränkt benutzbar. Hinsichtlich der Nutzung der wenigen Spielplätze besteht eine Konkurrenz verschiedener Gruppen mit entsprechenden Konfliktmöglichkeiten (s.o.). Durch die "Knappheit" entstehen auch Konflikte mit Erwachsenen. "Und es gibt keine Plätze zwischen diesen Blocks, wo Kinder richtig spielen können. Da drüben ist ein kleiner Spielplatz, aber der ist nur bis 7 Jahren. Wenn meine Tochter da spielt, dann meckert da immer eine Frau aus'm Fenster raus, Dann sind die Kinder manchmal rübergegangen in die Gärten, das dürfen sie natürlich auch nicht. Es gibt hier aber ziemlich viele Kinder in den Straßen" (A15).
  • Für einen großen Teil der zahlreichen Kinder bleiben nur Höfe, Parkplätze und Straßen als verfügbarer Spielraum. Man findet im Viertel häufig "enge, nichtssagende Gänge zu tristen Hinterhöfen, wo die Kinder die letzten Spielmöglichkeiten nutzen"(B10). "Die Kinder spielen auf der Straße oder in den Hinterhöfen. Da gibt es nicht viel"(A1). "Auf dem Hof sind immer nur kleine Kinder, im Schnitt vielleicht 4-5 Jahre, aber dafür in Massen"(A6). Wie die Wohnungen und Häuser, so sind auch die Höfe teilweise in einem Zustand, der sie kaum als als geeigneten Spielraum für Kinder erscheinen läßt. "Das ist ja wohl ein oberschlimmer Hof. Da sind ja nicht mal Steinplatten, da liegt nur Kies und da spielen die Kinder drin"(A19). Aber vielleicht ist es ja gerade der Kies, der den Kindern zum Spielen gefällt."Typisch sind die Backsteine dahinten im Hof, wo die Kinder spielen - echt lebensgefährlich, wenn die toben."(B8).
    Es gibt im Quartier durchaus auch gepflegtere Höfe, "aber da dürfen bestimmt keine Kinder spielen, ist ja meistens so. Auf den meisten Höfen hier sind ja wohl Garagen. Also insgesamt finde ich die Höfe hier deprimierend"(A14). "Der (Hof) mit dem Garten sieht ja ganz hübsch aus. aber da dürfen die bestimmt nicht spielen"(A15). "Entweder ist auf den Höfen nichts als Dreck - und Kinder natürlich - oder so'n ökologisch völlig witzloses Grün" (A26).
    Der Zustand der Höfe und die Beschränkungen des Spielens, die es auch dort gibt, tragen sicher dazu bei, daß viele Kinder sich auf der Straße aufhalten. "Die spielen (alle) auf der Straße" (A7;B2). "Unheimlich viele Kinder, auch ganz kleine Kinder spielen dort auf der Straße, obwohl es nicht sein sollte"(B3).
    Das Spiel der Kinder auf der Straße stört wiederum Erwachsene. "Die könnten doch auch auf den Schulhof gehen"(A7). Auch andere Orte werden als Spielplatz genutzt, obwohl sie dafür nicht gebaut sind. So gehen die Kinder z. B. zum Supermarkt und spielen "(auf dem Parkplatz) bei SK Fußball"(A17;B20). Oder sie "lungern bei Karstadt rum. Ich sehe häufiger Kinder aus unserer (Kindergarten-) Gruppe, die unbeaufsichtigt stundenlang bei Karstadt auf oder an der Rolltreppe rumlungern" (A3).

Ein Teil der Erwachsenen des Viertels erkennt durchaus, daß die vielen "Straßenkinder" in einem Zusammenhang mit dem problematischen Wohnverhältnissen und dem fehlenden Spielraum für Kinder gesehen werden müssen: "Wo sollen sie denn hin? "(B14). Es werden Ursache-Wirkungs-Verbindungen hinsichtlich des als negativ empfundenen Gesamteindrucks des Viertels hergestellt: "Spielmöglichkeiten für Kinder sind zu wenig. Dadurch ist es auch so laut und schmutzig auf den Straßen"(A29).
Darüberhinaus werden aber die Eltern mitverantwortlich gemacht für die als störend empfundenen Begleiterscheinungen des Spielens der Kinder auf den Straßen. Der Vorwurf geht an die Eltern, ihre Erziehungs- und Aufsichtspflichten zu vernachlässigen.
"Das sind viele Leute, die sich nicht um die Erziehung der Kinder kümmern" (A21). "Die Kinder laufen viel auf der Straße herum, ohne daß sich die Eltern darum kümmern" (B3T). "Viele Kinder treiben sich auf der Straße herum und es paßt niemand auf sie auf"(B2). "Die Eltern lassen ihre Kinder einfach laufen und kümmern sich nicht darum"(A2).
Diese Vorwürfe müssen sicherlich differenziert nach Altersgruppen betrachtet werden. Kinder im Grundschulalter sind innerhalb des Viertels beweglich. Eltern und Familie können nur eine ungefähre Vorstellung davon haben, wo Kinder dieses Alters spielen. "Ich weiß nicht, wo meine kleine Schwester (8 Jahre) hingeht. Die spielt viel mit Deutschen auf dem Schulhof und so"(A8). Wenn die Eltern zudem berufstätig sind, so können sie auch aus diesem Grund tagsüber nicht beaufsichtigen, was ihre Kinder machen. Z. T. handelt es sich um "Schlüsselkinder": "Mein Sohn hat auch einen eigenen Schlüssel, da kann er alleine gehen, wenn er will"(A14).
Das unbeaufsichtigte Spiel der Kinder im Grundschulalter wird von den Interviewten auch nicht als so problematisch angesehen. Im Vordergrund stehen die jüngeren Kinder. "Es gibt zu viele Kleinkinder, auf die nicht entsprechend aufgepaßt werden kann" (B3). "Hier sitzen ja nicht mal die kleinen Kinder bei ihren Eltern. Die laufen ja auch schon mit zweieinhalb alleine auf der Straße rum" (A28). "Es paßt niemand auf sie (die kleinen Kinder) auf"(B2). Gerade auch im Zusammenhang mit der Verkehrssituation des Viertels wird die wahrgenommenen mangelnde Beaufsichtigung der kleinen Kinder als z. T. besorgniserregend empfunden. "Man sollte mehr auf die kleinen Kinder aufpassen. Es gibt z.B. keine Ampeln, sie rennen ohne zu kucken rüber. Man kann die Angst kriegen, wenn man das sieht"(B3).

Manche der deutschen Interviewten sehen das Problem der mangelnden Beaufsichtigung der Kleinkinder allein bei den türkischen Eltern: "Ich weiß nicht, ob die immer nur alleine auf der Straße zu sehen sind (ohne Ältere), ob das bei denen (den Türken) so ist"(A6). "Die meisten türkischen Frauen kümmern sich nicht um ihre Kinder, auch die ganz Lütten laufen alleine auf der Straße herum"(A14). "Die türkischen Kinder sind daran gewöhnt, den ganzen Tag ohne Aufsicht auf der Straße herumzulaufen"(A29). Von türkischen Interviewten wird der einseitige Vorwurf jedoch korrigiert bzw. zurückgerichtet. "Viele von den deutschen Kindern sind aber auch bei Karstadt auf der Rolltreppe. Die Deutschen passen auch nie richtig auf. Das finde ich gefährlich"(A8). Es gibt auch Beobachtungen von deutschen Interviewten, die den Vorwurf der mangelnden Aufsicht allein an die türkischen Eltern zumindest relativieren. "Sonst sieht man (türkische) Kinder hier höchstens mit Müttern durch die Straße gehen, wenn die vom Einkaufen kommen oder so"(A11). In bezug auf einen Spielort (s.o.) heißt es: "Bei SK sitzen aber oft die vermummten (türkischen) Mütter auf dem Parkplatz in den Baggerschaufeln z. B. und machen da irgendwelche Handarbeiten"(A28).


Zusammenfassende Bewertung

Unter Berücksichtigung der oben genannten Relativierungen ergibt sich aus den Interviews als Gesamteindruck für das Viertel: Kinder, die kein konstruktives Spiel gelernt haben, bei denen zudem Spannungen abgebaut werden müssen, die nicht ausreichend soziale Fertigkeiten erworben haben, bei denen evtl. sogar Verhaltensstörungen vorliegen, spielen in großen Gruppen weitgehend unbeaufsichtigt von Erwachsenen vorwiegend auf der Straße. Das unbeaufsichtigte Spiel von großen Gruppen von Kindern trägt in den Augen einer Reihe der Interviewten wesentlich zu Lärm und Schmutz im Viertel, d. h., zu einer verminderten Wohnqualität bei. Für das Verhalten der Kinder und die als negativ empfundenen Konsequenzen werden vorwiegend die Eltern der Kinder, besonders die türkischen Eltern, verantwortlich gemacht.

Die räumlich-materielle Umwelt des Viertels bietet den Kindern fast ausschließlich Spielräume, die als "behavior setting" für die zahlreichen Kinder u. a.lärmendes und verschmutzendes Verhalten begünstigen. Das führt fast zwangsläufig zu einer weiteren Beeinträchtigung des Wohnumfeldes. Die soziale Umwelt tendiert aufgrund von Vorurteilen dazu, "störendes" Verhalten von Kindern im Viertel den türkischen Kindern zuzuschreiben. Es ist zu erwarten, daß Erwachsene des Viertels sich aufgrund dieser Zuschreibung in der Tendenz entsprechend negativ den türkischen Kindern gegenüber verhalten und ihre negative Einstellung auch den eigenen Kindern vermitteln werden. Konflikte der Erwachsenen untereinander wegen der Kinder und auch der Kinder untereinander sind in der Folge wahrscheinlich. "Wir" und "Die" Gruppen grenzen sich u. U. schärfer ab. Die negative Erwartung und das negative Verhalten der deutschen Mitbewohner ihnen gegenüber könnte, im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung (self-fulfilling prophecy), dazu beitragen, daß bestimmtes problematisches Verhalten bei älteren türkischen Kindern und Jugendlichen schließlich tatsächlich stärker auftritt als bei deutschen. Die Deutschen würden sich in ihren Vorurteilen durch konkrete eigene Erfahrungen bestätigt sehen, sich entsprechend weiter verhalten usw. Die räumlich-materiellen und die sozialen Bedingungen im Viertel sind so beschaffen, daß sie, mitvermittelt durch das Verhalten der Kinder, vorhandene Vorurteile in stabile Feindlichkeiten zwischen Deutschen und Ausländern verstärken können.

Die intensive Wechselwirkung zwischen räumlich-materieller und sozialer Umwelt sowie der Persönlichkeit der Kinder, die weitgehend geprägt ist durch die aufgezeigten Bedingungen der innerfamiliären Sozialisation, ist in den bisherigen Abschnitten aufgezeigt worden. Das Verhalten der Kinder, das wir jetzt aus der Perspektive der Interviewten beschreiben wollen, ist nur vor diesem Hintergrund nachzuvollziehen.

 

 

Teil IV: Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

6. Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel
6.1 Lärm
6.2 Schmutz
6.3 Eindringen in die Privatsphäre; Beschmutzung und Beschädigung
6.4 Auffälliges, unsoziales und aggressives Verhalten
6.5 Verwahrlosung, Drogen und Delikte

 

6. Problematisches Verhalten der Kinder im Viertel

6.1 Lärm

Wie schon erwähnt, ist "Lärm" einer der kennzeichnenden Begriffe für das Stadtviertel. Neben dem hohen Verkehrsaufkommen und dem Gepöbel mancher Streitender oder Betrunkener auf den Straßen, wird er aus der Sicht der Mehrzahl der Interviewten vor allem von schreienden auf der Strasse spielenden Kindern hervorgerufen. Eine grundsätzlich positive Reaktion auf die Geräuschkulisse wurde in den Interviews nur einmal geäußert: "Es ist zwar laut, auch noch von Kindern, aber das stört mich nicht. Das mag ich lieber, als wenn alles so still ist"(A8). Die Interviewten sind allerdings unterschiedlich durch Lärm belastet: "Nun liegt mein Haus ja ein bißchen zurück, so daß ich den ganzen Krakeelkram da in der Lornsenstraße nicht so mitkriege" (A18).

Insgesamt überwiegt die Zahl der Äußerungen, die den Lärm als persönliche Belästigung und Beeinträchtigung benennen. Als Ursache werden zumeist spielende Kinder empfunden. "Es ist laut, denn Kinder spielen auf dem Hof"(B20). "Den ganzen Tag ist Krach von den Horden von Kindern, die hier spielen"(A7). Eine Gewöhnung daran ist, wenn auch schwer und nicht für alle, möglich. "Ganz schön laut ist es da. Viele Kinder, die auf der Straße spielen. Kenne ich dort nur so, eine Art der Gewöhnung. Da würde auch nicht jeder hinziehen" (B9). Als besonders störend wird empfunden, daß der Kinderlärm bis in die späten Abendstunden hinein anhält. "Außerdem sind hier total viel Kinder, das ist echt laut. Wenn ich abends um 11 Uhr in's Bett geh', dann sind die immer noch draußen. Das geht nachher wieder los. Also Ruhe ist hier nur Sonntag vormittag."(A7).
Die bisherigen Äußerungen sprachen von "Kinderlärm". Für viele bedeutet dies jedoch vorwiegend oder ausschließlich Lärm durch türkische Kinder. In der Kennzeichnung des Viertels heißt es dann: "Laut, extrem viele Kinder, vor allem türkische"(A2), oder "Ziemlich laut. Kinderreiche Familien wohnen dort, Türken, die wenig Geld haben"(B20). Der als besonders störend empfundene Lärm in den späten Abendstunden wird, auch wenn z. T. andere Ursachen mitgenannt werden, immer wieder auf die türkischen Kinder zurückgeführt. "(Es ist) so laut hier. Die türkischen Kinder spielen noch bis in die Puppen draußen und die Autos rasen hier durch. Oder es grölen Penner auf der Straße rum" (A13). "Es fehlt vor allem Ruhe. Die türkischen Kinder, selbst die kleinen Pimpfe, sind bis nachts um 12 allein auf der Straße. Es ist Geschrei auf den Höfen. Man hört das türkische Gedudel auch nachts ziemlich laut"(A2).
"Aber die Gegend ist nicht so gut, vor allem für Kinder. Die türkischen Kinder spielen ja bis nachts um 23 Uhr noch draußen in den Höfen, so daß man oft nicht schlafen kann. Ich habe nichts gegen Türken, aber ich finde, wenn die hier sind, müssen die sich schon ein bißchen anpassen. Mein Verlobter und ich, wir müssen um 5 Uhr aufstehen. Er arbeitet im Straßenbau, ich bin bei einer Reinigungsfirma angegestellt"(A14).
"Die Türken sind ja auch Nachtmenschen. die Kinder schreien noch bis spät abends auf der Straße rum, das stört mich manchmal ungemein. Das ist hier so laut, als ob hier 30.000 Kinder wohnen würden"(A28).


6.2 Schmutz

Neben dem Lärm ist es der Schmutz, der als kennzeichnendes Merkmal für das Viertel genannt wird. Auch in bezug auf dieses Merkmal spielen die Kinder eine große Rolle. Sie spielen im Schmutz, sie verursachen Schmutz, sie sind selbst schmutzig. Wieder sind vor allem die türkischen Kinder gemeint. Schmutz wird häufig in einer Einheit mit negativen Verhaltensweisen wie z. B. Aggression genannt.

(Türkische) Kinder und Müll liegen eng beieinander, wenn es gilt, das Viertel zu beschreiben: "Extrem viele Kinder, vor allem türkische, überall Müll"(A2). "Aber das sieht man ja auch von der Straße, daß da oft riesige Müllhaufen rumstehen und Kinder dazwischen, auch abends"(A13).
Das die (türkischen) Kinder an schmutzigen Orten spielen müssen, steht im Mittelpunkt der folgenden Äußerungen: "Für Kinder (gibt es) eben nur diese paar kleinen Schrottplätze mit Scherben und Bierdosen. Oder da sammeln sich die türkischen Kinder, so daß meine da auch nicht hingehen. Ansonsten sind die türkischen Kinder ja fast angewiesen auf den SK-Parkplatz"(A22). "Das ist auch so'n Hof, wo sich immer die türkischen Kinder prügeln. Irgendwie aber auch Sünde, daß die immer im Dreck spielen müssen. Das gilt ja hier für die meisten Höfe, daß die so schmutzig sind. Und auf den Spielplätzen liegen Scherben und sonstiger Müll rum. Da sitzen wahrscheinlich eher die größeren"(A22). "Da hinten spielen immer die Kinder im Schrotthaufen auf'm Hof. Und die Frauen sitzen da den ganzen Tag und zupfen Wolle. die fliegt einem dann in die Wohnung"(A25).

Eine weitere Gruppe von Äußerungen bezeichnet nicht nur die Spielorte der Kinder als schmutzig, sondern beschreibt, daß die Kinder mit Müll und Abfall spielen und selbst Schmutz verursachen. "Obwohl die Kinder da drüben oft alleine auf den Höfen sind. Und vernünftige Spielplätze haben die auch nicht. Die holen sich dann alle möglichen Kartons und was weiß ich mit in die Höfe"(A11). "(Auf den Höfen), da sehen Sie aber, wie die Fetzen fliegen. Was da alles fliegt, Klamotten, Müll...Für die Kinder ist ja auch keine Mauer und kein Dach hoch genug."(A5). "In der Vicelinstraße gibt es vielleicht noch verhältnismäßig viele Kinder. Die sehen wir immer, auch am Wochenende, da auf den Containern spielen"(A11). "Oder sie klettern in den Klamotten-Container, da gucken dann nur die Füße raus, und nachher liegen dann überall ein paar Klamotten rum"(A28).
Manche Interviewte fühlen sich besonders dadurch gestört, daß die Kinder auf ihrem eigenen Territorium Abfall hinterlassen. Auch hier werden türkische Kinder dafür verantwortlich gemacht. "Nur hier im Hof der Familienberatungsstätte kriegt man das wieder mit. Jedenfalls muß ich hier Montags immer die ganzen Cola-Dosen wegräumen usw....Das sind, glaube ich, auch hauptsächlich türkische Kinder"(A2). "Oder hier unten bei uns die Treppe, die ist ewig mit Eis vollgekleckert, da liegen die Cola Dosen rum. Bei denen wird nur drinnen aufgeräumt"(A1). In der letzten Bemerkung wird deutlich, daß nicht nur das Verhalten der Kinder, sondern das "Anderssein" der Türken gemeint ist. An deren Kindern, das wurde auch schon am Beispiel "Lärm" deutlich, wird kritisiert, was man aus der eigenen Perspektive als "schlechte" Eigenschaft der Türken insgesamt betrachtet. Diese Tendenz sowie das Bestreben, sich selbst als Deutsche positiv von den Türken abzugrenzen, spiegelt auch die folgende Bemerkung wieder. "Irgendwie sind die auch aggressiver als die deutschen Kinder und lassen überall ihren Müll liegen. Da einen Eingang weiter liegen z.B. ständig Kürbiskerne und andere Essensreste rum. Aber das sieht man ja auch immer in den Filmen, daß das in der Türkei schmutziger ist. Das sehen die nicht so eng. Seh ich gerne, solche Filme"(A14).

Gegen die Bereitschaft, allein türkische Kinder oder Türken generell für den Schmutz im Viertel verantwortlich zu machen, wendet sich allerdings sehr vehement eine der Interviewten, die übrigens schon lange im Viertel wohnt. "Mich stört es auch nicht, wenn die Straßen vielleicht ein bißchen schmutzig sind. Das ist ja klar, wenn hier so viele Kinder eng zusammen wohnen und auf der Straße spielen. Da sind die Deutschen genauso wie die Ausländer. Ich kann mich immer ärgern, wenn es immer die Türken gewesen sein sollen. Das stimmt nicht. das ärgert mich ungemein. Die Deutschen sind so arrogant und überheblich. Wir haben doch die Ausländer auch geholt für Arbeit, die wir nicht machen wollten. Die Deutschen heben doch nicht mal ein Stück Papier auf, die selbst immer so meckern" (A18).
Die bisher aufgeführten Äußerungen bezogen sich darauf, daß die Kinder im Schmutz spielen und selbst Schmutz verursachen. Die folgenden Bemerkungen beschreiben die Kinder (nicht nur die türkischen) selbst als ungepflegt und schmutzig. Dabei stellt die erste Äußerung einen Zusammenhang mit dem Milieu her, in dem die Kinder aufwachsen. "Die Kinder sind laut und dreckig. Die ganze Gegend ist sehr dreckig. Die Kinder müssen ja auch was anderes kennenlernen"(A21). Deutlicher werden zwei andere Interviewte. "Tagsüber (sieht man hier) vor allem verwahrloste Kinder. Das finde ich eigentlich das Schlimmste. Die laufen mit dreckigen Klamotten rum, ich meine jetzt nicht nur vom Spielen dreckig, total siffig"(A21).
"Die Kinder sind auch ziemlich ungepflegt. Die Ärztin hier ist erschrocken, so schmutzig wie die sind. Die haben oben vielleicht ein ganz ordentliches Hemd an, aber unter den Klamotten noch den Schlafanzug. Ich verstehe manchmal gar nicht, wie die Lehrer den Gestank in den Klassen aushalten...Am liebsten würde ich manche mal so richtig unter die Dusche stellen"(A5).

Vor Verallgemeinerungen sollte allerdings eine Beobachtung bewahren, die von der Mitarbeiterin einer Kindertagesstätte berichtet wird: "Nein, die bei uns sind alle in Ordnung, gepflegt und alles"(A9).


6.3 Eindringen in die Privatsphäre; Beschmutzung und Beschädigung

"Eben die vielen Kinder, die alleine auf der Straße sind, die machen auch viel dummes Zeug"(A29) wird in einem Interview eher verständnisvoll festgestellt. Zum "dummen Zeug" gehört sicherlich das folgende Verhalten, durch das die Kinder auch auf fremde Grundstücke gelangen: "Dann sind die hier ewig dabei, auf den Mauern rumzuklettern. Die gehen hier über die Mauern und Dächer zum Schulhof rüber"(A6). Nicht alle reagieren so auf Kinder, die sich in ihrem Hof befinden, wie es in der folgenden Bemerkung beschrieben wird. "Ein paar Kinder sind hier bei mir manchmal auf dem Rasen. Ich habe auch gern ein bißchen Leben hier. Nur wenn sie auf meinen Holzzaun steigen, das finde ich nicht schön. Dann geh ich dann auch raus, schimpfen" (A18). Aufgestaute Wut, ironisch verpackt, wurde in einem anderen Interview deutlich, aus dem die folgende Bemerkung ein Auszug ist: "Ehemann: Wir haben hier ja ein ganz aktives Nachtleben, wenn die türkischen Kinder hier über die Garagenmauer klettern und nachts im Hof spielen" (A2).
Mehr Konfliktstoff zwischen Kindern und Erwachsenen, aber auch zwischen Deutschen und Türken, enthalten die folgenden Beispiele: "Manches ist mir dann doch zuviel. Unsere Wand hier unten, die müssen wir alle Nase lang neu streichen, weil die kleinen Lümmel die immer wieder nach Herzenslust beschmieren"(A1).
"Von Frau Y. drüben in der Anscharstraße weiß ich, daß die auch ganz schönen Ärger mit den Türken hat. Die hat jetzt gerade ihre Wand wieder gestrichen, und die haben sie schon wieder vollgeschmiert. In dem Hof spielen aber auch immer ziemlich viele türkische Kinder"(A2). Über Verschmutzungen und Beschädigungen berichtet auch eine Mitarbeiterin der Spieliothek. Sie liefert gleichzeitig eine Erklärung für das Verhalten der Kinder. "Im Sommer hatten wir gerade frisch gestrichen, da war ich noch so froh, daß die Stadt das gemacht hat, da haben die Kinder dann mit Steinen, Matsch und Dreck die Spieliothek behagelt und eine Scheibe eingeschmissen. Das war wohl der Frust darüber, daß wir dicht hatten"(A27).
Auch andere, z. T. als mutwillig beschriebene, Beschädigungen sorgen für Ärger in der Nachbarschaft. "Die (kleinen Kinder) hängen hier auf der Straße und zerkratzen z.B. die Autos mit Sand "(A28). Andere Anwohner regen sich darüber auf, daß Antennen abgebrochen werden oder Fenster kaputt gehen (n.A1).
"Die türkischen Kinder klettern hier auf den Gartenmauern herum, zerschmeissen die Scheiben der Wandverkleidung gegenüber. Sohn (21 Jahre): die sind doch nicht normal" (A2).
Die letzte Bemerkung zeigt eine Tendenz auf, die schon wiederholt deutlich wurde: störendes Verhalten wird in erster Linie den türkischen Kindern zugeschrieben. Diese sind "anders", hier sogar "nicht normal". Zwei weitere Interviewäußerungen relativieren sowohl den Eindruck, besonders die türkischen Kinder seien destruktiv, als auch den Eindruck, das Ausmaß von Verhalten mit destruktiver Wirkung der Kinder im Stadtteil sei nicht "normal": "Kaputtmachen gibt es auch viel bei den deutschen Kindern aus dieser Gegend, doch schon."(A9). "Natürlich geht (in der Spieliothek) auch mal was kaputt, also an Abschreibung haben wir 10%. Das ist normal, denke ich, wenn ein Spiel dafür schon etliche Male benutzt wurde"(A27). Es sei daran erinnert, daß die Spieliothek vorwiegend von (jüngeren) türkischen Kindern besucht wird (s.o.).


6.4 Auffälliges, unsoziales und aggressives Verhalten

Die Auswirkungen der gesamten Umwelt auf die Kinder des Viertels müssen sich nicht in krassen Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Die Kinder machen ja auch in diesem Milieu durchaus unterschiedliche Erfahrungen und verarbeiten diese zudem unterschiedlich. Dennoch ist es wichtig, etwas darüber zu erfahren, wie das Gesamtmuster des Verhaltens der Kinder subjektiv erlebt wird. Denn dieses subjektive Erleben bestimmt entscheidend das Verhalten der Erwachsenen gegenüber den Kindern.
Nach den Erfahrungen der interviewten Erwachsenen zeigen die Kinder des Viertels durchaus Besonderheiten im Verhalten, die ihnen auffallen. Manche dieser auffallenden Verhaltensweisen spiegeln die direkten Erfahrungen der Kinder mit ihrer konkreten Umwelt wieder. "Die Kinder sind vielleicht ein bißchen altklug hier. Der Lütte von da drüben erzählte mir letztens, daß seine Mutter wieder Pech gehabt hätte, sie sei schwanger" (A18). "Irgendwie sind die Kinder hier auch ganz schön altklug. Wenn ich mit meinem Hund spazierengehe, dann kommen die manchmal an und erzählen etwas. Das hört sich an, wie wenn Erwachsene reden. Z. B. schnacken die dann darüber, daß die Eltern sich gerade prügeln und sie keine Lust haben, sich das Geschrei mitanzuhören usw."(A28).
Andere Verhaltensweisen lassen sich als Anpassung an das Milieu interpretieren. "Zu uns kommen im Durchschnitt 6-10 jährige mit Anhang. Die sind ganz schön ausgekocht, die Gören. Das lernen sie auch schnell hier in diesem Milieu"(A27). Die besonderen Bedingungen des Milieus führen mit Wahrscheinlichkeit bei vielen Kindern zu Defiziten im sozialen Lernen, die sich im Verhalten bemerkbar machen. "Auffallend ist die fehlende soziale Kompetenz vieler Schüler; viele sind vor Schulbeginn mit vielen "Kulturgütern" und sozialen Gewohnheiten, Stifte, gemeinsames Sitzen am Tisch, noch gar nicht in Berührung gekommen"(A10).
Die bisher erwähnten Verhaltensmuster enthalten keinerlei Hinweis auf Verhaltensauffälligkeiten, die in einen Zusammenhang mit psychischen Störungen gesehen werden können. Sie können aber durchaus zu Konflikten mit der sozialen Umwelt z. B. in der Schule führen und zu späteren Fehlentwicklungen beitragen. Weitere Verhaltensmuster könnten im Grenzbereich zwischen einer "gesun den" Anpassung an das Milieu und Verhaltensstörung liegen. "Ich war ja bis vor einer Woche noch da im Kindergarten. Man merkt das schon, daß die Kinder ganz schön frech sind. M.: Die sind total aggressiv hier"(A8).

Zumindest auf die Möglichkeit psychischer Beeinträchtigungen bei vielen Kindern deuten aber mehrere Äußerungen in den Interviews hin. "Die Kinder hier sind sehr unkonzentriert und oft auch aggressiv"(A1). "Insgesamt sind viele Kinder unausgeschlafen, aggressiv und weisen ein mangelhaftes Sozialverhalten auf. Einige der Kinder klauen. Die Verhalten sich auch im Kindergarten so, daß sie anderen das Spielzeug wegnehmen"(A3).
"(Die Kinder zeigen) Gereiztheit und Aggressionen, die besonders in der Schule spürbar sind; (ich wünsche mir) mehr Ausgeglichenheit und Ruhe; ausgeschlafenere Schüler" (A10). "Die Lehrer müssen daran arbeiten, sich nicht von der Unausgeglichenheit der Kinder anstecken zu lassen und gereizt darauf zu reagieren"(A10). Aber schon die Erwähnung der "Unausgeschlafenheit" zeigt, daß die auffallenden Verhaltensweisen keine Verhaltensauffälligkeiten im klinischen Sinn sein müssen, sondern auf verschiedene Ursachen wie nächtlichen Lärm, übermäßiges Fernsehen usw. zurückgeführt werden könnten. Allerdings soll an dieser Stelle noch einmal darauf verwiesen werden, daß die Bedingungen der primären Sozialisation (s.o.) bei einem Teil der Kinder das Vorliegen psychischer Störungen mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten lassen.

Auf jeden Fall können die beschriebenen auffallenden Verhaltensweisen zu Konflikten führen. Es hängt dann stark vom Verhalten der Erwachsenen ab, wie sich diese Konflikte entwickeln. Die Erwachsenen können zur Eskalation der Konflikte beitragen oder zu ihrem Abbau: "Man muß im Umgang mit diesen Kindern schon sehr gewieft sein"(A27). "Wenn man anständig mit den Kindern umgeht, lassen sie sich auch zurechtweisen. Die Nachbarn könnten ja auch ein bißchen nachhelfen"(A18). "Es kommt auch drauf an, wie man mit ihnen umgeht. Wenn die hier Randale machen, das gibt es natürlich, dann werden sie nach draußen geschickt, um sich auszutoben. Wenn sie wieder hereinkommen, setzt sich dann eine Betreuerin mit ihnen zusammen an einen Tisch und beschäftigt sich mit ihnen. Da sollen Sie mal sehen, wie ruhig und konzentriert die auf einmal sind. Die kennen das gar nicht, daß man nicht sofort mit massivem Druck reagiert. Zuhause fehlt ihnen einfach auch die Zuwendung. Die suchen sie sich dann auf der Straße mit dummen Streichen"(A27).

In den Interviews wird immer wieder das aggressive Verhalten der Kinder des Viertels als auffallend hervorgehoben. "Die Kinder haben hier aber auch einen schlechten Umgang, wenn die hier aufwachsen müssen. Lauter Asos und so. Kein Wunder, daß die so aggressiv sind. Doch ich glaube, daß das mehr ist als woanders in Gartenstadt oder Gadeland oder überhaupt in Neumünster. Man kann schon sagen, daß das hier so die schlechteste Wohngegend ist von Neumünster und die Gegend um den Steinkamp rum, da auch. Die werden auch einfach anders erzogen hier die Kinder. Ich mein, ich kenne das hauptsächlich aus dem Fernsehen mit der Erziehung in so einem Milieu. Wenn die mal zu spät nach Hause kommen, kriegen die gleich Schläge und so"(A19). "Die Kinder sind dann eben entsprechend, ist ja logisch. Die lernen ja auch nichts anderes hier, als sich zu prügeln und alles versiffen zu lassen" (A26).

Wie bei den anderen negativen Aspekten des Verhaltens so besteht auch in bezug auf das aggressive Verhalten die Tendenz, dieses vorwiegend den Ausländern, insbesondere den türkischen Jungen, zuzuschreiben. Ihr Verhalten wird als "anders" und "nicht normal" empfunden. "Ich glaube, die Kinder da kriegen auch schon alle irgendwie 'n Schaden. Die sind doch nicht mehr normal. Ein Gepolter da teilweise. Aggressiv sind die, richtig bestialisch. Normalerweise hätte man doch Hemmungen, auf jemandem rumzutrampeln, der da am Boden liegt. Die Jugoslawen und Türken gehen aber wohl auch oft zum Boxen. Vielleicht gucken die Kleinen sich das auch ab"(A11).
"Ja, das stimmt schon, die Kinder hier sind irgendwie ganz schön aggressiv. In der Schule sieht man das auch auf'm Schulhof. Vor allem die türkischen Kinder prügeln wie verrückt"(A15). "Die hängen den ganzen Tag vor'm Video. Das kann man immer gut beobachten, wie die türkischen Kinder das hier auf dem Schulhof ausprobieren, was sie da zuhause wieder in ihren Karatefilmen oder so gesehen haben. Wie die hier treten, hauen, kloppen"(A5). "Die Kinder sind dann eben entsprechend drauf. Vor allem die türkischen. Also, mich hat noch nie ein 9-jähriger deutscher Junge angemacht. Wenn man sich dann nicht alles gefallen läßt, kommen die mit ihren 25 Freunden wieder"(A21).

Die Türken selbst werden als Zeugen für die besondere Agressivität ihre Kinder herangezogen: "Die eigenen Landsleute sagen das ja, daß die in den Höfen viel Randale machen oder sich in Parks zusammenrotten, auch schon die Kleinen" (A9).

Den Äußerungen über die ausgeprägtere Aggressivität der türkischen Jungen stehen andere gegenüber, die zwar die Beobachtung einer insgesamt großen Aggressivität der Kinder im Viertel bestätigen, nicht aber die besondere Auffälligkeit der türkischen. "Ach, ich weiß nicht. Bis auf diese Geschlechterrollengeschichte gibt es da, glaube ich, gar nicht so viel (Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Kindern). Man kann auch nicht sagen, daß die allgemein aggressiver sind als die deutschen. Das sind hier alle Kinder sowieso"(A27). Eine Mitarbeiterin der Kindertagesstätte: "Ausländerkinder haben wir hier immer so gehabt 12-15. Das gibt eigentlich keine besonderen Probleme. Höchstens mal, weil die Kinder der Türken kein Schweinefleisch essen dürfen. Darauf nehmen wir aber auch Rücksicht.Die Kinder hier akzeptieren sich alle untereinander. Ich kann nicht behaupten, daß die (Türken) hier mehr Ärger machen als die Deutschen. Einen haben wir, der ist sehr aggressiv. Aber das gibt es nicht nur bei Türken"(A9). "Die Kinder sind auch ganz schön anstrengend, die sind ziemlich aggressiv. Auch die deutschen Kinder sind hier nicht gerade so wohlbehütet...Aber auch die deutschen Kinder sind hier eigentlich unterstes Niveau"(A5).


6.5 Verwahrlosung, Drogen und Delikte

Aus einigen Interview-Äußerungen ergeben sich Hinweise auf die Gefahr, daß relativ viele Kinder verwahrlosen und früh polizeilich auffällig werden könnten. Nicht die einzelnen geschilderten Verhaltensweisen für sich sind hier entscheidend, sondern das Gesamtmuster des Verhaltens, das sich in Ergänzung zum bereits Geschilderten ergibt. Die Äußerungen über Auffälligkeiten reichen von der Sprache über den Umgang mit Drogen bis hin zu ersten Delikten.

  • "Mit sechs reden die schon so: "Ey, du alter Wichser, ich hau dir einen in die Fresse" und so."(A21). "Einer, der ist wohl so 12 Jahre alt und geht auf die Sonderschule. Der bringt hier (bei den kleineren Kindern) auch Pornos an"(A6).
  • "Einige Grundschüler beginnen schon zu rauchen"(A10). "Die meisten aus der Klasse von meinem Sohn (14 Jahre) saufen. Ich lasse meine Kinder zwar mit denen spielen, aber in die Wohnungen dürfen sie nicht. Da habe ich doch Angst, daß da die große Klopperei losgeht"(A22). "Viele (jugendliche Türken) rauchen auch Haschisch. Aber das sind jetzt mehr die 13-jährigen, die rauchen das schon wie eine normale Zigarette" (A17).
  • "Früher hat es ständig im Papier-Container gebrannt. Oder die Kinder klettern bei SK auf'm Dach rum. Da haben die letztens die Videothek ausgekokelt"(A28).
  • "Die Kinder sind auch schon mal nachmittags bei uns (in die Spieliothek) eingestiegen. Da hatten sie die Fenster vorm Rausgehen extra entrieg lt...aber sie haben nichts entwendet" (A27).
  • "Man muß aufpassen, daß nichts geklaut wird."(A2). "Die türkischen Kinder klauen auch viel. Man kann hier ja nichts draußen stehen lassen. Die Blumenkübel auf unserem Hof sind auch schon mal geklaut worden. Man muß hier alles einschließen" (A2). "Vor allem die 9-11jährigen (Türken) klauen" (A4). "Neulich haben zwei junge Türken bei uns auf dem Hof versucht, Fahrräder zu klauen. Die haben nichts und wollen auch Fahrräder haben" (B13). "Davon gibt es hier bestimmt einige, die so rumstreunen, klauen, sich zusammenrotten" (A6).


Zusammenfassende Bewertung

Die hier zitierten Äußerungen beziehen sich vorwiegend auf türkische Kinder. Aber aus einigen Interviews geht hervor, daß auch eine Reihe deutscher Jugendlicher im Viertel mit Drogen, Diebstahl usw. Erfahrungen hat. Es ist daher davon auszugehen, daß die geschilderten problematischen Verhaltensweisen sowohl bei den türkischen als auch bei deutschen Kindern des Stadtteils anzutreffen sind. Nach einer Statistik im Arbeitspapier des Stadtplanungsamtes (S.28) hat der Stadtteil NORDOST im Vergleich zu allen anderen Neumünsteraner Stadtteilen die größte Häufigkeit von Polizeimaßnahmen in den Altersgruppen bis 14 Jahre und 14-18 Jahre und liegt bezüglich aller bis zum Alter von 21 Jahren auffällig gewordenen Jugendlichen nach den Stadtteilen WEST und FALDERA an dritter Stelle. Die Statistik bezieht sich nicht auf den Tat-, sondern auf den Wohnort der auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen. Beginn und Fortsetzung einer kriminellen Laufbahn werden für anfällig gewordenen Kinder und Jugendliche dadurch begünstigt, daß sich im sozialen Umfeld des Viertels entsprechende "Modelle" befinden. "In der Anscharstraße gibt es viele Punks. Ganz viele sind Zocker, sie klauen alles mögliche oder waren im Knast. Kiffer (rauchen Joints, hängen rum) leben z. T. mit 6-7 Leuten in kleinen Zimmern, Banden"(B3). In den Interviews finden sich viele Hinweise auf Straftäter im Viertel selbst. Die Palette reicht von der sexuellen Straftaten über Totschlag bis zu Diebstahl, Hehlerei und Drogenhandel. Der Bezug von bestimmten Waren durch bekannte Hehler scheint für einen Teil der Bewohner durchaus "normal" zu sein.

Die Statistik liefert einen Hinweis darauf, daß die "Karriere", die bei einem vergleichsweise großen Teil der Jugendlichen des Stadtteils zur Straffälligkeit führt, schon im Kindesalter beginnen dürfte. Der in diesem Bericht vorgenommenen Beschreibung des Milieus und der Entwicklung der Kinder in diesem Milieu sind Hinweise auf die Entstehungsbedingungen solcher "Karrieren" und damit Hinweise auf mögliche Präventionsmaßnahmen zu entnehmen.

  

 

Teil V: Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

7. Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel
7.1 Konflikte der Erwachsenen wegen der Kinder
7.2 Einfluß der Eltern auf die Kinder
7.3 Kinder untereinander
8. Einstellungen gegenüber Ausländern
8.1 Ältere Kinder
8.2 Jugendliche

 

7. Soziales Konfliktpotential im Vicelinviertel

7.1 Konflikte der Erwachsenen wegen der Kinder

Die Erwachsenen im Viertel reagieren sehr unterschiedlich auf das im vorigen Abschnitt dargestellte, oft als störend und problematisch empfundene Verhalten der Kinder. Manche verhalten sich eher tolerant und machen vor allen Dingen nicht für alles die türkischen Kinder verantwortlich. "Gut, bei mir haben die Kinder auch schon mal die Rosen abgeknickt. Das hat mich auch geärgert. Das waren aber die deutschen. Die Wände sind hier auch schon mal beschmiert worden. Aber mir ist sonst, und gerade von den Ausländern, hier noch keiner dumm gekommen. Ich bin immer der Meinung, wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es heraus"(A18). Andere greifen zur erzieherischen Selbsthilfe.
"Ich habe mal zu den Bengels nebenan gesagt, daß ich ihrem türkischen Lehrer Bescheid sagen wollte. Dann habe ich ihnen einen Besen in die Hand gedrückt. Seitdem sieht der Hof schon etwas besser aus"(A1). Eher die Regel scheinen jedoch Geschimpfe und Streit die Reaktion auf die Kinder zu sein. "Die Kleinen spielen im Hof. Da schimpfen auch öfter mal Anwohner. Mich kratzt das eigentlich nicht. Ich mag auch keinen Streit"(A18). Die Kinder wiederum dürften das Verhalten der erwachsenen Nachbarn eher als einengend und ungerecht empfinden, wie es in der Bemerkung eines deutschen Mädchens anklingt. "Tochter: "Die Nachbarn sind doof hier. Wir dürfen nicht mal eine Katze haben, dabei haben das viele"(A15).

Lärm und Schmutz im Viertel werden als Negativfaktoren empfunden. Insgesamt kehrt der Vorwurf immer wieder, die Eltern und hier besonders die Türken würden sich nicht um Ordnung, zumindest nicht außerhalb ihrer Wohnung kümmern und schon garnicht ihre Kinder dazu anhalten. "Ich meine, daß eigentlich die Eltern auf solche Dinge achten müßten. Das tun aber die türkischen noch weniger als die deutschen, das muß ich schon sagen" (A1). Gutgemeinte Ratschläge, so klingt an, werden nicht angenommen oder gar mißverstanden. "Die Kinder ließen sich schon einigermaßen steuern, wenn die Eltern da auch kooperativer wären" (A1).
Die Folge sind Zwistigkeiten der Erwachsenen, vor allem wohl der Türken und Deutschen, untereinander. "Das gibt schon manchmal Streitigkeiten hier in der Straße wegen der Kinder. Die türkischen Eltern können ja leider kaum Deutsch, so daß man sich mit ihnen noch weniger verständigen kann. Gerade bei einem so heiklen Thema, das leicht als Einmischung und Ablehnung verstanden werden kann, gehen die schnell in eine Rechtfertigungsposition oder interessieren sich garnicht dafür" (A1).

Die deutschen Mütter reagieren besonders empfindlich, wenn es um Auseinandersetzungen der türkischen Kinder mit ihren eigenen geht. Das wirkt sich auf das Verhältnis zwischen den Erwachsenen aus. Vorurteile (s.o.) werden aktiviert. "So komme ich gut mit denen (den türkischen Müttern) klar, bloß die Kinder, die sind irgendwie ganz schön aggressiv. Die älteren Ausländer stören mich nicht, aber die können sich ja mal benehmen und vor allem besser auf ihre Kinder aufpassen. Mein Sohn wird vor der Tür oder auf dem Weg zur Schule verprügelt. In der Schule geht das dann komischerweise ganz gut"(A22).
Der Streit wegen der Kinder kann eskalieren und schwerwiegende Formen annehmen. "Die Tochter von dem X. hier, die war mal auf'm Hof bei den Türken. Die wollten sie dann nicht mehr vom Hof lassen, weil die da auch rumgepöbelt und die provoziert hatte. Dann kam der X. da an und hat rumgebrüllt, der ist sowieso ziemlich jähzornig und schreit oft hier rum, und wollte die Polizei rufen. Dann kam der Vater von den türkischen Kindern mit einem Küchenmesser. Das wäre beinahe schlimm abgegangen da. Der X. ist sowieso der totale Ausländerfeind. Der erzählt immer, daß das hier früher eine anständige Straße war und schreit zur Tür raus: "Haltet die Schnauze" und so" (A28).
Die türkischen Kinder und Jugendlichen registrieren ihrerseits die Ausländerfeindlichkeit, die ihnen nicht nur im Streit entgegenschlägt, sehr genau. Eine türkische Jugendliche berichtet aus ihrer Perspektive: "M.: Hier wohnen ja auch echt viele, die benehmen sich nicht so gut. Schwester: z. B. der da drüben, Dobermann nennen wir den immer, weil der hat einen Hund, der heißt Dobermann. Der haßt Türken. M.: Der ist bestimmt Nazi und hat ordentlich Knete, der Typ. S.: Dem gehört auch das Haus. Der hetzt seinen Hund immer auf türkische Kinder. Da ist mein Vater mal rüber, da haben die sich fast geprügelt. Hat mein Vater dann aber doch nicht getan. M.: Da stand mal hier am Tor dran "Türken raus". Das war bestimmt der. Da habe ich drüben gleich an die Wand geschrieben "Nazis raus"(A8).
Diese Beispiele zeigen, welches Konfliktpotential, das sich jederzeit u. a. im Streit um die Kinder entladen kann, im Viertel vorhanden zu sein scheint. Jedes der genannten Beispiele ist dazu geeignet, auf beiden Seiten bereits bestehende Vorurteile und Feindseligkeiten weiter zu verschärfen. Unter den konkreten Bedingungen des Milieus bewirkt das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern nicht wechselseitige Akzeptanz und Verständnis, sondern Abgrenzung, Ablehnung bis hin zur mehr oder weniger offen gezeigten Aggression.

7.2 Einfluß der Eltern auf die Kinder

Es ist nachvollziehbar und realistisch, wenn Familien einen schlechten Einfluß des Milieus auf ihre Kinder befürchten. Die Befürchtungen konzentrieren sich auf den negativen Einfluß durch andere Kinder. "Für die Kinder ist es nicht gut, hier aufzuwachsen. Die Tochter von meinem Bruder kommt immer wieder und hat schlechte Wörter gelernt"(A17). "Und was die Kinder hier teilweise für Wörter benutzen, na ja. Ich habe immer Angst, daß die einen schlechten Einfluß auf meine Tochter haben"(A15).

Um einen schlechten Einfluß auf ihre Kinder zu vermeiden, versucht ein Teil der Eltern, durch die Meidung bestimmter Orte, die Auswahl von Spielkameraden usw. den Umgang ihrer Kinder zu steuern. Da ein schlechter Einfluß besonders von den ausländischen Kindern im Viertel erwartet wird, hat das in der Tendenz die Separation deutscher und ausländischer Kinder zur Folge. "Da (auf den Hof) würde ich meine Tochter nicht hinlassen. Die Kinder spielen da auf den Höfen alle im Dreck. Außerdem sind da so viele türkische Kinder, die sind doch einfach irgendwie aggressiver" (A15). "(Auf dem Spielplatz) sind auch hauptsächlich die türkischen Kinder. Da bei der Kirche z. B., da lasse ich meine Kinder nicht rauf. Die türkischen Kinder sind auch so aggressiv. Außerdem haben die ja nichts eigenes zum Spielen"(A2).

Als Begründung für das Trennung der eigenen von den ausländischen Kindern werden auch negative Begebenheiten angeführt, die nicht in jedem Fall nur der eigenen Erfahrung entsprechen. "Also, meinen Sohn würde ich da nicht im Dreck spielen lassen. Aber die türkischen Kinder, die haben ja auch nichts, Spielzeug oder so. Auch hier unten im Hof, wenn mein Sohn da mal spielt, die nehmen ihm immer das Spielzeug weg, weil sie selbst nichts haben. Die spielen dann eben mit Steinen und Müll und so"(A14). "Ich habe keine Lust, daß mein Sohn immer verprügelt nach Hause kommt. Da drüben haben Italiener den Bruder von einem aus seiner Klasse zusammengeschlagen. Der mußte danach in's Krankenhaus. Italiener haben wir hier auch ziemlich viele"(A22).

Das Gemisch aus konkreten Begebenheiten, einseitigen Schuldzuweisungen und starken Verallgemeinerungen, das häufig das Urteil besonders über "die Türken" prägt, kommt in folgendem Zitat zum Ausdruck. Die interviewte Mutter empfindet es offensichtlich als Beleg ihrer Toleranz, wenn sie überhaupt noch mit erwachsenen Türken redet. "Ich mein, daß ich mich nicht gerade freu, wenn meine Kinder hier auf der Straße von Türken beklaut oder verprügelt werden, ist ja klar. Aber ich mein, ich sprech auch mit denen. Z. B. da im türkischen Laden, da ist alles sauber und ordentlich, da kann man nichts zu sagen"(A25).

Deutsche Kinder werden von der anschließend zitierten Bewohnerin als Spielpartner für die eigenen Kinder bevorzugt, selbst wenn auch sie nicht den Erwartungen an den "richtigen" Umgang entsprechen. "Gegenüber wohnen 12 deutsche Kinder, die hier auch zum Spielen rüber kommen. Mit denen geht das (im Gegensatz zu den türkischen Kindern). Aber die kommen auch nicht aus den besten Familien. Die Eltern tauchen hier nicht auf, die kümmern sich selten um ihre Kinder"(A6).

In einem Fall, der sicher nicht verallgemeinert werden darf, richtet eine Familie sogar ihr Freizeitverhalten so ein, daß der Kontakt mit Türken vermieden wird. "Sonst gehen wir öfter mal schwimmen. Das ist das einzige, was die Türken nicht dürfen, wegen duschen und so. Das ist auch in der Schule ein Problem" (A2).

Auch der gemeinsame Unterricht für türkische und deutsche Kinder ist für manche Eltern eine Quelle der Unzufriedenheit. Sie gehen davon aus, daß dies zu Nachteilen für die eigenen Kinder führt. "Ich finde, auf die (türkischen Kinder) wird auch zu viel Rücksicht genommen, die behindern ja auch die anderen Kinder beim Lernen. Aber die kannst du ja nicht rausschmeißen"(A15). "Zwei Türkenkinder sind diesmal aus der Klasse von meinem Sohn sitzengeblieben. Das ist ja noch recht wenig"(A25).

Es ist anzunehmen, daß nicht nur die deutschen Eltern Negativurteile über die Türken und ihre Kinder haben, sondern daß auch umgekehrt ähnliche Prozesse ablaufen. Hinweise darauf sind bereits erwähnt worden. Diese Negativurteile führen in der Tendenz dazu, daß das gemeinsame Spielen von türkischen und deutschen Kindern von den Eltern eher behindert, zumindest nicht gefördert wird. Diese Beobachtung wird in den folgenden Äußerungen berichtet: "Die Kinder spielen hier eben sonst auf den Höfen oder auf der Straße. Dabei sieht man deutsche und ausländische Kinder kaum zusammenspielen. Es ist schon eine recht große Tendenz zur Abgrenzung vorhanden. Vor allem die Erwachsenen haben Vorurteile, von beiden Seiten."(A24). "Deutsche und türkische Kinder spielen sowieso fast garnicht zusammen. Die sieht man meistens nur getrennt auf der Straße. Die deutschen Eltern haben meistens Vorurteile, daß die Ausländer ihnen die Arbeit wegnehmen z. B. Das wird ja auch schon bei den Kindern geschürt" (A6). "Die Eltern der deutschen Kinder züchten aber oft auch regelrecht Vorurteile, als ob sie einen Schuldigen dafür brauchen, daß sie sich selbst nachmittags nicht um ihre Kinder kümmern und die entweder völlig gelangweilt sind oder dummes Zeug machen"(A27).


7.3 Kinder untereinander

Kinder sammeln im Spiel mit Gleichaltrigen wichtige soziale Erfahrungen und entwickeln in ihm soziale Verhaltensweisen. Die Bedingungen im Viertel behindern auf vielfältige Weise, daß die Kinder auch im Umgang miteinander soziale Kompetenzen erwerben. So ist z.B. die Entwicklung von dauerhaften Freundschaften erschwert. "(Es) ist eigentlich schade, daß hier so ein großer Mietwechsel herrscht. Für die Kinder wäre ein bißchem mehr Kontinuität bestimmt nicht schlecht. So müssen sie sich auch immer umgewöhnen und können schwer dauerhafte Freundschaften schließen" (A6). Hinzu kommt die starke Tendenz zur Abgrenzung der Gruppen untereinander, die die Auswahl sozialer Kontakte beschränkt und sich auf den Umgang der Kinder miteinander auswirkt. Die elterlichen Vorbehalte werden im Laufe der Entwicklung von den Kindern übernommen. Konflikte der Kinder untereinander, die z. T. bereits mit ein Ergebnis der wechselseitigen Vorbehalte sein können, bestimmt aber beeinflußt durch vorhandene Selbst- und Fremdbilder interpretiert werden, tragen dazu bei, daß ausländische und deutsche Kinder häufig nicht mit- sondern nebeneinander spielen. Auch bei den Kindern bilden sich entsprechende "Wir-" und "Die-" Gruppen heraus. Dies muß als ein sich allmählich vollziehender Prozeß gesehen werden. Von den kleineren Kindern im Kindergarten heißt es noch: "Die Kinder hier akzeptieren sich alle untereinander. Die Kinder sind ja auch noch unbefangener, jedenfalls bevor sie zur Schule kommen. Die machen noch nicht solche Unterschiede"(A9). Eine andere Interviewte stellt fest, daß "die Kinder, die Deutschen, die Schwatten, die Italiener, alle zusammen spielen"(A18). Der vorhergehende Abschnitt zeigt jedoch, daß die letztgenannte Beobachtung zumindest nur mit großen Einschränkungen zutrifft.
Es trifft nach Äußerungen in den Interviews wohl nicht nur weitgehend zu, daß türkische "Jungen und Mädchen ja auch immer getrennt"(A1) spielen. Wenn Erwachsene sich vorwiegend negativ und abwertend über andere Bewohner des Viertels äußern, so sind Ansätze dazu auch schon bei den Kindern festzustellen. "Tochter: "Und die Kinder sind auch doof. Die prügeln sich immer nur. Mit denen hab ich keine Lust zu spielen, die sind immer so gemein und laut"(A15).

Vieles deutet auch darauf hin, daß zumindest ein größerer Teil der deutschen Kinder beginnt, besonders den Kontakt mit türkischen Kindern von sich aus zu meiden. "Mein Sohn (der 8jährige) geht da auch nicht rauf, auf den Hof, weil da immer ganze Rudel von türkischen Kindern sind, der traut sich da gar nicht hin. (Der) guckt auch schon ganz komisch, wenn die Kinder von den Türken da in Scharen auf der Straße rumstehen, weil die auch so aggressiv spielen"(A2). "Mein Sohn spielt auch nicht gerne mit Ausländerkindern. Die sind eben auch anders erzogen, um die kümmert sich keiner, die haben kein Spielzeug, wie gesagt"(A14).

Sicher spiegelt sich im Meidungs- und Ablehnungsverhalten der Kinder zunächst der direkte Einfluß der Eltern wieder. Dieser wird jedoch durch eigene negative Erfahrungen der Kinder ergänzt. "Mein Sohn hat da früher auch mal gespielt. Dann ist er aber nicht mehr hingegangen, weil die ihm zu viel am rumprügeln sind, die türkischen Kinder. Meine sind eigentlich auch viel zu lieb, das ist auch wieder nicht gut"(A25). "Auf dem Spielplatz sind hauptsächlich türkische Kinder. Da gehen meine Kinder freiwillig nicht hin. Der Große hat ja eine starke Sehbehinderung von Geburt an und muß immer seine Brille tragen. Dann haben die türkischen Kinder ihm die Brille weggenommen und wollten sie ihm nur gegen Geld wiedergeben. Die kloppen sich und hängen bis spät abends alleine auf der Straße rum. Auf den Spielplätzen sind komischerweise immer eher die größeren"(A22). "Da haben übrigens die türkischen Kinder meinen Sohn mal reingezogen in den Hof. Da habe ich allerdings einen ganz schönen Schrecken gekriegt. Mein Sohn spielt auch von sich aus nie mit türkischen Kindern. Aber ich glaube schon, daß die härter sind als viele deutsche Kinder und daß die deutschen Kinder sich manchmal beim Spielen wirklich auch gestört fühlen "(A6).

Interessant ist sicher der Hinweis, daß Konflikte und Meidung der Kinder untereinander vorwiegend im Freizeit-, weniger ausgeprägt jedoch im schulischen Bereich aufzutreten scheinen."In der Schule, da geht es"(A6). "Die türkischen Jungs nehmen sich auch manchmal ganz schön viel raus. Auch in der Schule, das erzählt mein Sohn mir immer...Aber in der Schule kommt mein Sohn schon mit ihnen aus, muß er ja"(A14). Auch mit dieser Einschränkung ist der Gesamteindruck, der durch die Interwiews vermittelt wird, der einer weitgehenden Trennung der türkischen und deutschen Kinder im Spiel. "Deutsche und türkische Kinder spielen sowieso fast garnicht zusammen. Die sieht man meistens nur getrennt auf der Straße" (A6). Trennung und Ablehnung scheinen vor allem bei den Jungen zu bestehen. "Bei den Jungs spielen die deutschen und die türkischen meistens auch getrennt. Die Mädchen stehen manchmal zusammen."(A5).
Es gibt jedoch auch Ausnahmen von den beschriebenen Mustern des Umgangs der Kinder miteinander: "Meine beste Freundin ist Türkin. Ich habe viele Bekannte dort. Wir unternehmen viel gemeinsam. Wir gehen gemeinsam in die Stadt, in das Kino, Schwimmbad, Essen oder so, je nachdem" (B8), berichtet ein älteres Mädchen.


8. Einstellungen gegenüber Ausländern

Im Viertel besteht eine allgemeine Tendenz zur Abgrenzung der Menschen untereinander. Diese Tendenz ist dort besonders stark, wo Gruppen nach äußeren Merkmalen unterscheidbar sind. Dies trifft auf "Türken" und "Deutsche" zu. Die Unterscheidung dieser Gruppen ist mit Abwertungen der "Die-Gruppe" verbunden. Die Negativmerkmale des gesamten Viertels werden den Türken zugeschrieben, vor allem deren Kindern. Den Kindern teilen sich die Vorurteile und Abgrenzungen der Erwachsenen früh mit und beeinflussen ihr Verhalten untereinander. Es ist wahrscheinlich, daß die Konflikte, die die Kinder untereinander haben, in Übereinstimmung mit den Vorurteilen bewertet und verarbeitet werden. Es ist daher zu erwarten, daß die Kinder schließlich auf dieser Basis eigene Einstellungen und Vorurteile entwickeln, die zur Trennung der Gruppen, zur Abgrenzung von "Türken" und "Deutschen" mit einer ablehnenden Grundstimmung, auch in der Zukunft beitragen. Der hier skizzierte Prozeß ist hypothetisch. Es soll geprüft werden, ob sich aus den Interviews mit älteren Kindern und Jugendlichen entsprechende Hinweise ergeben.


8.1 Ältere Kinder

Eine 15jährige Sonderschülerin (B7) schildert, wie sie das Verhätnis der erwachsenen Deutschen und Türken untereinander erlebt: "Viele mögen die Ausländer nicht. Sie kommen deshalb mit ihnen nicht klar, ärgern sich beide". Ihre eigene "Soll"- Vorstellung entspricht dem nicht."Eigentlich müßte man mehr untereinander auskommen. Einige wollen das aber nicht, z.B. alte Leute". Sie ist aber in ihrem sozialem Umfeld Einflüssen ausgesetzt, die in Richtung einer ablehnenden Haltung gegenüber Ausländern gehen. Diese Einflüsse gehen von Gleichaltrigen und Erwachsenen aus. "In der Schule gibt es auch einige die sagen, Ausländer sind blöd. Ich weiß nicht warum." "Der Lehrer sagt: die (Türken) fühlen sich wohl auch nicht in einer sauberen Wohnung wohl. Wir hatten einen Türken in der Klasse, der wurde rausgeschmissen, weil er nie kam und keine Schularbeiten machte". Ihre eigenen Erfahrungen mit Türken im Wohnquartier sind vorwiegend negativ verarbeitet worden. "In der Anscharstraße kenne ich einige Türken. Aber nur wenige sind gut". Dieses Mädchen hat keine ausländerfeindliche Einstellung, sie lehnt Gewalt gegen Ausländer ausdrücklich ab. "Skins, die verprügeln Türken, nur weil sie Ausländer sind. Das ist doof. Türken können aber auch gemein sein". Ihre konkrete eigene Erfahrung mit türkischen Gleichaltrigen im Viertel und in der Schule hat aber nicht zu einer größeren Differenzierung oder Annäherung geführt. Wie für viele Erwachsenen steht auch für sie die Gruppenunterscheidung mit der positiven Besetzung der eigenen Gruppe verhaltensorientierend im Vordergrund: "Ich will lieber mehr von Deutschen wissen" (B7).

Sehr viel differenzierter ist die Meinung einer 15jährigen Hauptschülerin (B8), die von sich sagt, ihre beste Freundin sei eine Türkin. Sie schildert auch positive Seiten. "Ich komme gut mit Ausländern klar. Ich verstehe viele andere nicht, die nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Die verstehen sich untereinander viel besser, als wir. Meistens jedenfalls. Sie halten auf jeden Fall zusammen". "Paar wenige Ausländer sind arrogant. Ausländer sind nicht grundsätzlich schlecht, überall gibt es solche und solche. Viele sind sogar besser als Deutsche".
Die 15jährige hat einen eigenen Standpunkt zur Ausländer"problematik", der sicher (s.u.) vom Standpunkt ihrer Eltern abweichen dürfte: "Erst hat man sie zur Arbeit rübergeholt und nun will man sie abschieben. Den Zustrom könnte man eventuell stoppen, aber mehr nicht. Viele sind bestimmt nicht gerne hier und würden zurückgehen, wenn sie nur genügend Geld hätten. In der Türkei, in Ankara soll es ja ganz anders aussehen, viel mehr Grün und so". Sie sieht die Ausländerfeindlichkeit als Problem und es stört sie "das immer auf Ausländern herumgehackt wird und man nicht versucht, sich in Ruhe zu lassen oder zu verstehen. Der Haß und das Verhalten bleiben. Eine Veränderung ist nur bei Einstellungsänderung möglich, aber die ist fest verwurzelt und erziehungsbedingt." Den Einfluß der Erziehung und verallgemeinerter Einstellungen, Ausländerfeindlichkeit erlebt die 15 jährige in der eigenen Familie. "Bei mir zu Haus auch. Die Eltern sehen (meinen Kontakt mit Türken) nicht gern. Als die Mutter schwanger war, gab es Ärger mit Türken, denn einer stieß ihr ein Messer in den Bauch. Die Eltern verallgemeinern seitdem alles auf die Türken, was gefährlich ist. Ich soll nur in der Schule mit ihnen zusammen sein. Mein Bruder hat aber auch einen türkischen Freund". Sie meidet Skins und Neonazis und sagt von sich:
"Ich versuche, mich besser zu verhalten (als die Umwelt) und mit Ausländern klarzukommen". Dabei ergeben sich allerdings Hindernisse: "Manchmal sogar meine Familie, die Eltern sehen es nicht so gerne".

Trotz ihrer positiven Kontakte mit Türken, die sie auch gegen den Widerstand der sozialen Umwelt hat, sieht die 15jährige einen Zusammenhang zwischen den Lebensbedingungen im Viertel, ihrer eigenen sozialen Lage, die sie als Benachteiligung empfindet, und den Ausländern. "Von der Stadt her gibt es kein Geld, denn andere Dinge sind wichtiger (Großflecken) und der Staat ist mit anderen Dingen beschäftigt, jetzt wo die Grenzen offen sind. Kurden und diese betrifft dies". "Die Türken wohnen da, wo sie bei diesem Wohnungsmangel eine Wohnung günstig kriegen. Ich finde das eigentlich nicht gut, denn wir suchen ja auch schon lange eine Wohnung. Erst sollten Deutsche, dann Ex-DDR, dann andere eine Wohnung bekommen" (B8).


8.2 Jugendliche

Es ergeben sich aus den Interviews Anhaltspunkte dafür, daß die Trennung von Türken und Deutschen unter Jugendlichen recht weitgehend ist. Die "Andersartigkeit" der jeweils anderen Gruppe wird betont und bietet z. T. Anlaß für handfeste Konflikte. Die in diesem Abschnitt dargestellten Meinungen und Beobachtungen sollten in Zusammenhang mit dem Abschnitt über das Freizeitverhalten der Jugendlichen gesehen werden. Der Schauplatz ist von Begegnungen ist nicht im Viertel selbst, sondern z. B. im Stadtzentrum.

In den Äußerungen deutscher Jugendlicher und junger Erwachsener werden Abstand und z. T. auch Ablehnung deutlich. "Hier wohnen auch mehr die Schwarzhaarigen. Da muß ich mich ja nicht unbedingt dazuzählen"(A21). "Ich vermeide den Kontakt mit jugendlichen Ausländergruppen. Das ist kein Rassismus, aber häufig gibt es Ärger"(B4). Die (männlichen) türkischen Jugendlichen werden als die Verursacher von Konflikten dargestellt: "Die bilden sich voll die Welle ein, benehmen sich wie "Kings" und machen dumme Sprüche. Sie bewirken letztlich Ausländerfeindlichkeit. Sie sind teilweise echt selber schuld"(B5). "Wahrscheinlich sind die (jugendlichen Türken) deshalb aggressiver, weil die sich zurückgestellt vorkommen. Dann meinen sie, sie müssen hier den Herrmann machen. Gerade die, die nicht richtig Deutsch können, die sind auch weniger umgänglich"(A21). "Einige Türken sind aber auch voll daneben und oberhohl. Sie meinen, sich alles erlauben zu können"(B9).
Eine junge Türkin sagt dazu: "Stimmt aber auch, die türkischen Jugendlichen machen schon viel Randale und wollen zeigen, wie toll sie sind. Die machen immer einen auf cool"(A8). Ein türkischer Jugendlicher sieht das anders: "Wir pöpeen (=auftrumpfen) nicht, lassen uns aber auch nicht anlabern"(B2). Ein anderer:
"Stimmt, die türkischen Jugendlichen machen viel Randale, aber auch, weil wir wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, überall"(A17).

Distanz scheint es nicht nur von deutschen Jugendlichen aus zu geben: "Die Türken nehmen meist von sich aus Abstand" (B9). Auch sie fühlen sich, z. B. in ihrem nicht-sprachlichen Verhalten, mißverstanden. "Auch wenn sich die türkischen Kumpels so umarmen und so, dann denken die Deutschen immer gleich, die sind schwul. Ich umarme viele Kumpel"(A17). Wie bei den Deutschen ist die Abgrenzung der eigenen gegenüber der Fremdgruppe mit einer Betonung der Vorzüge der eigenen Gruppe verbunden.
"Ich kenne auch viele Deutsche. Mit denen geh' ich dann spazieren und so. Aber nach einer Woche wird es langweilig. Die denken eben einfach anders. Da kann man nicht so reden, wie mit einem türkischen Kumpel. Die Türken halten auch mehr zusammen als die Deutschen. Wenn einer Geld hat, dann gibt er. Die Türken teilen alles...Bei uns ist es nicht so wie bei den Deutschen, das seh ich oft in der Stadt: einer kauft ein Eis, ein anderer geht daneben und hat kein's. Bei Kindern geht es, aber die Großen passen nicht zusammen. Die Deutschen reden was anderes. Mit Deutschen kann man auch über Mädchen reden und so. Aber die reden immer nur komplizierte Sachen und so komisch. Wir reden über was Lustiges"(A17).
Wenn sich einmal gute Kontakte mit deutschen Jugendlichen ergeben, so schildert es ein türkischer Jugendlicher, so müssen sie gegen Hindernisse behauptet werden: "Ich habe mal einen Kollegen gekannt, der war erst gegen Türken. Dann haben wir miteinander geredet und alles geteilt und so. Er hat sich zu uns gesetzt. Aber bestimmt haben seine alten Freunde "Arschkriecher" und so zu ihm gesagt. Seine Eltern wollen es auch nicht. Sein Vater ist dagegen"(A17).

Zwischen jugendlichen Türken und Deutschen bietet das Verhältnis der Geschlechter untereinander zusätzlichen Konfliktstoff. Türkische junge Frauen kommen als potentielle Partnerinnen für junge deutsche Männer kaum in Betracht, Partnerschaften vor der Ehe mit türkischen Mädchen sind aber auch für türkische junge Männer schwer realisierbar.
Das Verhalten türkischer junger Frauen Männern gegenüber wird z. T. streng kontrolliert. Sexuelle Beziehungen vor der Ehe lassen Bestrafung erwarten. "Grüßen dürfen wir (die deutschen Jugendlichen), aber nicht mit denen reden. Da labern dann die türkischen Männer gleich rum und schämen sich vor ihren Freunden und so. Dann kriegt man keinen Mann mehr" (A8)."Die Türken werden schnell wütend und eifersüchtig, da muß man aufpassen" (A8). "Wenn meine Schwester vor der Ehe mit einem Mann schlafen würde, ich würde sie umbringen. Doch, das könnte ich. Ich habe Respekt vor meinem Vater. Ich muß die Ehre der Familie verteidigen" (A17).
Den Interviews zu Folge scheinen die türkischen jungen Frauen scheinen auch kaum Interesse an Partnerschaften mit deutschen Männern zu haben. "Obwohl, ich möchte auch gar nicht unbedingt einen türkischen Mann (schwärmt von einem amerikanischen Schauspieler:) Den find ich süß, blonde Haare und so schöne blaue Augen. Die deutschen Männer, da sehen viele häßlich aus. Schwester: Ich finde die türkischen Männer hübsch. Ich möchte auf jeden Fall einen türkischen Mann heiraten"(A8). "Aber mit Deutschen habe ich keinen Kontakt. Also, ich komme mit ihnen aus bei der Arbeit und so, aber privat bin ich lieber mit Türken zusammen. Ich mein, es gibt schon welche von den Deutschen, die gut aussehen, aber wenige"(A29).

Für die türkischen jungen Männer kommen als Ehepartnerinnen türkische Frauen in Betracht: "Ich würde nie ein deutsches Mädchen heiraten"(A17). Voreheliche Beziehungen mit türkischen Mädchen sin ihnen weitgehend verwehrt. Sie nehmen solche Beziehungen daher vorwiegend zu deutschen Mädchen auf. Dabei wird, so scheint es nach den Interviews, das kurzfristige sexuelle Abenteuer gesucht. Im Unterschied zu den türkischen erscheinen jungen türkischen Männern viele deutsche Mädchen sexuell leichter zugänglich. Die jungen Türken gehen in der Tendenz anders mit ihnen um. "Aber wenn ein deutsches Mädchen nicht so viele Freunde hatte und so, dann würde ich sie auch behandeln wie ein türkisches Mädchen"(A17).

Die deutschen Frauen empfinden sich durch das Verhalten der türkischen Männer z. T. mißverstanden und mißachtet. "Ich hab' auch mal Nette von den Türken kennengelernt. Da haben wir abends immer auf dem Schulhof gestanden und geredet. das war richtig gut, wie mit einer Freundin. Aber dann sind die mir dumm gekommen. Die denken, sie können die Mädchen behandeln, wie sie wollen"(A30). Eine andere Interviewte empfindet als Problem, "daß ein deutsches Mädchen nicht durch die Straßen gehen kann, ohne angemacht zu werden. Manchmal ist das echt unheimlich"(B1).
Manche Auseinandersetzung in Diskotheken scheint auch durch solche Verhaltensmuster mitverursacht zu sein. "Was mich aber viel mehr nervt, daß die immer alle Mädchen anmachen. Das finde ich echt bescheuert, wenn die einen gar nicht kennen, nur vom Sehen im Vorbeigehen. Das gibt auch immer ziemlich viel Zoff in der Disco "(A30). "Z. B. haben die das so drauf, die deutschen Frauen anzumachen...Sowas gibt immer ziemlich viel Stunk. Die denken aber auch, die deutschen Mädchen sind leicht rumzukriegen und verhalten sich entsprechend respektlos. Also, das nervt mich schon, wie die mit Frauen umgehen. Bei vielen ( Mädchen) stimmt das ja leider sogar. Umgekehrt geht das ja überhaupt nicht. Die Türken sind auch oberstolz", erklärt eine junge Deutsche (A28).

Unter dem Druck von Ablehnung und Auseinandersetzng, so scheint es, rücken die ausländischen Jugendlichen der Stadt zusammen und entwickeln Solidarität und Selbstbewußtsein als Ausländer. "(Die Ausländer), die halten auch zusammen. Also, ich verstehe mich gut mit den Türken und so. Ich bin auch stolz darauf, ein Jugoslawe zu sein...Wir haben auch ziemlich viele Jugoslawen an der Schule. Die halten alle zusammen, das finde ich gut..Ich komme mit jedem Ausländer zurecht. Wir sind ja so gleich Kumpel, Kollege und so. Das find ich echt gut...Und wenn irgendwo hier an der Wand steht "Türken raus", dann kann man immer davon ausgehen, daß alle gemeint sind. Die (Deutschen) machen da nicht solche Unterschiede"(A12).

Unter den Jugendlichen sind vor allem drei Gruppen äußerlich erkennbar bzw. setzen sich bewußt auch äußerlich gegenüber anderen ab: Türken, Punks und Skinheads. Das Verhältnis von Skinheads zu Türken und auch zu Punks ist gespannt bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zwischen Punks und Türken herrscht ein entspanntes Verhältnis. "Punks sind gegen Skinheads, nicht gegen Türken. Mit denen kann man besser zurechtkommen"(B2). Punks leben auch im Viertel, der Anteil an Skinheads bzw. Jugendlichen, die der Skin-Szene nahe stehen ist im Viertel verschwindend gering. Ihre Zahl wird von Insidern mit fünf angegeben. Von den meisten Interviewten Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden die Skinheads als zur gewalttätige Ausländerfeinde abgelehnt. Es wird begrüßt, daß sie im Stadtteil als Gruppe nicht auftreten. "Und die Skinheads, die sind ja auch ganz schlimm, die gibt es auch, aber die wohnen nicht hier bei uns, Gott sei Dank"(A29).
Auch eine deutsche Interviewpartnerin hat schon unangenehme Erfahrungen mit ihnen gemacht: "Eine Gruppe von Skinheads habe ich einmal am Tage mit einem türkischen Freund getroffen. Sie haben uns provoziert, doch wir haben ruhig reagiert. Weiter ist nichts passiert. Ich habe mich bedroht gefühlt"(B19).

Zu der Minderheit der türkischen Jugendlichen aber auch zu den Skins, die in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt sind, gehören auch zwei der von uns interviewten Jugendlichen. Junge Ausländer schildern die Ursachen der Gewalt und die Auseinandersetzungen aus ihrer Sicht:
"Ich meide Skinheads, wenn ich allein bin...Wenn die Skins mich alleine erwischen, dann bringen die mich um, die machen mich behindert. Aber wir Türken haben ein großes Verbundenheitsgefühl untereinander. Deshalb gehen Türken oft mit mehreren. Ich gehe mit fünf Freunden. Ich persönlich habe nichts gegen Skins, aber die gegen uns. Die verprügeln uns, auch wenn wir alleine sind. Die Bullen sind auch gegen uns. Wir fangen nicht an, müssen uns aber verteidigen"(B2). "Hier gibt es keine Skins, die sind in Gadeland, die wär'n schon alle tot"(B16). "Die Rechten, die sind ja mehr in Gadeland...Hier sind dann noch so'n paar rechte Mitläufer, aber mit denen hauen wir uns eigentlich nicht"(A12).
Tätliche Auseinandersetzungen mit tatsächlichen oder vermeintlichen Ausländerfeinden können sich schnell entwickeln. "Neulich, da waren wir spazieren, da hat ein Türke was zu einem Deutschen gesagt, glaub' ich, oder hat ihn angeguckt. Der hat gesagt, hau ab Türke. Da mußten wir uns schlagen"(A17).

Wie brisant die Situation im Viertel werden kann, wenn Skinheads tatsächlich dort wohnen, zeigt der Bericht eines Interviewten über einen solchen Fall: "(Hier wohnte mal eine) Frau von den Skinheads. Da war was los. Da haben die sich dann alle (Skins) getroffen. Es war ein Riesenradau vor dem Fenster, wenn die Türken denn da ankamen...Die Leute hier hatten alle Angst. Einmal, da habe ich gelacht. Da sind die los, die ganze Meute (Skins), mit so'm Kadett. Und als die wiederkamen, fehlten da die ganzen Scheiben. Und einmal hat einer von den Türken sie (die Frau) erwischt auf der Straße. Der hat sie da vermöbelt und ist abgehauen"(A5).

Die eigentlichen gewalttätigen Auseinandersetzungen finden außerhalb des Viertels statt. Einer der Beteiligten schildert:
"Da war letztens ja in Gadeland eine Schlägerei, da haben wir drei Skins ins Krankenhaus gebracht. Einer war mal ein Kollege von mir. Aber was soll man machen, der ist dann Skin geworden. Der war erst ganz normal, dann ist er Skin geworden. Wir haben ihn gefragt warum, da hat er gesagt, gefällt ihm, wie die leben. Einer war sehr verletzt, Schädel gebrochen oder so. Nein, tut mir nicht leid. Nur wenn es ein Türke ist oder ein normaler Deutscher, dann ja. Wir schlagen, die bringen um...Aber die kommen ja nicht mehr in die Stadt, die haben ja Angst. Die trauen sich ja nicht mal einkaufen in der Stadt"(A17). Der gleiche junge Türke sagt von sich: "Ich habe keine Angst. Wenn ich sterbe, dann weiß ich, meine Familie rächt mich. Ob ich jetzt sterbe oder später ist egal"(A17).
Haß und Gewalt, die nur bei einem kleinen Teil der Jugendlichen anzutreffen sind, haben bei den betreffenden Personen auf deutscher und türkischer Seite wohl zumeist eine längere Vorgeschichte, die zur Eskalation geführt hat. In unseren Interviews werden nur Bruchstücke dieser Spirale erkennbar. Ein junger Deutscher sagt: "Ich mag keine Ausländer. Aber das liegt auch an meiner Vergangenheit. Ich bin 'mal von Ausländern halb tot geprügelt worden.. Ja also, ne, da war schon was vorgefallen, aber das muß ich ja nicht alles erzählen, ne"(A7). Über seinen eigenen Anteil zur Entstehung der Gewalt mochte er nicht reden. Ein anderer, der zu den wenigen im Viertel gehört, die sich der Gruppe der Skins zugehörig fühlen, schildert seine Entwicklung. "Ich war ja auch nicht immer gegen Türken. Das hat so mit vierzehn angefangen. Da war ich auch immer bei McDonalds davor. Da haben die mich angelabert, die haben mich sogar angespuckt. da habe ich mich dann gewehrt und ordentlich ein's auf die Nase gekriegt. Mehrere Male. Sowas ist mir öfter passiert". Auf die Frage nach dem warum antwortete er "Weiß nicht, wegen meiner Figur, weil ich so dick bin"(A19).

Heute kann sich der zuletzt zitierte Jugendliche, wie einige seiner türkischen Kontrahenten auch, nicht mehr ohne subjektive und wohl auch objektive Gefährdung allein überall in der Stadt bewegen. "Wenn ich alleine einen Türken treffe, geht das. Aber die stehen ja immer alle auf'm Haufen. da verschwinde ich lieber...Ich gehe auch nicht mehr in die Stadt. Also, einzeln möchte ich denen nicht begegnen. Da muß ich mir schon vorher einen ansaufen"(A19).

In der Spirale der Gewalt zwischen Gruppen von Türken und Skins läßt sich kein besonderes, gravierendes Einzelereignis festmachen, daß als Auslöser angesehen werden könnte. Die angegenenen Anlässe erlauben es wohl kaum, das Ausmaß der Gewalt zu begreifen. "Wir haben ja auch nur was gegen die Türken, die Streß machen. Z. B. kommen die auf'ne Party und saufen, ohne was mitgebracht zu haben"(A19). Die Akteure haben Angst. "Ja, wenn wir wissen, daß die Türken angerückt kommen, also, da trink ich mir schon vorher einen an. Wenn ich nüchtern bin habe ich doch
Schiß" (A19) und diese Angst wird durch die Folgen der Auseinandersetzung noch verstärkt. "Jetzt liegt gerade einer von uns im Krankenhaus, Schädelbasisbruch. Dem haben die Türken eins mit der Baseball-Keule über'n Kopf gehauen"(A19). Sie selbst sind wie die Türken auch bewaffnet: "Doch, wir haben auch Baseballkeulen...Ich gehe ja auch nie unbewaffnet aus dem Haus. Nur mit Gaspistole und Schlagring und so"(A19). Die Frage nach dem Mitleid für die Opfer der Gewalt wird verneint. Schuld ist die andere Seite. Die Antwort des Skin gleicht im Prinzip der des jungen Türken (s.o.). "Mitleid? Nein. Also bei den Kumpels natürlich schon oder ganz Normalen. Aber wenn man schon so viele Freunde hat bluten sehen, dann freut man sich eher. Ich mein, das ist vielleicht ein Vorurteil, aber das stimmt auch: die Türken ziehen alle Messer...Die ziehen aber schon 'n Messer, wenn man die schief anguckt"(A19).
Bei aller Feindschaft klingt etwas Bewunderung für die "Gegner" an: "Aber von den Türken, da können wir noch was lernen mit Zusammenhalt und so. Wir singen zwar in der Gruppe auch immer unsere Lieder "Zusammenhalt ist Stärke" und so, aber (wir sind) zu feige. Die (Skins) reden erst, klar, sie sind dabei und so. Und dann hauen die alle ab"(A19).


Zusammenfassende Bewertung

Unter den vorhandenen Bedingungen der räumlich-materiellen und sozialen Umwelt wird nicht das nachbarschaftliche Zusammenleben von Ausländern und Deutschen gefördert, sondern die Abgrenzung der Gruppen untereinander bis hin zu offener oder verdeckter Feindseligkeit. Offene Feindseligkeit bzw. Gewalt zwischen Deutschen und Ausländern sind im Viertel selbst relativ selten direkt zu beobachten. Das Potential ist jedoch vorhanden. Es kann sich verstärken und bei Hinzukommen auslösender Faktoren auch entladen.

 

 

Empfehlungen für Ansatzpunkte von Interventionen im Vicelinviertel

Das "Vicelinviertel" entwickelt sich sowohl aus der Sicht von Außenstehenden als auch aus der Sicht der Bewohner selbst zu einem "Slum" bzw." Ghetto". Ohne Interventionen dürfte sich die Situation im Viertel zunehmend verschlimmern.
Die Probleme innerhalb des Stadtteils müssen sowohl in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext als auch im Kontext der gesamten Kommune gesehen werden.
Erwerbslosigkeit, Wohnungsnot, Ausländerfeindlichkeit sowie Suchtprobleme (Alkohol, Drogen) sind gesamtgesellschaftliche Probleme, deren Lösung nicht durch Interventionsmaßnahmen in einem einzelnen Stadtteil erreicht werden kann.
Die desolaten räumlich-materiellen Umweltbedingungen im Stadtteil, die Verkehrsbelastung usw. sind z. T. Ergebnis stadtplanerischer Versäumnisse in der Vergangenheit. Eine Sanierung des Stadtteils in größerem Umfang könnte durch steigende Mieten usw. zur Verdrängung der jetzt dort lebenden Bevölkerung in andere Stadtteile führen, d. h. die Probleme lediglich verlagern. Hier ist ein behutsames Vorgehen erforderlich, das zu einer möglichst schnellen Beseitigung der schlimmsten Mißstände und einer allmählichen Mischung der Wohnbevölkerung führt. Auf jeden Fall sollte eine weitere Belastung des Viertels, z. B. durch zusätzliche Verkehre, vermieden werden.
In bezug auf die Freizeitmöglichkeiten für ältere Kinder und Jugendliche aus dem Viertel ergibt sich eher ein Handlungsbedarf für das nähere Stadtgebiet als vordringlich und unmittelbar für das Viertel.

Im Viertel selbst sollten Maßnahmen, die die Situation der Eltern und jüngeren (inklusive Grundschul-) Kinder erleichtern, erste Priorität haben. Wir haben die zahlreichen Probleme dieser Gruppen aufgezeigt. Maßnahmen mit diesem Ansatz kommt u. E. eine hohe "strategische" Bedeutung in Bezug auf die Prävention von Sucht, Kriminalität, Ausländerfeindlichkeit etc. zu. Ein entsprechender Handlungsbedarf wird auch in den Interviews immer wieder unterstrichen. Die Interviewbemerkungen lassen erwarten, daß gezielte Maßnahmen mit der Zielrichtung "Kinderfreundlichkeit" eine große Akzeptanz im Stadtteil finden könnten und eine Chance böten, Bewohnerinitiative und Engagement für den Stadtteil zu erhöhen. Um diese Argumentation zu untermauern, soll hier noch einmal auf Äußerungen in den Interviews rückgegriffen werden.

Auf die Frage, was denn am meisten in der Erziehung dieser Kinder fehle, sagte einer der Interviewten: "Ich würde mal so sagen, Liebe, auch wenn sich das vielleicht 'n bißchen blöd anhört". Der Interviewte ist neunzehn Jahre alt und betrachtet sich selbst als den Skins zugehörig. Eine andere Interviewte bedauert "...daß alles so lieblos aussieht und völlig gestörte Kinder durch die Gegend laufen" (A22). "Die Kinder müssen von der Straße geholt werden, ein Ziel bekommen"(A18) heißt es in einem anderen Interview. "Ich möchte eigentlich keine Kinder unter solchen Umständen groß ziehen" (B3). Weitere Kommentare: "Ist insgesamt keine gute Wohngegend, vor allem wenn man Kinder hat. Nichts für Kinder" (B5). Insgesamt ist die Einschätzung der Veränderungsmöglichkeiten allerdings eher resignativ: "Auf jeden Fall (müßte) was für die Kinder (gemacht werden). Aber da passiert ja doch nichts. Für mich ist das irgendwie schon abgeschlossen, ich will ja hier nur noch weg. Aber die Kinder, die wachsen hier ja schon rein in das unterste Milieu" (A5).

Von denen, die noch nicht resigniert haben, wird Veränderung u.a. von der Stadt erwartet, aber in einer Weise, die Raum für die Initiative der Bürger und Bürgerinnen im Viertel schafft: "Das müßte eben so Hand in Hand gehen. Die Stadt muß aber den Bewohnern auch die Möglichkeit geben, sich selbst einzusetzen" (A22). Wo die Hilfe der Stadt u. a. ansetzen könnte, wird in durch die folgende kritische Bemerkung verdeutlicht: "Anstatt, daß von vornherein mehr qualifizierte Leute abgestellt werden auf den Ämtern aber eben auch in weniger verbindlichen Einrichtungen wie Frauenhaus und Vereine, dann bezahlen die lieber später die teuren Heimplätze, so ein Blödsinn. Traurig ist das eigentlich" (A27).

Veränderungen im Viertel unter Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner und möglichst von diesen ausgehend sollte die Leitlinie für Interventionen sein. Die Basis für solche Veränderungen ist die Kenntnis der Besonderheiten des Viertels, die Kenntnis der spezifischen Sichtweisen, Erfahrungen und Probleme der dort lebenden Menschen. Die hier vorgelegte Studie versucht, einen systematischen Überblick darüber zu vermitteln, wie die Bewohner selbst die räumlich-materielle und soziale Umwelt, d. h. ihre Alltagswelt erleben. Das Bild ist subjektiv, es weist teilweise auch Verzerrungen auf, aber jede Intervention muß an das Erleben, die Bedürfnisse und wahrgenommenen Probleme der Bürgerinnen und Bürger anknüpfen, wenn sie deren Akzeptanz finden soll.

Außer aus dem Viertel heraus zu entwickelnder Bürgeraktivität ist auch professionelle Hilfe erforderlich, die nicht von den Bewohnern selbst geleistet werden kann. Dies betrifft außer stadtplanerischer Aktivität auch z. B. die soziale Beratung, Familien- und Individualtherapie. Ein entsprechendes Angebot muß u. E. für die Bewohner verstärkt, sichtbarer und leichter zugänglich gemacht werden. Die leichtere Zugänglichkeit erfordert die Berücksichtigung der vorhandenen Schwellenängste sowie des verbreiteten Mißtrauens gegenüber behördlichen Einrichtungen. Die enge Zusammenarbeit und Vernetzung mit entsprechenden, im Viertel bereits vorhandenen Institutionen und Initiativen ist eine wichtige Bedingung für eine erfolgreiche Arbeit. Die personelle, finanzielle und räumliche Absicherung bzw. Stärkung dieser Institutionen und Initiativen scheint dringend erforderlich. Die Förderung und Umsetzung des Konzeptes "Interkulturelle Stadtteilschule" dürfte ein wichtiger strategischer Ansatzpunkt für eine mittelfristige Verbesserung der Lebensbedingungen besonders für die Eltern und Kinder des Viertels sein. Dies wird auch dadurch wahrscheinlich, daß das Konzept Elemente enthält, die die Schule zu einer Art Kommunikations- und Freizeitzentrum für das Viertel werden lassen (zu den Einzelheiten s. die Schrift "Konzept für einen Schulversuch an der Vicelinschule in Neumünster").

Vernetzung und Kooperation ist auch unter den Institutionen und Initiativen, die bereits im Viertel bestehen bzw. sich entwickeln, selbst auszubauen. Der Verein "Vicelin-Viertel" scheint geeignet, dies konstruktiv voranzubringen, sofern er nicht nur auf die Vicelinschule bezogen ist, sondern ein Dach bildet für eine Reihe von Akteuren wie z. B. das Frauenhaus, die Spieliothek und den Türkischen Arbeiterverein. Der Verein könnte nicht nur in den Stadtteil hinein positiv wirken, sondern unter der oben skizzierten Voraussetzung auch eine wichtige "Lobby" für die Vertretung der Bewohnerinteressen gegenüber kommunalpolitischen Gremien, Verwaltung usw. sein. Erfolge dieser "Lobby" sind geeignet, das Selbstbewußtsein der Bewohnerinnen und Bewohner, ihr Engagement für sowie ihre Identifikation mit dem Stadtteil zu fördern. Es liegt im Interesse der Bewohner, aber auch der gesamten Stadt, wenn dem Verein geholfen würde, sehr schnell und sichtbar erste Erfolge hinsichtlich der Verbesserung der Lebenssituation im Viertel zu erzielen.

Um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, als würden hier von außen "fertige" Lösungen angeboten, beschränken wir uns auf diese grundsätzlichen Empfehlungen. Der beigefügte Anhang enthält zahlreiche Kritikpunkte und konkrete Verbesserungsvorschläge, die in den Interviews von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst vorgebracht wurden. Wir empfehlen, diese Punkte und Vorschläge, z. B. über den Verein "Vicelinviertel", der Öffentlichkeit im Viertel zugänglich zu machen. Der Verein könnte ein Gespräch interessierter Bürgerinnen und Bürger über diese und weitere Vorschläge herbeiführen mit dem Ziel, die Machbarkeit zu prüfen, Prioritäten und eine Reihe von Umsetzungsschritten zu beraten.
Der "Rat für Kriminalitätsverhütung" könnte diesen Prozeß unterstützend begleiten und insbesondere konkrete Hilfe bei der Schaffung von Umsetzungsmöglichkeiten leisten (Finanzierung usw.). Da die Situation im sogenannten "Vicelinviertel" auch symptomatisch für Viertel in anderen Städten des Landes und im gesamten Bundesgebiet zu sein scheint, empfehlen wir einen vom Land Schleswig-Holstein geförderten Modellversuch "Stadtteilorientierte Prävention von Sucht, Kriminalität und Ausländerfeindlichkeit". Die Schwerpunkte dieses Versuchs könnten sein:

  • die Verbesserung der Lebenssituation von sozial benachteiligten Familien (wichtig: Alleinerziehende)
  • Fördermaßnahmen insbesondere für Kinder im Vor- und Grundschulalter;
  • Verbesserung der Wohnsituation und des Wohnumfeldes;
  • systematische Förderung von Bürgeraktivitäten und deren Vernetzung, die aus dem Stadtteil heraus entstehen bzw. der im Stadtteil bereits vorhandenen Einrichtungen und Initiativen.
  • Auf- und Ausbau von Sozialberatung und therapeutischer Hilfe im Stadtteil.

Um die (Zwischen-) Ergebnisse eines solchen, über mehrere Jahre anzulegenden Modellversuchs übertragbar zu machen, sollte eine wissenschaftliche Begleitung und Unterstützung erfolgen und eine Evaluation sowohl des fortlaufenden Veränderungsprozesses als auch des Gesamtergebnisses vorgenommen werden.

 

 

Anhang

 

aus: Prose, Friedemann & Thürer, Claudia (1992): Das Vicelinviertel. Ein Stadtteil in Neumünster. Eine Milieustudie für den Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein, Kiel.

Inhalt

Anhang A: Sammlung von Kritik- und Verbesserungsvorschlägen I
Anhang B: Interviewerleitfaden IX

 

 

Anhang A:

Sammlung von Kritik- und Verbesserungsvorschlägen


1. Spielplätze

  • "Bauen von Spielplätzen für Kinder wäre wichtig. Das bedeutet Entlastung der Eltern" (B2T).
  • "Die Stadt sagt ja, die Kinder sollen zum Haus der Jugend gehen. Das ist aber für die Kleinen doch viel zu weit. Und ohne Auto schaffe ich das nicht, den einen zur Therapie zu fahre, den anderen da hin, einzukaufen usw."(A22).
  • "Da, wo dieser freie Platz ist da bei SK, da wollte einer ein offenes Jugendhaus aufbauen, aber das ist leider gescheitert"(A29).
  • "Für Kinder muß dringend was her. Für die Kleinen gibt es ja zumindest noch Angebote von der Kirche, obwohl das natürlich nicht jedermanns Sache ist. Aber da gibt es z. B. eine Krabbelgruppe und sowas, alles nur für Kleinere. Ich kann aber nicht ein Kind irgendwo abgeben, die anderen zuhause oder sonstwo lassen. Meine Kinder sind nun mal verschieden alt. Für 0-12 Jährige gibt es gar nichts" (A22).
  • "Und für die Kinder müßte unbedingt was gemacht werden, die haben hier überhaupt keinen Platz. Es gibt hier viel zu wenig für Kinder" (A19).
  • "Ja, für die Kinder müßten dringend Spielplätze gebaut werden. Es gibt wohl ein paar kleine, z. B. den bei der Kirche, aber da ist viel zu wenig drauf. Und die andere sind viel zu weit von den Häusern weg, viel zu weit außerhalb. Ich seh das auch bei meiner Schwägerin und meiner Nichte, die drei Jahre alt ist und weiß auch nicht, wo sie spielen soll"(A19).
  • "Die Spielplätze sollten sauberer gehalten werden, es ist immer schmutzig"(B14)
  • "Spielplätze sollten von Hundebesitzern nicht als Hundeklo benutzt werden - es müssen Spielmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden - auf jeden Fall müssen Spielplätze geschaffen werden - mehr gesicherter Spielraum für Kinder -"Spielplätze für Kinder schaffen" (B1)
  • "Spielplätze" (B2T).
  • "Spielstraßen fehlen"(B11).
  • "Hier fehlt aber noch eine richtige Spielstraße für Kinder, ohne Verkehr, wo die Mütter sich auch mal dazusetzen können, nicht nur auf so'ne dreckige Bank"(A14).
  • "Man müßte hier Spielstraßen einrichten und Bäume pflanzen"(A21).
  • "Mehr Spielplätze und Angebote auf den Spielplätzen für kleinere Kinder" (B11).
  • Höfe: "Toll wäre dort: Rasen, Sandkasten und Schaukel" (B8).
  • "Man müßte einen kleinen Platz schaffen für Mädchen, z. B. kleiner Parkplatz Juliusstr./Ecke Vicelinstr.
  • Für die Kinder fehlen Plätze, wo sie sich richtig austoben können, Abenteuerspielplätze, wo nicht alle darauf gucken, ob die etwas kaputt machen oder so" (A15).


2. Bewegung, Sport

  • Bolzplätze, damit Kinder Agressionen aus den Familienstreitigkeiten loswerden können -> z. B. Klosterstrasse beim Sumpfgebiet wäre Platz
  • Schwimmhalle, Schwimmbad
  • Sportangebote (mitmachen, zugucken) (wo man nicht erst Mitglied in einem Verein werden muß)
  • "Ein Fußballplatz fehlt" (B14)
  • "Ein richtiger Fußballplatz zum Austoben, wo sie jederzeit hingehen können und sich abreagieren"(A4)
  • "Deshalb ist geplant, die Schule nachmittags außerhalb des regulären Schulsports für Freizeitbeschäftigungen zugänglich zu machen" (A10)


3. Aktivitätsfördernde Angebote

  • "Was anbieten, was auch ohne Geldausgeben möglich ist (Drucken, mit Holz arbeiten). Wo man Eigeninitiative zeigen kann" (B5)
  • "Angebote, um hier zu kochen" (B7,15J.,w),
  • "Etwas anbieten, was Selbstvertrauen schafft und damit auch Aggressionen abbaut. Etwas Produktives machen, etwas, womit man auch Erfolgserlebnisse haben kann" (A1).
  • "Oder eben auch mehr von diesen Feriendörfern. Die Kinder müssen doch auch mal von der Straße und von diesem harten Milieu hier weg"(A25).


4. Spieliothek

  • "Wir wollten mal eine mobile Spieliothek aufbauen. Aber da sind uns ziemlich viel Steine in den Weg gelegt worden. Z. B. von der...in der Stadtbücherei, der die Idee von der fahrenden Spieliothk nicht paßte. Daran ist das ganze letztlich auch gescheitert...Die Leute, die zu uns kommen, würden sowieso nie einen Fuß in die Bücherei setzen."(A27).
  • "Aber wir könnten schon noch Fachkräfte gebrauchen, Erzieher gibt es doch viele. warum kann man bei uns denn nicht mal eine ABM-Stelle einrichten, das ist doch eine wichtige Aufgabe, die wir hier für die Kinder übernehmen. Unser Etat für neue Spiele ist auch viel zu gering, als daß wir uns ein rein pädagogisches Vorgehen leisten könnten"(A27).


5. Angebote für Erwachsene/Mütter

  • "Müttertreff: Wir hatten auch schon angefangen, da wurde dann auch über Erziehungsfragen gesprochen. Aber leider ist das wieder zusammengefallen. Die Kinder dieser Gruppe sind dann zur Schule gekommen und dann hat sich das verlaufen. Aber das werde ich vielleicht noch einmal aufziehen, das stelle ich mir nicht unwichtig vor, so eine Treffmöglichkeit. Vielleicht kann man schon mal so einen nachmittag einbauen, den die Mütter dann in eigener Regie gestalten können."(A27).
  • "Früher gab es in der Spieliothek auch was für Mütter mit Babies, das hat immer Spaß gemacht"(A28).
  • "Was ich auch doof finde, daß die Cafes alle an der Straße sind. Warum denn nicht mal hier irgendwo so mittendrin, wo nicht so viel Verkehr ist. Da würde ich hingehen, wenn die Kinder draußen spielen, daß ich auch mal schnell zwischendurch irgendwo hingehen und klönen kann und Kaffee trinken. Für Mütter wie mich gibt es in der Nachbarschaft auch keinen Kontaktpunkt. Was zum Klönschnack, das fehlt. Die meisten arbeiten tagsüber sowieso"(A25).
  • Café wo man tagsüber sitzen und klönen kann und man auch seine Kinder mitnehmen kann
  • Straßencafe:" Sowas hier wäre auch mal ganz nett"(A28).
  • Irgendwas, wo sich auch Frauen treffen, die auch in meiner Situation sind (Alleinerziehend), wo man sich nicht dafür schämen muß, wäre auch nett. Ein schönes Cafe, sowas gibt es hier auch nicht (A15).
  • ein nettes Straßencafé, ein kleiner Flecken mit ein paar Stühlen, wo's eben gerade mal Kaffee und Saft
    gibt
  • hier ist eine Einrichtung dringend nötig, wo man sich ausquatschen kann
  • Ein nettes Eiscafe, Musikcafe, wie das Flip in Kiel. Sowas fehlt hier echt."(B8).
  • Freizeitmöglichkeiten für junge Erwachsene: Diskotheken und Klönkneipen" (B1 , 19J.,ledige Mutter)
  • "Was ich mir wünschen würde, wäre ein nettes Cafe, wo nicht alle nur alleine an einem Tisch sitzen. Wo es normal ist, daß man jemanden anspricht, wenn man Lust hat, sich zu unterhalten. Hier irgendwo mittendrin so'ne Anlaufstelle, wo man tagsüber einfach mal Station machen kann, vielleicht auch mit den Kindern, ein paar Eltern trifft, schnackt, sich wiedererkennt anstatt das zu verleugnen. Nicht so'n Problem-Cafe, aber eins, wo Frauen, Mütter sich treffen und auch über Probleme und Erziehung und sowas sprechen können. In der Innenstadt die Cafes, das ist schon wieder was anderes, auch von der Atmosphäre und vom Publikum"(A22).
  • "Bei uns wäre so ein schmuckes Cafe, wo man nett draußen sitzen kann, auch gar nicht so
    schlecht"(A26).
  • In Kiel...war mal vor kurzem eine Veranstaltung von einem Verein für "Männer gegen Männergewalt", das finde ich echt toll. Die haben das zugegeben, daß sie ihre Frauen geschlagen haben. Aber die unternehmen jetzt wenigstens etwas gegen ihre Hilflosigkeit. Sowas müßte es hier auch geben"(A14).
  • Teestube für Deutsche und Ausländer
  • Mutter-Kind-Turnen
  • Flohmarkt in der Schule
  • Straßenfeste ohne Autos, wo sich auch die Nachbarn ein bißchen besser kennenlernen und sich näher kommen können (A15).
  • gemeinsames Feiern christlicher und islamischer Feste
  • Ausflüge für Mütter und Kinder
  • Feriendorf, da könnten ja auch ruhig ein paar Mütter mitmachen
  • Tiere sind gefühlsmäßig wichtig für Kind nach Scheidung (hat auch gefühlsmäßig einiges durchstehen
    müssen)
  • Früher haben wir an Sommerabenden auf dem Hof gesessen und geschnackt. Daß fehlt mir schon, daß gesungen und Mundharmonika gespielt wird. Die Höfe müßte man wieder zu Treffpunkten machen
    (A18).
  • "Wenn draußen mehr so Sommertreffs wären, wo man grillt und so, das wäre toll. Dafür würde ich meinetwegen auch was bezahlen"(A25).


6. Hilfe (auch finanziell) für Frauenprojekte

  • "Dabei muß denen doch klar sein, wie wichtig das ist auch im übergreifenden Sinne. Das wirkt sich ja auf die ganze Gegend hier aus, wenn die Kinder nicht mehr so aggressiv sind, die Mütter sich mit ihnen beschäftigen können und Möglichkeiten finden, mit ihrem Frust umzugehen usw."(A23).
  • Kinderkrippe
  • Frauentreff, wo man einfach hingehen kann, Kaffee trinken, schnacken und wieder gehen. Eben ein Treff, das man nicht nur aufsuchen darf, wenn man von vornherein das Ziel hat, über seine Probleme zu sprechen. Vielleicht würde das einiges entkrampfen und Kontakte unter den Müttern leichter
    fördern"(A23).
  • So reine Fraueneinrichtungen werden schlecht angenommen, da kommen viele nur einmal. Aber auch, weil ihnen der nächste Schritt in die Selbständigkeit zu groß ist, weil der mit Arbeit an der eigenen Person verbunden ist. Wenn die Frauen nicht schnell beginnen können, weil alles besetzt ist, dann geben sie wieder auf"(A23).


7. Sanierung/Abbruch/Mehr Grün

  • "Die ganze Gegend müßte aber grüner werden"(A21)
  • "Vielleicht mehr Blumen in den Straßen, daß das ein bißchen hübsch aussieht und nicht nur alles voller Autos steht" (A25)
  • "Auf jeden Fall Begrünung. Wir haben mal 1985 so eine Aktion gemacht von der Schule aus und sind damit an die Leute von der Stadt herangetreten. Foto: Aus der Luft sieht man es besonders gut. Überall Bäume und Rasen, nur bei uns kein grüner Tupfer. Dabei ist jeder Baum hier wichtiger als zehn im Stadtpark" (A20).
  • Die Häuser stehen hier oft sehr eng aneinander, dazwischen fehlen Freiflächen und Plätze für Kinder
    (A20).
  • Also, wo es sich lohnt, bin ich auf jeden Fall für Sanierung, aber bei den Häusern in diesem Gebiet gibt es schon viele, bei denen das viel zu spät ist (A20).
  • "Dafür sollte man ruhig einige Häuser auch abreißen. Die Neubauten sind heute ja auch schon wieder besser, nicht mehr so klotzig und steril. Aber leider auch nur schwer zu finanzieren"(A26).
  • "Die Wohnungen müßten teils sicherlich renoviert werden, das ist ja alles noch Altbausubstanz. Vielleicht haben die Kinder mehr Chancen, wenn die Atmosphäre schöner ist"(A30).
  • "Das ist ja gerade das Problem hier, daß Leute, die ein einigermaßen Einkommen haben, nicht hier herziehen oder planen, wegzuziehen. Eigentlich müßte man das alles mehr mischen, um diese Ghettobildung zu verhindern"(A26).
  • "Mit den Fassaden muß unbedingt was passieren. So der erste Eindruck kann einen doch ganz schön beeinflussen. Was natürlich ungünstig ist, daß hier so viele Privatvermieter sind...Die machen ja nichts, die müßte man wirklich mal mehr zur Verantwortung ziehen. Die müssen ja nicht hier in dem Dreck und Grau leben, in dieser Einöde"(A26).
  • "Und die meisten Häuser sehen schon von außen ziemlich häßlich aus. Das müßte man auch mal alles machen. Und natürlich die Häuser renovieren, das ist ja teilweise kein Zustand mehr"(A25)
  • Es müssen hier hauptsächlich Anreize geschaffen werden dafür, daß sozial höherstehende hierher ziehen in gut ausgestattete, teurere Stadtwohnungen. Die könnten dann ja auch eine Vorbildfunktion einnehmen"
    (A20)
  • Bewohner: Das müßte man mehr mischen. Die Kinder müssen ja auch was anderes kennenlernen (A21).
  • "Ob andere, wenn man so sagen darf Wohlhabendere, in die Straßen ziehen würden, sei mal dahingestellt. Andererseits wäre es sicher ganz gut, wenn dort eine stärkere Verteilung stattfinden
    würde"(A24).
  • Höfe:"Da könnte man doch wirklich eine Begrünung vornehmen, so eine richtige Öko-Nische"(A26).
  • "Was auch noch wichtig wäre sind Grünanlagen...irgendwo mittendrin ein kleiner Springbrunnen, Wasserspiele und solche Dinge. Das würde sicherlich schon viel ausmachen für die Stimmung und Atmosphäre hier. Außerdem sind Springbrunnen ja auch relativ belastbar und gegen Vandalismus relativ immun. Die Kinder würden sicherlich ein bißchen darin planschen, aber das würde mich nicht stören. Im Gegenteil, das fände ich sogar ganz nett"(A26).
  • Und die Verbindung zum Westen und Nordwesten müßte erleichtert werden (Parkhaus mit einer Brücke über die Bahn."(A20)
  • Auflage für Begrünung (A20)
  • Innenhofgestaltung, -zusammenlegung (A20)
  • "Aus dem Platz (Anscharstraße) könnte man echt was machen. Eine schöne große Sandkiste für die Kinder, ein bißchen Grün, eine Schaukel...Das wäre doch der ideale Platz dort, zentral gelegen. Da könnten sich alle treffen und kennenlernen"(A21)
  • Grünflächen (B1)
  • Parks(B1)
  • Parks, Grünanlagen (B2T)
  • Bänke (B3T)
  • Begrünung (B5)
  • "Ich würde einen tollen Park gut finden, der schön angelegt ist "(B8).
  • "Es muß eine Strukturierung von Wohn- und Freiflächen vorgenommen werden" (A10)
  • "Dann auch unbedingt Sanierungsarbeiten" (A10).


8. Verkehr

  • durchrasen unterbinden
  • in der Christianstr. müßte unbedingt noch eine Ampel aufgestellt werden
  • Christianstraße: "Es wäre schön, wenn dadurch weniger Autoabgase da wären und mehr Ruhe herrschen würde und nicht alle 5 Sekunden ein Auto längsfährt. Auch Kinder hätten dadurch Vorteile, daß es so weniger gefährlich wäre und weniger Unfälle passieren würden" (B8,15J.,w).
  • Verkehrsbruhigung (B11)
  • "Radwege auf jeden Fall"
  • Die Verkehrsbelästigung und die chaotische Verkehrsführung muß aufgehoben werden"(A10).
  • Tempo 30 (A11)
  • So wie in der Anscharstraße die Bäume, damit die Bekloppten hier nicht immer mit 60 durchrasen...Das reicht doch, wenn man da eine Spur für die Autos läßt. Die meisten fahren da sowieso nur hin, um zu parken, die Anwohner...So wie in der Juliusstraße, die ist doch ganz nett gemacht (A21).


9. Soziale Hilfe

  • es fehlt eine Sozialberatung
  • Statt des Frauenhauses, wo ständig Unruhe herrscht, müßten Familienhäuser eingerichtet werden. Da kann eine ganze Familie hinkommen und ihre Freizeit mit professioneller Anregung verbringen aber auch gezielt an familiären Problemen arbeiten"(A3).
  • "Frauenhaus: davon könnte man hier bestimmt mehr gebrauchen"(A5).
  • es müssen soziale Anlaufstellen eingerichtet werden
  • "Das Jugendamt und das Frauenhaus in der Christianstraße müßten personell besser ausgestattet werden. Das Frauenhaus ist als einzige Aufnahmestelle für Mütter mit Kindern zu eng. Teilweise 20 Kinder in einem Haus, vor dem die Väter stehen und schimpfen. Es gibt dort keine Rückzugsmöglichkeit.
  • In Kiel...war mal vor kurzem eine Veranstaltung von einem Verein für "Männer gegen Männergewalt", das finde ich echt toll. Die haben das zugegeben, daß sie ihre Frauen geschlagen haben. Aber die unternehmen jetzt wenigstens etwas gegen ihre Hilflosigkeit. Sowas müßte es hier auch geben"(A14).
  • Mehr Kindergärten müßte es geben. Es ist schwer, einen Platz zu bekommen (A15).


10. Kooperation

  • Schule und Kindergarten müßten enger zusammenarbeiten
  • Politiker und Eltern müssen stärker mit einbezogen werden,


11. Elternarbeit

  • die türkischen Eltern müßten besser deutsch lernen
  • Erziehungshinweise und Anregungen für gezielte Beschäftigung mit ihren Kindern
  • evtl. Elternförderverein
  • insgesamt muß mehr Elternarbeit stattfinden


12. Unterricht

  • musische Seite müßte mehr gefördert werden
  • "In der Schule sollten die türkischen Kinder mit den deutschen zusammengebracht werden. Zum Beispiel in einem Jugendzentrum auch" (B13).
  • Türkische Schüler werden in ihrer Sprache angelernt im Alphabet, beim Schreibenlernen (A10).


13. Verein Vicelin-Viertel

  • "Es fehlen gezielte Kontakte der Bevölkerungsgruppen untereinander; ausländische Eltern sind öffentlich kaum aktiv aufgrund von Sprachproblemen und weil sie politisch nicht aktiv sein "dürfen" (A10).
  • Verein "VV" bietet Artikulationsmöglichkeit auf neutralem, unpolitischem Boden (A10).
  • Der Verein arbeitet eng mit dem Türkischen Arbeiterverein zusammen. Da sind ganz normale Bürger drin (A10).
  • Hier werden die gemeinsamen Interessen von Bewohnern/Eltern hervorgehoben, so daß politische und kulturelle Unterschiede in den Hintergrund treten (A10)
  • "Für die Kinder will ja dieser Verein für das Vicelin-Viertel jetzt was machen. Ich habe das in der Zeitung gelesen. Das finde ich ganz gut. Leider hatte ich keine Zeit, da hinzugehen" (A6).


14. Freizeitzentrum

  • "Jugendzentrum, damit die Kinder von der Straße wegkommen. Ein anderes Jugendzentrum ist für die jüngeren Kinder zu weit weg" (B13).
  • "Irgendwas für Jugendliche. Ein Treffpunkt für Kinder" (B17).
  • "In unserem Stadtteil gibt es ja auch kein Kulturzentrum. Die anderen haben ja alle ihr Jugendfreizeitheim, nur dieser nicht" (A6). Obwohl ich das gerade hier wichtig finde. Hier sammeln sich Kinder aus Problemfamilien in Massen. Das kann man ja auch an der Schule ganz gut beobachten. Für die müßte unbedingt was getan werden. Das Haus der Jugend ist so weit weg, daß es wieder nur für die Großen nutzbar ist"(A6).
  • "In den anderen Stadtteilen existieren auch Jugendfreizeitheime" (A24).

Anhang B

Interviewleitfaden


1. Persönliche Daten:

  • Geschlecht
  • Alter
  • Schul-, Berufsausbildung
  • Familienstand
  • Kinder: Anzahl, Alter, Beschulung
  • Geburtsort
  • Wohnadresse (seit wann)
  • Wie umschreiben oder benennen Sie die Gegend, in der Sie wohnen gegenüber einem Fremden?


 

2. Wohnsituation bzw. -qualität:

Fotoreihe I: Häuser

A: Über welche Hausbewohner würden sie gerne mehr wissen?
B: Was glauben Sie, wie fühlt sich jemand, der hier wohnt?

 

 viceia.jpg                                                                                                                           viceib.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                                                 viceid.jpg

viceic.jpg      

 

 

 

 

 

 

 

  • Größe, Miete, Bewohneranzahl des Hauses, Zustand, Lärmbelästigung, Weg der Anmietung
  • Gründe für den Zuzug
  • Würden Sie gerne in einem anderen Stadtteil bzw. einer anderen Stadt wohnen? - Warum?
  • Was hindert Sie daran, den Wohnort zu wechseln? (finanzielle Situation?)
  • Was bedeutet Wohnen für Sie? (Funktionen?)
    (Rückzugs- und Entspannungsmöglichkeit, Schutz, Identität
  • Können Sie in Ihrer Wohnung diese Bedürfnisse abdecken?
  • Fühlen Sie sich hier "zuhause"? (Vertrautheit, Identifikation?)
  • Was bietet Ihnen diese Gegend?
  • Was fehlt Ihnen hier?

 

 

 

 

 

Wie bewerten Sie die Wohnqualität in dieser Straßengegend insgesamt

  • Inwieweit trifft dies auf Sie persönlich zu?
  • Glauben Sie, daß andere die Vor- und Nachteile ebenso einschätzen?
  • Wodurch könnte Ihrer Meinung nach die Lebensqualität in diesem Wohngebiet gesteigert werden?
  • Warum ist dies bisher nicht unternommen worden?
  • Welche Konsequenzen hätte die Verwirklichung dieser Vorschläge für Sie/für andere? (Kinder...)


 

3. Arbeitssituation:

Haben Sie einen festen Arbeitsplatz?

  • Ausübung der Tätigkeit in diesem Viertel?/ausschließlich?
    (Einkommen?)
  • Welche Bedeutung hat es für die Ausübung Ihrer beruflichen Tätigkeit, daß Sie in diesem Wohngebiet
    liegt?
  • Halten Sie sich auch außerhalb Ihrer Arbeitszeiten in diesem Gebiet auf?/Aus welchem Anlaß?/Warum
    nicht?


 

4. Merkmale des "Vicelin-Viertels":

Fotoreihe II: Höfe

Welches dieser Bilder zeigt etwas Typisches aus dieser Straßengegend? (Gegend um die Vicelinstraße?

                                                                                                                  viceiib.jpgviceiia.jpg     

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                  viceiid.jpg

viceiic.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Was würde einem Spaziergänger aus einer anderen Stadt zuerst auffallen?
  • Weitere Merkmale/Bewertung
  • Wie wirken sie sich auf Ihr Wohngefühl bzw. Ihre Arbeit aus?
  • Wodurch hebt sich diese Straßengegend von den anderen ab?

 

 

 

5. Im "Vicelin-Viertel" wohnende bzw. arbeitende Bevölkerungsgruppen und deren Umgang:

Fotoreihe III: Bänke/Parkhaus

 

 Wo würden Sie warten, wenn Sie mit jemandem tagsüber/abends verabredet sind ?

 

 viceiiia.jpg                                                                                                               viceiiib.jpg

 

 

 

 

 

 

viceiiic.jpg

        viceiiid.jpg 

 

 

 

 

 

 

 

  • Gründe/Meiden bestimmter Gruppen?
  • Welche Gruppen von Menschen sind in diesem Viertel vertreten? (Alte Menschen, Kinder, Ausländer, Skinheads, Arbeitslose...?)
  • Was unterscheidet die Menschen, die "hier" leben?
  • Welche Gruppe ist am stärksten vertreten?/Mögliche Gründe?
  • Fühlen sie sich einem dieser Kreise besonders zugehörig?
  • Welche zusätzlichen Freizeitangebote wünschen Sie sich persönlich? - Für Ihre Kinder?
  • Gibt es Angebote, die sie nicht nutzen, obwohl Sie Lust dazu hätten? - Was hält Sie davon ab?

 

 


 

6. Wahrnehmen von Problemen im "Vicelin-Viertel"

Fotoreihe VI: Läden

Welcher Ladenbesitzer kommt wohl am besten zurecht?/Gründe?

 

 vicevia.jpg                                                                                                             vicevib.jpg

 

 

 

 

 

 

 vicevic.jpg                                                                                                         vicevid.jpg

 

 

 

 

 

 

  • Welches sind die stärksten bzw. häufigsten Probleme in dieser Gegend?
  • Worin sehen Sie mögliche Ursachen hierfür?
  • Von welchen Problemen fühlen Sie sich persönlich (bzw. Ihre Kinder) am stärksten betroffen?
  • Bitte versuchen Sie, diese Problembereiche ihrer Wichtigkeit nach in eine Rangfolge zu bringen (allgemein und persönlich)
  • Lassen sich diese Zustände Ihrer Meinung nach verändern? Durch wen?
  • Welche Rolle spielt dabei die Polizei?
  • Welches, glauben Sie, sind die häufigsten Gründe für Polizeieinsätze in dieser Gegend?
  • Was wird zur Zeit getan, um Auseinandersetzungen zu vermeiden?
  • Halten dies für effektiv?/Gründe?
  • Welche zusätzlichen Maßnahmen zur Veränderung würden Sie sich wünschen?
  • Wie versuchen Sie persönlich in Ihrem Alltag mit diesen Problemen zurechtzukommen?
  • Welche Hindernisse stehen Ihnen dabei im Wege?
  • Welche öffentlichen Angebote zur Unterstützung bei der Alltagsbewältigung werden der Bevölkerung hier angeboten?
  • Inwieweit werden diese Ihrer Meinung nach genutzt? - Gründe?
  • Von wem werden sie bevorzugt genutzt?
  • Welche angebote haben Sie selbst schon einmal in Anspruch genommen?

 

Fotoreihe IV: Spuren

Was sind das für Menschen, die hier ihre Spuren hinterlassen haben?

 viceiva.jpg                                                                                                           viceivb.jpg

 

 

 

 

 

 

 

viceivc.jpg 

 

 

 

 

 

  • Welche Gründe könnte das haben?
  • Können Sie sich Umstände vorstellen, unter denen Sie oder Ihre Kinder sich ähnlich verhalten
    würden?/Welche?
  • Welchen Gruppen begegnen Sie am häufigsten?/freiwillig?
  • Aus welchem Anlaß?
  • Wie bewerten Sie den Umgang der verschiedenen Gruppen untereinander?
  • Gibt es Gruppen, deren Kontakt Sie bewußt meiden?
  • Gibt es Gruppen, zu denen Sie gerne intensiveren Kontakt hätten? - Was steht dem im Wege?


 

7. Freizeitbereich

Fotoreihe V: Freizeitangebote

A: Welches dieser Häuser würden Sie aufsuchen, wenn Sie Lust haben, nicht allein zu sein?
B: Wo würden Sie hingehen, wenn Sie von Ihrem Alltag abschalten wollen? - Wohin nicht?/Gründe?Wohnen oder arbeiten Ihre Freunde und Bekannten in diesem Viertel? (bzw. die Ihrer Kinder?)

 viceva.jpg                                                                                                          vicevb.jpg

 

 

 

 

 

 

                                                                                                             

vicevc.jpg  vicevd.jpg

 

 

 

 

 

 

 

vicevd1.jpg 

 

 

 

 

 

 

  • Wenn JA: Haben Sie diese hier kennengelernt? Wodurch? (Kollegen, Nachbarn..?)
  • Haben Sie/Ihre Kinder auch private Kontakte zu außerhalb des Viertels Wohnenden?
  • Welche Freizeitangebote gibt es in dieser Gegend für Erwachsene und Kinder? (Spielplätze,
    Sportanlagen..?)
  • Können diese von jedem genutzt werden? - Wenn NEIN: Von wem nicht? Warum nicht?
  • Welche dieser Möglichkeiten, glauben Sie, werden am stärksten genutzt? Von wem? Was macht diese so attraktiv?
  • Welche Angebote werden weniger in Anspruch genommen?
  • Welche Gründe könnte dies haben?
  • Mit welchen Erwartungen haben Sie den Kontakt aufgenommen?
  • Wurden diese Erwartungen erfüllt?