| Analyse dyadischer Interaktion (Skizzen) |
| Geschrieben von Friedemann Prose | ||||||||||||||||||||
| Samstag, 25. Oktober 2008 | ||||||||||||||||||||
|
Prose, Friedemann (1974). Zur Entwicklung eines Prozessmodells interaktiven Verhaltens. In W. Tack (Hrsg.) Bericht über den 29.Kongress der DGfPs. Bd. I, Göttingen: Hogrefe, 1974, S.285-287.
Prose, Friedemann (1976). Analyse dyadischer Interaktion durch systematische Beobachtung und Verwendung von Kommentaren. In W. Tack (Hrsg.), Bericht über den 30. Kongress der DGfPs. Bd. I.Göttingen: Hogrefe, 1976, S. 332-333. Zur Entwicklung eines Prozessmodelles interaktiven VerhaltensFriedemann Prose Institut für Psychologie der Universität Kiel In W. Tack (Hrsg.) Bericht über den 29.Kongress der DGfP. Bd. I, Göttingen: Hogrefe, 1974, S.285-287. In empirischen Untersuchungen zur non-verbalen Kommunikation werden zumeist isolierte, eng definierte Verhaltensweisen betrachtet. Dahinter scheint die Annahme zu stehen, daß komplexes interaktives Verhalten als eine additive Funktion einfacher, weitgehend unabhängiger Verhaltensweisen zu sehen ist. Demgegenüber ist z.B. das Drei-Dimensionen-Modell (Mehrabian, 1969) eine Weiterentwicklung, da hier die Beziehung zwischen verbalen und non-verbalen Kommunikationskanälen und die Bedeutung der Verhaltensweisen in Bezug auf bestimmte Referenzkriterien (feelings, attitudes, evaluation) berücksichtigt wird. Aber auch in diesem Modell werden noch weitgehend isolierte Wirkungsketten angenommen. Der Aspekt der situationalen Variabilität der Bedeutung von Verhaltensweisen, die Reziprozität Sender/Empfänger, die Manipulation der sozialen Situation durch den Sender und die vielfältigen Rückmelde- und Regulierungsprozesse in der Interaktion werden vernachlässigt. Demgegenüber wird vorgeschlagen, bei der Analyse interaktiven Verhaltens von der Frage auszugehen, welche Verhaltensmuster Individuen unter bestimmten Bedingungen der sozialen Situation entsprechend der (subjektiven) Bedeutung der Situation und der von ihnen jeweils verfolgten Ziele konstruieren und welche wechselseitigen Beeinflussungen zwischen externen Bedingungen sowie individuellen Kognitionen und Verhaltensweisen bestehen. Dabei rückt der Prozeßcharakter interaktiven Verhaltens in den Vordergrund. Das Individuum wird als ein dynamisches, informationsverarbeitendes System, als Wirkungsnetz hoher Komplexität betrachtet. Das vorgeschlagene (kybernetisch orientierte) Modell der während einer Interaktion individuell ablaufenden Prozesse geht davon aus, daß für den Großteil interaktiven Verhaltens als Grundannahme zutreffen: 1) interaktives Verhalten ist zielgerichtet und orientiert an der Befriedigung individueller Bedürfnisse; 2) es ist als ein durch ständige Rückmeldung, Regelung und Steuerung gekennzeichneter hierarchisch strukturierter Prozeß zu begreifen, in dem die (subjektiv) vorgefundene Ist-Lage mit einem Soll-Zustand in Bezug gesetzt wird; 3) interaktives Verhalten ist keine bloße Reaktion auf Umweltreize, sondern darauf gerichtet, die Bedingungen der Umwelt unter dem Aspekt der Bedürfnisbefriedigung planvoll zu strukturieren und zu verändern. Nahezu jede Interaktionssituation hat neue Elemente und erfordert von den beteiligten Personen die Kombination von gelernten Verhaltenselementen zu neuen Mustern und Strukturen. Eine große Bandbreite interaktiver Situationen (Einschränkung: z.B. Rituale) läßt sich daher als Problemlösesituation definieren, gekennzeichnet durch einen Anfangszustand, einen Zielzustand sowie die zwischen beiden bestehende Diskrepanz. Interaktive Verhaltensweisen sind zu betrachten als Operatoren, die dazu verwendet werden können, eine unbefriedigende soziale Situation in eine andere zu transformieren (Problemlösung). Dabei stellt sich für die (Wahrscheinlichkeits-) Operatoren die Frage nach der Spezifikation ihrer Anwendbarkeit, denn diese ist an bestimmte Bedingungen der Problemsituation gekoppelt. Die Bedingungen lassen sich im Rahmen einer Klassifikation von interaktiven Problemlöse-Situationen (Problembereiche wie Arbeit, Freizeit etc.) u. a. durch Beschreibung der sozialen Situation nach Art und Anzahl der beteiligten Individuen (Komposition), Sympathie-Antipathie, Kooperation-Wettbewerb (Verknüpfung) und Status (Hierarchie) näher spezifizieren. Aus dem skizzierten Prozeßmodell lassen sich drei wesentliche Funktionsbereiche non-verbalen Verhaltens in der Interaktion ableiten: a) non-verbale Verhaltensweisen des Interaktionspartners als Daten der Wahrnehmung und Ausgangspunkt für Dekodierung, Inferenz, Attributionsprozesse, die zu einer (subjektiven) Definition des Problems führen; b) non-verbales Verhalten als Operator in der Problemlösung (Enkodierung); c) non-verbales Verhalten in der Steuerung (Feedback, Regulation) des Interaktionsablaufes. Als Konsequenz für die Forschung ergeben sich: Die Verwendung einer sowohl Decoding als auch Encoding umfassenden Methode als adäquate Form zur Erfassung der Prozesse, die den vollständigen Regelkreis interaktiven Verhaltens charakterisieren. Verzicht auf eine isolierte Betrachtung von Kommunikationskanälen und Verhaltensweisen zugunsten von Multikanal-Analysen. Die verbalen und non-verbalen Informationen aus den differenzierbaren Kommunikationskanälen müssen auf ihre Funktion in der Hierarchie der für bestimmte Situationen geltenden Pläne untersucht werden. Dabei sollten experimentelle Techniken ergänzt werden durch die inhaltsanalytische Auswertung von antizipatorischen, begleitenden, nachträglichen Kommentaren der Pbn zum eigenen Verhalten und dem der Interaktionspartner, die Hinweise auf Intentionen, Pläne sowie Bedeutung von Situationen und interaktivem Verhalten für die beteiligten Individuen geben können. Durch systematische Variation der Problemlösesituation (s. o.) muß es ermöglicht werden, problemspezifische Verhaltensmuster sowie allgemeine Problemlöseprozeduren ( z. B. Startpunktauswahl, Zielpunktsetzung, Operatorsuche, Operatoranwendung) zu beschreiben. Eine wichtige, damit zusammenhängende Frage wäre die nach den individuellen Unterschieden in der "sozialen Kompetenz" zur Lösung interaktiver Probleme und den damit zusammenhängenden evtl. Störungen im Ablauf des Interaktionsprozesses. Literatur Mehrabian, A. (1969). Significance of posture and position in the communication of attitude and status relationships. Psychological Bulletin,71, 359-372. Analyse dyadischer Interaktion durch systematische Beobachtung und Verwendung von Kommentaren
Friedemann Prose Institut für Psychologie der Universität Kiel In W. Tack (Hrsg.), Bericht über den 30. Kongress der DGfPs. Bd. I. Göttingen: Hogrefe, 1976, S. 332-333. Die Untersuchung, über die hier berichtet wird, soll der Differenzierung und Überprüfung eines vorläufigen Prozeßmodells der dyadischen Interaktion (Prose, 1974) dienen. Entsprechend den Grundannahmen dieses Modells wird davon ausgegangen, daß eine Vielzahl dyadischer Interaktionen unter dem Aspekt zielgerichteten Handelns der Beteiligten verstanden werden kann, das auf die Transformation eines mehr oder weniger unbefriedigenden Ist-Zustandes in einen befriedigenderen Soll-Zustand ausgerichtet ist.
Diese Grundannahme führt zu der Forderung, neben der Analyse wahrnehmbaren (verbalen und non-verbalen) Verhaltens auch kognitive Konzepte (d.h. Pläne, Intentionen, Gründe, Annahmen) der Interaktionspartner zu berücksichtigen. Als Untersuchungsmethoden wurden daher sowohl die systematische Beobachtung des Interaktionsverhaltens als auch die Kommentierung dieses Verhaltens durch die Interaktionspartner herangezogen (vgl. Harré & Secord, 1972).
In der Untersuchung wurde die soziale Situation systematisch durch eine unter- schiedliche Zusammensetzung der Dyaden nach den Kriterien soziometrischer Status bzw. Role-taking-ability variiert. In Schulklassen (gymnasiale Oberstufe) wurden dazu soziometrische Befragungen bzw. Role-taking-Aufgaben durchgeführt und eine Auswahl soziometrisch Gewählter (+; N=16), soziometrisch Abgelehnter (-; N=16) bzw. guter Role-taker (+; N=16) und schlechter Role-taker (-; N=16) vorgenommen. Die Zusammensetzung der insgesamt 32 Dyaden richtete sich nach folgendem Plan (s. Abb.1):
Abb.: Zusammensetzung der Dyaden und Versuchsgruppen Die Dyaden erhielten die Aufgabe, a) eine für beide Partner schwierige zwischenmenschliche Situation herauszufinden und b) auszuarbeiten, wie diese Situation in einem Rollenspiel dargestellt werden könne. Jeder Dyade standen 10 Minuten Gesprächszeit zur Verfügung. Die Interaktion während dieser Zeit wurde mit zwei Video-Kameras aufgezeichnet. Nach dem Gespräch wurde den Pbn (einzeln) die Video-Aufnahme vorgespielt. Sie erhielten die Instruktion, immer dann, wenn ihnen etwas auffiel (Selbst, Partner, Problemlösen), die entsprechende Stelle zu markieren. In einem weiteren Durchgang wurde das Video-Band noch einmal vorgeführt und jeweils an den markierten Stellen angehalten. Die Vpn wurden aufgefordert, zu beschreiben, was ihnen zur Selbst- bzw. Partnerwahrnehmung sowie dem Lösen der gestellten Aufgabe aufgefallen war. Diese Kommentare wurden mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet. Die Auswertung der Video-Bänder erfolgt anhand von 41 Kategorien zum verbalen, non-verbalen und paralinguistischen Verhalten. Das Beobachtungssystem enthält die 12 Bales-Kategorien zum aufgabenorientierten bzw. sozio-emotionalen Verhalten sowie eine Anzahl von Mehrabian vorgeschlagener Kategorien zur Erfassung der Dimensionen Evaluation, Dominance und Responsiveness. Die Beobachtung wurde von mehreren trainierten Beobachtern mit Hilfe von Interaktionsrecordern vorgenommen. Der Beobachtungszeitraum (10 Minuten) wurde in 20 Zeittakte ä einer halben Minute gegliedert. Die Auswertung der Kommentare erfolgt inhaltsanalytisch. Ziel ist die Herausarbeitung von subjektiv wahrgenommenen Prozessen und Phasen der Interaktion. Analyseschritte: Auswertung des individuellen Protokolls; Modell des Gesamtablaufs in den einzelnen Dyaden; Differenzierung von Phasen, die in allen untersuchten Dyaden auftreten können und Feststellung ihrer Sequenz. Bisher liegen Teilergebnisse vor. Für die nach dem soziometrischen Status zusammengestellten Dyaden wurde ein Vergleich hinsichtlich der Auftretenshäufigkeit der einzelnen Beobachtungskategorien vorgenommen (Signifikanzberechnungen nach Wilcoxon-White). Es zeigt sich a) nahezu alle Kategorien leisten einen Beitrag zur Differenzierung der verschieden zusammengesetzten Dyaden. Dies trifft insbesondere für die non-verbalen Kategorien zu. b) Gewählte (+) und Abgelehnte (-) unterschieden sich nicht so sehr durch konsistente Verhaltensmuster, als durch die Variation der Verhalensmuster entsprechend der Spezifität der Situation (hier: Zusammensetzung der Dyade). Die größten Unterschiede bestehen zwischen den Dyaden Gr. 1 und Gr. 3 (s.o. Abb.). Gewählte realisieren mehr zu den Dimensionen Evaluation und Responsiveness gehörende Verhaltensweisen. Bei der Dimension Dominance ist das Bild uneinheitlich, jedoch scheinen extremere Formen der Dominanz bei Abgelehnten aufzutreten. Als weitere Auswertungen werden z.Z. Sequenzanalysen vorgenommen: welche Verhaltensfolgen beginnen beim Individdum A zu welchem Zeitpunkt und wie weit (zeitlich) erstrecken sie sich. Aus der Häufung bestimmter Sequenzen bzw. ihrer Ablösung durch andere soll auf Schritte des Problemlöseprozesses, Störungen, Entscheidungen geschlossen werden. Die Teilauswertung der Kommentare führt zur Postulierung von fünf möglichen Phasen der Interaktion: I Klassifikation der Situation > II Orientierungsphase: Beziehung > III Suchen nach gemeinsamen Ansatzpunkt > IV Ausarbeitung des Problems > V Überprüfung der Lösung. Auf eine detaillierte Darstellung der Inhalte der Phasen, der in ihnen erfolgenden Entscheidungen und Rückkoppelungen muß aus Platzgründen verzichtet werden. Anhand dieses Verlaufsmodells läßt sich verfolgen, wie weit einzelne Dyaden in ihrem Problemlösen vorangeschritten sind, wann Störungen und Entscheidungen auftraten etc. Beispiel Dyade +A/+B: I>II>III> Wdhl. III. Entscheidung (E)> IV. Störung (S)> Wdhl. IV, S > Wdhl. IV, S> V. Beispiel Dyade -I/-J: I>III>II> Wdhl. II> Wdhl. II ,s> Wdhl.II, S. Die aus der Analyse der Kommentare ermittelten Verlaufsmodelle werden in einem abschließenden Auswerteschritt in Beziehung zu dem mit Hilfe der Sequenzanalyse (s.o.) ermittelten Interaktionsablauf gesetzt. Auf der Integration beider Informationsquellen aufbauend soll eine Reformulierung und Differenzierung des eingangs erwähnten vorläufigen Prozessmodells der dyadischen Interaktion erfolgen. Literatur Harré, R. & Secord, P.F. (1972). The explanation of Social Behaviour, Oxford: Basil Blackwell. Prose, F. (1974). Zur Entwicklung eines Prozessmodells interaktiven Verhaltens. In W. Tack (Hrsg.) Bericht über den 29.Kongress der DGfPs. Bd. I, Göttingen: Hogrefe, 1974, S.285-287. |
||||||||||||||||||||
| Letzte Aktualisierung ( Montag, 1. Dezember 2008 ) | ||||||||||||||||||||